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Der Unterschied zwischen einer Debatte und einer Diskussion

Jakob Augstein spaziert gemeinsam mit Julia Reda durch einen sonnigen Park in Brüssel. Die beide sprechen über den demokratischen Streit. Und nach ein paar Schritten macht Julia Reda einen Vorschlag, den ich bedenkenswert finde. Es ist der Unterschied zwischen einer Debatte, die öffentlich mit dem Ziel geführt wird, den eigenen Standpunkt deutlich zu machen, aber keinesfalls zu ändern. Und auf der anderen Seite einer Diskussion, die auf die Kraft des besseren Arguments setzt und anerkennt, dass die Gegenposition richtig sein könnte – also einschließt, dass man die eigene Meinung ändern kann.

Die Szene stammt aus dem Film „Die empörte Republik“, der diesen Samstag in 3Sat läuft. Für dieses Filmessay hat Tim Klimes* den Journalisten und Verleger Jakob Augstein nach München, Berlin und eben Brüssel begleitet – auf der Suche nach den Grundlagen und Treibern deutscher Debattenkultur.

Herausgekommen ist ein unbedingt sehenswerter Film, in dem man eine Menge Dinge über den deutschen Journalismus lernen kann (im Garten von Jan Fleischhauers Haus steht ein Lastenfahrrad), aber vor allem über die Art und Weise wie die Gesellschaft ihre Debatten führt. Augstein besucht dabei neben Stefan Aust und Jan Fleischhauer auch die Kulturwissenschaftlerin Inge Baxmann, Isabelle Sonnenfeld von Google und eben Julia Reda in Brüssel. Zwischendrin kommentiert er und ordnet die Besuche ein. Das ist auf eine angenehme Weise gefärbt und lässt die Offenheit, auch andere Schlüsse als Augstein zu ziehen.

Denn darum geht es in diesem Beitrag: dass der demokratische Austausch davon lebt, andere Positionen zu kennen und anzuerkennen. Augstein selber schlägt dabei im Gespräch in Brüssel die Abstufung „Verstehen, Verständnis und Einverständnis“ vor und warnt davor, dies gleichzusetzen. Ein Thema, das auch hier im Blog und im Debatten-Experiment mit der SZ immer mal wieder Thema war. Dabei finde ich die Unterscheidung, die Julia Reda vorschlägt, besonders hilfreich. Auch weil sie daran erinnert, dass die Frage, wo der Hass im Netz herkommt auch eine ist, die man Google, Facebook und Twitter stellen muss – aber zunächst mal ein gesellschaftliches Phänomen, das vielleicht auch von den bewussten Provokationen stimuliert wird, von den Jan Fleischhauer spricht. Denn vielleicht sind die öffentlichen Debatten gar nicht darauf angelegt, die eigene Meinung in Frage zu stellen. Vielleicht geht es dabei tatsächlich einzig darum, den eigenen Standpunkt zu vertreten und öffentlich bekannter zu machen. Vielleicht ist das der Grund, warum Talkshows so oft scheitern. Wenn das so ist, müsste man privatere Räume schaffen, in denen man sich in Diskussionen rausnimmt, unrecht zu haben. Räume für Diskussionen, in denen es darum geht, die eigene Meinung auch zu ändern.

*Offenlegung: Ich bin persönlich mit Tim Klimes bekannt und würde womöglich auch schlechte Filme von ihm gut finden. Da ich ihn aber schon lange kenne, kann ich mit Gewissheit sagen: er würde keine schlechten Filme machen. Deshalb und weil die Kollegin Elisa Britzelmeier hier eine unabhängigere Empfehlung ausgesprochen hat: Angucken ;-)

loading: Shelfd

„Die Mediatheken sind voll“ steht über dem Eintrageformular für den Newsletter, den Shelfd wöchentlich verschickt. Er bringt Übersicht in das Angebot der Mediatheken. Für dieses Angebot haben die Filmfreunde von Shelfd gerade ein Crowdfunding auf steady gestartet – und schon die Hälfte des Ziels erreicht.

David Streit hat den loading-Newsletter beantwortet

Was macht ihr?
Wir empfehlen Videos aus den Mediatheken, die man nicht verpassen darf. Seit Ende 2015 ist unser wöchentlicher Newsletter mit den besten kostenlosen Spielfilmen, Dokumentationen und Serien auf über 5.000 Abonnenten angewachsen. Das freut uns riesig! Vor zwei Wochen haben wir mit Shelfd.com nun erstmals ein eigenes Zuhause für unsere Streaming-Tipps gelauncht. Im Feed findest du immer die neuesten Videos.

Warum macht ihr es (so)?
Als Film-Nerds lieben wir gute Unterhaltung! Aber weil einem immer mehr Inhalte zur Verfügung stehen, haben wir erkannt wie wichtig ehrliche Empfehlungen sind. Darum behalten wir für unsere Lesern und Besuchern die deutschen Mediatheken im Blick und helfen bei der Vorauswahl. Das wöchentliche Newsletter-Format ist deshalb besonders spannend, weil die meisten Filme ja bereits nach ein paar Tagen wieder aus der Mediathek verschwinden.

Wer soll sich dafür interessieren?
In einer Umfrage unter unseren Lesern haben wir erfahren, dass viele den Überblick auf Shelfd schätzen. Wir decken eben nicht nur einen Film-Geschmack oder einen Sender ab, sondern haben von allem etwas. Die Tipps sind tagesaktuell und wir erübrigen das lange Durchstöbern der vollen Mediatheken.

Wie geht es weiter?
Unser nächster Schritt ist die Individualisierung: unterschiedliche Tipps für jeden Nutzer. Unter Shelfd.com/Beta-Liste kann man sich schon für den ersten Testlauf ab Mitte Juni bewerben. Danach sollen Nutzer auch eigene Regale mit Video-Empfehlungen pflegen können. Shelfd soll den Zugriff auf Medien vereinheitlichen und beim Entdecken von neuen Inhalten helfen.

Was sollten mehr Menschen wissen?
Dass die Sender ihren schlechten Ruf nicht verdienen. Die ARD-Mediathek bietet zum Beispiel viel mehr als den letzten Tatort an. Die echten Highlights verstecken sich aber oft in Kategorien wie „Film-Mittwoch im Ersten“. Wir wollen ein Umdenken in den Köpfen der Menschen anstoßen: Auf Shelfd zeigen wir, was sie eigentlich alles für ihren Rundfunkbeitrag bekommen.

>>> Hier das Projekt Shelfd auf Steady unterstützen

Unter dem Schlagwort loading stelle ich in loser Folge handgemachte bzw. Crowdfunding-Projekte vor, die spannend sind und/oder für eine neue Bezahlkultur stehen. Das mache ich (auch), weil mein aktuelles Buch ebenfalls über Crowdfunding verfügbar gemacht wurde – und ich deshalb einen Ratgeber zum Crowdfunding geschrieben habe. Man kann den loading-Ideen im Blog folgen (hier den RSS-Feed zum Schlagwort „loading“ in den Reader nehmen) oder einen Newsletter mit den Vorschlägen abonnieren:


Der Monat, in dem das Fernsehen starb (Digitale April-Notizen)

Dieser Text ist Teil der April-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann!

Er ist Geheimagent im Auftrag seiner Majestät. Er ist körperlich durchtrainiert und technisch perfekt ausgestattet. Kein noch so aussichtsloser Auftrag ist zu kompliziert für ihn: Daniel Craig ist der aktuelle James Bond-Darsteller. Daniel Craig ist ein Mann für unlösbare Aufgabe und deshalb schafft Daniel Craig beim Fernsehen sogar das hier: Eine Szene wiederholen.

Eine deutschlandweite Plakatkampagne wirbt derzeit dafür. Testimonial Daniel Craig sitzt dabei in grüner Strickjacke auf dem Sofa und zielt mit einer Fernbedienung in Richtung des Zuschauers. Denn für James Bond, sagt dieses Plakat, ist „nichts leichter“ als eine Szene zu wiederholen.

Ich musste den Blick aufs Plakat mehrfach wiederholen. Zu unglaubwürdig erscheint mir die Kampagne. Die Fallhöhe zwischen testosteron-getränkter Männlichkeit einerseits und Banalität der Aufgabe andererseits wirkt auf mich als würde James Bond sagen: „Eine Banane ohne Schale essen? Nichts leichter als das“.

Diese Kampagne rückt nicht die Superkräfte des Geheimagenten ins Blickfeld, sondern seine fehlende Gegenwart. Nicht nur Netflix oder Amazon Prime scheinen ihm unbekannt, auch die Mediatheken nutzt er offenbar nicht. Dieser Geheimagent lebt so selbstverständlich in einer einzig linearen, klassischen Fernsehwelt, dass er sie sogar zum Maßstab für sein Handeln erhebt.

Dies trifft aber natürlich nicht nur auf das Werbetestimonial Daniel Craig zu. Es trifft vor allem auf diejenigen zu, für die diese Werbung gemacht ist. Es scheint in diesem Land noch eine Menge Menschen zu geben, die staunen, wenn jemand behauptet, er könne eine Szene im Fernsehen wiederholen. Im Bild mit der Banane heißt das: Mit dem Entfernen der Schale kann man offenbar tatsächlich Leute beeindrucken.

Ich finde das interessant, weil diese merkwürdige Kampagne in den gleichen Monat fällt, der für mich als derjenigen in Erinnerung bleiben wird, in dem klassisches Fernsehen für mich starb. Die Abschaltung des DVB-T-Signals markiert für mich den Zeitpunkt, an dem ich aufgehört habe, die Art von Fernsehen anzuschauen, bei der man keine Szene wiederholen kann.

Es ist erwähnenswert, sich diesen Monat zu merken. Denn in nicht allzu ferner Zukunft wird sicher jemand fragen: Wann haben wir eigentlich aufgehört auf die Weise Fernsehen zu schauen wie unsere Eltern es getan haben? Ich weiß, was ich dann antworten werde: Im April 2017 – als das DVB-T-Signal abgeschaltet wurde.

Dass ich in diesem Monat auch von den Plänen von Mark Zuckerberg las, brachte mich dazu, diesem Text einen über mein eigenes Fernsehverhalten hinaus deutenden Titel zu geben. Die New York Times zitiert den Facebook-Chef mit den Worten: „Denken Sie an all die Dinge, die uns umgeben, die nicht zwingend physische Objekte sein müssen. Statt ein TV-Gerät für 500-Dollar zu kaufen, kann man sich Fernsehen auch in einer App für einen Dollar vorstellen.“

Zuckerberg bezieht sich damit auf eine Form der erweiterten Realität, die er in Facebook mit Hilfe einer Kamera erschaffen will. Pokemon-Go-Spieler kennen das Prinzip der so genannten augmented reality aus eigener Anschauung. Facebook will diese Technologie in einer Art nutzen, die ich im Metabuch als Ende des Durchschnitts beschreibe. So skizziert Zuckerberg die Idee einer freien Wand, die erst durch den Blick durch die Facebook-Kamera einen Inhalt freilegt – womöglich abhängig von denjenigem, der durch die Kamera blickt. Auf das eingangs zitierte Plakat übertragen, kann das heißen: Auf der Werbefläche könnten unterschiedliche Motive angezeigt werden – abhängig davon, wer vor das Plakat tritt.

All das befindet sich noch im Planungsstatus und es gibt nicht wenige, die behaupten, Zuckerberg werde sich damit nicht durchsetzen. Für meinen Blick auf „Fernsehen“ im April 2017 ist dieser Teil aber fast unbedeutend. Denn wann es kommt und von wem es zuerst eingeführt wird, ist nachrangig im Vergleich zu dem Ausblick auf das, was Fernsehen einmal sein kann – nach seinem Tod im April 2017.


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen, in dem man mir beim Denken zusehen kann.

In diesem Newsletter sind z.B. erschienen: „Fairer Teilen“ (März 2017) „Streiten lernen – für ein besseres Internet“ (Januar 2017), „Digitaler Heimat- und Brauchtumsverein“ (Oktober 2016), „Ein Dutzend Ideen für die Journalistenausbildung“ (September 2016) „Kulturpragmatismus“ (Juni 2016), „Denke kleiner“ (Februar 2016 ) „Social-Media-Gelassenheit“ (Januar 2016).

Journalismus zum Lachen

Wer ein einmütiges Kopfnicken herbei führen will, sollte in einer Gruppe sich modern verstehender Journalisten den Namen „John Oliver“ fallen lassen. Sofort nickt es los. Denn seine Sendung „Last Week Tonight“ gilt bei vielen Kolleginnen und Kollegen als gute Kombination aus den Faktoren Recherche, Sprache und Witz. Spätestens seit seiner Sendung über Netzneutralität wird er auch hierzulande so ausgiebig geliked, dass durchaus erkennbar ist, wo Jan Böhmermann sich für seine „Eier aus Stahl“-Rubrik inspirierte.

In dieser Woche zog John Oliver einige Aufmerksamkeit auf sich, weil er Edward Snowden in Moskau interviewte. Eine Tätigkeit, die eher Journalisten als Komikern zuzuschreiben ist. Und so verwundert es auch nicht, dass der unlängst verstorbene David Carr den Journalisten Komiker Oliver schon im November 2014 mit der These konfrontierte, dass seine Sendung eine neue Form des Journalismus sei. John Oliver verneinte dies damals entschieden:

“We are making jokes about the news and sometimes we need to research things deeply to understand them, but it’s always in service of a joke. If you make jokes about animals, that does not make you a zoologist. We certainly hold ourselves to a high standard and fact-check everything, but the correct term for what we do is ‘comedy.’ ”

Das brachte ihm wiederum den Einwurf des Time-Magazin ein, dass er selbstverständlich ein Journalist sei. Ein im Kern mittelspannendes Hin und Her, das aber auf ein wichtigeres Thema verweist, auf die Frage nämlich welche Wege Journalismus sich in einer sich verändernden Medienwelt sucht.

Schon im Fall von Buzzfeed konnte man die Frage aufwerfen: Ist das Journalismus? Im Fall von John Oliver – oder hierzulande bei Böhmermann und der Anstalt ist sie ebenfalls mit „ja“ zu beantworten. Es ist eine sehr unterhaltende Art des Journalismus – eine, die sich dem Kampf um Aufmerksamkeit stellt. Der Kollege Christian Helten beschrieb das unter dem Titel „Witze sind die neue Nachrichten“ mal so:

Als Zuschauer weiß man irgendwann: Bei „Last Week Tonight“ kann ich mich zehn Minuten amüsieren. Und gleichzeitig lerne ich meistens etwas Relevantes, das ich noch nicht wusste.

Die ZDF-Satiresendung Die Anstalt am 31. März machte sich zum Beispiel die Mühe, Informationen, die durchaus auch in anderen Medien verfügbar sind, auf eine Art aufzubereiten, die so greif- und teilbar ist, dass sie Emotionen weckt und nutzt. Darüber kann man streiten, dass dieses Mittel dem Journalismus aber nicht fremd ist, kann man in jeder mittelguten Reportagen nachlesen.

Schon auf den Medientagen 2013 sagte Richard Gutjahr: „Das härteste politische Nachrichtenformat im Fernsehen ist derzeit die heute-show im ZDF“, und er schob nach: „Und das macht mir Angst.“ Angstvoll muss man das meiner Meinung nach nur dann betrachten, wenn andere davon nicht lernen. Und die Gefahr sehe ich vor lauter nickender Journalisten im Fall von John Oliver nicht.

loading: st_ry

Bei der republica wurde er als „Posterboy des crowdfunded Journalism“ in Deutschland angekündigt: Daniel Brökerhoff will mit seinem Format st_ry neu denken. Auf der Startnext-Seite heißt es: „st_ry ist ein Web-Doku-Format, das von jungen, professionellen Fernsehmachern gestaltet und produziert wird. Im Mittelpunkt steht unser Reporter Daniel Bröckerhoff, der sich gemeinsam mit Euch auf die Suche nach Antworten macht.“

Daniel hat den loading-Fragebogen beantwortet.

Was macht Ihr?
„st_ry – deine doku“ ist ein interaktives journalistisches Experiment. Über einen Zeitraum von sechs Monaten gehe ich einem großen Thema auf den Grund: „Ich will meine Daten zurück!“ Nicht erst seit dem PRISM-Skandal der amerikanischen Staatsschnüffler fragen wir uns, wer eigentlich was genau von uns weiß. Das Thema Datensouveränität – also die Hoheit von uns Bürgern über das, was mit unseren Daten passiert – fängt schon bei der ganz alltäglichen Zalando-Werbung an, die uns seltsam genau kennt, oder bei der Bank, die uns nach einem Wohnortwechsel plötzlich weniger Dispo geben will.

Die Nutzer, also die Mitglieder der Crowd, sind von Anfang an dabei: Als Unterstützer des Projekts entscheiden sie mit, wo die nächste Recherchereise hingeht und welchen Weg meine Mission nimmt, welchen Fragen wir uns widmen und was ins Zentrum der Recherche gestellt wird. Wir gehen nicht los mit einer vorgefertigten Arbeitsthese. Wir wollen sehen, wie die Welt da draußen wirklich ist. (Das Konzept heißt „Open journalism“ und ich habe es es auf der Internetkonferenz re:publica vorgestellt).

st_ry ist vor allem auch ein Crowdfunding-Projekt: Wir wollen die komplette Doku unabhängig finanzieren, direkt unterstützt von den Menschen, um die es geht: dem Publikum.

Warum (macht Ihr es so)?
Wichtigster Grund: Weil wir ausprobieren wollen, ob es auch so geht, wie wir es uns vorstellen. Und weil wir sehen wollen, ob aus der guten alten Tante Journalismus nicht doch ein frisches, junges Ding gemacht werden kann. Das Internet gibt uns mehr Möglichkeiten, als Journalisten sie jemals zuvor hatten – wir nutzen sie. Auf unserem bisherigen Weg haben wir allerdings schon festgestellt, dass das leichter gesagt als getan ist. Viele Interessierte haben sich von Anfang an mit großem Eifer an unserer offenen Arbeitsweise beteiligt. Das breite Publikum dagegen (das ja auch was von unserer Reportage haben soll) scheint noch etwas ratlos vor unserem Projekt zu stehen und sich zu denken: „Und was hab ich davon?“

Dieses legitime Interesse – einfach einschalten dürfen, zuschauen, und hinterher mehr wissen als zuvor – werden wir jetzt, nachdem wir in Absprache mit der Plattform startnext unser Crowdfunding-Projekt bis zum 16. August verlängert haben, mehr in den Fokus rücken. Im Juli werden wir eine erste komplette Ausgabe unserer Doku-Reihe produzieren. Damit wollen wir auch jedem ganz normalen Zuschauer, der keine Zeit oder keine Lust auf intensiven Mitmach-Journalismus hat, zeigen, dass ihn das Thema Datensouveränität jeden Tag betrifft und es sehr wichtig ist, ein gut recherchiertes Doku-Stück darüber zu produzieren.

Wer soll das anschauen?
Alle, die sich für Datenschutz interessieren, mehr darüber wissen wollen und sich nicht mit schwarz-weiß Antworten zufrieden stellen. Alle, die ein neues Stück Netzjournalismus mitgestalten möchten und dabei zusehen wollen, wie eine Reportage-Reihe entsteht, bei der sie mitreden dürfen. Alle, die in unserer von Daten regierten Welt leben; alle, die sich schon mal gefragt haben, warum sie welche Werbeanzeigen im Netz serviert bekommen und wer mit dem Wissen über ihr persönliches Leben jeden Tag Geld verdient.

Wie geht es weiter?
Wir werden bis spätestens Ende Juli die erste Ausgabe unserer Doku der Öffentlichkeit präsentieren und zeigen, was st_ry Tolles für das Fernsehen im Netz leisten kann. Bis zum 16. August 2013 sammeln wir die Finanzierung für unser Projekt auf startnext.de/strytv. Wenn die stolze Summe von 42.000 Euro – für 60 Minuten Doku, für ein Team von 15 erfahrenen Macherinnen und Machern, für ein dreiviertel Jahr intensiver Arbeit – zusammenkommt, werden wir die restlichen fünf Folgen st_ry bis Januar 2014 produzieren und jeden Monat etwa zehn neue Doku-Minuten ins Netz stellen.

Was sollten mehr Menschen wissen?
Wie Journalismus funktioniert, nach welchen Kriterien Journalisten entscheiden und auswählen, wie sie arbeiten und denken. Wie eine Reportage entsteht, was dabei beachtet werden muss und dass die Welt nicht so schwarz-weiß ist, wie es Journalismus uns heute oft glauben machen will.

>>> Hier kann man Daniels Projekt unterstützen!

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Unter dem Schlagwort loading stelle ich in loser Folge handgemachte bzw. Crowdfunding-Projekte vor, die spannend sind und/oder für eine neue Bezahlkultur stehen. Das mache ich (auch), weil mein aktuelles Buch ebenfalls über Crowdfunding verfügbar gemacht wurde. Man kann den loading-Ideen im Blog folgen (hier den RSS-Feed zum Schlagwort „loading“ in den Reader nehmen) oder einen Newsletter mit den Vorschlägen abonnieren:


Pressefreiheit am Gericht


Die BR-Sendung quer berichtete gestern (im Rahmen einer vom so genannten Teletwittern begleiteten Sendung) über die Störversuche von Neonazis, die bei öffentlichen Sitzungen vor Gericht Journalisten in ihrer Arbeit behindern. Gerhard Zierl, Präsident des Amtsgericht München, wird in dem Beitrag von Max Ringsgwandl und Christoph Thees zu den Vorfällen befragt – auch dazu wie man angemessen reagieren sollten. Seine Antwort ab 4.33 Min in dem Beitrag:

Wenn Sie mich schon fragen, wie man solche Störungen zukünftig verhindern kann … ich will das eigentlich nicht … aber man müsste und könnte daran denken, im Gerichtsgebäude ein Film- und Fotografierverbot zu erlassen. Dann habe ich diese Problematik nicht mehr.

Mehr zum Thema auch in der NDR-Sendung Zapp

Der schwarze Spiegel

Gestern riefen die Universalcode-Kollegen Richard Gutjahr und Markus Huendgen den Tod des Fernsehens aus. Gestern sah ich eher durch Zufall wie lebendig Fernsehen sein kann.

Ich habe keine Ahnung vom Fernsehen. Ich schalte es dann und wann ein, aber wie es gemacht wird, weiß ich nur vom Zuschauen. Deshalb kann ich eigentlich nicht beurteilen, ob stimmt, was Richard und Markus behaupten. Das Fazit jedenfalls ist vermutlich nicht falsch:

Die Art und Weise, wie wir fernsehen, wird sich radikal wandeln. Und das in nicht allzu ferner Zukunft.

Allerdings muss man nicht die One-Percent-Regel bemühen, um festzustellen: weite Teile des Fernsehens werden auch bleiben wie sie sind. Vor allem wenn sie so gut sind wie Black Mirror, eine dreiteilige britische Serie aus der Feder von Charlie Brooker.

Der Guardian-Kolumnist und TV-Macher hatte zum Attentat von Oslo einen beeindruckenden Text geschrieben und strahlt mit seinen pointierten Beobachtungen bis auf den Kontinent. So las ich auch mit großem Interesse, dass er einen Dreiteiler konzipiert hat, der auf klassische Art wie Fernsehen funktioniert. Drei Episoden mit je 45 Minuten, die sich mit der Frage befassen, wie die digitalisierten Medien und die von ihnen (und den aktiven Rezipienten) geschaffene sich verändernde Öffentlichkeit unsere Perspektive auf das Leben verändern. Das klingt nach einem Essay-Thema, Brooker schafft es aber, diese Fragen auf eine zeitgemäße filmische Art zu stellen, die mindestens die Intensität eines guten Textes erreicht.

Ich kann das alles behaupten, weil ich gestern durch einen glücklichen Zufall die National Anthem genannte erste Folge sehen konnte und noch immer begeistert bin. Denn Black Mirror ist für mich die Art von Fernsehen, die den gemeinschaftsstiftenden Sinn von Storytelling erfüllt. Eine Geschichte, die einer sich im Wandel befindenen Gesellschaft hilft, sich selbst zu vergewissern, ihre Vorgaben und Regeln zu überprüfen und die Gemeinsamkeiten aufdeckt bzw. sichtbar macht. Und all das gelingt durch nichts anderes als durch herausragendes dramaturgisches Erzählen.

In der offiziellen Presseverlautbarung sagt Brooker über die Serie:

It combines satire, technology, absurdity, and a pinch of surprise, and it all takes place in a world you almost – almost – totally recognise. It changes each week – like the weather, but hopefully about 2000 times more entertaining.

Was das konkret heißt: Der fiktive britische Premierminister soll sich öffentlich demütigen lassen (es geht um einen Geschlechtsakt mit einem Schwein, der live im Fernsehen übertragen werden soll). Das fordert ein Entführer, der eine Prinzessin des englischen Königshauses in seiner Gewalt hat. Nicht nur die Grundsituation erfüllt alle von Brooker genannten Kriterien, auch die Entwicklung der Geschichte zeigt, wie sich medialisierte Öffentlichkeit verändert. Wie gelingt es, das Erpresser-Video zu unterdrücken, wenn es zum Zeitpunkt, an dem es in Downing Street 10 ankommt, bereits mehrere tausend Mal auf YouTube angeschaut wurde? Wie reagiert die Öffentlichkeit auf die Versuche, Berichterstattung zu beeinflußen? Und vor allem wie ist das mediale Ökosystem gestrickt, wenn ein Lösegeld in Form von öffentlicher Demütigung gezahlt wird?

All diese Frage werden auf eine Art und Weise durchgespielt, die mich beeindruckt hat. Und das ist vermutlich die wegweisendste Veränderung an dieser neuen alten Art des Fernsehens: Es ist trotz aller Geoblocking-Grenzen globaler als wir denken. Es beschränkt sich nicht auf das nationale Sendegebiet öffentlich-rechtlicher Anstalten, sondern ist weböffentlicht. Wenn daraus für die Anbieter hierzulande der Druck erwachsen würde, ein Vorbild wie Black Mirror (oder unlängst Sherlock Holmes) zur Inspiration zu nutzen wäre für mich als Zuschauer schon viel gewonnen.

Am kommenden Sonntag läuft übrigens der zweite Teil von Black Mirror:



Deutscher TV-Durchschnitt

Wenn Gottschalk, Schmidt und Wallraff die Standards im deutschen Film und Fernsehen setzen, dann kann es in der Qualitätsdebatte nicht weitergehen, dann werden das deutsche Fernsehen und der deutsche Journalismus nie die Qualitätssprünge tun, die sie tun müssen, um in einer Welt der digitalen Medien noch eine Existenzberechtigung zu haben.

Andrian Kreye bilanziert als Der Feuilletonist das deutsche TV-Wochenende.