Das Drama der Demokratisierung

In der aktuellen Ausgabe des (im übrigen sehr schön gerelaunchten) Zeit-Magazins kann man Bilder der Nichten und Neffen von Peter Brodbeck sehen. Es sind schwarz-weiß Aufnahmen aus den frühen 1970er Jahren, die (so die Ankündigung) „hier“ zum ersten Mal gezeigt werden. In der gleichen Ausgabe schreibt der Gastronomiekritiker Wolfram Siebeck, dass er Foodblogs nicht mag.

Das hat zunächst wenig miteinander zu tun, mir fiel allerdings bei der Lektüre etwas auf, was über die Kinderbilder der Familie Brodbeck und die Netz-Interessen von Herrn Siebeck hinaus weisen könnten.

Ich weiß nicht genau, welchen Ausbildungsweg ein Gastronomiekritiker gewöhnlich durchläuft. Ich habe aber mal gehört, dass diejenigen, die den Beruf dann ausüben, nichts so sehr ablehnen, wie das Urteil „lecker“ über ein Gericht. „Lecker“ ist nämlich eine Einschätzung, zu der jedermann gelangen kann. Ein Gastronomiekritiker hingegen ist nicht jedermann, sondern eine herausgehobene Person; jemand, der für eine Zeitung oder ein Magazin öffentlich beurteilen darf, wie etwas zubereitet ist. Das Problem dabei: Natürlich muss auch ein gewöhnlicher Jedermann essen und natürlich gelangt auch eine durchschnittliche Jedermanns-Zunge zu einem Geschmacksurteil.

Einem Gastronomiekritiker muss deshalb daran gelegen sein, sich von diesen durchschnittlichen Einschätzungen zu unterscheiden. Das kann durch fachliche Qualifikation und Transparenz im Urteil gelingen oder durch Mechanismen, die das eigene Werturteil von der durchschnittlichen Mindermeinung abgrenzen. Es ist also kaum verwunderlich, dass Wolfram Siebeck „wenig Geschmack an Foodblogs“ findet, wie der (online noch nicht verfügbare) Text angekündigt ist (Warum man einen solchen Text im Jahr 2011 dennoch druckt, ist eine andere Frage, um die es mir hier nicht geht).

Foodblogs sind nämlich der Katalysator für das grundsätzliche Problem des Kritikers: Sie sind die Instrumente, mittels derer der mindermeinende Durchschnitt seine Einschätzungen in die Öffentlichkeit bläst. Damit raubt er dem Gastronomiekritiker das vormals selbstverständliche Privilleg, seine Einschätzungen veröffentlichen zu können. Das kann heute jeder. Die Demokratisierung der Publikationsmittel hat dazu geführt, dass dem gewöhnlichen Hobby-Kritiker die gleichen Veröffentlichungs-Instrumente (in unterschiedlicher Skalierung) wie dem Profi-Meiner zur Verfügung stehen. Jedermann kann nun sehen, dass zum Beispiel das sehr empfehlenswerte Münchner Foodblog delicious:days interessante Texte, tolle Fotos und lesenswerte Essens-Einschätzungen veröffentlicht (und dafür bereits 2006 z.B. in der Time-Liste der 50 Coolest Websites erwähnt wurde). Auf der Seite gibt es sogar klassische journalistische Formen wie dieses Interview mit dem Koch Rene Redzepi. Darüber urteilt Siebeck:

Die ungewöhnliche Länge des Interviews mit dem Starkoch bedeutet leider nicht, dass man etwas Neues aus der Welt der Drei-Sterne-Küche erführe.

Warum hält ein derart renommierter Kritiker wie Wolfram Siebeck es für nötig, ein solches Urteil über ein Blog zu veröffentlichen? Warum widmet er sich im folgenden dem What’s For Lunch Honey?-Blog und den in beiden Fällen offenbar für ihn uninteressanten Leserkommentaren dort? Gibt es nicht auch in anderen Medien Interviews oder Lesermeinungen, die dem Kritiker nicht gefallen? Würde er darüber ebenfalls schreiben? (Das könnte er übrigens durchaus an der eigenen Haustüre tun, wenn man sich zum Beispiel die Debatte unter seiner letzten Kolumne anschaut, in der er allerdings schweigt).

Ich glaube die Antwort hängt mit den eingangs erwähnten Kinderfotos zusammen. Die werden nämlich nur deshalb abgedruckt, weil sie das Ergebnis der ersten fotografischen Versuche von Peter Lindbergh sind, der unter dem Namen Brodbeck geboren wurde, und in den frühen 1970er Jahren seine Neffen und Nichten ablichtete. Lindbergh ist einer der prominetesten Vertreter eines Berufs, der die gleichen Probleme teilt wie der Gastronomiekritiker. Peter Lindbergh ist Fotograf. Und die Kinderbilder im Zeit-Magazin illustrieren sehr anschaulich: auch die Fotografie ist in den vergangenen Jahren demokratisiert worden. Die massenhafte Verbreitung von Digitalkameras und Knips-Telefonen hat Fotografiermittel ähnliche demokratisiert wie das Internet die Publikationsmittel. Technisch kann nun jedermann fotografieren so wie jedermann meinen kann – und beide können das auch veröffentlichen.

Folgt man der Logik des unlängst zitierten Nick Bilton über die Auswirkungen der Digitalisierung, kann man zusammenfassen: Gastronomiekritiker, Fotografen, Journalisten, ja alle Storyteller, stehen durch die Demokratisierung ihres Berufsbildes vor einer grundlegenden Herausforderung. Das kann man ablehnen, verurteilen oder uninteressant finden, man wird es aber nicht ändern können. Und es wird, so Bilton, auch nicht rückgängig zu machen sein.

Selbstverständlich weiß ich, dass nur weil jedem die Technik zur Verfügung steht, nicht jeder auch Fotograf, Journalist oder Kritiker ist. Natürlich weiß ich um die Qualifikationsstufen der gängigen Berufspraxis und klar kenne ich den Unterschied zwischen können und können. Mir geht es vielmehr um die Frage, wie die professionellen Storyteller (ich verwende diesen Sammelbegriff in Anlehnung an die sehr gute Herleitung von Nick Bilton) auf die Demokratisierung ihres Berufes reagieren, welche Position sie einnehmen, wie sie mit den ebenfalls erzählenden, meinenden, fotografierenden Nutzern umgehen. Kurzum es geht um die Frage, woraus sich künftig Autorität im besten Wortsinn speist, wenn es nicht mehr das Publikations-Privileg ist.

Es gibt zwei Wege, wie man mit diesen Veränderungen umgehen kann und beide fand ich dieser Tage in meiner Twitter-Timeline. Zum einen handelt es sich um den Hinweis auf eine Schreibwerkstatt, die mit einem Text angekündigt wird, der die rhetorische Meisterleistung vollbringt, eine Unterrichtseinheit zum Schreiben anzukündigen und gleichzeitig festzustellen, dass diese Kunst für Unterricht eigentlich untauglich ist:

Niemand kann es lernen und niemand kann es lehren: das Schreiben. Man hat die Gabe oder man hat sie nicht. Das zuständige Talent ist so ungerecht verteilt wie schöne Augen, wie ein rasant funktionierendes Hirn, wie noch schöner singen als Caruso.

Diese Haltung erhebt das Schreiben (allgemeiner: das Storytelling) zu einer Kunstform, die man keinesfalls als Handwerk erlernen kann, sondern wie eine Augenfarbe als Gottes Gabe geschenkt bekommt. Wer sie besitzt, ist erkennbar von denen zu unterscheiden, die diese Gabe nicht erhalten haben. So zu denken ist sehr hilfreich: die oben gestellten Fragen ergeben sich dann einfach gar nicht. Man muss lediglich darauf achten, bei denen zu sein, die bestimmen, wer die richtige Augenfarbe hat …

Dass man diese Fragen auch ganz anders beantworten kann, zeigt der Hinweis auf Richard Gutjahrs Beitrag zum Ausbildungsbuch von Christian Jakubetz. In seinem Expose schreibt Richard:

Vielmehr geht es um die Frage: wie muss ich künftig mich und meine Arbeitsweise transparent machen, um vielleicht nicht objektiv, dafür aber glaubwürdig zu sein. Zu meinen, eine gute Geschichte allein genüge, der irrt.

Der Kreis schließt sich erstaunlicherweise übrigens wieder beim Essen. Ich denke nämlich, dass die Medienbranche (allgemeiner: die Storyteller) gerade eine Veränderung durchlaufen, die in anderen Branchen bereits abgeschlossen ist. Die Demokratisierung der Küchenmittel ist zum Beispiel nicht nur gemeinhin akzeptiert, sie hat auch keineswegs zum Ende des Kochberufs geführt.

Dennoch kann man sich nur schwer einen profesionellen Koch vorstellen, der öffentlich erklärt, „wenig Geschmack“ an einer privat angerichteten Speise zu finden und überhaupt in diesem von einem Amateur zubereiteten Mahle nichts Neues entdeckt zu haben. Ein guter Koch unterscheidet sich durch andere Kriterien von den Hobby-Köchen am heimischen Herd als durch die Tatsache, dass er sich über diese erhebt. Wer könnte das besser wissen als Gastronomiekritiker …