Alle Artikel mit dem Schlagwort “urheberrecht

Buchtrailer: Mashup / Enviv

Im Jahr 2011 ist mein Buch Mashup – Lob der Kopie erschienen. Leider wurde dieser Clip, den ich im Rahmen meiner Phänomeme-Bloggerei entdeckte, erst zwei Jahre später ins Netz gestellt.

Ich hätte ihn sonst als Trailer für das Buch verwenden können: Ein Mann legt eine Flasche Bier auf den Kopierer und verdoppelt diese dadurch. Das klingt unmöglich, der Film (Achtung, vermutlich ein Fake) zeigt es aber und noch unglaublicher: bei der digitalen Kopie passiert genau das, Inhalte werden verlustfrei dupliziert.

Welche Folgen das für Kunst und Kultur hat, beschreibe ich übrigens im Nachfolger von Mashup: Eine neue Version ist verfügbar zeigt, was passiert, wenn der Mann am Kopierer, die Flaschen von 0.33l auf 0,5l vergrößert, wenn er sie also in Versionen vervielfältigt. Für den Fall, dass jemand sich berufen fühlt, das am Kopierer nachzustellen: ich würde mich freuen.

Goldenes Zeitalter in Dortmund

Am Schauspielhaus in Dortmund wird an diesem Freitag das Goldene Zeitalter ausgerufen. Ich schreibe das hier, weil im Rahmen dieser Inszenierung von Kay Voges und Alexander Kerlin wohl auch dieses YouTube-Video gezeigt wird:

Das Programm zu dem Stück verspricht eine Inszenierung zur Referenz- und Remix-Kultur der Gegenwart. Ich selber bin in Dortmund nicht dabei, aber alles, was ich vom Goldenen Zeitalter bisher gehört habe, klingt sehr spannend.

Referenz: Zwei Drittel Heizöl, ein Drittel Benzin

1980: Slime “Bullenschweine”
“Ein Drittel Heizöl, zwei Drittel Benzin
wie ’68 in Westberlin
diese Mischung ist wirkungsvoll,
denn diese Mischung knallt ganz doll.”

2005: Kettcar “48 Stunden”
“Und ein Drittel Heizöl, Zwei Drittel Benzin
Dies ist nur Nichts
Und ein Kuß
Und ein Zug nach Berlin”

2013: Casper “Im Ascheregen”
“Ein Drittel Heizöl, zwei Drittel Benzin
Augen und Herzen sind Dynamit
Ein Drittel Heizöl, zwei Drittel Benzin
Müde mit ‘nem Plan, mit ‘nem Ziel”

Elmar, der Elefant und die digitale Kopie

In dem sehr schönen Kinderbuch “Elmar rettet den Regenbogen” steht der bunte Elefant vor einer schwierigen Herausforderung: Der Regenbogen hat seine Farben verloren und hängt schlapp und grau am Himmel. Alle Tiere wünschen sich, dass er wieder hell strahlen möge – und Elmar sucht eine Lösung.

Elmar will dem Regenbogen seine Farbe schenken. Dafür macht der außergewöhnliche (weil bunte) Elefant sich auf den Weg, das Ende des Regenbogen zu finden, weil er dort, wo der Regenbogen die Erde berührt, die Chance sieht, ihm seine Farbe zu geben. An einem Wasserfall wird er fündig und verschwindet aus dem Sichtfeld. Die Tiere suchen ihn und freuen sich dann, dass der Regenbogen wieder bunt ist. Kurz darauf taucht auch der Elefant wieder auf. Ebenfalls weiterhin farbig. Auf Nachfrage der Tiere gibt er folgende wunderbare Antwort:

Es gibt Dinge, die kann man verschenken, ohne sie dabei selber zu verlieren. Zum Beispiel Freundschaft, Liebe oder eben meine Farben.

Ich musste an die Geschichte von Elmar denken als diesen Text von Philippe Aigrain in der Berliner Gazette las. Denn den Dingen, von denen Elmar spricht, müsste man eigentlich Dateien ergänzen. Die digitale Kopie ist so eine Art bunter Elefant, sie ist eigentlich unmöglich, sie versetzt uns in die Lage, Inhalte zu verschenken ohne sie selber zu verlieren.

Das Dilemma der Digitalisierung kann man erspüren, wenn man das Kinderbuch liest. Aus Elmars Perspektive gehören Dateien in die pathetische Reihe von Liebe und Freundschaft. Aus der Perspektive eines bestimmten medialen Diskurses wird diese Reihe jedoch jäh durchbrochen – von dem Wort Raubkopie.

Tagesschaum und die Piraten

Friedrich Küppersbusch muss den Piraten was husten. So beginnt der Tagesschäumer seinen Kommentar zum Thema Prism&Piratenpartei, den man in der Redaktion offenbar so gut fand, dass man ihn unter dem Titel “Chancentod Piratenpartei” als Single-Auskopplung veröffentlicht. Die Grundidee dabei: die bekannt gewordene Überwachungsaktion des NSA sind “ein nie dagewesenes Internet-Thema”, das der Piratenpartei eine “Steilvorlage” bieten könne, die diese aber nicht nutzt. Denn: die Umfragewerte der Piraten sind schlecht.
Auch wenn man die Verwendung des Begriffs Datendiebstahl durchaus diskutieren könnte (Bayerns Justizministerin Merk sieht das z.B. anders), ist die Beobachtung natürlich nicht falsch. Auch wenn man sich wünschen würde, dass zumindest angedeutet würde, wie die Piraten denn hätten besser reagieren können.

Dass sie Snowden fürs Bundesverdienstkreuz vorgeschlagen haben, lässt Küppersbusch jedenfalls nicht gelten und meint stattdessen einen “Grundwiderspruch” der Piratenpartei ausgemacht zu haben, der so ägerlich ist, dass mich nun ausgerechnet die wunderbare Sendung Tagesschaum dazu bringt, ausgerechnet die gerade in der Tat ja nicht sonderlich wunderbare Piratenpartei zu verteidigen. Denn was Küppersbusch als “Grundwiderspruch” präsentiert, zeigt eine erschreckende Ahnungslosigkeit in Grundfragen der Netz- und Urheberrechtspolitik.

Friedrich Küppersbusch sagt, er verstehe nicht wieso die Piraten einerseits ein veraltetes Verständnis von so genanntem geistigem Eigentum kritisieren, gleichzeitig aber die Bewahrung der Privatssphäre gegenüber staatlicher Überwachung fordern. Seiner Meinung nach geht das nicht zusammen und er glaubt, dass dieses Nicht-Verstehen ein Defizit der Piratenpartei sei. Wörtlich geht das dann so:

Wenn ich ein Buch schreibe, soll das nicht länger mein veraltetes geistiges Eigentum sein. Wenn ich aber eine Mail schreibe, dann – hey – passen die Piraten dufte auf mich auf. (…) Ihr behandelt mich als Urheber als hätte ich keine Rechte und dann staunt Ihr, dass Ihr als Bürger von Geheimdiensten so behandelt werdet.

Erstmal muss man den Tagesschäumern hier schlechte Recherche vorhalten. Denn Piratenpolitiker und Rechtsanwalt Markus Kompa hat ja genau das gemacht: Den britischen Geheimdienst wegen des Urheberrechtsbruchs bei der Überwachung seiner Kommunikation abgemahnt. Kompa hat das allerdings eher als Satire verstanden, als Hinweis auf die fragwürdigen Abmahnformen und als Kritik an der Überwachung.

Denn in Wahrheit ist dieser Beitrag von Küppersbusch nicht schlecht recherchiert, sondern Ausdruck eines grundlegenden Unverständnis: Küppersbusch suggeriert es gebe eine Verbindung zwischen den unfassbaren Überwachungen des NSA und den Reformbemühungen der Piratenpartei in Sachen Urheberrecht – womöglich sogar einen kausalen Zusammenhang.

Das ist sowohl in Fragen des Datenschutz als auch in Sachen Urheberrecht ärgerlich. Denn warum sollte das nicht gehen: ein anderes Urheberrecht fordern und sich gegen Überwachung wehren? Wobei Küppersbusch ja nicht das Wehren, sondern sogar schon das Staunen über die Überwachung kritisiert. Man muss nicht mal die Urheberrechtspositionen der Piraten teilen, um zu sehen, dass das nichts miteinander zu tun hat. Das ist eine unnötige Vermischung, die mich bei jedem anderen wütend machen würde. Bei Küppersbusch, dem ich ja abnehme, dass er wie in dem Clip behauptet zu den Guten gehören will, lässt sie mich zumindest verwirrt zurück: Hat der Mann wirklich niemanden, der ihm wenigstens den Unterschied zwischen öffentlichen (bzw. in dem Fall veröffentlichten) und privaten Daten hustet?

Tatsächlich mehr 8 geben

Vielleicht darf man Denis Scheck gar nicht böse sein. Da kommt jemand mit Kamera und Mikro auf ihn zu und will von ihm wissen, wie er zum Urheberrecht steht. Also läuft der Fernsehmoderator los und redet in Kamera und Mikro. Weil er gebildet und gewitzt rüberkommen will, sagt er nicht einfach nur “Urheberrecht find ich gut”, sondern bemüht das Lateinische und erklärt, schon Cicero habe mit der Piratenpartei Piraten zu tun gehabt und – ist ja klar – diese zum Feind aller Menschen erklärt: “communis hostis omnium” sagt Scheck und im Überschwang der Überlegenheit ergänzt er mit Blick auf “neue Piraten”: “Gegen alte Feinde helfen altbewährte Mittel.”

Schecks Auftritt wurde im Rahmen des Welttags des Geistigen Eigentums in dieser Woche auf der Website wir-geben-8.net veröffentlicht, die im Auftrag der VG Wort erstellt wurde. Auf YouTube, das zum Konzern Google gehört, wird das Video kostenfrei zugänglich gemacht. Ein Angebot, von dem bisher noch keine 500 Zuseher Gebrauch gemacht haben.

Google ist übrigens auch hilfreich, wenn man rausfinden möchte, welche “altbewährten Mittel” Denis Scheck meinen könnte. Wer nach Schecks Zitat sucht, landet z.B. auf dieser Fundstelle in Google-Books, die von einer Gefangnahme Julius Caesars berichtet, die nur durch eine Lösegeldzahlung an die Piraten beendet wurde:

Kaum in Freiheit, schaffte Caesar es, mittels gemieteter Schiffe, die Piraten zu fangen. Er ließ sie, wie in Gefangenschaft angekündigt, kreuzigen.

Vielleicht muss man Denis Scheck also sehr wohl böse sein. Von Beiträgen zur Urheberrechtsdebatte sollten wir – nach Regeners Wutanfall und Acta-Protesten – etwas mehr Tiefgang erwarten dürfen als unfallfreies Laufen vor der Kamera. Seit zu Beginn des Jahres 2012 die Auseinandersetzung um die digitale Kopie und ihre Folgen hochkochte, haben sich nicht wenige Menschen bemüht, in anstrengenden Gesprächen, Diskussionen und Debatten den Boden für einen angemessenen Umgang – miteinander und mit den Herausforderungen der Digitalisierung – zu bereiten. Die Bemühungen sind auf beiden Seiten zu beobachten. Downloader wie Verwerter mühen sich und Downloader wie Verwerter müssen sich ins Gesicht geschlagen fühlen von eloquent vorgetragener Ahungslosigkeit wie Denis Scheck sie in der genannten Kampagne zur Aufführung bringt.

Wie genau lautet der Vorschlag, den Scheck unterbreiten möchte? Welche altbewährten Mittel will er nutzen um mit der digitalen Kopie umzugehen? Selbst wenn man zu seinem Besten unterstellt, dass die Kreuzigungsfundstelle nur einen unglücklichen Kontext herstellt, bleiben dennoch zwei gravierende Probleme mit Schecks Statement und der Kampagne, in die es eingebettet ist:

Zunächst ignoriert der Beitrag die vergangenen Monate. Er hat die Anschlussfähigkeit eines Brunftschreis in einem artfremden Gehege. Hier will jemand ein Revier markieren, ohne zu bemerken, dass diese Markierung alle Grenzen überschreitet. Selbst wenn die Aussage – weniger gewitzt – einfach nur gelautet hätte “Urheberrecht find ich gut” (von dem Format sind andere Beiträge auf der Seite), krankt sie aber noch an einem zweiten Problem: Sie ist keine Antwort auf die Herausforderung. Denn natürlich ist das Urheberrecht wichtig, darüber streitet in Wahrheit niemand. Die Auseinandersetzung muss im Sinne einer offenen Gesellschaft über die Frage geführt werden, welche Durchsetzungsmaßnahmen die Gesellschaft für angemessen hält – und wie man die Akzeptanz des Urheberrechts steigert. Und hier wird das ganze Dilemma der 8-geben-Kamapagne (übrigens auch eine Website für Kleintierpflege) offensichtlich: Die Wortmeldungen auf der Seite legen nahe, der Herausforderung der digitalen Kopie sei allein und zuvorderst durch moralische Kampagnen zu begegnen.

Schriftstellerinnen und Schriftsteller betonen, dass ihre Arbeit etwas wert sei, dass sie bezahlt werden müsse. Sie sagen aber nicht, warum das jetzt zur Debatte stehen könnte. Sie weisen nicht darauf hin, dass die digitale Kopie den Vertrieb von Inhalten revolutioniert. Sie blenden aus, dass wir erstmals in der Geschichte der Menschheit identische Duplikate herstellen können. Sie sagen einfach nur, dass man das Wert schätzen solle, weil sie sonst kein Geld verdienen. Im Statement des Übersetzers Hinrich Schmidt-Henkel kann man raushören, dass diese angemessene Bezahlung nicht unbedingt mit dem Publikum, sondern vielleicht auch mit dem Verhalten der Rechteverwerter zu tun hat. Trotzdem suggeriert die Kampagne genau das: Wenn sich nur einfach alle moralisch gut verhalten, gibt es gar keine Probleme. Dass man über die Frage von Moral in dem Zusammenhang durchaus streiten kann, taucht dabei gar nicht auf (siehe dazu das Dilemma des Teilens), weil ja eben auch die Realität der digitalen Kopie nicht wirklich thematisiert wird.

Das ist deshalb schade, weil genau hier sich ja das Prinzip einer Verwertungsgesellschaft begründet: Wo individuelle Moralappelle nicht greifen, gibt es das Modell der Pauschalabgaben. Eine Verwertungsgesellschaft hat ihre Begründung genau darin, Vergütung für Werknutzung sicherzustellen, die nicht durch direkte Bezahlung erfolgt. Genau darauf sollte eine Kampagne einer Verwertungsgesellschaft ausgerichtet sein. Sie sollte das in den Vordergrund stellen, was Thomas Brusig auf der Kampagnenseite schreibt:

Die VG Wort bringt das Kunststück fertig, das Urheberrecht zu stärken, indem es die ungehinderte Verbreitung geistigen Eigentums ermöglicht und die Honorierung der Urheber im Blick hat. Wenn es die VG Wort nicht gäbe – man müsste sie erfinden.

Vielleicht muss genau das passieren: die Verwertungsgesellschaft muss sich (neu) erfinden. Dabei können übrigens sogar die Thesen dienlich sein, die dem 8-geben zum Titel verhalfen. Es gibt derer eben genau acht und die zweite so genannte Position wirbt für pauschale Abgabesysteme und nimmt dabei sogar das böse Wort Kulturflatrate in den Mund:

Die gesetzlich erlaubte Privatkopie ist eine Art „Kulturflatrate“ im geltenden Urheberrecht. Sie ermöglicht Vervielfältigungen für private Zwecke, sieht aber gleichzeitig eine angemessene Vergütung der Urheber durch die pauschale Gerätevergütung vor. Erlaubt sind analoge und digitale (!) Privatkopien. Allerdings muss für die Privatkopie eine angemessene Vergütung gezahlt werden. Diese wird durch die pauschale Geräte- und Speichermedienvergütung sichergestellt.

Darauf könnte Denis Scheck ja mal 8 geben, das ist im weitesten Sinn sogar ein altbewährtes Mittel.

WTF, Sven Regener!

Etwas mehr als ein Jahr nach seinem Wutausbruch im Zündfunk war Sven Regener am Donnerstag wieder im Bayerischen Rundfunk zu hören. Dort wurde er mitten in einem launigen Interview auch nach dem Telefonat aus dem März 2012 befragt (etwa ab 10.30 Min), das in der hitzigen Urheberrechtsdebatte eine breit rezipierte Wortmeldung war. Den entsprechenden Schnipsel findet man auf Soundcloud

… wo er etwas abrupt abreißt. Aber auch auf der Zündfunk-Seite geht es nicht wirklich weiter. Es bleibt alles recht dürftig.

Regener wollte, erfährt man, “mal den Gegenstandpunkt formulieren”. Er hatte nämlich den Eindruck, es gebe nur “den einzigen Standpunkt, Musiker kann man ja auch bald mal enteignen”. Das machte ihn wütend, deshalb sei ihm der Kragen geplatzt. Und dann sei das ganze auch mehr oder weniger erledigt gewesen:

“Ich hab keine Interviews mehr dazu gegeben. Es ist alles gesagt, da gibt es nichts hinzuzufügen. Wer das nicht kapiert, der tut mir leid.”

So leid, dass er auch auf Nachfragen nicht reagiert habe. Er habe Mails einfach gelöscht. Denn: Wer das nicht tue, bekomme ein falsches Menschenbild:

Botho Strauß ist nur so scheiße drauf, weil er den ganze Nachmittag Fernsehen guckt und die Kommentarspalten im Internet liest. Und darum hat er ein Menschenbild, dass wir alle totale Untermenschen sind. Was an sich nur bestimmte Leute sind, die sich wahnsinnig schlecht benehmen.

Bitte? Sven Regeners Reaktion ein Jahr nach dem Wutausbruch besteht aus Botho Strauss, Untermenschen und gelöschten Mails? Ich glaube, die offizielle Reaktionsabkürzung dafür lautet WTF!?

Das kann doch nicht ernsthaft Ergebnis von einem Jahr hitziger Urheberrechtsdebatte mit Acta-Protesten und Runden Tischen sein, dass Sven Regener sich in ein Studio setzt und von Untermenschen spricht. Mal abgesehen davon, dass die Zündfunk-Leute da hätten nachfragen müssen, bin ich sehr ernsthaft erschüttert von dem Mann, dem ich tatsächlich für einen Moment zugetraut hatte, Schwung in eine Debatte zu bringen, die von grundlegender Bedeutung für den Umgang mit Kunst und Kultur im Netz ist.

Das Jahr hatte natürlich schon den Beweis erbracht, dass es ihm darum nicht wirklich ging. Trotzdem war ich insgeheim hoffend davon ausgegangen, Sven Regener hätte was verstanden.

Die Hoffnung stirbt zuletzt, sagt man, aber sie stirbt eben.

Das Don-Draper-Dilemma: Vorärger!

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Am Sonntag startet die sechste Staffel der TV-Serie Mad Men. Die Frage zu stellen, woher ich das weiß, mutet merkwürdig an, man muss sie aber stellen um zu verstehen, warum ich das zwar wissen, die Serie aber nicht gucken darf bzw. noch nicht gucken darf.

Die Macher der Serie von AMC sprechen schon seit Wochen von nichts anderem als von dem kommenden Sonntag. Auf Facebook verfolgen sie mich mit der neuen Staffel und auf ihrer Website bieten sie mir – wie passend – sechs Wege an, meine Vorfreude zu kanalisieren. Mir gefällt all das, die Marketing-Maßnahmen treffen mich ziemlich genau, sie lösen jedoch das exakt umgekehrte Gefühl bei mir aus: statt Vorfreude empfinde ich wachsenden Vorärger.

Das Wort gibt es so nicht, aber neue Zeiten verlangen vielleicht auch neue Begriffe. Und Vorärger ist das Gefühl, das sich einstellt, wenn einem zwar etwas in Internet-Geschwindigkeit (Sofort!) angeboten wird, man dies aber nur in Postkutschen-Geschwindigkeit erwerben kann.

Denn natürlich würde ich für Mad Men bezahlen, sogar sofort! Und alle, die sich Mad Men auf mittel-legalen Wegen trotzdem besorgen, erzählen mir, dass diese Wege keineswegs kostenfrei sind. Auch sie bezahlen, aber eben mittellegal. Der Auslöser für den Vorärger ist aber: Ich darf ja gar nicht zahlen. Mir ist kein Weg bekannt, wie ich erlaubter als mittellegal in die Lage versetzt werde, am Sonntag an dem globalen Pop-Erlebnis Mad Men S06E01 teilzunehmen. So lautet der Code für die erste Folge der sechsten Staffel – und Menschen werden (weil ich ihn jetzt erwähnt habe) auf der Suche nach diesem Stück Kultur auch auf diesem Blog landen und das Gefühl teilen, das ich hier beschreibe: Vorärger!

Sascha Lobo hat dieses Problem in seiner Spiegel-Kolumne mal so beschrieben:

In der Tat erscheint vielen Nutzern nicht einsichtig, wieso ein digitales Produkt nicht per Klick legal heruntergeladen werden kann. Zu den häufigst genannten Gründen für illegale Downloads gehört die mangelhafte legale Verfügbarkeit, will sagen: die Unmöglichkeit, etwas sofort zu bekommen, gefälligst in Echtzeit. Wenn man die Beobachtung des eigenen Verhaltens zumindest als Anhaltspunkt akzeptiert, dann scheint eine Nebenwirkung des Internet eine zunehmende Ungeduld mit den Dingen zu sein. Vorsichtig gesagt. Das süße Gift der Beschleunigung macht nicht nur süchtig, es lässt einem auch heute als langsame Zumutung erscheinen, was man gestern noch als flott empfand. Schneller als Echtzeit – jetzt, hier, sofort – geht nicht.

Daraus könnte man den sonntäglich klingenden, aber völlig unsinnigen Schluss ziehen, mal lieber nicht so ungeduldig zu sein. Über den Umgang mit Echtzeit (siehe dazu den Text “Terror des Jetzt” aus dem Jahr 2008) sollte man nicht nur wegen Douglas Rushkoffs Present Shock nachdenken, moralische Forderungen werden das Problem aber nicht lösen. Die Ursache dafür liegt nämlich woanders: in den Verwertungszyklen der Verwerter. Es erscheint noch immer lukrativer, die Serie Mad Men nicht in kleinen Folgen-Paketen an ungeduldige Einzelnutzer (wie z.B. mich!!) zu verkaufen, sondern im Staffel-Paket an einen anderen Verwerter, der dafür viel mehr bezahlt und dieses Geld durch eine weitere Schlaufe im Verwertungszyklus wieder reinholt.

Denn natürlich kann ich dieser Tage Mad Men auch ganz legal auf klassischem Weg anschauen. Das ZDF hat mich über den Twitter-Account von ZDFneo gerade letzte Woche erst drauf hingewiesen: Vor ein paar Wochen ist dort nämlich die vierte Staffel der Serie gestartet. Der Code dazu lautet Mad Men S04E01, was gerade vermutlich niemand sucht.

Wie also löst man dieses moralische Don-Draper-Dilemma? Ich weiß es nicht und ich halte auch wenig davon, diese Fragen moralisch anzugehen. Wenn man das aber tut, drängt sich das alte Konsumenten-König-Diktat auf. Überall sagt man uns: Der Verbraucher bestimmt durch sein Verhalten, wie Geschäfte sich entwickeln. Beim Amazon-Problem legte man dem Verbraucher deshalb sehr bald nahe, dort doch einfach nicht mehr zu bestellen. Ich tue mich sehr schwer damit, wenn man das aber zuende denkt, heißt das doch, dass man – um den Voräger langfristig abzustellen – einfach nicht mehr beim ZDF gucken darf um den gelernten Verwertungszyklus zu durchbrechen und darauf zu hoffen, dass man künftig selber und ganz legal eine Folge bezahlen darf, oder?


Dieser Text erscheint als Crosspost auch im TV-Blog von Süddeutsche.de