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Warum gibt es in Ihrer Stadt eigentlich keine Internet-Straße? (Digitale Oktober-Notizen)

Dieser Text ist Teil der Oktober-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

Wie wertvoll ist das Internet? Es ist an der Zeit die Diskussion über diese Frage in eine breitere Öffentlichkeit zu tragen: Raus aus dem Internet, rein in die Stadtparlamente, in Lokalzeitungen und an die Stammtische. Ich wünsche mir nämlich, dass die Idee, um die es heute geht, genau dort besprochen wird.

Auslösen sollen diese Debatte die rund 600 Menschen, die sich in den vergangenen Monaten hier für die Idee „Heimatverein Internet“ eingetragen haben (hier der erste Eintrag im Newsletter dazu, hier ein ausführliches Essay aus der SZ). Sie interessieren sich für den Vorschlag, das Internet als Heimat zu verstehen. Und der erste Schritt auf dem Weg zur Gründung dieses Heimatvereins heißt internet-strasse.de.

Die Website ist der Ausgangspunkt für eine digitale Bewegung, die sich dafür einsetzt, das Internet als menschheitshistorische Erfindung auf Straßenschildern zu würdigen.

Menschen, Ideen und Orte, die einer Stadt oder Gemeinde besonders wertvoll erscheinen, erhalten diese gesellschaftliche Würdigung, indem sie auf einem Straßenschild genannt werden. Es gibt Straßen, die nach Wissenschaftlerinnen und Autoren benannt sind. Es gibt Brücken, die den Namen berühmter Persönlichkeiten tragen. Es gibt Plätze des Friedens und der Freiheit – aber es gibt keinen Platz des Internet. Es gibt keine Internet-Strasse.

Noch nicht. Denn wir sind der Meinung, dass auch dem Internet diese Würdigung zuteil werden sollte. Wir setzen uns dafür ein, dass jede Stadt und jede Gemeinde eine Internet-Strasse oder einen Platz des Internet bekommt. Und dabei geht es nicht darum, dass an diesen Orten besonders starkes Wlan verfügbar ist. Es geht darum, das Internet als ortlosen Ort zu würdigen, als Heimat für Menschen, die sich in der Verbindung über Länder-, Sprach- und Religionsgrenzen hinweg heimisch fühlen.

Die unterschiedlichen Landeskommunalordnungen organisieren, wie die Ratsversammlungen in Städten und Gemeinden über die Namen der Straßen und Plätze auf ihrem Gebiet bestimmen. Stets wird dabei aber ausdrücklich der Wunsch einer Beteiligung der Bürger*innen geäußert. Dem wollen wir nachkommen: Auf der Seite internet-strasse.de haben wir eine Argumentationshilfe veröffentlichen, die jede und jeder nutzen kann, um in ihrer und seiner Stadt und Gemeinde den Vorschlag einzureichen: Meine Stadt soll eine Internet-Strasse bekommen!

Selbstverständlich sind dabei Kooperationen und Allianzen mit Mitgliedern der Stadtparlamente erwünscht – und zwar über Parteigrenzen hinweg. Das Projekt Internetstrasse ist unabhängig und überparteilich – es ist aber den demokratischen, pluralen Prinzipien des Internet verpflichtet. Denn dass es das Internet überhaupt gibt, ist uns Beweis dafür, dass die Ideen von Völkerverständigung, Menschlichkeit und Demokratie stärker sind als Ausgrenzung und Diskriminierung. Wer sich selber, seine Nationalität, sein Geschlecht oder Religion für etwas Bessere hält, kann das Internet eigentlich gar nicht nutzen. Denn es basiert auf der Verbindung sehr unterschiedlicher Geräte und Systeme ohne Bewertung und Ausgrenzung.

Statt nur über negativen Aspekte der Digitalisierung zu sprechen, sollten wir uns wieder daran erinnern, wie wunderbar und verbindend das Internet ist. Eine gute Erinnerung scheint uns die Erwähnung auf einem Straßenschild. Damit es dazu kommt, wünschen wir uns lebhafte Diskussionen – in den Stadtparlamenten und Lokalzeitungen, an den Stammtischen und in Gemeindeversammlungen. Und wir wünschen uns mindestens einen guten Ausgang: eine Straße oder einen Platz, die nach dem Internet benannt werden.

Im Herbst 2019 jährt sich ein Ereignis, das manche für eine Geburtsstunde des Internet halten: am 29.10.1969 wurde über dessen Vorläufer Apranet erstmals eine Verbindung zwischen zwei Computern hergestellt. Fünfzig Jahre danach wollen wir den Heimatverein Internet gründen – bis dahin sollte es doch gelingen, mindestens auf einem Straßenschild in diesem Land das Wort „Internet“ zu lesen.

Helfen Sie mit!

PS: Am Wochenende habe ich die Idee auf dem Zündfunk-Netzkongress in München vorgestellt. Diese Sketchnote von @kleinerW4hnsinn fasst den Vortrag ganz gut zusammen.


Ich meine das übrigens wirklich ernst. Denn das Internet liegt mir tatsächlich am Herzen. Gerade erst habe ich deshalb eine Gebrauchsanweisung geschrieben. Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen, in dem man mir beim Denken zusehen kann.

In diesem Newsletter sind z.B. erschienen: „Was ist dein Bild vom Internet?“ (August 2018) „Fünf Fitness-Übungen für Demokratie“ (Juli 2018) „Altland“ (April 2018) „#smarterphone“ (März 2018) „Streiten lernen – für ein besseres Internet“ (Januar 2017), „Digitaler Heimat- und Brauchtumsverein“ (Oktober 2016)