2016-2026, Melody Blessing, der einsame Pinguin, Fucking Loser & Wollknödel und Donald-Trump-Poetry-Slam (Netzkulturcharts Januar 2026)

Ein monatlicher Meme-Check: was passiert im Netz (überwiegend in hochformatigen Videos), was so wichtig ist, dass du es nicht verpassen solltest? Antworten auf diese Frage liefern die Netzkulturcharts.

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Platz 1: Netznostalgie 2016-2026

Wie warst du 2016? Das Netz ist Anfang 2026 voll von Bildern und Antworten auf diese Frage. Eine besondere Netznostalgie verbreitet sich im Januar 2026. Die BBC hat sich das von einem Nostalgie-Forscher einordnen lassen, der den Jahreswechsel und die besonders herausfordende Weltlage als Gründe für diesen Trend nennt.

Ich finde es gibt darin auch eine gute Botschaft: Wenn es Leute gibt, die 2016 (das Jahr der ersten Trump-Wahl und der Brexit-Entscheidung) für die gute alte Zeit halten, dann gibt es bestimmt auch Leute, die irgendwann den Januar 2026 so beschreiben werden ;-)

Platz 2: Während ich auf die U-Bahn warte

Melody Blessing singt in der U-Bahn. Jedenfalls sieht so aus – und sie behauptet das auch. Das hat etwas wunderbar Beiläufiges und macht ihre kleine Tiktok-Serie so charmant. Zu sehen: eine junge Frau, die Volkslieder und Wunschlieder in Berliner U-Bahnen singt. Und zwar mit einer beeindruckenden Stimme.

Ich habe sie durch Zufall auf Tiktok entdeckt und mir hat die Idee sofort gefallen. Erst danach habe ich entdeckt, dass Radio3 sie unlängst getroffen – und über ihre Kunst gesprochen hat.

Platz3: Der einsame Pinguin

Sogar die Bild-Zeitung hat einen Beitrag zum einsamen Pinguin veröffentlicht. Es geht um ein Video aus dem Jahr 2007 von Werner Herzog. Zu sehen ein einsamer oder nihilistischer Pinguin, über den Knowyourmeme schreibt: „Die Memes dieses Jahres haben bereits einen rasanten Start hingelegt, aber ein merkwürdiger Clip eines einsamen Pinguins, der auf einen Berg zusteuert, ist bisher einer der größten Memes des Jahres 2026, der in der letzten Woche auf fast allen Social-Media-Plattformen auftauchte.“ Warum dieser Clip zum Meme des noch jungen Jahres wurde? Knowyourmeme sagt: „Obwohl Clips aus „Encounters at the End of the World“ bereits Ende 2024 auf TikTok auftauchten, entwickelte sich das „Lonely Penguin“-Material erst Mitte Januar 2026 zu einem vollwertigen Meme. In der letzten Woche hat der düstere Marsch des Pinguins als Meme-Trend auf TikTok neues Leben gefunden, da der Clip mit der Pfeifenorgel von „L’Amour Toujours“ gepaart wurde, wodurch eine dramatische Verbindung zwischen der feierlichen Musik und dem Abstieg des Tieres in die Vergessenheit entstand. Zusammen mit Textunterschriften und verschiedenen Bearbeitungen wurde das Format zu einer Kurzform für Dinge wie Existenzangst, Burnout und den Drang, alles aufzugeben und sich von der Gesellschaft zu entfernen.“

Platz 4: Donald Trump Poetry Slam

Tobias Mann übersetzt Reden des US-Präsidenten und macht daraus „Donald-Trump-Poetry-Slam“. Also eigentlich macht Tobias Mann gar nichts, außer die Worte des Präsidenten eins zu eins vorzutragen. Und das spricht für sich. Diese Form der Übersetzung ist ein sehr gutes Mittel gegen jede Form des Sanewashings (ein Begriff, den ich diesen Monat gelernt habe – für den Versuch, unsinnige und populistische Rede irgendwie in einem sinnvollen Zusammenhang zu stellen).

Tobias Mann ändert nichts an den Reden des Präsidenten – und gerade das macht sein Poetry-Slam so gut. Er macht das schon etwas länger, aber er macht das erstaunlich gut – und deshalb verdient diese Form der Comedy einen Platz in den Netzkulturcharts.

Platz 5: Stitch-Kunst: Fucking loser & Wollknödel

Die kreative Weiternutzung von bereits vorhandenen Videos ist eine eigene Kunstform. Ich hatte vergangenen Monat bereits darüber berichtet. Im Januar sind mir zwei besonders schöne Beispiele dieser Stitch-Videos aufgefallen, die eigentlich eigene Platzierungen verdient hätten: der deutschsprachige Accounts @wollknoedel stitcht Videos nicht nur, sondern verwickelt sie förmlich in Gespräche. Das ist sehr lustig.

Sehr viel banaler aber ebenfalls lustig, ist die Kommentierung, die der Account @dtl_tv zu Sport-Ereignissen ergänzt. Es geht stets um Fails und Unglücke und immer sieht man einen nackten, dickbäuchigen Mann auf dem Sofa sitzen, essen und das Unglück auf dem BIldschirm mit den Worten „What a fucking Loser“ kommentieren.

Ein schönes Bild für den Zustand vieler Online-Kommentare.


Ungebetene Ohrwürmer* des Monats

1. Tame Impala: „The Less I Know the Better“

2. Haftbefehl: „Mann im Spiegel

3. Taylor Swift: „Fate of Ophelia

4. Raye: „Where Is My Husband?

5. Kendrick Lamar: Peeckaboo

* in dem Buch „Meme – Muster digitaler Kommunikation“ nutze ich Ohrwürmer als Metapher um die Wirkung von Memes zu beschreiben. Deshalb ist es nur konsequent, sie nicht nur metaphorisch, sondern eins-zu-eins zu nehmen.


Besondere Erwähnung

Ich habe ein Netzphänomen zum Anlass genommen, um über Debattenkultur zu schreiben – dafür schnipse ich kurz und du klickst hier!

Die Zeile „So come on superman say your stupid line“ aus dem Song „The Less I Know the Better“ verdient eine eigene Erwähnung. Alles daran passt auf das Bild des digitalen Ohrwurms, das ich gerne nutze. Die Zeile stammt ursprünglich aus dem Jahr 2015, hat sich in den vergangene Wochen aber in die Gehörgänge zahlreicher Tiktok-Nutzer:innen gesummt. Hier gibt es eine gute Einordnung, wie es dazu kam.

Der Deutschlandfunk hat ein sehr interessantes Tiktok-Format gestartet: Moment mal geht den Hintergründen viraler Videos nach. Wer nicht auf Tiktok ist, kann die DLF-Clips auch auf Instagram sehen.

Menschen nutzen den Sound von Haftbefehls „Mann im Spiegel“ um die Ähnlichkeit zu ihren Eltern zu illustrieren: „Du siehst aus wie dein Vater“.

Adam Aleksic hat einen TedX-Talk über Social-Media und KI-Chatbots gehalten.

Januar 2026 wäre in Sachen Netzkultur nicht vollständig, wenn nicht Eulen-Gesichter erwähnt würden: Menschen zeigen Gesichtsausdrücke mit der Einordnung „My impression of an owl“, die jeweils in anderen Kontexten aus der Wäsche schaut.

Gleiches gilt für die virale Speise des Monats: Japanese Cheesecake, der entstehen soll, wenn du Kekse in Jogurt steckst.

Marcus Bösch erklärt in der aktuellen Ausgabe seine Tiktok-Newsletters nicht nur wie es mit der Plattform (in den USA) weitergeht – er führt auch ein schönes Akronym im Umgang mit Memes in nachrichtlichen Kontexten ein: M.A.T.T.E.R.

Ich habe seine Ratschläge für redaktionelle Arbeit mit Memes auf deutsch übersetzt.


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