Interview: „Ethik des Kopierens“ in Bielefeld

In der kommenden Woche findet in Bielefeld eine spannende Konferenz zum Kopieren statt. Die Forschungsgruppe „Ethik des Kopierens“ am Bielefelder Zentrum für interdisziplinäre Forschung (ZiF) hat zu einer Fachtagung „Towards an Ethics of Copying“ (6.-9.10.2015) eingeladen. Vorab habe ich einem der Organisatoren – Dr. Eberhard Ortland – ein paar Fragen zum Thema gemailt.

Ihre Forschungsgruppe am Zentrum für interdisziplinäre Forschung in Bielefeld will eine Ethik des Kopierens erforschen. Wenn man sich die Debatten der vergangenen Jahre um vermeintliche Raubkopien und auch die Diskussionen um plagiierte Doktorarbeiten durchliest, könnte man sagen. Es gibt doch bereits eine ganz einfache Ethik des Kopierens: Man darf nicht kopieren! Warum reicht das nicht?
Niemand sagt: „Man darf nicht kopieren“. So eine plumpe Regel wäre unmöglich durchzuhalten. Dafür sind Kopien und Kopierhandlungen in allen möglichen Bereichen unseres Lebens einfach zu unverzichtbar. Selbst wenn es Leute gäbe, die sowas für richtig hielten, müßten die doch mindestens diesen Satz („Man darf nicht kopieren!“) immer wieder kopieren und ihren Mitmenschen vorhalten – und sie würden zu Recht dafür ausgelacht werden.
Versuche, das Kopierverhalten zu regulieren, begründen stets eine Unterscheidung zwischen legitimen, teilweise sogar gebotenen, und illegitimen Kopien: Jede Banknote zum Beispiel ist eine Kopie. Sie muß in ganz bestimmter Weise technisch ausgeführt sein, um eine akzeptable Kopie, eine echte Banknote zu sein. Kopien von Banknoten, die von ihrer Vorlage ununterscheidbar sein mögen, aber von den falschen Leuten hergestellt und in Verkehr gebracht wurden – von Leuten, die nicht dazu autorisiert sind –, sind illegitim, Falschgeld. Das Problem der sogenannten „Raubkopien“ ist nicht, daß sie Kopien sind; das sind die „Original“-Produkte ja ebenso. Das Problem ist, daß „Raubkopien“ denjenigen, die ein Monopol auf den Absatz von Kopien eines bestimmten Typs besitzen oder zu besitzen meinen, einen Teil ihres Absatzmarktes streitig machen und die Profite aus dem Verkauf dieser Kopien in andere Kassen fließen lassen als in die derjenigen, die darauf pochen, daß das Geschäft mit Kopien des betreffenden Typs nach geltendem Recht ihnen allein zustände. Das Problem der Plagiate in der Wissenschaft ist nicht, daß abgeschrieben wird, sondern daß der Abschreiber so tut, als hätte er nicht abgeschrieben. Wissenschaft könnte sich überhaupt nicht entwickeln ohne Kopien und Kopieren. Experimente müssen repliziert werden können, um die Geltung der aus den experimentellen Befunden abgeleiteten Naturgesetze zu verifizieren. Argumente müssen nachvollzogen werden können, um Einfluß auf unsere Sicht der Dinge gewinnen zu können. Die kritische Auseinandersetzung mit den Meinungen der anderen steht und fällt mit dem Zitieren der Sätze, in denen die anderen ihre Meinung artikuliert haben. Das wissenschaftliche Ethos des Kopierens verlangt, daß man ordentlich kopiert – Zitate nicht sinnwidrig manipuliert – und daß man eindeutig angibt, wo man was kopiert und wo man mit eigener Stimme zu sprechen beansprucht.
Moralische Forderungen – und teilweise auch Rechtstitel –, die sich darauf beziehen, wer was wie kopieren darf oder kopieren soll oder unter welchen Umständen Kopien illegitim seien und unterdrückt werden sollten, gab und gibt es in allen Gesellschaften, von denen wir wissen. Die Frage nach einer Ethik des Kopierens – als expliziter Reflexionsdisziplin zur Untersuchung des Rechts und der Reichweite solcher Forderungen – wird jedoch zunehmend relevant, wenn wir darauf aufmerksam werden, daß die anderen, die sich dem, was wir für richtig halten mögen, nicht unterwerfen und nicht anschließen mögen, nicht einfach nur böse, egoistisch, geizig, gemein und rücksichtslos sind, sondern ihrerseits von einer bestimmten Vorstellung von der Legitimität oder Illegitimität bestimmter Kopierhandlungen und bestimmter Forderungen nach Unterlassen bestimmter Kopierhandlungen ausgehen. Dann bemerken wir unter Umständen, daß man in diesen Fragen unterschiedlicher Auffassung sein kann. Wenn diese Auffassungen praktisch nicht zusammen bestehen können, müssen wir darüber streiten, welche Auffassung als die richtige gelten soll. Man kann natürlich versuchen, solche Auseinandersetzungen autoritär zu entscheiden, indem man zum Beispiel auf die WIPO-Verträge als international geltendes Recht pocht. Aber dann stellt sich irgendwann die Frage, warum eigentlich das geltende Recht diese offenbar strittigen Fragen so regelt, wie es sie regelt, in wessen Interesse das eigentlich ist, ob es überhaupt vernünftig und für alle Betroffenen akzeptabel ist.

Im Rahmen meiner Recherchen zum Lob der Kopie habe ich kaum Beispiele für allgemein positiv konnotierte Kopieren gefunden. Das Nachahmen hat einen denkbar schlechten Ruf. Können Sie erklären, woran das liegt?
Durch die Entwicklung der Kopiertechniken seit dem 15. Jahrhundert und vor allem in den letzten 200 Jahren – von der Druckerpresse, dem Kupferstich, der Radierung, über die Lithographie, Photographie, die modernen industriellen Fertigungstechniken bis zur digitalen Revolution – ist es immer leichter geworden, Kopien herzustellen und sich zu verschaffen. Der Wert der Kopien sinkt mit dem Aufwand, der erforderlich ist, um sie bereitzustellen. Zugleich steigt der Wert des Neuen, Differenten, nicht bloß nur das sattsam Bekannte Wiederholenden, und zwar nicht nur, weil es sich abhebt aus der Masse der Kopien, sondern vor allem auch, weil es seinerseits als Vorlage für viele, viele Kopien fungieren kann und dadurch als „Original“ interessant wird.

Und wieso wollen Sie jetzt ausgerechnet einen Bereich erforschen, der so einen schlechten Ruf hat?
Das Kopieren hat gar nicht so einen schlechten Ruf wie die ‚billigen‘ Kopien. Die Fähigkeit, Kopien herzustellen, von denen man erwarten darf, daß sie zuverlässig bestimmte Eigenschaften aufweisen, die an dem betreffenden Typ von Kopien jeweils geschätzt werden, liegt dem Erfolg der modernen industriellen Produktion zugrunde und wird weithin respektiert – selbst von denen, die manche Industrieprodukte verächtlich finden.
Aber für unser Interesse an der Erforschung der Ethik des Kopierens ist das Prestige der Kopien und des Kopierens gar nicht so entscheidend. Die Frage nach einer Ethik des Kopierens stellt sich in dem Maß, wie wir uns in Konflikte um die Legitimität oder Illegitimität von Kopierhandlungen wie von Forderungen nach der Einschränkung bestimmter Kopierhandlungen verwickelt sehen – sei es, weil wir selbst am Kopierverhalten der anderen Anstoß nehmen und bemerken, daß es uns vielleicht doch nicht ganz egal sein kann, was die mit unseren Sachen, unseren Daten, unserem Abbild anfangen, sei es, weil wir uns mit Forderungen konfrontiert sehen, deren Legitimität wir nicht ohne weiteres einzusehen bereit sind.

Welche Rolle wird in Ihrer Forschung die digitale Kopie spielen, die meiner Meinung nach eine historische Ungeheuerlichkeit ist, weil sie erstmals das identische Duplikat ermöglicht?
In der Tat stellen sich durch die Entwicklung und Verbreitung der digitalen Kopiertechniken heute Fragen, die die Ethik des Kopierens betreffen, in einem Ausmaß und in einer Dringlichkeit, die historisch beispiellos ist. Das ist der Grund, warum wir diesem Thema jetzt solche Aufmerksamkeit widmen müssen.
Dabei ist die digitale Kopie nicht ganz so beispiellos, wie die Frage suggeriert. Mehr oder weniger „identisch“ erscheinende Duplikate waren seit der Erfindung des Siegelabdrucks und des Bronzegusses bekannt, das läßt sich teilweise bis in vorgeschichtliche Zeiten zurückverfolgen. Die Erfindung der Schrift markiert eine wichtige Schwelle, indem die Festlegung eines limitierten Repertoires von Schriftzeichen-Typen es erlaubte, über individuelle Variationen in der Ausführung der Inskription hinwegzusehen und Abschriften als wortidentisch oder buchstabengetreu zu akzeptieren, selbst wenn es sich nicht um Abdrücke derselben Druckplatte handelte.
Aber mit der elektronischen Datenverarbeitung und den daran hängenden Entwicklungen der digitalen Aufzeichnungs- und Wiedergabetechniken für Zahlen, Texte, Bilder, Audio-, Video- und Multimediaformate sowie zunehmend auch für dreidimensionale Gegenstände in unterschiedlichen Materialien ändert sich Entscheidendes – nicht nur quantitativ, was die Verfügbarkeit der Kopien angeht, sondern auch qualitativ, in unserem Verständnis dessen, was die Gegenstände überhaupt sind, die da kopiert werden, und was die Kopien sind im Verhältnis zu den Gegenständen, deren Kopien sie sind. Die gesellschaftlichen Reglements des mehr oder weniger exklusiven Zugriffs auf bestimmte Dinge und Informationen werden auf breiter Front in Frage gestellt und müssen neu verhandelt werden.

Eine sehr alltagsethische Frage könnte dabei sein: Darf ich meinen Freunden das Album einer Band kopieren? Oder ein eBook weiterschicken? Ist das ethisch vertretbar?
Das kommt ein bißchen darauf an, wie viele „Freunde“ Sie haben und auf welchem Kanal Sie denen die betreffenden Dateien zugänglich machen wollen. Es ist offenbar nicht dasselbe, ob es sich um einzelne Privatkopien handelt oder um größere Stückzahlen bzw. Abrufe, die unter Umständen in die Vervielfältigungs- und Verbreitungsrechte der Urheber oder ihrer Rechtsnachfolger eingreifen. Unter Umständen könnte es für die alltagsethische Bewertung auch etwas ausmachen, ob Sie davon ausgehen müssen, daß für die Urheber jeder einzelne Verkauf ihres bisher wenig verbreiteten Werkes wichtig wäre als Beitrag zur Sicherung ihres Lebensunterhaltes und ihrer Fähigkeit, weiter künstlerisch tätig zu sein, oder ob sich um Kopien von bereits millionenfach verkauften Hits handelt.
Eine andere Frage ist, ob Sie es überhaupt schaffen. Denn häufig stehen dem ja technische Kopierschutzvorrichtungen entgegen, deren Umgehung nach dem WIPO-Copyright-Vertrag von 1996 und den seither erlassenen entsprechenden nationalen Gesetzen (in Deutschland durch den 2003 in das Urheberrechtsgesetz eingefügten § 95 a) verpönt ist, und zwar selbst dann, wenn das Kopieren im betreffenden Fall durch eine der gesetzlichen Schranken des Urheberrechts durchaus erlaubt wäre.

Eher im Bereich des künstlerischen Schaffens gelegen – aber nicht weniger leicht zu beantworten – ist die Frage: Wie weit darf ich mich bei den Werken anderer bedienen, um selber etwas zu schaffen?
So weit, wie Sie können. Das ist kein Problem, solange Sie sich privat daran erfreuen. Wenn Sie allerdings das, was Sie auf diese Weise zustande gebracht haben, veröffentlichen wollen – in Form einer Ausstellung, einer Aufführung, einer Buchpublikation oder auch in Form einer digitalen Abbildung, die online zugänglich gemacht wird –, kann, je nach dem, was Sie gemacht haben, die Frage aufkommen, ob Sie Kopien eines Werkes verbreiten wollen, das im wesentlichen nicht von Ihnen selbst, sondern von jemand anderem geschaffen worden ist, der nun ein exklusives Recht zur Verbreitung von Kopien des betreffenden Werkes besitzt und geltend macht, oder ob Sie eine Bearbeitung eines fremden Werkes verbreiten wollen, die ebenfalls dem Urheberrecht des Urhebers der verwendeten Vorlage oder gegebenenfalls seiner Rechtsnachfolger unterliegt, so daß die Veröffentlichung gegebenenfalls deren Einwilligung erfordert. Wenn es Ihnen gelungen ist, unter Verwendung der Vorlage etwas Eigenständiges, Neues zu schaffen, das sich zwar auf die Vorlage offenkundig bezieht, aber sich nicht darauf beschränkt, wiederzugeben, was in der Vorlage selbst schon enthalten war, sondern zu ihr Stellung nimmt, sie kommentiert, parodiert, rekontextualisiert, so daß die Vorlage „verblaßt“ gegenüber dem Interesse an dem, was Sie nun damit oder daraus gemacht haben, sollten Sie zumindest nach dem geltenden deutschen Urheberrecht auf der sicheren Seite sein – was natürlich nicht ausschließt, daß die von den Rechteinhabern der verwendeten Vorlage beauftragten Anwälte das im Zweifelsfall ganz anders sehen. Vor Gericht und auf hoher See ist man in Gottes Hand.

Durch das Internet ist das eine Frage geworden, die fast jeden betrifft. Gerade erst haben wir gesehen, dass man vor enormen Problemen stehen kann, wenn man sich zum Beispiel an Memen beteiligt, weil man dann urheberrechtlichen Klagen ausgesetzt sein kann. Wollen Sie im Rahmen Ihrer Forschung womöglich auch Lösungsansätze für diese Dilemmata entwickeln?
Ja. Das ist schon der Anspruch der Forschungsgruppe, daß wir da Lösungen brauchen, die die gesellschaftlichen Kommunikationsprozesse nicht strangulieren.

Mich persönlich treibt zur Zeit die Frage um, ob man nicht ganz anders auf Kopien schauen müsste. Durch das identische Duplikat gibt es eigentlich keine Unterscheidung mehr zwischen Vorlage und Vervielfältigung – jedenfalls wenn man den Inhalt betrachtet. Ich glaube, man müsste deshalb aufhören, auf den Inhalt zu schauen und das in den Blick nehmen, was sich bei der digitalen Kopie tatsächlich ändert: die Metadaten. Vorlage und Vervielfältigung haben unterschiedliche Zeitstempel. Was halten Sie von diesem Ansatz?
Wir werden natürlich nicht aufhören, auf den Inhalt zu schauen, denn es ist ja in erster Linie das Interesse an den Inhalten, das die Kopien für ihre Nutzer interessant macht. Der Hinweis auf die Metadaten ist freilich wichtig. In der Tat unterscheiden sich „identische“ Kopien und ihre Vorlagen durch ihre jeweilige Position in irreversiblen Zeitverhältnissen. Es kann unter Umständen für unser Interesse an einer bestimmten Kopie und für unser Verständnis der betreffenden Kopie – und nicht zuletzt auch für den rechtlichen Status und die Verkehrsfähigkeit einer Kopie – etwas ausmachen, in welchem zeitlichen Verhältnis sie zu anderen Vorkommnissen desselben Gegenstands steht.
Das gilt natürlich nicht nur für digitale Kopien. In der philologischen Textkritik wie in der altertumswissenschaftlichen Kopienkritik sind seit dem 18. Jahrhundert Methoden entwickelt worden, wie analog überlieferte Artefakte gewissermaßen nachträglich mit Metadaten auszustatten sind, um den Gang der Überlieferung und die Position des jeweiligen Zeugen in dieser Überlieferung rekonstruieren zu können.
Es verändert meinen Blick auf die Skulptur des „Sterbenden Galliers“ im kapitolinischen Museum in Rom, von der heute in aller Welt Abgüsse bzw. Nachgüsse in Gips, Bronze, Kunststein, sowie Repliken in Marmor und anderen Materialien zu sehen sind, wenn ich erfahre, daß es sich bei dieser Figur um eine römische Marmorkopie nach einer im 1. Jahrhundert unserer Zeitrechnung verlorengegangenen hellenistischen Bronzeskulptur handelt, und daß diese römische Kopie ziemlich genau um das Jahr 50 vor unserer Zeitrechnung in Rom gefertigt worden sein muß zur Feier der Siege des römischen Feldherren und späteren Imperators Gaius Iulius Caesar über die Gallier. Die griechische Vorlage war um 225 v.u.Z. in Pergamon in Kleinasien von einem Bildhauer namens Epigonos, über den sonst nicht viel bekannt ist, geschaffen worden für den damaligen König von Pergamon zur Feier von dessen Sieg über die Galater, die in der römischen Rezeption dann eben zu „Galliern“ umgedeutet wurden. Die Kopie bekommt damit einen für uns präzise faßbaren historischen Ort und trägt ihrerseits bei zu unserem Verständnis der damaligen Situation in Rom, im Übergang von der Republik zur Diktatur. Bestimmte Eigenschaften der Kopie können sich gerade im Bezug zu diesem Entstehungszusammenhang als relevant erweisen, wie andererseits die späteren Kopien, in denen die moderne Rezeptionsgeschichte der im frühen 17. Jahrhundert in Rom ausgegrabenen antiken Plastik sich entfaltet, ebenfalls auf ihren historischen Ort und Verwendungszusammenhang zu befragen sind.

Für die Tagung, die ab 6. Oktober in Bielefeld stattfindet, haben Sie nicht zur renommierte Wissenschaftler aus dem Bereich der Kopie-Forschung eingeladen, Sie zeigen auch Kopier-Kunstwerke wie den Film „Double Happiness“, der die Geschichte der chinesischen Kopie des oberösterreichischen Hallstatt erzählt. Haben Sie selber sowas wie eine Lieblingskopie?
Die Chinesen sind schon unglaublich in ihren Kopierpraktiken, in der Aufnahme und Anverwandlung des Fremden, im Verwischen der Unterschiede zwischen echt und falsch, sein und schein. Im Frühjahr war in Dresden eine Ausstellung von Repliken aller möglichen und unmöglichen Konsumgüter, Gebrauchsgegenstände und Statussymbole aus Papier zu sehen, die in China als Brandopfer im Totenkult verwendet werden: Irre!
Faszinierend finde ich Kopien, die auf ihr Kopie-Sein reflektieren. Seit Jahren begleitet mich Roy Lichtensteins Superheldenbild „Image Duplicator“ (1963). Auch Gerhard Richters abgründige Kopie eines Fotos, das seinen „Onkel Rudi“ in der Uniform eines Wehrmachtsoffiziers zeigt (1965), gehört dazu oder auch die Stammheim-Serie „18. Oktober 1977“ (1988), in der Richter Fotos, Zeitungs- und Fernsehbilder im Medium der stark vergrößernden manuellen Kopie Bildpunkt für Bildpunkt darauf befragt, ob wir eigentlich eine Ahnung davon haben, was wir da sehen. Oder die Fotos der Puppenstuben, in denen Thomas Demand Fotos nachstellt, um sie wiederum abzufotografieren: Was passiert in diesem doppelten Kopierprozeß?
Ich schätze auch die Arbeiten von Elaine Sturtevant, etwa ihren „Fettstuhl“ nach Joseph Beuys: „Beuys Fat Chair“ (1964/92). Er ist seiner Vorlage so ähnlich – und doch in seinem Gehalt etwas ganz anderes, weil er über den Fettstuhl von Beuys ist, und über die Tragik der Epigonen, die sich damit auseinandersetzen müssen, daß auf jedem Stuhl schon ein berühmter Vorgänger sein Fett hinterlasssen hat. Auch ihr Remake des Beuys-Posters „La rivoluzione siamo noi“ (1971) ist umwerfend: wie sie einerseits den Auftritt von Beuys covert, aber sich dabei keineswegs einfach einreiht in das von Beuys proklamierte „Wir“, sondern in Konkurrenz zu ihm tritt und ihm ein anderes Wir mit revolutionären Ambitionen entgegensetzt, ein weiblich identifiziertes.
Das Internet produziert anonyme Kopien, die keinem Urheber mehr zugerechnet werden können. Zugleich ist es der Raum, in dem die Reflexion auf diese Phänomene in einer Weise vorangetrieben werden kann, die ohne diese Aggregation von Kopien keinem der Akteure, die sich daran beteiligen, möglich wäre. Neulich entdeckte ich die Examensarbeit eines amerikanischen Designstudenten, Benjamin Shaykin, über „Google Hands“ – ein blitzgescheites Arrangement von Kopien der Hände der namenlosen Arbeiter, die für Google Books unzählige Bücher eingescannt haben und über die man gelegentlich im Scrollen durch die digitale Bibliothek stolpert.

mashup
Mehr über die Ethik des Kopierens auf irights – und auf der Website des Zentrums für Interdisziplinäre Forschung. Wer sich für das Thema interessiert, kann zudem gerne mein Buch Mashup – Lob der Kopie lesen. Und hier im Blog zum Beispiel das Interview mit den Machern des Supercopy-Festivals.