0,4 Prozent – Mamdanis Motivationsrede (& ihre Folgen für die KI-Debatte)

Wenn du deinen Lebensunterhalt damit bestreiten möchtest, zu schreiben oder Inhalte zu erstellen, dann ist gerade ein guter Zeitpunkt für eine Motivationsrede. Die Lage ist nicht gut: Maschinen können, was wir bis vor kurzem als spezifisch menschliche Tätigkeit ansahen: schreiben und Inhalte erstellen.

Das hat Folgen: politisch, wirtschaftlich, gesellschaftlich – aber vor allem für die Egos all derjenigen, die mit Schreiben ihren Lebensunterhalt bestreiten wollen. Seit Gastbeiträge von Politikern in der FAZ im Verdacht stehen, mit Hilfe von KI erstellt worden zu sein, ist eine Meta-Diskussion entbrannt („In deutschen Redaktionen bebt seither der Boden.“), deren Erkenntnis eine KI vermutlich so zusammenfassen würde: Menschliches Schreiben ist aber immer noch wichtig!

Ich lese die Debatte in erster Linie als ersten Ausschlag der Kränkungswelle, die ich im Buch „Wie KI dein Leben besser macht“ vorhergesagt – und die ich an mir selbst erlebt habe. Wir sind auf ganz neue Weise in unserem Selbstbild herausgefordert und in unserem Selbstbild gekränkt. Was ist menschliches Schreiben noch wert, wenn am Ende Text steht, den auch eine KI erstellen kann?

Die Antwort liegt in den Erkenntnissen, die weite Teile der Branche schon in der ersten Welle der Digitalisierung ignoriert haben: wir sollten anfangen vom Produkt zum Prozess zu denken. Nicht mehr nur das Ergebnis schafft Wert, sondern das Erlebnis. Wenn Kultur zur Software wird, verändern sich die klimatischen Bedingungen: So wie ein Schneeball, den du im warmen Wohnzimmer auf dein Bein legst, auch nicht verschwindet, wird auch der digitalisierte Inhalt nicht verschwinden, sondern seinen Aggregatzustand ändern. Um das zu erkennen, müssen wir den verflüssigten Inhalten greifen lernen – und vom Werk zum Netzwerk denken.

Daraus ergibt sich vor allem die Forderung: Wir sollten Aufmerksamkeit mehr Aufmerksamkeit schenken! Denn Kommunikation war schon immer mehr als Senden – es war schon immer auch Zuhören.

Womit wir bei der eingangs erwähnen Motivationsrede sind – ich habe diese Woche eine gigantisch gute Rede dieser Art gehört: Zohran Mamdani hat sie gehalten, bei der „Parade of Champions“ genannten Ehrung der Basketball-Meister. Die lokale Mannschaft der New York Knicks hat diese Meisterschaft errungen – nach 53 Jahren des Wartens. Diese Rede ist ein Beispiel für den Zauber des Schreibens und des Sprechens. Mamdani schafft damit Emotionen, die sogar dann beeindruckend sind, wenn man keine Ahnung von Basketball und New York hat. Diese Rede ist so gut, dass ich sie hier dokumentieren will – weil wir daran lernen können, wie beeindruckende Sprache funktioniert.

Das kann übrigens auch ein Sprachmodell lernen. Denn diese Rede basiert auf auch für Maschinen erlernbaren Mustern. Die Heldenreise, auf die Mamdani uns mitnimmt, der Kampf gegen die Umstände, die Zugehörigkeit und das Aufbegehren – das alles könnte auch eine KI erstellen. Aber es spielt ehrlich gesagt keine Rolle, woher diese Rede stammt. Es spielt keine Rolle, ob Mamdani sie selbst verfasst hat, ob ein:e Redenschreiber:in oder eine KI geholfen haben. Denn Zohran Mamdani authentifiziert diese Rede durch seine Person. Ein Aspekt, der in der aktuellen Mensch-Maschine-Debatte kaum erwähnt wird: die Rolle der Autor:innen!

Die selbstmotivierende Behauptung Autorität käme von Autorschaft, braucht eine Grundlage: die Autor:innen müssen ihre Werke also authentifizieren, begründen und erklären. Im Falle eine Rede, die vor Publikum gehalten wird, ist dies sofort erkennbar: es geht darum, wer die Rede wie hält. Aber genau dieser Prozess der erlebbaren Persönlichkeit der Autor:innen lässt sich ja auch auf alle anderen Verbreitungswege übertragen: Wer stellt wie das vor, was erstellt wurde?

In der Antwort auf diese Fragen liegen die 0.4 Prozent für alle, die mit Schreiben und dem Erstellen von Inhalten ihren Lebensunterhalt bestreiten wollen: Du wirst dich mit der Frage befassen müssen, wer du bist – und woran die anderen das merken?

Lucas von Gwinner hat auf diese Fragen übrigens eine sehr gute Antwort – wie ich finde: Er hat die Macht der (Persönlichkeits-)Marke schon weit vor der KI-Schrift als zentrales Werkzeug im Aufmerksamkeits-Zeitalter erkannt. Dass er dazu ein unbedingt empfehlenswertes Buch geschrieben hat, kann ich höchstpersönlich authentifizieren ;-)

Spass beiseite: Ich glaube, dass eine Schlussfolgerung der KI-Debatte auch darin liegt, sich mit der eigenen (Personen-)Marke zu befassen. Für Medien, Medienschaffende und alle Akteur:innen, die Öffentlichkeit suchen. Ob Kultur als Software und Marke Machen das Problem lösen wird? Keine Ahnung, aber es gibt eine Chance, die ich für größer als für 0,4 Prozent halte. Und damit in das Lehrstück (politischer) Motivation – ein Auszug aus der Rede, den ich übersetzt habe:

Wenn Sie mir gestatten, möchte ich eine Zeitreise unternehmen. Acht Tage zurück. Spiel vier. Noch neun Minuten und 33 Sekunden im vierten Viertel – die Knicks liegen mit 20 Punkten zurück. Die Statistik-Experten, die Sportwettenanbieter, die Kommentatoren, die das Geschehen aus der Ferne beobachten – sie tun, was sie eben tun. Sie werten Zahlen aus. Sie berechnen Wahrscheinlichkeiten. Sie schreiben die Knicks ab. Sie räumen den Spurs eine Chance von 99,6 % ein, das Spiel zu gewinnen – eine Chance von 99,6 %, in der Serie auszugleichen, sich den psychologischen Vorteil für das nächste Spiel in San Antonio zurückzuholen und den „Garden“ zum Schweigen zu bringen, womit ein weiteres Jahr des Wartens und Hoffens besiegelt wäre. Doch es gibt eine Sache, die diese Experten einfach nicht begreifen – weder in Bezug auf dieses Team noch in Bezug auf diese Stadt. Genau in diesen verbleibenden 0,4 % legen wir erst richtig los. Genau in diesen 0,4 % beweist Jalen Brunson – derselbe Typ, von dem so viele sagten, er sei zu klein –, dass er nicht nur gut genug ist, sondern den neuen Maßstab für Größe setzt. In diesen 0,4 % beobachtet OG Anunoby, wie der Ball von der Dreierlinie durch die Luft segelt, während er selbst schon Richtung Korb sprintet, die Finger gen Himmel gereckt. In diesen 0,4 % findet Karl-Anthony Towns die Kraft, um seine Mutter zu trauern und dennoch Rebound um Rebound zu holen sowie Block um Block zu setzen. In diesen 0,4 % zeigt Jose Alvarado jedem Kind, das im Sozialbau aufwächst – einem Sohn von Brooklyn und Queens –, dass man für jeden der fünf Stadtbezirke gewinnen kann. In diesen 0,4 % bricht sich Mitch vor Spiel eins den Finger und sagt: „Holt das Tape.“ In diesen 0,4 % holt sich Josh Hart Rebounds, die den Gegner zermürben. Mikal Bridges beweist, dass er jeden einzelnen Draft-Pick wert war. Landry Shamet wirft aus der Distanz. Jeder dieser 18 Spieler verändert die Franchise, und Mike Brown hält den Glauben des Teams aufrecht. Vor allem aber tun die Knicks in diesen 0,4 % genau das, was New Yorker schon immer getan haben. Wenn uns gesagt wird: Nichts ist unmöglich; wir finden einen Weg. Wir gewinnen. Wenn ich hier vor – gefühlt – der ganzen Stadt stehe, kommt mir ein Zitat von Jalen Brunson in den Sinn. Ich muss ständig daran denken: „Ich sage euch, ihr dürft über das schlimmste Szenario nachdenken, aber ihr müsst rausgehen und etwas dagegen unternehmen.“ Als Jalen Brunson auf Gehalt verzichtete – Freunde, das hieß: etwas dagegen unternehmen. Immer wieder dachten wir an das schlimmste Szenario. Und immer wieder gingen die Knicks raus und unternahmen etwas dagegen. Die Knicks haben nicht nur für New York City gewonnen. Sie haben gewonnen wie New York City. Was ist New York, wenn nicht der Moment, in dem man mit dem Rücken zur Wand steht? Ein Traum, der unerreichbar scheint; die Miete, von der man nicht weiß, wie man sie bezahlen soll. Was ist New York, wenn nicht die Situation, in der 99,6 % der Welt gegen einen stehen? Und wer sind New Yorker, wenn nicht Menschen, die diese Chancen hören und lächeln? Die auf eine Erfolgschance von 0,4 % blicken und fragen: „Warum gebt ihr mir einen Vorsprung?“ Das ist unsere Stadt. Das ist unser Team. 53 Jahre lang haben wir zugesehen, 53 Jahre lang haben wir gewartet. Jetzt haben wir gewonnen.