Alle Artikel mit dem Schlagwort “sueddeutsche zeitung

Zauber der digitalen Kopie

Zum Start des jetzt.de tumblr-Blogs habe ich in der Montagsausgabe der SZ auf jetzt.de-Seite über den Zauber der digitalen Kopie am Beispiel von Tumblr geschrieben:

Die Tumblr-Nutzer stellen dabei eine Art begeisterungsfähige Festival-Öffentlichkeit dar, die sich wie vor einer sommerlichen Konzertbühne daran erfreut, einen großen Ballon auf ihren Händen in die Luft zu spielen. Doch anders als bei diesem Gruppen-Erlebnis, mit dem sich Konzertbesuch ihrer Vielzahl versichern, ermöglicht Tumblr das Unglaubliche: Hier wird der Ballon bei jeder Berührung mit einer Hand verdoppelt. Denn jeder Nutzer zeigt die Texte, Töne, Bilder (für die der Ballon metaphorisch steht) ja auch in seinem eigenen Kontext. Dadurch wird der durch die Luft fliegende Ball zu einer geradezu zauberhaften Attraktion: Er ist scheinbar überall.

10 Jahre jetzt.de

jetzt.de wird zehn – und feiert im großen Jubiläums-Sommer unter dem Motto Komm küssen: 10 Jahre jetzt.de auch eine Party: am 23. Juli im Import/Export in der Münchner Goethestraße!.

Außerdem erscheint am 8. August auch ein großes Jubiläumsheft von jetzt.de auf Papier als Beilage in der Süddeutschen Zeitung. Ein ganzes Magazin zum Thema Internet! Um die Zeit bis zur Lektüre am 8. August ein wenig zu verkürzen: Hier die offizielle Einladung an alle meine Blogleserinnen und -leser:


Kommt am 23. Juli ins Import/Export!

.

Eli Pariser in der SZ

Wenn man verstehen will, was das Zusammenwachsen der Welt im Internet bedeutet, muss man sich die Geschichte von The Filter Bubble anschauen. Es handelt sich dabei um ein Buch, das Eli Pariser über die sich verändernden Kriterien von Relevanz geschrieben hat. Es ist gerade in den USA erschienen, es wird aber bereits weltweit debattiert (zum Beispiel bei netzwertig.com und Techliberation ). Denn Pariser stellt einige sehr kluge Fragen in dem Buch. Ich habe es mit Genuß gelesen – und für das morgige SZ-Feuilleton aufgeschrieben, warum The Filter Bubble ein bedeutsamer Debattenbeitrag ist

Eli Parisers Buch ist gerade in Amerika erschienen (und für das kommende Jahr in Deutschland angekündigt). Dort sind die beschriebenen Entwicklungen weiter fortgeschritten als in Deutschland, aber sie gelten auch hierzulande. Doch die deutsche Digitalisierungsdebatte ist noch von der Überforderungsthese dominiert, der Frage nämlich, ob die Datenmenge, die das Netz produziert uns nicht den Überblick raubt. Es gibt deshalb ein verbreitetes Kokettieren mit dem Rückzug aus dem Digitalen, mit dem Rückbesinnen auf das Überblickbare. Man könnte auch Parisers Debatten-Beitrag so verstehen, aber Rückzug ist für ihn eine Idee, die nicht in Frage kommt. Im Gegenteil: Der 30-jährige Gründer der Graswurzel-Bewegung MoveOn.org thematisiert die Filter Bubble, weil er das Netz als demokratisches und demokratisierendes Medium schätzt, er will es eher stärken als eine Abkehr davon zu fordern. Sein Buch liest sich denn auch wie der Wunsch nach einer stetigen Überforderung.
(…)
Die Idee, die Pariser dabei verfolgt, ist eine Art journalistische Ethik für die filternden Netzfirmen, die als neue Gatekeeper den Nachrichtenfluss bestimmen. Er will Google und Facebook als Öffentlichkeitsakteure in die Pflicht nehmen und nicht als Dienstleister, die Informationen filtern. Der Page-Rank von Google und der Edge-Rank von Facebook, die wie Betriebsgeheimnisse gehüteten Filter-Algorithmen der Firmen, sollten, so fordert Pariser, öffentlich zugänglich sein. Er will an die demokratische Verantwortung der Anbieter appellieren und diese – so das nicht reicht – auch politisch verpflichten. Dafür greift er die Idee einer digitalen Ökologiebewegung auf, die sich für einen Umweltschutz des Informationszeitalters einsetzt und den Nutzern des Web eine Stimme verleiht. Denn entscheidend sei für das verbindende und demokratische Internet, das Pariser als Ideal beschreibt, die Vorstellung vom Nutzer als Bürger und nicht nur als Kunde und Konsument.

Hier kann man den gesamten Text bei sueddeutsche.de nachlesen.

Gasförmige Bezahldebatte

Unter dem Titel Universalcode erscheint in diesem Sommer (Herbst?) ein Buch zum Journalismus im digitalen Zeitalter. Ich habe an unterschiedlicher Stelle schon darauf hingewiesen, dass auch ich als Autor dieses Buches mitgewirkt habe. Christian Jakubetz hat jetzt das Vorwort von Heribert Prantl ins Netz gestellt. Darin wählt dieser eine Metapher für die Veränderungen unseres Berufs, die mich sehr an das GNU-Manifest erinnert hat. Prantl schreibt:

Es gibt das etwas altbackene Wort “Edelfeder” für die Journalisten, die mit der Sprache besonders behände umzugehen vermögen. Der professionelle Journalist ist, wenn man bei diesem Sprachgebrauch bleiben will, eine Art Edelblogger. Der Journalismus wird sich nicht mehr so fest wie bisher am Papier festhalten, er löst sich zum Teil davon; aber er löst sich nicht auf. Er verändert seinen Aggregatzustand, er ist nicht mehr so fest wie er es hundertfünfzig Jahre lang war, er ist schon flüssig geworden, vielleicht wird er gasförmig. Das wird ihm nicht schaden. Gase erfüllen jeden Raum.

Er illustriert damit, wie die Ablösung der Daten vom Träger den Journalismus verändern. Das Zitat bezieht sich vor allem auf die Abwertung des Online-Journalismus im Vergleich zum Offline- bzw. Print-Journalismus, die Prantl für überkommen und falsch hält. („Der gute klassische ist kein anderer Journalismus als der gute digitale Journalismus.“) Ich lese das Zitat aber auch als Ansatz für die Debatte ums Bezahlen im digitalen Raum. Denn im so genannten GNU-Manifest der Freien Software Bewegung wird eine Metapher gewählt, die der von Prantl sehr ähnlich ist. Dort heißt es:

Stellen Sie sich eine Raumstation vor, in der die Luft zu hohen Kosten hergestellt werden muß: Es mag fair sein, Atemluft pro verbrauchten Liter zu berechnen, aber das Tragen von Gasmasken mit Meßeinrichtungen – Tag und Nacht – ist intolerabel, selbst wenn der Luftpreis für jeden erschwinglich ist. Und allgegenwärtige Fernsehkameras, die überwachen, ob jemand die Maske abnimmt, sind abscheulich. Es ist besser, die Luftanlage durch eine Kopfsteuer zu finanzieren und die Masken wegzuwerfen.

Mir ist diese Parallele aufgefallen. Ich möchte sie festhalten. Denn sie öffnet vielleicht eine neue Ebene im Nachdenken übers Bezahlen im digitalen Raum. Wie nötig diese ist, hat gerade erst die Auseinandersetzung um die Kulturwertmark gezeigt.

Denn glaubt man den Verfassern des GNU-Manifests, hat die digitale Kopie unsere Branche in den Zustand dieser Raumstation versetzt:


Das ganze oder teilweise Kopieren eines Programms ist für einen Programmierer so natürlich wie Atmen – und so produktiv. Es sollte genauso frei sein.

Das Buch Universalcode erscheint in Kooperation mit der Plattform euryclia, wo man es auch vorbestellen kann.

Liveexperiment: Online-Journalist sein

Man kann das als Bedrohung sehen. Oder doch besser als faszinierendes Liveexperiment bei der vierten Gewalt, an dem man teilnehmen darf. Wenn der Job mal nervt, sollte man sich immer klarmachen: In einigen Jahrzehnten wird man seinen (womöglich genervten) Enkeln erzählen, wie man den Onlinejournalismus mit erfunden hat.

Der Kollege Stefan Plöchinger wird in Kürze seinen Job als Chefredakteur bei sueddeutsche.de antreten. Vorher hat er für Christian Jakubetz‘ Journalistenbuch einen Text übers Blattmachen im Netz verfasst (hier eine Leseprobe), den ich jedem und jeder dringend zur Lektüre empfehle.

Außerdem gibt es hier weitere Informationen zu dem Buch – sowie die Möglichkeit, das Buch direkt zu bestellen.

Das neue Familienbild

In der heutigen Wochenendbeilage der Süddeutschen Zeitung erscheint unter dem Titel Das ganze Web schaut zu ein Text von mir über Eltern auf Facebook und YouTube. Anlass sind Clips wie dieser hier von der damals vierjährigen Hannah …

… und die zahlreichen Fotos, Filme und Fußabdrücke von Kindern im Netz, die zum Teil nicht mal laufen können:

Es wäre zu leicht, diese Entwicklung mit der gleichen Geringschätzung zu beurteilen, die bisher viele jugendliche Netznutzer erfahren haben, weil sie dort angeblich nur ihrem übersteigerten Mitteilungsbedürfnis nachgehen. Denn die Tatsache, dass es eine Spur gibt, muss nicht bedeuten, dass diese derart tränenreich ist wie bei Hannah. (…) Die Zahlen der Studie zeigen zunächst, wie selbstverständlich die Möglichkeiten des Netzes mittlerweile eben nicht nur von Digital Natives genutzt werden – und sie zeigen, wie wenig die Gesellschaft bisher gelernt hat, damit umzugehen. (…) Die meisten Menschen und auch die jungen Eltern nutzen die Technik, um mit Freunden und der Familie zu kommunizieren. Sie bedenken nicht, dass diese neue Form der Kommunikation auch eine neue Form der Öffentlichkeit erreicht – eine, die über den angenommenen privaten Rahmen eines sozialen Netzwerks hinausgeht.

Völker, schaut auf diese Kommentarspalte!

Wann haben das letzte Mal so viele Journalisten weltweit auf die Kommentarspalte unter einem Artikel geschaut wie jetzt gerade? Vermutlich noch nie. Die Server beim Guardian scheinen jedenfalls Probleme damit zu haben, das Interesse an den Live-Antworten von Julian Assange zu bündeln.

Von überall her wird auf die Seite verlinkt, sogar Bild.de verfolgt im Live-Chat, was dort passiert (erstaunlich, dass dieser Live-Chat nahezu ohne externe Verlinkung auskommt). Und abgesehen von dem, was Assange dort wohl sagen wird, sollten wir uns diesen Moment merken. Er beweist nämlich, was die Stärke des Online-Publizierens ist:

1. Es findet live statt.
2. Es ist interaktiv.
3. Es ist verlinkbar.

Wie schön wäre es, würden wir uns dieser Stärken viel häufiger bewusst. Toll, dass der Guardian der Welt vorführt, wie es (trotz technischer Mängel) geht. Hier stellen nicht Journalisten irgendwelche Fragen, sondern die Nutzer. Und alle schauen zu.

P.S.: Wem die Wartezeit zu lang dauert, dem sei der Text von Nicolas Richter zu Julian Assange aus der heutigen SZ zur Lektüre empfohlen.

Die Datenbefreier: Lesetipps

Unter dem Titel Die Daten sind frei schreibt der Kollege Andrian Kreye heute über WikiLeaks und den Aufstieg der Hacker. Darin heißt es:

Dieses Grundgefühl der Verfolgung teilen die meisten Hacker. Ebenso wie die Auffassung, letztlich vielleicht nichts Erlaubtes, aber jedenfalls nichts Böses zu tun. Die Mentalität des Hackens wurzelt tief in der Lust der Naturwissenschaften am Experiment und am Nervenkitzel der mathematischen Problemlösung. Und dazu gehört auch der Spaß, Dinge zu tun, nur weil sie technisch möglich sind. Das sind Reizschemen, die nur wenige Menschen in Euphorie versetzen. Auch deshalb ist die Subkultur der Hacker so schwer verständlich. Das Selbstverständnis der Hacker aber gründete sich in einem Credo, das letztlich ein mathematisches Pendant zum Grundsatz der Aufklärung ist: Alle Daten sind frei.

Das Spannende an dem Text: Er erscheint zur gleichen Zeit wie das Time-Stück The Men Who Stole the World, in dem das Time-Magazin dem Schicksal von Hackern nachspürt, die musikalische Daten befreit haben.

Der Text handelt von Shwan Fanning (dem Napster-Gründer), von dem als DVD-Jon bekannt gewordenen Jon Lech Johansen, von WinAmp-Erfinder Justin Frankel und von Bram Cohen, dem Erfinder von BitTorrent. Er ist sehr lesenswert und müsste eigentlich noch um Peter Sunde ergänzt werden – der hier schon mal als Flattr-Gründer auftauchte und gerade von sich reden macht, weil er attempting to create p2p alternative to ICANN.

Achtung: Urheberrechtsverletzung!

Vielmehr muss man anerkennen, dass das digitale Kopieren für viele Menschen zu einem selbstverständlichen Bestandteil ihres Alltags geworden ist, der sich kaum vom Hören eines Lieds im Radio unterscheidet. Dabei hat niemand das Gefühl, einen Raub oder Diebstahl zu begehen.

Dennoch hat man auch hier Modelle gefunden, die eine angemessene Vergütung der Künstler und Interpreten sicherstellen. Es haben sich Geschäftsansätze gefunden, die trotz der unkontrollierten Verbreitung von Musik im Radio, die Vergütung der Musiker und Verwerter garantieren.

Solche Modelle auch für den digitalen Raum zu finden, ist die große Herausforderung für die Organisation von Wissen und Information im Internet. Ein Themengebiet, das nicht wenige Netzpolitiker für ähnlich bedeutsam halten wie die Organisation von Arbeit im 20. Jahrhundert, dem klassischen Themenfeld einer Gewerkschaft.

Für die morgige Ausgabe der Süddeutschen Zeitung habe ich einen Text über das verdi-Positionspapier zum Urheberrecht geschrieben. Mehr zum Thema gibt es beim Kollegen Spielkamp, bei iRights.info und bei netzpolitik

Was wir vom Facebook-Film lernen können

what’s important here is that Zuckerberg’s genius could be embraced by half-a-billion people within six years of its first being launched, without (and here is the critical bit) asking permission of anyone. The real story is not the invention. It is the platform that makes the invention sing. Zuckerberg didn’t invent that platform. He was a hacker (a term of praise) who built for it. And as much as Zuckerberg deserves endless respect from every decent soul for his success, the real hero in this story doesn’t even get a credit. It’s something Sorkin doesn’t even notice.

Lawrence Lessig hat in The New Republic den morgen in Deutschland startenden Facebook-Film rezensiert. Sein Text Sorkin vs. Zuckerberg ist aber weniger eine Besprechung des Films als eine Zeitdiagnose – und ein Vorwurf an Drehbuchautor Sorkin, eine bedeutsame politische Ebene nicht mal erkannt zu haben.

Tobias Kniebe überträgt das in seinem lesenswerten Texte heute im Feuilleton der SZ auf eine weniger juristische Ebene. Und die im Rahmen des Twitter-Relaunchs zitierte Megan Garber notiert im Nieman Journalism Lab, welche Bedeutung der bisher vernachlässigte Rückkanal in dem Film bekommt. Damit aber erstmal genug der Facebook-Film-Lesetipps.