Alle Artikel mit dem Schlagwort “Kultur

Die Entstehung der modernen Literatur

Im Anfang war das Rezensionsexemplar, und einer bekam es vom Verleger zugeschickt. Dann schrieb er eine Rezension. Dann schrieb er ein Buch, welches der Verleger annahm und als Rezensionsexemplar weitergab. Der nächste, der es bekam, tat desgleichen. So ist die moderne Literatur entstanden.

Karl Kraus, Aphorismen

Die Geneigtheit, Progressivität zu demonstrieren

Es gibt im deutschen Journalismus ¬ªeine Geneigtheit, Progressivität zu demonstrieren¬´, hat einmal der Philosoph Hermann Lübbe gesagt, der zur Zeit der Studentenbewegung als Sozialdemokrat Staatssekretär in Düsseldorf war. Er bezog das auf die Wende von 1968. Die Journalisten, die damals am Anfang ihrer Karrieren standen, gehen demnächst in Rente. Und viele der Journalisten, die heute über die Fülle der Möglichkeiten ihres Berufs verfügen, sind von ihnen geprägt worden, was ‚Äì bei der bekannten Überheblichkeit der 68er ‚Äì nicht ohne Leiden abgegangen sein wird. Und jetzt, da sich unübersehbar das Generationenprojekt des ¬ªMarsches durch die Institutionen¬´ dem Ende zuneigt, bestimmt enttäuschte Liebe die Abrechnung mit der SPD.

Jürgen Busche erklärt in der Zeit, warum so viele Journalisten so böse mit der SPD umspringen – man kann das aber auch anders lesen: Warum so viele Journalisten sich dem Neuen verweigern …

Amateure im Netz

Im Unterschied zur erhofften Radikaldemokratie und kritischen Netzöffentlichkeit ist vielmehr ein unübersichtliches Gewirr von Subgruppen und eine Kommunikationskultur der Selbstthematisierung entstanden, in dessen Dunstkreis der Imperativ „Erzähle dich selbst“ neuen Aufschwung erhalten hat. Möglicherweise hat heute die „Ausweitung der Bekenntniskultur“ und die mit ihr einhergehenden medialen Formen der Selbstthematisierung die Thematisierung der politischen Repräsentation in den Hintergrund verdrängt.
(…)
Heute verleihen die emanzipatorischen Ideale der Neuen Linken und der Revolutionäre der 1968er-Bewegung der kapitalistischen Werteordnung ein selbstzufriedenes Image. Aber unter welchen Bedingungen konnte es geschehen, dass die alternativen Begriffe der Kulturrevolution wie etwa Autonomie, Kreativität und Authentizität, die sich einst gegen die Leistungsgesellschaft richteten, heute zu Persönlichkeitsmerkmalen der Leistungselite innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft geworden sind? In ihrer Untersuchung über den „neuen Geist des Kapitalismus“ knüpfen Luc Boltanski und ?àve Chiapello an die Protestantismusthese Max Webers an und führen den Nachweis, dass sich der projektbasierte Kapitalismus des 21. Jahrhunderts die anti-kapitalistischen Ideen der Selbstverantwortung und Kreativität zunutze gemacht hat, um Ansehen und Akzeptanz bei seinen ehemaligen Kritikern zu gewinnen.

Amateure im Web 2.0. Medien, Praktiken, Technologien heißt die Tagung, die sich im April in Wien mit den durchs Netz veränderten Kulturtechniken befasst. Dazu passend: das gleichnamige Amateure im Netz von Ramon Reichert. (via)

In Kategorie: Netz

Die Arroganz des Wissens

Wir wissen noch nicht, wie es sein wird, wenn in einer vernetzten Datenwelt jeder Dödel alles weiß. Denn bis jetzt war Wissen immer etwas Exklusives. Gewiss, es war und ist auch einfach nützlich – besonders wenn es sich um sogenanntes Sachwissen handelt, aber es wirkte nicht zuletzt als Statussymbol, als Zeichen der Zugehörigkeit zur Klasse der Gebildeten. Bücherlesen beispielsweise ist eine zeitraubende Beschäftigung, um die man nicht herumkommt, wenn man gebildet sein oder zumindest gebildet erscheinen möchte. Man muss im Ozean der Schriften schon etliche Tauchgänge absolviert haben, um ein paar Perlen auslegen zu können.

Das alles galt vor Google. Denn mit der Google-Büchersuche lassen sich ganze Bibliotheken in Sekundenschnelle nach Stichwörtern und Stichwort-Kombinationen durchforsten. Wofür man früher echtes, tiefes Wissen brauchte, das kann man heute mit einer pfiffigen Suchstrategie am Internet-Computer erzeugen: triftige Literaturzitate, begriffliche Zusammenhänge, Panoramen des Denkens. Alles per Knopfdruck abrufbar, weil nicht mehr wir alles lesen müssen: die große Suchmaschine tut es.

Burkhard Müller-Ulrich kommentiert in der Sendung „Kultur heute“ im Deutschlandradio die geplante Kooperation von Random House und der Google Buchsuche. Unter dem Titel
Googleisierung schreitet voran liefert er aber vor allem eine Begründung dafür, warum allerorten Kulturpessimisten gegen die Digitalisierung kämpfen: Sie sehen ihren Wissensvorsprung gefährdet.

Meinungsschwache Blogger töten Kulturjournalismus

Ein Teil des Kulturjournalismus in Print und Radiomedien wird verschwinden, weil es immer mehr ebenso kosten- wie verantwortungslose, zudem meinungsschwache Angebote der Blog-Amateure geben wird.

Josef Schnelle erklärt in der Berliner Zeitung, Warum wir Filmkritik brauchen, erläutert dabei aber weder wer „wir“ ist noch, warum Qualität sich neuerdings nicht mehr am Produkt, sondern am Vertriebsweg ermitteln lassen soll. Erstaunlich zudem: Er wirft ausgerechnet Bloggern Meinungsschwäche vor. (via)

Theaterkritik zum Kleist-Förderpreis

Man kann aber auch ohne Theater ein guter Mensch sein – und vielleicht ganz anderes (und viel Besseres!) schreiben.

Fazit des bissigen Beitrags von Christian Gampert im Deutschlandfunk – Kultur über die Jungdramatikerin Claudia Grehn, die den Kleist-Förderpreis erhalten hat („geht schon in Ordnung: da muss noch ziemlich viel gefördert werden.“)