Die normative Kraft der Kinder

Es war eine kleine Beobachtung am Ende einer Sendung, die ich vermutlich nicht notiert hätte, wäre mir nicht im Laufe der Woche in einigen Gesprächen ein ähnliches Muster aufgefallen: Immer geht es ums Urheberrecht, immer um die eigenen Kinder, deren Handeln eine Art normative Kraft auf die Eltern hat, die mir vorher noch erklären wollten, warum das Urheberrecht dringend verschärft werden müsse.

Am vergangenen Montag debattierte das Bayerische Fernsehen-Experiment Rundshow (warum das Wort Sendung nicht gern gehört wird, steht hier) die Frage nach einem zukunftsfähigen Urheberrecht. Gast im Studio bei Richard Gutjahr und Daniel Fiene war Jochen Greve, einer der Unterzeichner des Offenen Briefs von 51 Tatort-Autoren, der Ende März für Aufsehen sorgte (zur Offenlegung: ich war auch Teil der Sendung)

In diesem Brief gehen die Autoren hart mit den direkt angesprochenen Grünen, Piraten, Linken sowie der gesamten „Netzgemeinde“ ins Gericht, aber auch die „selbsternannten Digital Natives“ werden angesprochen, u.a. als „vermeintlich unschuldige User“, deren „illegale Downloads oder Streamings“ Schaden verursachen, der auch durch härte Maßnahmen einzudämmen sei: „Bei der Suche nach Schwarzfahrern und Steuerhinterziehern zum Beispiel, müssen sich die Bürger auch einige Einschränkungen ihrer Rechte gefallen lassen.“

Eine solche Forderung verliert allerdings sofort an Schärfe, wenn sie nicht den bösen unbekannten Nutzer, sondern die eigene Familie betrifft. Im Interview erzählt Jochen Greve jedenfalls die Geschichte seiner Tochter, die offenbar auch zu den „vermeintlich unschuldigen Usern“ zählt. Sie habe die Titelmusik des Films „Mission Impossible“ für ein Filmprojekt in der Schule verwendet und wollte diese Urheberrechtsverletzung kreative Schöpfung bei YouTube einstellen. Deren Filtersystem schien dies zu blockieren, was Jochen Greve in der Rundshow kritisiert. (Im Detail kann man das in der Folge vom 21. Mai ab ca 20:00 Min anschauen). Das müsse frei gestellt werden, fordert er und: YouTube müsse für das Hochladen solcher Filme zahlen. Kein Wort vom Schaden, Schwarzfahren oder einem Eingriff in die Rechte.

Im Verlauf des Gesprächs geht dieser Punkt etwas unter. Doch ganz am Ende der Sendung, als das Fernsehbild schon abgeschaltet ist und man das Gespräch im Netz verfolgen kann (etwa ab 48.55 Minute) entwickelt sich folgender Dialog, der nochmal Bezug nimmt auf das Mission Impossible-Beispiel:

Richard Gutjahr: „Was ist Ihr Beitrag zu der Diskussion?“

Jochen Greve: „Wir müssen doch darüber reden: Es wird im Internet wahnsinnig viel Geld verdient, mit Sachen, die Laien und Privatleute aus Spaß reinstellen. Aber da sind natürlich große Konzerne dahinter, die damit Geld verdienen. Und wenn wir diese Konzerne dazu bringen, dass sie dafür bezahlen, dass ihre Kundschaft aus Spaß kleine Filme wie meine Tochter da einstellt, dann kann man doch die auch zur Kasse lassen, damit da eine Lizenz dafür da ist, dass er das darf, der das macht. Das ist eine Weiterentwicklung der Privatkopie-Abgabe.“

Ich finde diesen Ansatz richtig. Jochen Greve macht hier einen im Kern sehr klugen Vorschlag, der auf der Einsicht basiert, dass das Kopieren im Netz kein Ausdruck moralischer Verfehlung, sondern grundlegendes Prinzip ist. Die eigene Tochter führt es ihm vor. Und aus dieser Erkenntnis erwächst eine Annahme, die ich zum Ausgangspunkt jeder Urheberrechtsdebatte machen würde: Wir werden das Kopieren nicht eindämmen können – juristisch, technologisch und auch pädagogisch nicht. Wir müssen Lösungen suchen, die mit der Kopie funktionieren, nicht gegen sie.

Über Jochen Greves Vorschlag kann man dabei streiten: Sollen Anbieter wie YouTube fürs Kopieren ihrer Nutzer eine pauschale Abgabe zahlen? Vielleicht. Vielleicht zahlen aber auch die Nutzer, die kopieren wollen. Vielleicht beide: Nutzer und Anbieter. Und vielleicht zahlen sie pauschal, weil das leichter zu organisieren wäre. Und ganz vielleicht nennt man das dann Kulturflatrate, aber darum geht es dann auch schon nicht mehr.

Ich erzähle dieses Beispiel, weil schon an anderer Stelle aufblitzte wie weit man kommen kann, wenn man die eigenen Kinder beobachtet – statt offene Briefe zu schreiben. Und weil es einem gewissen Muster folgt. Ich habe in den vergangenen Tagen einige Gespräche geführt, die nur bis zu dem Punkt härtere Strafen für Urheberrechtsverletzungen forderten, wie diese außerhalb des eigenen Wohnung stattfanden. Sobald jedoch klar wird, dass die „vermeintlich unschuldigen Usern“, die die Tatort-Autoren anklagen, nur eine Tür weiter am Rechner sitzen, dreht sich die Debatte.

Es ist dringend an der Zeit.