Wer macht öffentliche Angst? Drei Thesen zur aufgeklärten Aufmerksamkeit (Digitale Oktober-Notizen)

Ich glaube wir brauchen im öffentlichen Diskurs mehr Aufmerksamkeits-Kompetenz. In der Debatte um die Wahlergebnisse in Sachsen-Anhalt meine ich einen Mechanismus erkannt zu haben, der den aktuellen Diskurs bestimmt. Dieser Versuch einer Einordnung ist Teil der Oktober-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, der immer zum Ende eines Monats erscheint. Hier kannst du ihn kostenlos abonnieren


Es sind nicht mal sechzig Sekunden. In der kurzen Sequenz im Tagesschau-Beitrag (ab 0:49) über das Kanzler-Statement nach der Wahlniederlage in Sachsen-Anhalt lässt sich zeigen, wie der politische Diskurs sich verschoben hat: Erst auf eine Meta-Ebene (die Angst der Menschen!) und dann nach rechts – in Richtung Angst-Alarmismus.

Screenshot aus dem ARD-Beitrag über das Presse-Statement vom Kanzler

(Off-Kommentar)
Welche Enttäuschungen haben zu diesem Ergebnis geführt? Welche Ängste haben er und seine Partei womöglich unterschätzt? Merz zeigt sich auffallend selbstkritisch: 

(O-Ton Merz) “Ich weiß dass auch meine Person Dauerthema in diesem Wahlkampf war. Wir wissen, dass die Reformen Dauerthema in diesem Wahlkampf waren und sie werden es bleiben. Aber ich will für meine Person festhalten: Unser Land braucht grundlegende Reformen*.”

(Off-Kommentar)
Rente, Pflege, Gesundheit – Merz will seinen Kurs beibehalten. Zwar kündigt er auch Konsequenzen an. Meint damit aber, dass er seine Politik auch emotional besser erklären will.

Ich meine in der Sequenz drei Dinge zu erkennen, die besonders sind für den aktuellen politischen Diskurs – und für deren Lösung wir mehr Aufmerksamkeits-Kompetenz benötigen; auf Medien- wie Publikums-Seite.

Sorgen machen als Startpunkt

Einer der wichtigsten Tricks, mit deren Hilfe Populist:innen öffentliche Aufmerksamkeit und dann politische Bedeutung erlangen, funktioniert ganz ohne Inhalt. Es geht einzig darum, die Ahnung von Angst zu streuen. Sobald es gelingt, ein Raunen über die Folgen von “Random-Zufallsbegriff” zu erzeugen, erledigt die mediale Aufmerksamkeits-Mechanik des 20. Jahrhunderts die Arbeit. Die Populist:innen müssen dann nicht mehr tun als dann und wann zu raunen. Es ist schliesslich allgemein bekannt, dass die Folgen von “Random-Zufallsbegriff” viele Menschen betreffen: Sie verändern deren Idee von Normalität, zerstören ihr Stadtbild und/oder werden zur Ursache für die vorher herbeigeredete Unsicherheit erhoben.

Sobald aus dem Gedanken “Menschen haben Angst vor ,Random-Zufallsbegriff’” eine öffentliche Angst gemacht wurde, folgt eine Reaktion von Politik und Medien, die den Diskurs von der Inhalts- auf die Angst-Ebene verschiebt: Medien wie Politik glauben, sie müssten nun “die Ängste der Menschen ernst nehmen” und merken nicht, dass sie auf diese Weise erst dafür sorgen, dass diese (gemachten) Ängste wachsen. Denn das inheränten Zeichen an ängstliche Menschen ist ja: “Wenn Medien und Politik sich mit “Random-Zufallsbegriff” befassen, kann es ja nicht unwichtig sein. Womöglich ist also was dran. Besser mal weiter Angst haben.” Dieses Handeln gleicht dem Pusten in die Glut, das ich hier bereits beschrieben habe. Es basiert auf einem Bild einer singulären Öffentlichkeit, das vielleicht im 20. Jahrhundert galt. Im 21. Jahrhundert haben wir es mit Öffentlichkeit im Plural zu tun, die vielleicht ein anderes Vorgehen verlangt – um nicht von Angst-Macher:innen gehackt zu werden.

Hybris und Verzwergung als Katalysator

Das Glut-Pusten von Politik und Medien zeigt sich in zwei Ausprägungen: In der Hybris der Politik (“Weg-Regieren”) einerseits und in der Verzwergung der Medien (“Wir bilden nur ab”) andererseits. Beides basiert auf einem im Kern zynischen Verhältnis zum Publikum – und beiden Zugängen fehlt es an dem, was sie vorzugeben versuchen: Der Bereitschaft, das Publikum tatsächlich ernst zu nehmen. 

Wer einem Menschen in Angst (egal, ob allein oder in der sozialen Gruppe) ehrlich begegnen will (egal, ob in persona oder als mediales Publikum) sollte dessen Ängste nicht noch verstärken – zumal nicht öffentlich. Denn ab dem Punkt, an dem Medien und Politik beginnen, eine Angst “ernst” zu nehmen, machen sie aus einem privaten Gefühl eine öffentliche Sache. 

Deine Sorgen um die Folgen von “Random-Zufallsbegriff” sind nämlich nur dann ein ernsthaftes öffentliches Thema, wenn ein Konsens darüber besteht, dass es sich tatsächlich um eine politische Frage handelt. Um das zu konkretisieren, lohnt es sich den “Random-Zufallsbegriff” mal mit einer durchaus populären Sorge zu füllen: “Angst vor Spinnen”. Viele Menschen sind davon betroffen, aber nur selten fühlt sich die Politik berufen, die Sorge wegzuregieren und ebenso selten bilden Medien diese Angst ab oder fragen, ob die Politik diese Sorgen nicht ernst genommen habe. Sie halten sie für ein privates Problem.

Was würde passieren, wenn Spinnen-Sorge behandelt würde wie politsch verhandelte Ängste? Angst vor Spinnen wäre plötzlich ein relevantes politisches Thema – aber nicht, weil es das tatsächlich ist (oder sein sollte), sondern weil der mediale Mechanismus es dazu gemacht hat.

Populistische Bewegungen weltweit nutzen dieses Prinzip. Sie machen Angst und beobachten dann wie Medien und Politik diese “ernst nehmen” – und damit zu einem politischen Problem machen.

Öffentlichkeit als Plural-Wort verstehen

Es ist eine privilegierte Haltung, Ängste nicht ernst zu nehmen. Denn sie basiert auf dem Privileg, von dieser Angst nicht betroffen zu sein. Aber aus diesem Privileg erwächst vielleicht auch eine Möglichkeit: nämlich jene, Auswege aus der Angst zu zeigen.

Für mein Social-Media-Buch habe ich mich mit Bewältigungsstrategien im Umgang mit Ängsten befasst. Die australische Psychologin Jennifer Shannon spricht von einem Affengeist (Monkey Mind), dem man am besten mit so genannten Expansitionssstrategien begegnet. Diese “zielen nicht darauf ab, Ängste und Sorgen zu verringern, sondern sie vielmehr außer Kraft zu setzen”. Um den Angstzyklus zu durchbrechen empfiehlt sie, “neue Erfahrungen zu sammeln, die dazu beitragen, die Wahrnehmung
des Affengeistes auszuhebeln und neue Denkweisen zu festigen.” Das ist so ziemlich das Gegenteil dessen, was im öffentlichen Diskurs als “ernst nehmen” praktiziert wird. Dieses Vorgehen lässt sich – im Sinne von Shannons Affengeist – eher als Sicherheitsstrategie beschreiben, die am Ende zu einer Verfestigung der Angst führt.

Aber vielleicht ist es in einer segmentierten Öffentlichkeit (die wir im Plural denken sollten), auch gar nicht die Aufgabe von Politik und Medien, die Ängste der Menschen ernst zu nehmen. Vielleicht zeigt sich aufgeklärte Kommunikation im 21. Jahrhundert vielmehr darin, die Ängste vor “Random-Zufallsbegriff” genau so zu behandeln wie die oben beschriebene Spinnen-Sorge. Es handelt sich dabei um ein für bestimmte Teilöffentlichkeiten wichtiges Thema – und so sollte sie auch behandelt werden. Also: keine weitere Verfestigung der Angst durch ständiges öffentliches Debattieren. 

Das klingt albern oder zynisch? Womöglich. Aber ist es nicht umgekehrt nicht viel zynischer, den öffentlichen Diskurs von der (gemachten) Angst bestimmen zu lassen?

*Nachtrag: Die Sache mit den Reformen

Der immer unbeliebter werdene Bundeskanzler hat mit der Verbindung seiner Person an die Reformen begonnen, sich einen Ausweg zu bauen. Sollte seine Unterstützung in der Union (noch) weiter sinkt, kann er auf diese Weise abtreten – und darauf verweisen, dass das Land nicht bereit gewesen sei für die Reformen, die er durchsetzen wollte (die Leute waren zu dumm). Wenn er so argumentiert, muss er sich nicht mit den gebrochenen Versprechen (“hab ich nie gesagt”) und der Boomer-Hybris (“Ich traue mir zu die AfD zu halbieren”) befassen. Womöglich sind aber genau diese beiden Aspekte viel bedeutsamer für eine fehlende Popularität als die konkreten Inhalte seiner Reformen.

Wer auch immer auf ihn folgen wird: Sie oder er wird den Mechanismus der öffentlichen Angst-Treiberei durchbrechen müssen.

Mehr zum Thema Aufmerksamkeit & zur Kommunikation des Kanzlers hier im Blog:


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