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Blog des Jahres? Gefühlskonserve!

Bei t3n.de wird das Blog des Jahres 2010 gesucht. In der Begründung heißt es:

Der Grund dafür ist einfach: Wir lesen sie selbst täglich. Oft verweisen wir in den News auf Blogposts und auch unser Portal „Social News“ kommt fast ganz ohne Verweise auf „klassische Medien“ aus.

Darunter folgt eine Auflistung von rund 100 Blogs, die allesamt bestimmt toll sind und einen Preis verdient haben. Erstaunlich ist jedoch, dass das Blog, das in diesem Jahr ganz besonders von sich reden gemacht hat und (wenn man denn schon ein Blog des Jahres küren will) diese Auszeichnung verdient hätte, gar nicht in der Liste auftaucht.

Ich spreche von der Gefühlskonserve aus München, in der Deef Pirmasens in diesem Februar einen Stein ins Rollen brachte, dessen Folgen noch bis weit in den Sommer Folgen zeitigte:

http://www.gefuehlskonserve.de/axolotl-roadkill-alles-nur-geklaut-05022010.html

Die Rede ist von Helene Hegemann, deren „Axolotl Roadkill“ erst durch Deefs aufmerksame Lektüre und den folgenden Blogeintrag vom umjubelten Debüt zum umstrittenen Abschreib-Buch wurde (dazu hier meine Verteidigung des Remix gegen den Betrug bei jetzt.de). Wenn man schon zum Jahresrückblick und zur Blogger-des-Jahres-Wahl greifen möchte, sollte man daran erinnern, wie hier ein Blogger die Demokratisierung der Publikationsmittel nutzte und ein sehr bedeutsames Thema auf die Agenda brachte.

Deshalb: mein Blogger des Jahres 2010 ist Deef Pirmasens!

Von Kühen, Bauern und Twitter

Jeder Mensch will wahrgenommen werden. Jedes Kind kämpft um die Aufmerksamkeit seiner Eltern. Der Mensch möchte sich seiner Existenz auf dieser Welt versichern, und das kann er oft nur, wenn er von anderen wahrgenommen wird. Der Mensch ist ein Herdentier. Wie Kühe muhen, twittern eben jetzt die Menschen.

Im Interview mit der Wiener Zeitung spricht Axel Hacke über Twitter, den Zustand der Print- und Buch-Branche und schlägt am Ende den Bogen von der Kostenlos-Kultur zur Hegemann-Debatte und fordert:

Das muss den jungen Leuten beigebracht werden: Ein Bauer melkt seine Kühe, und die Milch kostet dann Geld. So wie die Kuh gemolken wird, muss auch ich mein Hirn melken. Das ist Arbeit! Und die Leute kommen dann und reden von Intertextualität. Das ist doch ein Schmarrn!

FR über die Hegemann-Debatte

Die Hegemann-Debatte war eine Luftnummer. Man diskutierte unter Voraussetzungen, die es gar nicht gab. Als sicher kann dagegen gelten: Hegemann wollte niemanden beklauen, sie wollte niemanden hinters Licht führen und sie wollte auch keine Worte missbrauchen.

In der Frankfurter Rundschau versucht Peter Michalzik eine Zusammenfassung der Debatte um Helene Hegemann. Die dabei aufgestellten Behauptungen werden meiner Ansicht nach aber nur bedingt begründet. Zudem versagt er eine Erläuterung in der von ihm bemängelten Verwischung der Begriffe, die er als ein Ergebnis der Debatte zusammenfasst:

Eine Verunklarung dessen, was Copy & Paste bedeutet und was ein Plagiat ist.

Hätte man auf die Klarheit in den Begriffen Wert gelegt, hätte man bemerken müssen, dass es keineswegs allein im Strobo ging. Der „Blogger“ Deef Pirmasens hat dies im Interview mit sueddeutsche.de Anfang Februar so beschrieben:

Das Buch endet mit einem Brief der toten Mutter an die Protagonisten. Dafür hat Helene Hegemann offensichtlich den Songtext des Titels Fuck You der Band Archive übersetzt, vielleicht ein oder zwei Wörter geändert und dann verwendet, ohne das Zitat kenntlich zu machen. Ausgerechnet dieser Brief wurde von der Literaturkritik oft zitiert und gelobt.

via

Die Plagiatsplagiat-Diskussion

Gestern habe ich in der FAZ einen Text gelesen, von dem die dortige Redaktion behauptete, er stamme von Durs Grünbein – dieser Eindruck wird auch weiterhin auf der Website erweckt. Dort findet sich kein Hinweis auf das, was man heute in der FAZ lesen kann:

Der Text stammt zu neunundneunzig Prozent von Gottfried Benn.

Das sagt Durs Grünbein im Interview mit der Zeitung. Und erklärt die Intention dieses „Tests“ mit Benns Original-Text so:

Mir ging es nicht um Frau Hegemann. Mir ging es um den Irrsinn einer kriterienlosen Literaturdebatte.

Ob dieser Test geglückt ist, sollen Menschen beurteilten, die sich für die Literaturdebatte interessieren. Zum Beispiel Uwe Wittstock, der laut Perlentaucher in der Welt „einen empörten Kommentar über Durs Grünbeins Hegemann-Verteidigung“ verfasst hat. Die von Google und Perlentaucher verlinkte Fundstelle auf Welt-Online ist allerdings leer …

Mich beschäftigt an diesem Test eine ganz andere Frage, nämlich die, ob man als Zeitung seine Leser so verschaukeln darf. Es ist die naheliegendste Redaktions-Reaktion auf den so genannten Fall Hegemann, selber ein Plagiat zu testen. Ich glaube aber – eben weil es so naheliegend ist – dass man dem nicht nachkommen darf, weil man seine Leser damit in die Irre führt. Der Käufer der gestrigen FAZ glaubt doch, was er da gestern gelesen hat, dass es sich nämlich um „Eine Wortmeldung von Durs Grünbein“ handelt. Er ist in diesem Glauben nicht nur getrogen worden, ihm wird tags drauf auch noch mitgeteilt, dass er auf diese Irreführung aus eigenem Verschulden reingefallen ist. Grünbein sagt

Der gebildete Leser wird natürlich sofort den „Sound der Väter“ herausgehört haben.

und verrät damit alle anderen indirekt, dass sie eben das nicht sind: gebildet.

Ich kann mit dieser Einschätzung leben, finde allerdings bemerkenswert, wie die FAZ so nebenbei eine weitere Annahme in Frage stellt, die bisher für die Debatte über die Zukunft von Zeitungen zentral war: Eine Zeitung, sagte man bisher, ist ein abgeschlossenes Produkt. Eine Einheit, die anders als der ständige Nachrichtenstrom des Netzes, für sich alleine funktioniert. Wer eine Zeitung kauft, kauft damit Informationen, die für sich gelten (jedenfalls zum Zeitpunkt der Drucklegung). Mit dieser Plagitatsplagiat-Debatte stellt die FAZ das in Frage. Sie sagt: Diese Zeitung versteht man nur, wenn man auch die nächste Ausgabe liest. Sie wird damit selber zum Nachrichten-Strom, der seinen wichtigsten Vorteil gegenüber dem Netz, kampflos herschenkt.

P.S.: Zu dieser Einschätzung komme ich übrigens nicht, weil ich heute in der Süddeutschen Zeitung selber einen Text zum Fall Hegemann und zum Umgang mit Mashups veröffentlicht habe (S. 14 in der gedruckten Ausgabe).

Nachtrag, 16.30 Uhr: Durch Zufall bin ich gerade auf die Leser-Reaktionen auf faz.net auf Grünbeins-Test gestoßen. Diese sind erstaunlich: Zum Benn-Text vom Montag schreibt beispielsweise Frank Miksch:

Der alte Nerd-Laden FAZ-Feuilleton machte durch den Dichter Durs „mach mir den Gottfried (Benn)“ Grünbein mit seinem ironisch getupften doppelten Rittberger die ultimative Bruchlandung.

Und Ute Gerhardt fragt

Für wie blöd halten Sie uns eigentlich, Herr Grünbein?

Noch eindeutiger sind allerdings die Leser-Meinungen unter dem heutigen Interview. Dort fragt emile cioran

Finden Sie, Herr Grünbein, finden Sie, wehrte FAZ-Redaktion, dieses Spielchen witzig, originell, geistreich? Was wollen Sie wem damit sagen? Wollen Sie uns zeigen, wie schlau und belesen Herr Grünbein ist – und Sie auch?

Benjamin Küchenhoff ergänzt

Ich war schon verwundert, denn dieser Text war nicht annähernd so klug wie das, was Durs Grünbein sonst schreibt. Jetzt bin ich beruhigt zu erfahren, dass er gar nicht von ihm stammt. Besonders gewitzt finde ich seine Idee im Übrigen nicht.

Und der Leser Wilhelm Friedrich antwortet auf die die FAZ-Frage „Warum haben Sie geklaut, Herr Grünbein?“ mit diesen Worten

Das fragen Sie allen Ernstes, liebe FAZ? Ich weiß die Antwort: Weil er auch was vom großen Axelotl-Kuchen abhaben und auch mal wieder in die Zeitung will.

Wilde Untenrumgeschichten

Als ich siebzehn war, hängten sich Mädchen der Kategorie Hegemann noch Pferdeposter ins Jugendzimmer, hörten Céline Dion und schwärmten für Tobi Schlegl. Heute avancieren hochambitionierte Theater-AG-Aussteigerinnen aus dominanten Elternhäusern noch vorm ersten Zungenkuss innerhalb von sechs Tagen mit wilden Untenrumgeschichten aus dem Berghain zum größten deutschen Literaturgenie seit Erfindung von Copy und Paste, während das Feuilleton dazu vor Begeisterung auf dem eigenen Ejakulat ausrutscht. Ein erfreulicher zivilisatorischer und kultureller Fortschritt.

Jan Böhmermann blickt im Tagesspiegel auf seine Medienwoche zurück – und empfiehlt den Titel von Helene Hegemanns Buch und den Namen der Feuchtgebiete-Autorin schnell zehnmal hintereinander zu sagen! (via)

Zwischen Unterwäsche und Plagiat: ein Blick in den rechtsfreien Raum

Eine letzte Anmerkung zu Frau Hegemann: Immerhin war sie es, die in der vergangenen Woche das Thema Urheberrecht derart in den öffentlichen Fokus schob und immerhin tut sie ja auch einiges dafür, dass das Thema (und damit ihr Buch) in den Medien bleiben.

Wie sie selber als Vorlage für begriffliche Mashups dient, kann man in dem schönen Beitrag Die Spiegelung eines Plagiats in der Erschaffung von Wörtern nachlesen. Er ist einer von zahlreichen Texten, die mir in den vergangenen Tagen zum Thema Urheberrecht aufgefallen sind. Die meisten davon führen zu einer interessanten Erkenntnis: Urheberrechtsverletzungen scheinen keinesfalls den bösen Raubkopierern vorbehalten.

Helene Hegemann und andere zeigen, dass die Frage wie man mit geistigem Eigentum umzugehen hat, eine ist, die offenbar völlig abseits des Internets und der dortigen Raubkopie nicht geklärt scheint. Jedenfalls wirkt es so, als gäbe es in der ganz analogen Welt zunächst einiges zu besprechen, bevor man anfängt, auf das vermeintlich (urheber-)rechtsfreie Internet zu schimpfen.

Wie ich darauf komme? Peter Mühlbauer hat mich in seinem telepolis-Text Sony als „Raubkopierer“ (via) darauf gebracht, darin berichtet er von einer offenbar kopierten Unterwäsche-Kreation, die die Sony-Künstlerin Lady Gaga in einem Musikvideo zur Aufführung brachte und die große Ähnlichkeit mit einem Modell der Firma Triumph International aufweist. Mühlbauer schreibt über den Gerichtstermin, den die Unterwäsche-Firma angestrengt hat:

Der Sony-Anwalt kündigte noch während der Verhandlung an, bei einer negativen Entscheidung in die Berufung zu gehen. Eine in diesem Zusammenhang von ihm gemachte Äußerung, die offenbar die gegnerische Partei entmutigen sollte, dürfte auch für YouTube oder für Filesharing-Nutzer von Interesse sein: Danach ist das Lied aufgrund der „Kurzlebigkeit im Musikgeschäft“ ohnehin bald „durch“, weshalb Sony das Video, das dann seiner Aussage nach „keiner mehr haben“ will, einfach zurückziehen werde.

Nicht Kurzlebigkeit, sondern ein ganz anderes Problem, hat Chuck Lorre. Der Erfinder der Serie „The Big Bang Theory“ sieht sich nämlich mit einer weißrussischen Kopie seiner Serie konfrontiert, sie trägt den Titel „The Theorists“ und es ist offenbar nicht möglich, dagegen vorzugehen. Denn:

Nachdem der Produzent sein Produktionsstudio Warner Bros. TV jedoch von diesem Ideenklau berichtete, winkte die Rechtsabteilung ab: Es sei nahezu unmöglich, dagegen zu klagen (und Recht zu bekommen), denn die weissrussische Produktionsfirma, die hinter „The Theorists“ stünde, sei in Staatsbesitz, was in dem Land gleichbedeutend sei mit Unangreifbarkeit.

Es gab in dieser Woche durchaus weitere Meldung, die zeigen, dass der fragwürdige Umgang mit dem geistigen Eigentum keineswegs ein Internet-Problem ist (wie ich ich ja hier schon mal gezeigt habe). Dennoch nutzen zahlreiche Autoren den Fall Hegemann um mit dem Finger auf einen Ort zu zeigen, „wo bisher in Urheberrechtsfragen nur Chaos herrscht – das Internet“ (FAZ).

Dabei kann man genau dort, im Internet, nachlesen, was Helene Hegemann erwartet hätte, wäre sie nicht zufällig auf das Blog von Airen gesurft und hätte sich dort inspirieren lassen, sondern hätte zum Beispiel das (offenbar gar nicht kurzlebige) Jan Delay Album „Wir Kinder vom Bahnhof Soul“ in einer Tauschbörse angeboten: Vielleicht hätte sie dann Post von der Kanzlei Rasch bekommen.

Die Rechtsanwälte Rasch mahnen derzeit für die Universal Music GmbH die unerlaubte Verwertung des Albums „Wir Kinder vom Bahnhof Soul“ von Jan Delay ab. Dem Anschlussinhaber wird vorgeworfen, das Album im Rahmen von Tauschbörsen zum Download im Internet angeboten zu haben. Wie üblich enthält das Schreiben neben der ermittelten IP-Adresse des Anschlussinhabers eine vorformulierte Unterlassungserklärung. Darüber hinaus wird der Anschlussinhaber aufgefordert, zur einvernehmlichen Beilegung der Angelegenheit einen pauschalen Betrag in Höhe von 1.200,00 € zu bezahlen. Dessen genaue Zusammensetzung (Rechtsanwaltskosten, Schadensersatz) wird nicht näher erläutert.

1200 Euro sind – wenn ich das richtig einschätze – übrigens eine kleine vierstellige Summe – so viel hat Ullstein angeblich dem Rechteinhaber gezahlt, dessen Texte in Axolotl Roadkill genutzt wurden; wohl gemerkt dafür, dass Helene Hegemann auf diese Weise einen Beststeller zusammensetzen schreiben konnte. Dass jemand pauschal eine ebenfalls kleine vierstellige Summe dafür zahlen soll, dass er oder sie das Jan Delay-Album ins Netz gestellt hat, lässt für mich nicht den Schluss zu, dass das Internet besonders rechtsfrei sei.

Ich habe das Gefühl, dass hier die Verhältnisse etwas verrutscht sind. Die Kanzlei Rasch wird sich zudem auch nicht von dem Hinweis abschrecken lassen, dass diese Urheberrechtsverletzung womöglich von einer 17-Jährigen begangen wurde, die zum Tatzeitpunkt sogar erst 16 war. Clemens Rasch hat einen ganz anderen Antrieb, wie er hier sagte: „Mein Ziel ist es, dass jeder jemanden kennt, der einen kennt, der erwischt wurde.“

Nicht falsch verstehen: Ich will hier weder die Nutzung von Tauschbörsen, noch die Arbeit von der Kanzlei Rasch bewerten. Es stimmt mich aber doch zumindest verwundert, welche Maßstäbe die Öffentlichkeit anlegt, wenn es darum geht, den Umgang mit geistigem Eigentum zu bewerten.

Das Remix-Debakel der deutschen Presse

Ich habe mich heute für jetzt.de bemüht, im merkwürdigen Fall Helene Hegemann, den Remix gegen den Betrug zu verteidigen. Wie notwendig das ist, ist in meinem Text nur angedeutet. In diesem sehr lesenswerten Beitrag von Anatol Stefanowitsch in den Wissenslogs sieht man, wie verwirrend die Begriffsungenauigkeit mittlerweile ist. Er belegt anhand von Zitaten wie fahrlässig hier unter dem merkwürdigen Begriff der Internetkultur (die für den Skandal verantwortlich gemacht wird) über Remix oder Intertextualität hergezogen wird, um die Tatsache zu verschleiern, dass hier offensichtlich ein Plagiat vorliegt:

Die „Internetkultur“, die hier bemüht wird, ist natürlich fiktiv und zeigt nur, dass die Feuilletonist/innen von der Urheberrechtsdebatte im Internet ebenso wenig verstehen, wie von guter Literatur.
Denn die Urheberrechtsdiskussion im Internet dreht sich nicht um das Recht, anderer Leute Ideen, Worte und künstlerische Leistungen zu stehlen und als die eigenen zu verkaufen, sondern ganz explizit um das Recht von Urhebern, die Weiterverwendung ihrer sprachlichen und künstlerischen Leistungen differenziert selbst zu regeln.

via