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Fünf Dinge, die ich bei The Athletic über Journalismus gelernt habe

Im Sommer 2019 hatte mein SZ-Kollege Jürgen Schmieder einen interessanten Artikel über das US-Sportangebot The Athletic geschrieben: „Das Sportportal startete im Oktober 2016 in Chicago, expandierte ein paar Tage später ins kanadische Montréal und danach recht schnell in amerikanische Städte wie Cleveland, Detroit und San Francisco, schrieb er. „Das Alleinstellungsmerkmal ist nicht der Versuch, die komplette Welt des Sports abzubilden, sondern in ausgewählten Bereichen mehr zu wissen oder besser zu erklären als die Konkurrenz – dafür braucht es Reporter, die bestens über einen Verein informiert sind.“ Einer dieser Reporter ist Raphael Honigstein (der vor einer kleinen Ewigkeit auch mal hier im Blog zu Besuch war), als er kurz danach ankündigte, zum britischen Ableger der US-Seite zu wechseln, wurde ich das zweite Mal auf The Athletic aufmerksam.

In den vergangenen Tagen habe ich mir das Angebot, das über ein bezahltes Abo-Modell zugänglich ist, in einem freien Test mal genauer angeschaut. Mein Fazit: Ich finde den Ansatz äußerst spannend, da der Schwerpunkt aber bisher auf US-Sport und britischem Fußball liegt, bin ich unsicher, ob ich ein bezahltes Abo abschließen will (siehe Punkt 5 unten). Ich würde für diesen Journalismus aber unbedingt bezahlen, wenn er sich noch ausführlicher der Bundesliga (und bis #meinvfl aufsteigt, auch der zweiten Liga?) widmet. Denn an der Art und Weise, wie The Atheltic den Sport-Journalismus verändert, kann man etwas über die Branche in Bewegung lernen:

1. Gute Begründungen für guten Journalismus

Ich bin sozialisiert mit der Haltung, guter Journalismus spreche für sich selbst. Von den Lehrerinnen und Lehrern, die ich an der Journalistenschule hatte, hätte keine und keiner eine solchen Text schreiben können, wie Raphael Honigstein ihn im Sommer schrieb, als er erklärte, warum er zum The Athletic wechselt: „The best places of work make you feel like you belong.“ Kann man da lesen. „It has been like that from the outset. We’re not just colleagues here but a band of brothers and sisters, a gang of writers, grateful to have been given this opportunity, determined to show that we can pull this off. Whether we’ll turn out more like the Wild Bunch, the Incredibles or the Expendables, only time will tell. What I can promise you is that I will, along with everyone else, do my utmost to bring you the best features and analysis we’re able to produce. Writing for The Athletic, the way I understand it, is an attempt to do no-bullshit sports journalism, the telling of stories not as a means to sell advertising – but as an end in itself.“ Es ist eine Kunst, ohne Pathos starke Gefühle für die eigene Arbeit zu wecken – und Leserinnen und Lesern damit einen Grund zu geben, warum sie diese Arbeit unterstützen sollen. Nicht nur Raphael, alle Autorinnen und Autoren, die ich mir bei The Athletic angeschaut habe, beherrschen diese Kunst. Die Art und Weise wie sie sich auf der Seite vorstellen, sollte Bestandteil jeder Medienkompetenzschulung sein. Denn sie zeigen, warum sie sich für eine Thema interessieren und warum das Publikum das auch tun sollte – und dabei geht es um so etwas Nebensächliches wie Fußball. Was wäre da erst möglich, wenn Politik-Journalist*innen sich so öffnen würden.

2. Das Ende der Nachrichten-Homepage

Zwar sagt der Chefredakteur Paul Fichtenbaum das Ziel sei die Sport-Seite der Welt zu werden (“Our vision is to be the sports page for the world”), doch damit ist etwas anderes gemeint als die Startseiten klassischer Nachrichtenportale. Bei The Athletic gibt es keine für alle gleiche Durchschnitts-Seite, wer The Athletic liest, folgt einem Club, einer Sportart, einer Liga. Und sie oder er folgt diesen Themen mit einem klaren Ziel: Um tiefgehenden Journalismus zu bekommen. Fichtenbaum nennt den Kern der Marke „a storytelling brand“, es geht The Athletic also um Hintergründe, nicht um Nachrichten: “Our mandate is to tell people why things happened, and how they happened, not what happened. We do very little transactional news. We need to give the audience something more, something deeper. It’s that explanatory journalism, the bigger picture that brings people back to us.

3. Neue Wertschätzung für die eigenen Inhalte

So über Inhalte zu sprechen, ist das eine. Sie auch so zu präsentieren, ist etwas anderes. The Athletic behandelt seine Texte wie Netflix seine Serien: Wenn ich einen Text gelesen habe, wird mir dies angezeigt. Der Teaser taucht in der Übersicht nur eingegraut auf. Wie bei einem Podcast-Player, der mir zeigt: diese Folge hast du schon gespielt. Das ist nur ein Detail, aber eines, das mir als Leser deutlich macht: Hier geht es um tiefgehende Inhalte, die die Seite selber wertschätzt – tue das auch. Denn der Hauptkanal für The Athletic ist die werbefreie Pay-App, über die die Inhalte gelesen und kommentiert werden. Ein winziges Feature, das aber starke Symbolkraft hat, ist das Angebot, jeden Text mit drei Gefühlsregungen zu bewerten. Das wirkt aus klassischer journalistischer Perspektive vielleicht albern, ich finde es großartig und es erhöht meine Bindung an die Seite und an die Autor*innen.

4. Journalismus weiter denken: in den Dialog

Dialog ist ein zentrales Angebot von The Athletic. Unter allen Texten, die ich in meiner Testphase gelesen habe, waren die Autoren selbst aktiv. Unter keinem Text habe ich einen Marken-Account gesehen, der moderierend eingreifen musste. Das kann Zufall sein, es zeigt aber: Bei The Athletic endet der Journalismus nicht bei der Publikation, er beginnt dann erst. Denn viele Texte werden auch fortgeschrieben. Auch hier zeigt sich: Die Inhalte werden wie Serien behandelt, sie bauen aufeinander auf. Und womöglich entsteht durch einen Leser*innen-Kommentar eine neue Geschichte. Denn um diese besonderen Zugänge geht es. Fichtenbaum sagt seinen Reporter*innen, sie sollten nicht auf Pressekonferenzen gehen, sondern die Geschichten hinter den Meldungen finden: „I tell our folks ‘watch the game, don’t type’. After the game, don’t go to the press conference because that’s where everybody gets the same quote. Go find somebody who’s not there. Go talk to some other personnel from a team, develop sources. If we get the same information as everybody else, then why would people give us their credit cards. It’s really about differentiation and uniqueness.“ Es ist erstaunlich, aber diese Unterscheidung kann im Jahr 2020 noch über Offenheit, Zuhören und Dialog gelingen.

5. Text ist nur der Anfang

Ich interessiere mich nicht wirklich für den klassischen US-Sport, aber was ich in der App an Videos zu dem Thema finden könnte, ist schon beeindruckend. Wirklich bewerten kann ich die Breite im Angebot nur bei den Podcasts für den britischen Fußball. Dabei handelt es sich um eine konsequente Fortführung der oben beschriebenen Strategie für Text. Hier findet man tiefgehende Analyse und Hintergründe zum Hören. Da mein Interessenschwerpunkt aber eher in der Bundesliga liegt, bin ich unsicher, ob ich dafür zahlen möchte. Auf meine Unsicherheit hat die The Athletic übrigens sehr nett reagiert. Statt mich nach sieben Tagen in ein Bezahl-Abo zu überführen oder rauszuwerfen, wurde der Testzeitraum nochmal verlängert. Ob ich ihn verlängern soll?

Wer sich für „fünf Dinge“ interessiert:
Fünf Dinge über Tiktok
Fünf Dinge übers Streiten

Was ist eigentlich Online-Journalismus?

Jochen Wegner hat einen klugen Text über die Rolle von Live-Medien in Zeiten der Angst geschrieben. Von vielen Seiten werde ich darauf hingewiesen. Und auch ich mag den Text (nicht nur, weil ich eh glaube, dass wir mehr über Livejournalismus reden sollten), aber eine Frage lässt mich seit der Lektüre nicht los und treibt mich dazu, ungefragt meine Meinung in die Welt zu tragen zu bloggen. Die Frage lautet: Was ist eigentlich Online-Journalismus?

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Dabei geht es mir gar nicht um das Meta-Thema, das der Text behandelt (und über das ich womöglich auch noch was schreiben möchte), ich bleibe an dem Begriff Onlinejournalismus hängen. Schon im Vorspann suggeriert der Text, es gebe einen Unterschied zwischen Online- und irgendwie anderem Journalismus. Onlinejournalisten müssten, heißt es dort, „das sich überschlagende Weltgeschehen erklären – während es geschieht“. Das ist richtig, war es aber auch schon als es noch gar kein Online gab. Journalismus macht dies seit jeher: die Gegenwart beschreiben, einordnen und erklären – während sie geschieht. Neu ist also nicht der Anspruch an Journalismus, neu sind die Techniken und das Ökosystem, in dem dies heute geschehen kann und muss – für alle Journalistinnen und Journalisten.

Das journalistische Tätigkeitsfeld wird gerade enorm erweitert. Allerdings auf allen Kanälen. Nach der obigen Definition waren die beiden bekanntesten Online-Journalisten Freitagabend und Samstagnacht, die „das sich überschlagende Weltgeschehen“ erklärten, Claus Kleber und Thomas Roth. Sie taten das im Fernsehen, das irgendwie auch online ist. Wie alles heute online ist. Denn: Es gibt keinen Nicht-Onlinejournalismus mehr.

So zu tun, als könne man im Jahr 2016 noch zwischen Online- und anderem Journalismus unterscheiden, ist keine sprachliche Nebensache, sondern Ausdruck eines größeren gesellschaftlichen Missverständnisses. Es ist dies der Irrglaube, all das, was im Internet passiert, sei das Problem der „Online-Kollegen“. Dieses Missverständnis zeigt sich nicht nur im Journalismus, sondern zum Beispiel auch darin, dass man Nazikommentare auf Facebook zuvorderst für ein Problem von Facebook hält. Dabei sind diese Nazis, die dort an der Grenze des Legalen kommentieren, vermutlich auch ohne Internet und ohne Facebook Nazis. Das soll nicht heißen, dass Facebook sich aus der Pflicht stehlen kann. Es soll heißen, dass wir aufhören sollten, einen künstlichen Unterschied zwischen Online und Offline zu bedienen.

Das macht Jochens Text übrigens inhaltlich nicht schlechter und ich schreibe dies auch nicht als inhaltliche Kritik, sondern als Hinweis darauf wie groß der digitale Graben in diesem Land noch ist, wenn selbst so ein kluger Text noch mit diesem Unterschied hantiert.