Vom Umgang mit Leser-Kommentaren

Die häufigste Reaktion, die man in Journalistenkreisen mit der Anregung erntet, sich doch mal auf Leser-Kommentare im Netz einzulassen ist die: Da steht doch eh nur Quatsch. Es gibt leichtere Aufgaben, als die Qualität vieler eniger Leser-Meinungen zu verteidigen. Deshalb habe ich mir – als ich unlängst mal wieder ein vergleichbares Gespräch mit Kollegen führte – die Frage gestellt: Warum ist das eigentlich so? Sind die Leser so dumm?

Ich glaube, es ist vielmehr so, dass die Leser-Kommentare vieler deutscher Nachrichten-Anbieter im Netz zu einem schlecht begehbaren, scheinbar unbeobachteten Gebiet verkommen sind, in dem den Kommentierenden nie nur selten der Eindruck vermittelt wird, man interessiere sich wirklich für ihre Meinung.

Es ist dies sicher nicht der Auslöser, aber gewiss ein Grund, warum der Zustand der Netz-Debatte in den Kommentarfeldern deutscher Tageszeitung derzeit noch so viel Luft nach oben lässt. Dieser Eindruck drängt sich jedenfalls nach einem kleinen Test auf, den ich anhand der Kommentare zu den Berichten ausgewählter Online-Portale zur Vorstellung des neuen iPad genannten Produkts aus dem Hause Apple unternommen habe. Dabei ist mir folgendes aufgefallen:

Focus Online

Bei Focus-Online wird der aktuellste Leser-Kommentar ohne weiteren Klick angezeigt; direkt unter dem Text. Um jedoch in die Debatte einsteigen zu können, muss man einmal klicken, gelangt dann auf eine Übersicht, die allerdings auch nicht die Debatte, sondern lediglich die Titel der nun folgenden Leserkommentare abbildet. Um diese lesen zu können, muss man sie einzeln (!) aufklappen, mit je einem Klick. Das Besondere an dieser Übersicht: In diese Liste sind Text-Anzeigen eingestreut.

Spiegel Online

Das Angebot von Spiegel-Online ist seit jeher ein Sonderfall in Sachen Leser-Kommentare. Diese finden hier nämlich nicht unter dem Text oder in dessen Nähe statt, sondern wurden in ein Forum ausgelagert. Dort werden Meinungsäußerungen zu mehreren Artikeln gebündelt bzw. zusammengefasst. Wer sich also zu der iPad-Berichterstattung äußern möchte, wird auf einen Foren-Eintrag mit dem Titel Apples iPad – sind Ihre Erwartungen eingetroffen? umgeleitet. Dort allerdings nicht an den Beginn, sondern ganz ans Ende der Debatte. Vorteil dieser Auslagerung: Alle Funktionalitäten eines Forums sind hier voll nutzbar. Nachteil: Ein Bezug zum Artikel, gar eine Diskussion mit dem Autor ist so nicht nur schwer möglich.

Welt-Online

Bei Welt-Online werden die Leser-Kommentare ohne weitere Klick-Hürden direkt unter dem Text angezeigt. Allerdings nur die ersten fünf. Danach muss man sich durchklicken, um die Diskussion zu verfolgen. Und zwar ohne eine Möglichkeit, alle Kommentare auf einen Blick zu sehen. Besonders verwirrend dabei: Direkt über den Kommentaren ist eine Tool-Box angelegt, die das Drucken, Versenden, Bewerten und eine Größeneinstellung für die Schrift anbietet. All das bezieht sich aber nicht auf die Kommentare, sondern auf den durch Google-Ads abgetrennten Text weiter oben.

FAZ

FAZ.net gelingt bei der Darstellung der Leser-Kommentare eine Kombination dessen, was die anderen Anbieter (falsch) machen. Auch bei der FAZ sind die Kommentare der Nutzer ausgelagert – in den Bereich Lesermeinungen. Allerdings erkennt man das erst nach einem Klick auf die unter dem Text angezeigten ersten drei Kommentare. Das Problem: Wer auf den ersten „Endlich“ betitelten Kommentar klickt, gelangt so keineswegs auf diesen Beitrag, sondern lediglich auf eine neue Übersichts-Seite, auf der erstaunlicherweise auch ein anderer, aktuellerer Leserkommentar ganz oben steht.

Fazit

Bevor man sich überhaupt inhaltlich mit dem Umgang mit Leser-Kommentaren befassen kann (siehe dazu Fünf Fehler von Printmedien beim Umgang mit Online-Kommentaren im Blog Medial Digital), gilt es offenbar, einige technische Hürden auszuräumen. Die Integration der Leser-Kommentare lässt derzeit nicht den Eindruck entstehen, dass hier jemand wirklich an den Äußerungen der Leser interessiert sei.

Disclosure: Ich habe es schon bei einem vergleichbaren Test vor einer Weile gesagt: Ich arbeite in der Redaktion von jetzt.de und als Autor für sueddeutsche.de und die Süddeutsche Zeitung, deshalb habe ich diese Angebote nicht in meinen subjektiven Test einbezogen.

Und wie gesagt: Wer sich intensiver für das Thema „Community Management“ und den Umgang mit Leser-Kommentaren interessiert, dem empfehle ich das gleichnamige Seminar an der Akademie für Publizistik in Hamburg bzw. das Seminar Im Dialog mit dem Nutzer am IFP in München – sowie das Weblog von Mathew Ingram (Community Manager bei der Globe and Mail in Kanada).