Piraten im Spiegel

Wer wissen will, wie sich unser Beruf gerade verändert, muss nachlesen, was Marina Weisband in ihrem Blog und Merlind Theile im Spiegelblog schreiben. Thema der Auseinandersetzung ist eine Die gute Fee betitelte Geschichte aus dem aktuellen Spiegel, von der ein Anreißer auf Spiegel-Online zu finden ist.

Kern der Debatte ist die Frage, ob Zitate so gesagt wurden wie sie der Spiegel gedruckt hat oder nicht.

Im Randbereich dieser Auseinandersetzung steht aber eine für Journalisten erstaunliche Frage: die Arbeitsweise von Merlind Theile ist plötzlich Gegenstand einer öffentlichen Debatte. Die, die bisher über andere berichteten, werden plötzlich selber zum Gegenstand der Berichterstattung. Plötzlich müssen sie sich erklären.

Wobei das Wort plötzlich hier natürlich völlig falsch ist. Denn die Rede davon, dass sich Autoritäten neu begründen müssen (fragen wir mal bei Lehrern oder Ärzten nach) ist ja keineswegs plötzlich über uns gekommen. Der Fall der Piraten im Spiegel ist lediglich das vermutlich erste große Beispiel für das, was Stefan Niggemeier Ende September in seinem Beipackzettel zum SPIEGELblog so beschrieb:

Ich glaube, dass kein Medium heute mehr so tun kann, als sei es unangreifbar. Im Gegenteil: Es muss sich angreifbar machen. Journalisten müssen vom Podest heruntersteigen, zugänglich werden und mit ihren Lesern ins Gespräch kommen. (…) Ein Medium wie der »Spiegel« kann seine Autorität heute nicht mehr dadurch beweisen, dass es aus der Position des Wissenden Behauptungen aufstellt.

Merlind Theile hat sich heute jedenfalls einen Twitter-Account angelegt (UPDATE nach mehrfachem Hinweis auf Twitter: der Account existiert schon länger, musste gestern aber von der Redaktion überprüft werden.) und zu den Vorwürfen Stellung bezogen. Das ist gut, wenngleich es die relevanten Fragen nicht umfassend beantwortet.

Weisband sagt so, Theile sagt so.

Wessen Version näher an der Wahrheit ist, bleibt (man kann die Kommentare in beiden Blogs in großer Zahl nachlesen) Stoff für Spekulationen, die sich aus Mangel weiterer Dokumentation auf die Intentionen der beiden Akteure beziehen. Das ist wiederum für beide Diskutanten kein gewinnbringendes Feld.

Völlig egal, wie die Debatte ausgeht, sicher ist schon jetzt, dass journalistisches Arbeiten nicht hinter diesen Punkt zurückgehen wird. Journalisten, die die Aufmerksamkeit ihrer Leser erlangen und erhalten wollen, müssen mehr als bisher begründen, warum sie arbeiten wie sie das tun. Sie müssen mehr als bisher transparent machen wie sie arbeiten, dokumentieren woher sie Zitate haben und auf welche Quellen sie sich stützen. Dass das einfacher klingt als es in Wahrheit ist, hat Stefan Niggemeier in seinem Beipackzettel in Bezug auf diejenigen beschrieben, die

jahrzehntelang bestens damit gefahren (sind), sich nicht zu erklären, sondern die Haltung auszustrahlen: Unsere Arbeit spricht für sich selbst.

Um herauszufinden, was dieses transparentere Arbeiten bedeutet, muss man sich lediglich vorstellen, welche Wendung die Debatte nehmen würde, könnte eine der beiden Diskutantinnen eine Tonaufnahme aus dem Münsteraner Cafe präsentieren.

Merlind Theile beendet ihren Blogeintrag mit einem unnötigen Seitenhieb ausgerechnet auf die Transparenz-Bemühungen der Piraten:

Die Piraten dagegen wollten Transparenz, das heißt auch: Ein Politiker sagt, was er denkt und steht dazu. Kein Abwägen der Worte, keine Schreibverbote. Dass Marina Weisband und viele andere Piraten inzwischen dazu übergegangen sind, ihre Sätze im Nachhinein ebenfalls absegnen oder gar korrigieren zu wollen, zeigt, wie stark sich die Partei inzwischen den Regeln des etablierten Systems angepasst hat. Das ist zwar schade, aber in gewisser Weise nachvollziehbar.

Mal abgesehen davon, dass es für den aktuellen Fall völlig unerheblich ist, bezieht sich die vermutlich wichtigere Schlussfolgerung aus diesem ganzen Fall gar nicht auf die Piraten, sondern auf Journalisten: Sie werden künftig zu einem transparenteren Arbeiten angehalten sein.

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