Weird Internet Career: Ada Rhode


Im Mai schrieb ich in meinem monatlichen Newsletter über das Konzept der „Weird Internet Career“. Den Fragenbogen, den ich mir dazu ausgedacht habe, hat Ada Rhode ausgefüllt.

Antworten von Ada Rhode

Was denkst du wenn du den Begriff „Weird Internet Career“ hörst?
Im ersten Moment denke ich, der Begriff passt nicht zu mir. Für mich selbst ist mein Berufsweg keineswegs seltsam. Ja, er hat mit dem Internet zu tun, aber nicht nur. Ob ich es als Karriere bezeichnen würde, weiß ich nicht. Für Außenstehende ist es vermutlich eine „Weird Internet Career“, so wie du sie definierst. Ich habe oft das Bedürfnis wortreich zu erklären, was ich mache, und habe selbst Mühe, eine kurze Beschreibung meines Jobs zu formulieren. Auch meine Kinder sagen, sie wüssten nicht, was sie antworten sollen, wenn sie nach den Berufen ihrer Eltern gefragt werden.


Welche Rolle spielt das Internet für dein (berufliches) Leben?
Wo soll ich anfangen? In meinem Abiturzeugnis habe ich neulich gesehen, dass ich in der Oberstufe das Fach Informatik belegt hatte. Ich kann mich nur noch daran erinnern, dass wir einen Kalender in Basic programmieren sollten. Der Sinn erschloss sich mir damals nicht. Wozu umständlich einen Kalender programmieren, wenn ich mir einen in Papierform kaufen kann?

In meiner ersten Ausbildung zur Europasekretärin habe ich noch auf einer elektrischen Schreibmaschine gelernt, meine ersten Arbeitgeber arbeiteten aber schon mit Computern und das Telefax wurde ein wichtiges Kommunikationsmedium. Den ersten eigenen „Personal Computer“ kaufte ich mir erst zehn Jahre nach dem Abitur, als ich mich entschied, Medieninformatik zu studieren. An der Hochschule bekam ich 1998 meine erste Mailadresse. Wir gingen zwei bis dreimal pro Woche ins Rechenzentrum, um unsere Mails abzurufen. Das Design war noch im schwarzen Konsolenlook. Während meines Studiums an der Hochschule Furtwangen entwickelte sich das Internet allmählich. Ich lernte Dinge wie Webprogrammierung, Datenbanken, Bildgestaltung und
Konzeption. Am spannendsten war aber ein Wahlfach, das ich in meinem vorletzten Semester belegte: Webcasting. Wir streamten Bewegtbild zu einem Zeitpunkt ins Internet, als YouTube und Social Media noch nicht erfunden waren. Dafür brauchten wir allerdings Inhalte. Wir hatten keine journalistische Ausbildung und probierten einfach aus, machten unsere Erfahrungen. Oft ohne zu ahnen, dass manche Ideen später zu großen Geschäftsmodellen werden würden. Ich erinnere mich an eine „Upload“-Sendung, in der Zuschauer uns eigene Videos hochladen konnten, die wir dann live streamten, eine Art frühes YouTube. Unsere Webseite hatte einen begleitenden Chat, und eine Zeitlang saß der „Chatter“ live im Studio und berichtete, was im Chat passierte. Vieles geriet wieder in Vergessenheit und begegnete uns später in den Sozialen Medien, mit denen wir ebenfalls
experimentierten.

Nach meinem Abschluss bewarb ich mich auf eine Stelle an meiner Hochschule als Mitarbeiterin im Streaming Media Labor und wurde Redaktionsleiterin des Hochschulfernsehens. Die zweite Hälfte der 2000er Jahre war gekennzeichnet durch eine zunehmende Professionalisierung. Das Internet wurde schneller, die Hochschule erhielt einen DSL-Anschluss. Die Technik wurde besser, wir erhielten HD-Kameras und Fördermittel für Fortbildungen. Unsere Inhalte mussten besser werden, denn die Konkurrenz im Internet wurde größer. In diesen Jahren lernte ich aber auch noch etwas anderes: Ich musste die Studierenden jedes Semester aufs Neue zu einem Team machen. Wir mussten relevante Themen identifizieren, konzipieren, umsetzen, feedbacken, verbessern und sicherstellen, dass bis zur Livesendung alles fertig war. Aus einer ursprünglich technischen Aufgabe wurde eine inhaltlich orientierte Lehrtätigkeit. Mit welchen Mitteln und Methoden konnte ich die Studierenden unterstützen, unser Ziel zu erreichen? Um mit den Studierenden gut kommunizieren zu können, habe ich erst den Facebook Messenger, dann WhatsApp und später eine Projektmanagementplattform genutzt. Die Hochschule bot und bietet nach wie vor keine flexiblenKommunikationsplattformen. Kürzlich habe ich nachgezählt und war selbst überrascht: Inzwischen sind es ca. 250 Livesendungen, die ich in all den Jahren begleitet und „gemanagt“ habe.


Weil man in Deutschland Zertifikate und Zeugnisse braucht, wenn man sich bewerben will, habe ich 2017 quasi nachträglich eine Fernausbildung zur Journalistin angefangen und dabei festgestellt, dass mir die Ausbildungs- und Coachingtätigkeit viel mehr Spaß macht als die journalistische Arbeit selbst. Die Skills benötige ich trotzdem und ich habe auch vieles dazu gelernt. Als Ergebnis habe ich inzwischen eine weitere Teilzeitstelle in der journalistischen Ausbildungsredaktion uniCROSS an der Uni Freiburg.


Dazwischen kam die Corona-Pandemie, in der ich mich intensiv mit neuen Lernformen befasst habe. Man könnte sagen, in den vorangegangenen Jahren lag die Professionalisierung auf den journalistischen Kenntnissen, in der Pandemie wandelte sich mein Interesse hin zu didaktischen Konzepten und Bildungsfragen. Ich erstellte Videotutorials und schrieb einen semesterbegleitenden Newsletter (zu dem du mich inspiriert hast). Über das Agile Lernen stieß ich auf Themen, die mich schließlich zum berufsbegleitenden Masterstudiengang Zukunftsdesign an der Hochschule Coburg führten, den ich seit zwei Jahren studiere.

Zusammenfassend könnte man sagen, das Internet hat meinen Weg überhaupt erst
ermöglicht. Gleichzeitig habe ich dabei viele der in deinem Text genannten Zukunftskompetenzen gelernt, die erst einmal nicht direkt mit dem Internet zu tun haben.


Welche Aspekte deines beruflichen Werdegangs würdest du als weird beschreiben?
Meinen Werdegang auf der inhaltlichen Ebene finde ich überhaupt nicht weird. Ich bin nur meiner Neugier gefolgt. Weird wurde es nur deshalb, weil ich Mutter wurde. Ich habe inzwischen über 30 Teilzeitverträge an zwei Hochschulen unterschrieben, weil ich nach der Elternzeit nur mit 25 Prozent zurückgekehrt bin und in den folgenden Jahren mit zusätzlichen befristeten Verträgen in Drittmittelprojekten aufgestockt habe. Zum Teil hat mir dies ermöglicht, meinen Weg fließend zu gestalten. Ich musste nicht eine Stelle kündigen, um eine andere anzunehmen. Auf Dauer ist es aber schon ein Problem, weil am Ende immer zu wenig Zeit bleibt für die einzelnen Projekte.


Würdest du all das als Karriere beschreiben?
Ich finde den Begriff Karriere schwierig. Wir sprechen oft von der Karriereleiter, die nach oben führt. Ich wurde neulich gefragt, ob ich nicht nach oben kommen wolle. Ich denke, die Richtung geht eher nach vorne. Es ist ein Prozess, ich folge einem Weg und werde geleitet von meiner Neugier. Mit mehr Wissen, Erfahrung und Kompetenzen bekomme ich einen besseren Überblick, kann Kontexte erkennen. Insofern führt der Weg vielleicht schon nach oben, aber eher sanft, so wie man einen Berg besteigt und eine immer bessere Aussicht erhält.

Wie geht es weiter? Magst du über deine Pläne sprechen?
Bei uniCROSS möchte ich Themen wie konstruktiven Journalismus, Klimajournalismus, Dialogformate etc. einführen und etablieren. An der Hochschule Furtwangen endet mein Weg nach über 20 Jahren. Ich sehe dort keine Möglichkeit, mich weiterzuentwickeln bzw. meine Kenntnisse und Fähigkeiten aus dem Masterstudium anzuwenden. Deshalb habe ich mich entschieden, diese Stelle loszulassen, um frei zu sein für Neues. Ganz konkret steht im Herbst die Masterarbeit an. Ich möchte mich gerne mit dem Thema Künstliche Intelligenz in Bezug auf Journalismus und/oder Bildung beschäftigen und bin noch auf der Suche nach der konkreten Fragestellung. Wenn du eine Inspiration für mich hast, freue ich mich über eine Rückmeldung.


Welchen Ratschlag gibst du Menschen, die sich für eine „Weird Internet Career“ interessieren
bzw. in einer stecken?

Ich versuche bei mir selbst zu bleiben, mich nicht mit anderen zu vergleichen oder irritieren zu lassen von Menschen, die den „klassischen Karriereweg“ gegangen sind. Nach Abwägung aller Fakten versuche ich auf mein Bauchgefühl hören und dann aber auch Entscheidungen zu treffen und den Weg weiterzugehen. Außerdem empfehle ich, sich mit anderen weirden Leuten im Internet zu vernetzen ☺


Wessen “Weird Internet Career” findest du so interessant, dass du sie für diesen Fragebogen
vorschlagen willst?

In meinem direkten Umfeld kenne ich kaum Menschen, auf die diese Beschreibung zutrifft.
Oder ich weiß es einfach nicht, weil es so schwierig ist, seinen Job zu erklären?


Mehr Antworten unter dem Schlagwort Weird Internet Career hier im Blog. Du hast auch eine seltsame Internet-Karriere? Dann schreib mir deine Antworten!