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Ok Umweltsau: Das Jahr endet, der Generationenkonflikt geht weiter

„Bildung“, soll Hans-Georg Gadamer mal gesagt haben, „ist die Fähigkeit, Dinge aus der Perspektive des anderen zu betrachten.“ Ich musste an diesen Satz denken als ich rund um Weihnachten zwei Debatten verfolgte, die besser nicht passen könnten an das Ende des Jahres, das einen tiefgreifenden Generationenkonflikt offengelegt hat. Es geht um einen Tweet von Fridays-For-Future und es geht um einen umgedichteten Text auf die Melodie von „Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad“, die ein WDR-Kinderchor gesungen hat. Beides sorgt für Aufregung, beides wird als Respektlosigkeit vor dem Alter ausgelegt. In der Bild-Zeitung schreibt jemand: „Leistet Ihr erst mal, was Eure Großeltern geleistet haben.“

Beide Debatten passen so gut in dieses Jahr, weil es spätestens bei der Europawahl deutlich gemacht hat, was im Mai auch in The Atlantic zu lesen war: Es gibt einen sehr grundlegenden Konflikt zwischen den Generationen. Zum Ende des Jahres drückte sich dieser in der Ok-Boomer-Reaktion aus, die eine Antwort der Jüngeren auf die Belehrungen der Älteren war. In Wahrheit verläuft der Konflikt aber weniger an Geburtsdaten entlang als an der Frage, ob man Bewahrern oder Gestalten möchte.

Womit wir wieder bei Gadamer und bei dem obigen unsplash-Bild sind: Die beiden Oma-Debatten rund um Weihnachten sind eine gute Übung für das, was im kommenden Jahr auf uns wartet. Eine Auseinandersetzung zwischen den Generationen, in der es um mehr gehen wird als um das Wort Umweltsau. Denn wenn es so weiter geht, schreibt Bernd Ulrich in Die Zeit, „dann läuft nicht nur Deutschland in einen Generationenkonflikt hinein, gegen den 68 ein Kindergeburtstag war.“ Um diese Debatte zu gestalten, braucht es die Fähigkeit des Perspektivwechsel: man muss sich die Welt aus den Augen der anderen Seite vorstellen können.

Das ist eine andere Idee von Bildung als jene, die man früher hatte. Aber auch darum wird es gehen: Autorität neu zu begründen und Veränderungen zu gestalten.

P.S.: Dazu zählt auch die Muster der Aufregung zu verstehen, die Martin Hoffmann in diesem Thread sehr deutlich offenlegt

Update: Drüben im Haltungsturnen spezifiziert @luebue worauf der aktuelle Konflikt beruht – und dass der Gesang keineswegs der Anfang war:

Zunächst haben meine Kinder nicht mal verlangt, zu den eigenen Sünden zu stehen und das eigene Leben zu ändern. Sondern echt nur das Minimale zu tun: andere Parteien zu wählen. Und der Klimakrise Priorität über alle anderen Themen zu geben. Und genau da hat sich die Generation meiner Eltern, die #GenerationLaschet, verweigert. Weder bei Wahlen noch beim Ernstnehmen der Klimakrise hat sie (in der Mehrheit) positiv auf die Hinweise ihrer Enkel reagiert.


Mehr zu dem Thema in der Mai-Folge meines monatlichen Newsletter Digitale Notizen, aber vor allem auch in dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip – zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen“