Vom Wissen der Wichser: zwei Thesen zur Urheberrechts- debatte

Es werden immer mehr. Auf die 51 Tatort-Autoren antworteten 51 Hacker. Auf die angeblich 100 Künstler aus dem heutigen Handelsblatt (Marcel Weiss hat sich die Mühe gemacht, genau nachzuzählen) antworten jetzt im Piratenpad 101 Piraten.

Man könnte also meinen, die Urheberrechts-Debatte käme voran.

In Wahrheit kommt hier nichts voran, hier kommen vor allem Vorurteile heraus. Laut Horizont soll der Filmemacher Volker Schlöndorff im Focus gesagt haben:

„Die Forderung der Piraten läuft auf eine Abschaffung von Kultur und Kreativität hinaus, zugunsten von ein paar instant satisfaction suchenden Wichsern.“

Der Ton, der im Rahmen der Handelsblatt-Aktion (bei Netzpolitik wird dieser Begriff eingeordnet) angeschlagen wird, ist stellenweise kaum feiner. Das ist – wie bei Regeners Wutrede – erstaunlich, denn gerade Künstlern hätte man mehr Sprachgefühl zugetraut. Zudem verrutschen ihnen vor lauter Empörung ein paar Begriffe: ein ntv-Moderator sagt beispielsweise den Satz „Inhalte gibt es nicht gratis“ verrät aber nicht, wo man denn auf der Senderwebsite, in der App oder im frei empfangbaren Programm bezahlen kann. Ein Werber vermischt „Smartshopping und Umsonstkultur“ zu einer so genannten „Bescheißermentatlität“, die er im Programm der Piratenpartei ausgemacht haben will (weitere Beispiele hat Thomas Knüwer zusammen getragen). Da ist man regelrecht froh über die kleinen Lichtblicke in der Sammlung: Renate Künast spricht sich für eine Kulturfaltrate aus, Nadeshda Brennicke outet sich als überzeugte Gegnerin von Acta und „Schriftstellerin und Juristin“ Juli Zeh schenkt mit einem „tatsächlich“ der Debatte einen Hauch von Realitätssinn. Sie schreibt:

Wenn die Foderung der Piraten tatsächlich lauten würde „Alles umsonst für alle“, müsste man dem aufs Schärfste entgegen treten

Womit wir beim Thema wären: Wie lautet die Forderung der Piraten denn tatsächlich? Das kann man zum Beispiel in diesem PDF nachlesen – und nach der Lektüre bleibt die Frage: Warum hat das keiner der Kreativen, die sich um ihren Kopf sorgen, getan?

Juli Zeh (die unlängst im SZ-Magazin über die Piraten schrieb) jedenfalls fordert ein Urheberrecht, das den neuen technischen Bedingungen angepasst ist:

Ich hoffe sehr, dass die Piraten – wie andere Akteure auch – bemüht sind, in diesem Sinn einen Interessenausgleich zu erarbeiten. In der aktuellen Debatte wird häufig an den Problemen vorbeigeredet.

Nach Lektüre der Handelsblatt-Geschichte sind mir zwei dieser Probleme besonders deutlich geworden. Sollte man tatsächlich die Hoffnung hegen, die Debatte auf ein konstruktives Niveau zu heben (hatte heute erstmals den Gedanken, dass es durchaus Leute geben mag, die das bewusst nicht wollen), wäre es schön, folgende zwei Thesen anzuerkennen:

1. Die digitale Kopie ist keine Stimmungsfrage
Die Verwendung des Begriffs Umsonstkultur (bitte bei wirres.net an unterschiedlicher Stelle nachlesen, warum das Unsinn ist) suggeriert, es handele sich um eine besondere Kultur, die durch das Netz Einzug erhalten habe, also um eine neue Haltung, die Menschen angenommen haben seit es das Internet gibt. Diese Annahme ist Kern des ersten Missverständnisses: Denn natürlich hat sich der Mensch nicht durch das Internet verändert, seine Möglichkeiten wurden vielmehr erweitert. Es wird heute genauso geklaut aufgenommen wie zu Zeiten der Kassettenkopie. Die Menschen, die heute digital kopieren, sind genauso verkommen wie die Kassettenjungs und Kassettenmädchen aus Nick Hornbys „High Fidelity“. Neu sind die technischen Bedingungen unter denen dies heute geschieht.
Die digitale Kopie ist eine historische Ungeheuerlichkeit. Sie ermöglicht erstmals in der Geschichte der Menschheit das identische Duplikat eines Inhalts. Diese technische Möglichkeit ist in der Welt. Sie versetzt die Menschen in die Lage, ohne Bezahlung einen Inhalt zu verdoppeln. Das ist Fluch und Segen zugleich – und die Gesellschaft muss dringend eine Lösung für das Dilemma schaffen, in das die digitale Kopie sie gestürzt hat. Diese Lösung kann aber nur auf Basis von Einsicht in die technische Neuerung gefunden werden. Zu suggerieren, für eine Lösung des Dilemmas genüge lediglich eine andere Kultur oder ein moralischer Appell, ist unredlich.

2. Die Realität ist für das Urheberrecht bedrohlicher als die Piraten
Weil manche Piraten den Begriff des geistigen Eigentums ablehnen, folgern viele, sie würden das Urheberrecht abschaffen wollen. Selbst wenn das tatsächlich so im Parteiprogramm stünde, würde mir als Freund des Urheberrechts eine andere Entwicklung viel größere Sorge bereiten: der massive Legitimationsverlust des Urheberrechts. Überspitzt formuliert: Ich befürchte, die Realität wird das Urheberrecht viel eher abschaffen als die Piraten.
Das Urheberrecht braucht eine gesellschaftliche Einsicht in seine Notwendigkeit (wie der Jura-Professor Axel Metzger unlängst anschaulich dargelegt hat). Diese Einsicht schwindet zusehens, wenn Menschen das Gefühl haben, für eine Tätigkeit kriminalisiert zu werden, die sie als alltäglich ansehen bzw. die so selbstverständlich geworden ist, dass man sie kaum vermeiden kann. Die Kosten, die die Gesellschaft aufbringen müsste, um Menschen das digitale Kopieren langfristig tatsächlich zu untersagen (und dieses Verbot auch durchzusetzen), sind enorm. Wer dem mit einer Verschärfung der Strafen begegnen will, wird eher den Widerstand gegen diese Gesetze fördern als die Einsicht in ihrer Notwendigkeit. Die beiden Schweizer Wirtschaftswissenschaftler Guy Kirsch und Volker Grossmann haben das Dilamma unlängst in der in der FAZ so auf den Punkt gebracht: „Gesetze aber, die dem Rechtsempfinden zuwiderlaufen, sind auf die Dauer nicht durchzusetzen; mehr noch: Sie zerstören den Glauben an die Gesetzlichkeit.
Wie man diesen Glauben stärken kann, kann man z.B. beim Gerd Hansen nachlesen, der in seiner Promotion Warum Urheberrecht? der Legitimationskrise des Urheberrechts nachgeht und eine stärkere Nutzerzentrierung als Ausweg vorschlägt.

Die digitale Kopie wird nicht verschwinden. Die Digitalisierung wird nicht zurück gehen. Wir müssen sie als technische Möglichkeit und Herausforderung akzeptieren – und auf dieser Basis neue Modelle entwickeln (meine Sympathie für die Kulturflatrate habe ich schon formuliert). Florian Steglich hat darauf hingewiesen, dass der Platz, den das Handelsblatt heute den einseitigen Stellungsnahmen eingeräumt hat, dafür sehr geeignet gewesen wäre. Aber vermutlich ging es bei der Aktion (die übrigens selber eine kopierende Referenz an den Stern des Jahres 1971 sein will) auch gar nicht um das Entwickeln neuer Ideen.