Der monatlicher Meme- und Netzkultur-Check: was passiert im Netz (überwiegend in hochformatigen Videos), was so wichtig ist, dass du es nicht verpassen solltest? Antworten auf diese Frage liefern die Netzkulturcharts.
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Platz 1: Punch und das Ikea-Stofftier
Die Welt schaut nach Ichikawa, eine Stadt am Ostrand von Tokio. Im Ichikawa City Zoological and Botanical Garden spielt die Geschichte vom kleinen Makaken-Äffchen Punch, der von seiner Mutter verstoßen wurde. Der Zoo dokumentiert dieses Schicksal des kleinen Affen, der nun von Pflegern von Hand aufgezogen wird, auf Social-Media – und die Welt schaut zu: denn Punch hat sich ein Kuscheltier als Ersatz gesucht. Das Djunglskog genannte Orang-Utan-Stofftier aus dem schwedischen Möbelhaus Ikea.
Die Geschichte sorgt nicht nur für einen Besucher:innen-Ansturm im Ichikawa City Zoo – auch online berührt die Geschichte zahlreiche Menschen und das Geschäft von Ikea. Das Stofftier ist ausverkauft und wird zu hohen Preisen auf Second-Hand-Plattformen gehandelt. Und Social-Media-Redakteur:innen überall auf der Welt nutzen die Geschichte, um Ruhm vom bekanntesten Tier des Monats Februar abzubekommen.
Stephen Colbert hatte das Stofftier in der Sendung, PETA Deutschland hat sich geäußert – und irgendwer hat Punch einen eigenen Instagram-Account angelegt.
Platz 2: Reasons to stay
Derzeit ist viel von den Nachteilen von Social-Media die Rede. So sehr, dass ich mir in diesem Monat die Adresse social-media-scham.de reserviert habe – weil mir das Zeitgeistphänomen so dominant erscheint. Ben West liefert dieser Tage aber auch ein Beispiel für das Gegenteil: für den Wert von Social-Media. Acht Jahre nachdem sich sein Bruder das Leben nahm, postet Ben ein Video, in dem er sich darüber freut, dass seine Suizid-Präventionsseite, die er nach dem Tod seines Bruders startete, Erfolge erzielt: reasonstostay.co.uk
Wie toll die Arbeit von Ben West ist, sieht man übrigens daran, dass seine Seite, die deutschsprachige Idee mutpost.de aus Dresden inspiriert hat. Hier kannst du dich beteiligen.
Platz 3: Das letzte Video aus deiner Galerie
Der Trend selbst ist gar nicht so spannend (Videos zum Song „Atlantis“ von Seafret posten und drüber schreiben „nimm das letzte video aus deiner galerie“), aber dieser Hintergrund hat mich fasziniert. Denn es ist das erste Mal, dass die Google-KI mehr und besssere Infos zu einem Phänomen liefert als die Google-Suche selbst. Ich hatte dazu schon mal geschrieben, dass Google vor dem Problem steht, dass gewisse Netzphänomene nahezu ungooglebar werden. In diesem Fall liefert aber die Google-KI eine gute Antwort. Sie erklärt in Bezug auf den Ursprung des Trends: „Er hat keine einzelne „Erfinderperson“, sondern entwickelte sich organisch aus der „Photo Dump“-Kultur (mehrere ungestellte Bilder in einem Post). Nutzer folgen dem fiktiven Befehl „They said: Post the last video in your gallery“. Ziel ist es, einen ungeschönten, oft kontextlosen Einblick in das echte Leben zu geben. Der Trend funktioniert als „Pattern Interrupt“ (Mustersprengung). Da das Video oft zufällig und nicht für Social Media optimiert ist, sticht es im perfekt kuratierten Feed hervor und erzeugt Neugier.“ Das ist schon recht gut – wobei ich dringend dazu raten würde, ein vermeintlich vor das Video zu setzen. Denn die Clips, die da angeblich zufällig gepostet werden, wirken schon „zufällig“ ziemlich gut inszeniert.
Platz 4: Dinge, die mich nicht jucken
„Bin ich eigentlich der einzige, der das erst jetzt mitkriegt?“ wäre die Hook für diesen Trend, der seit Ende Januar durch deutschsprachige Timelines gereicht wird. Die Idee dabei: Es werden Anti-Thesen zu sogenannten Hot-Takes aufgestellt – Influencer:innen erklären in den Videos also, worüber sie sich – anders als andere – überhaupt nicht aufregen bzw. interessieren. Hier ein schönes Beispiel von Ruhrpott-Instastar Ryko, der darüber informiert, dass es für ihn nicht sinnloseres gibt als Geschenke zu machen.
Fr Gretel erklärt hier, dass sie sich nicht für Mikroplastik interessiert – und dass sie gebrauchte Kleidung auch trägt, wenn sie sie vorher nicht gewaschen hat. Denn auch das sind „Dinge, die sie nicht jucken“.
Platz 5: Spectator Content
Damit der Begriff hier mal gefallen ist, landet er im Februar auf Platz 5 der Netzkulturcharts: Specator Content ist die Beschreibung für Videos, die auch einer Beobachtungs-Perspektive gefilmt sind. Creator blicken dabei nicht direkt in die Kamera, sondern filmen sich z.B. von unten dabei wie sie ein Geschäft betreten oder ein Gespräch beginnen. Diese Art von Beobachtungs-Videos soll (siehe Platz 3) eine Form von Authentizität zeigen – und zeichnet sich dadurch aus, dass der Zuschauende seinem Star besonders nah sein kann: sie oder ihn quasi begleiten kann, während der Star eben ein Geschäft betritt oder ein Gespräch beginnt.
Das Besondere an diesem Format: Es ist eine Darstellungsform, die sich genau wie die „ich spiele unterschiedliche Rollen“-Clips (auch als Vorläufer für Stitches) als spezifische Netzkulturform etabliert – und natürlich auch von werblichem Content und Marken adaptiert wird. Dieser Tiktok-Clip beschreibt das Phänomen und zeigt Kosmetik-Anbieter, die es einsetzen.
Ungebetene Ohrwürmer* des Monats
1. Seafret: „Atlantis“
2. Tame Impala: „The Less I Know the Better“
3. Taylor Swift: „Fate of Ophelia„
4. Raye: „Where Is My Husband?„
5. Kendrick Lamar: Peeckaboo
* in dem Buch „Meme – Muster digitaler Kommunikation“ nutze ich Ohrwürmer als Metapher um die Wirkung von Memes zu beschreiben. Deshalb ist es nur konsequent, sie nicht nur metaphorisch, sondern eins-zu-eins zu nehmen.
Besondere Erwähnung

Ist das ein Halsband, das an einem sehr dünnen Hals getragen wird? Nein, es ist das jüngste Beispiel für optische Illusionen, die zu Memes werden. Das Bild von einem Handgelenk, das in einer Tasche steckt, hat in diesem Monat sogar einen eigenen Eintrag bei Knowyourmeme bekommen.
Dort findet man übrigens auch Vorgänger gleichen Typs: das Kleid, dessen Farbe unterschiedlich wahrgenommen wurde oder die beiden Würstchen, die so fotografiert sind, dass sie wie Beine aussehen.
In Großbritannien scheinen die Epstein-Files ja mehr Folgen zu haben als in den USA, deshalb möchte ich hier nochmal auf Cody Dahlers Videos hinweisen (siehe Netzkultur Oktober 2025), der extrem gute kommentierende Einordnungen und Erklärungen postet.
Eine schöne UK-Referenz gab es bei den olympischen Spielen (ja, hier wäre ein eigener Netzkultur-Eintrag zu Olympia möglich gewesen): Der australische Snowboarder Scotty James kopierte Hugh Grant mit diesem schönen Tanz. Falls du dich für Kopien interessierst: Drüben schreibe ich mit wachsender Freude den wöchentlichen Newsletter Kopieren kapieren.
Dazu passt übrigens, dass mein Lieblings-Stitch-Account frenchfusemusic ein Mashup-Stitch mit dem Chor gemacht hat, der in Minnesota gegen ICE ansingt.
Schon länger sollte mal der Account von Maryk eine Erwähnung bekommen – ihre POV-Videos sind wirklich bemerkenswert
Wer sich fürs Stuhlgang interessierte, sollte übrigens der Schüssel der Wahrheit folgen – ein Instagram-Account, der sich stillen Örtchens widmet.
Vincent Kompany schaffte web- und weltweite Aufmerksamkeit mit seiner Reaktion auf die Rassismus-Debatte im Spiel Lisabon gegen Madrid – dazu empfehle ich auch dieses sehr gute Insta-Reel.
Eigentlich dachten wir, besser als Sara Cooper kann man die Donald Trumps Aussagen nicht lippensynchron parodieren. Doch der Account Branhattan beweist: es geht noch immer und noch besser. Hier ein aktuelles Video vom Friedensrat.





