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Der Erfolg von Cory Doctorows Audiobook ist auch ein Sieg gegen Amazon

Welcher Satz klingt richtiger?

„Die größte Buchmesse der Welt findet dieses Jahr nicht statt“

oder

„Die größte Buchmesse der Welt findet dieses Jahr im Internet statt.“

Die Sätze stimmen beide. Irgendwie. Und je nach Perspektive lässt sich an beiden Sätzen etwas über den Buchmarkt lernen. Denn das mit dem Internet und der größten Buchmesse war schon vor Corona so eine Sache. Bei jedem Besuch in Frankfurt wurde ich Zeuge eines Gesprächs, das vom Internet handelte und innerhalb weniger Augenblicke bei Amazon landete. Amazon, das ist ein „börsennotierter US-amerikanischer Onlineversandhändler“ (Wikipedia) und nicht ganz zu Unrecht der Lieblingsfeind vieler Buchmessen-Besucherinnen und -Besucher. Zu Amazon gehört auch die Audio- und Hörbuchabteilung Audible. Und beide haben sich den Zorn vieler Buchfreund:innen u.a. auch dadurch zugezogen, dass sie ihre Dominanz im Markt auf eine Weise nutzen, für die wohl niemand die im Feedback-Manager vorgeschlagene „positive Bewertung“ vergeben würde.

Warum das im Falle von Hörbüchern besonders ärgerlich ist, bringt der Autor Cory Doctorow hier auf den Punkt:

Unfortunately, audiobooks are also a monopoly: Audible, Amazon’s audiobook division, controls 90% of the market. What’s more, Audible won’t allow you to sell your audiobooks through their store unless you allow them to wrap your books in their DRM, which cannot be removed without committing a felony under Section 1201 of the Digital Millennium Copyright Act. Every audiobook you buy from Audible is locked to Amazon’s platform…forever. They can revoke access to the book (they’ve done this with Kindle ebooks, starting with — I shit you not — George Orwell’s Nineteen Eighty-Four… You can’t make this stuff up!).
I really hate DRM. A lot. It’s kind of my thing. I’m even involved in a lawsuit to invalidate Section 1201 of the DMCA, the law that bans removing DRM. The idea that a company gets to decide how you use your property, after you buy it from them? Fuck that. That’s not property. That’s feudalism.

Aber anders als bei den Frankfurter Gesprächen artikuliert Doctorow seine Wut nicht bei einem Glas Weißwein, sondern auf Kickstarter, das ist sowas wie das englischsprachige Startnext – also ein Ort, an dem Produzent:innen in direktem Austausch mit Konsument:innen Inhalte erstellen können.

Und genau das macht Cory Doctorow: Er bittet seine Leser:innen, den dritten Band seiner äußerst erfolgreichen Little-Brother-Reihe als DRM-freies Audiobuch zu kaufen. Der Grund dafür: Er will mit dem Hörbuch nicht im Amazon-Ökosystem auftauchen. Deshalb schmipft er nicht auf die Möglichkeiten der Digitalisierung, sondern nutzt diese: für seine eigenen Interessen und auch gegen Amazon. 220.000 Euro hat er damit kurz vor Ende des Crowdfundings eingenommen. Vorschuss würde man das in der Welt der Weißwein-Trinker:innen nennen. Im Internet nennt man es: Vorbestellungen.

Am Ende seines kurzen Pitchvideos (an einer Theke?!?) formuliert Doctorow zwei Botschaften, die er mit dem Crowdfunding verbindet. Zum einen will er die Vorbestellungen als Fingerzeig an Amazon verstanden wissen: „Hey Audible“, soll das Crowdfunding sagen, „uns allen ist euer DRM-System nicht egal. Wir mögen es nicht.“ Und zum zweiten sieht er darin ein Vorbild für all die Verlage auf der Welt, die gerne auf Amazon schimpfen: Nutzt die Möglichkeiten mit Hilfe von Crowdfunding, eine direkte Verbindung zu euren Kund:innen aufzubauen.

Eine schöne Erinnerung, in dem Jahr, in dem die größte Buchmesse der Welt im Internet stattfindet.

Mehr zum Thema im loading-Bereich hier im Blog:
Wie verdient man in digitalen Zeiten mit Kultur Geld?
Die Zukunft der Medien: Meine Handy-Nummer
– im Crowdfunding-Fazit zu Neue Version in sechs Punkten
– im der Text Reden wir über Geld: Über Wertschätzung und Wertschöpfung
– im Text Wie verdient man in digitalen Zeiten mit Kultur Geld?
– in den Hintergründen zum Projekt Langstrecke
– in meinem Buchprojekt „Eine neue Version ist verfügbar“

Journalistisches Highlight des Oster-Wochenendes

Das Leben der Menschen ist halt doch eine wunderliche Sache. Das alles klingt, als müssten sich die meisten Kinder von Anfang an durch Leistung und Gefälligkeit verdienen, was allem Anschein nach nicht selbstverständlich ist: die Liebe der Eltern.
Eine der großen Hoffnungen der Menschen ist es offenbar noch immer, mächtige Kinder zu zeugen, einen Stamm von Riesen, der die Welt beherrschen wird – oder wenigstens verwirklicht, was den Eltern selbst im Leben versagt geblieben ist.
Aber was wenn die Planung hin auf ds große und kluge Kind trotz aller Einflußnahme scheitert? (…) Was, wenn es nicht ein Leben lang Freude macht? Überfordete Kinder sind schwierige Kinder. Man kann sie nicht auf den Mond schießen.
(…)
Nichts kann man garantieren. Man bekommt keine Rechnung ausgefolgt, die drei Jahre Garantie verspricht. Das Leben besteht aus Unsicherheit. Die Menschen vergessen, dass das ganze Leben mit Risiken verbunden ist. Es gibt Wahrscheinlichkeiten, aber nie Sicherheit. Und so sehr der Wunsch nach einem perfekten Kind verständlich ist, der Anspruch darauf ist absurd.

Die FAS wagt in ihrem Politik-Teil ein Experiment mit großartigem Ausgang. Der Schrifsteller Arno Geiger schreibt über Lotta, ein Mädchen mit Down-Syndrom und über die Tendenz, dass immer mehr werdende Eltern ihre Kinder abtreiben, wenn das Down-Syndrom diagnostiziert wird („neunzehn von zwanzig der in der Schwangerschaft diagnostizierten Kinder werden abgetrieben“). So entsteht eine außergewöhnliche Form der Politik-Berichterstattung, die nicht nur durch ihr sprachlich hohes Niveau besticht.

Aber das berechtigte Lob für die Berichterstattung verblasst ein wenig, wenn man sich online auf die Suche nach dem Text macht: Hier kann man den Text zu sonderbaren Konditionen nachlesen: „Auch wenn Sie die F.A.S. nicht abonniert haben, können Sie diesen Beitrag zum Preis von 2,00 ‚Ǩ für 24 Stunden nutzen.“ Zwei Euro für 24 Stunden? Wenn ich mir die ganze Zeitung für 2,70 Euro kaufe, darf ich den Text auf ewig nutzen. Klarer kann man nicht machen, warum DRM Unsinn ist.