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Redesign: Guardian und New York Times

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Gerade als ich die Meldung lesen wollte, dass die New York Times in der kommenden Woche eine umgestaltete Version ihrer Webseite veröffentlichen will, lud man mich dort ein, das neue Design anzuschauen. Ab 8. Januar wird das flexbile Layout (passt sich „responsive“ dem Kontext an, in dem es angeschaut wird) für jeden Nutzer sichtbar sein. In der zugehörigen Pressemitteilung der New York Times loben Chefredakteurin und die zuständige Produktchefin die effizientere Navigation (wurde auf der Homepage verschoben), schnellere Ladezeiten und vor allem mehr Platz für Bild, Video und interaktive Geschichten.

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Aber nicht nur die Homepage wurde verändert auch das Artikel-Layout ist nun responsive. Das sieht dann so aus (zum Vergrößeren bitte draufklicken)

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Das ganze ist aus unterschiedlichen Gründen interessant. Unter anderem weil mit dem gestalterischen Umbau bei der New York Times auch „native Advertising“ eingeführt werden soll – also Inhalte, die werblicher Art sind aber eine redaktionelle Anmutung haben. Ende Dezember hatte Artur Sulzberger Jr. das in einem internen Rundschreiben angekündigt.

Dieser Plan hatte zu einer kontroversen Debatte führt, die auch der Guardian begleitete – mit einem Artikel, den man hier auch in alten wie neuem Layout sehen kann. Denn auch die zweite große Zeitung im Web arbeitet gerade an einem responsive Design. In einer Alpha-Frühphase kann man diese neuen Entwürfe sehen (zum Vergrößeren ebenfalls draufklicken)

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Der NSU-Prozess. Das Protokoll des ersten Jahres

Am Freitag erscheint ein besonderes SZ-Magazin: Für „Der NSU-Prozess. Das Protokoll des ersten Jahres“ (ab Donnerstag abend in der SZ-App) haben Annette Ramelsberger, Tanjev Schultz und Rainer Stadler den größte Strafprozess in Deutschland seit der Wiedervereinigung auf mehr als 500 Seiten mitprotokolliert und verdichtet. In Zusammenarbeit mit der Filmakademie Baden-Württemberg, der Akademie für Darstellende Kunst Baden-Württemberg und der UFA Fiction haben die Kollegen (ich arbeite im gleichen Haus) aus dem Protokoll zusätzlich einen zweistündige Film gemacht. Hier ist der Trailer dazu zu sehen:

Mehr über das ungewöhnliche Projekt gibt es auf szmagazin.de

Digitale Daten und die Öffentlichkeit

Der Guardian hat in seinem Liveblog zu den Entwicklungen im Fall Miranda/Snowden ein Bild veröffentlicht, das das Dokument des absurden Szenarios ist, das Alan Rusbridger gestern in seinem Text zum Druck der Regierung auf seine Zeitung beschrieben hat: Geheimdienstmitarbeiter drängen darauf, dass ein MacBook, das Dokumente von Edward Snowden enthält, zerstört werde. Dieser Wunsch wird im klaren Wissen umgesetzt, dass Kopien dieser Dokumente auf anderen Rechnern gespeichert sind:

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Das Liveblog beschreibt diese Szene als „one of the stranger episodes in the history of digital-age journalism“. Das ist sie mindestens, vermutlich ist sie aber sehr viel mehr. Einerseits weil sie die Schlüsselszene in einer der größten Debatten um Pressefreiheit der Gegenwart ist. Andererseits aber, weil hier so eindeutig wie selten greifbar ist, was die digitale Kopie mit unserer Gesellschaft macht.

Das Bild ist sozusagen die umgedrehte Raubkopie. Die Gewalt auf den Computer ist der hilfslose Versuch, einen Strom mit bloßen Händen zu stoppen. Der Begriff der Raubkopie wollte dem Vorgang des Kopierens einen gewalttätigen Aspekt andichten, den das Kopieren nie hatte. Der Versuch, einen Laptop zu zerstören, um damit die darauf befindlichen Daten zu stoppen, basiert genau auf dieser Gewalt, die allerdings machtlos bleibt gegen die historische Ungeheuerlichkeit der digitalen Kopie. Die Daten sind eben nicht nur auf dem Rechner im Keller des Guardian, die Daten sind in Amerika und Brasilien erklärt Rusbridger den Geheimdienstlern – und in Wahrheit sind die Daten überhaupt nicht an einem einzigen zentralen Ort, sie sind digitalisiert. Und das sicherste Versteck, das man für sie finden kann, ist die Öffentlichkeit.

Das alles klingt absonderlich, aber es ist die Grundbedingung des digitalen Zeitalters: die Veränderung im Verständnis von Privatheit und Öffentlichkeit und vor allem der veränderte Umgang mit digitalisierten Daten.

Dieses Bild ist sozusagen das Symbol schlechthin für digitalen Journalismus. Zum einen weil es die im Wortsinn Unfassbarkeit der digitalen Kopie aufzeigt (davon schrieb ich in Mashup) und zum zweiten weil es einen Aspekt in den Blick rückt, den ich in einem ganz anderen Zusammenhang in „Eine neue Version ist verfügbar“ betont habe: Darin beschreibe ich, wie Kultur zu Software wird und wie es durch deren Versionierung möglich wird, quasi öffentlich zu schreiben. In dem Buch beschreibe ich dies als aus Ausweis einer besonderen kulturellen Qualität und als Teilnahme an einem einzigartigen unkopierbaren Moment. Unter dem Eindruck der Geschehnisse beim Guardian muss man einen dritten Aspekt ergänzen: Das öffentliche Schreiben kann in diesem Zusammenhang ein Schutz sein.

Dadurch dass Greenwald und der Guardian in einem Prozess die Daten veröffentlichen, dadurch dass Greenwald auf Twitter greifbar bleibt, ist er öffentlich geschützt. Nicht mehr einzig das Ergebnis seiner Recherchen steht im Mittelpunkt, der Entwicklungsprozess bekommt Bedeutung. Deshalb ist es keineswegs reines Marketing, wie die FAZ mit einer Mischung aus Häme und Eifersucht die Veröffentlichungen des Guardian kommentiert. Es ist eine Conditio des Digitalen, dass der Prozess dokumentiert wird.

In einem ganz anderen Zusammenhang schrieb ich davon zu Beginn des Jahres in meinem Projekt „Eine neue Version ist verfügbar“. Nie hätte ich mir damals träumen lassen, dass zur Veröffentlichung des Buches das Foto eines zerstörten Laptops die Grundbedingungen des Digitalen so eindeutig greifbar machen könnte.

Hast du mal ne Sekunde …

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Als Uniform Ressource Locator bezeichnet man im allgemeinen Sprachgebrauch die eindeutige Adresse einer Webseite. Eine technische Angabe, die im Zeitalter der Vernetzung aber auch inhaltliche Relevanz bekommt.

Von Michael Seemann stammt der Satz: „Öffentlich ist, was einen Link hat.“ Was umgedreht formuliert heißt „Was keine URL hat, existiert (öffentlich) nicht.“ Das heißt Inhalte ohne Internetadresse sind nicht relevant, sie sind nicht auffindbar, sie sind nicht öffentlich.

An diese Perspektive musste ich denken, als ich vor ein paar Tagen ein Interview mit dem Vorsitzenden des Verbands Südwestdeutscher Zeitungsverleger las. Valdo Lehari stellt darin die folgende These auf:

Wenn wir nur für einen Tag unsere Inhalte nicht ins Netz stellen würden – also alle Tageszeitungen, aber auch die öffentlich-rechtlichen Fernsehsender und die Magazine – dann wäre dort gar nichts los.

Diese Woche habe ich nun die Seite OneSecond entdeckt, die auflistet und erlebbar macht, was nur innerhalb einer Sekunde im Netz los ist: das Gegenteil von gar nichts. Die Grafik ist deshalb beeindruckend, weil man sie erleben kann. Die Beiträge, Likes und Suchanfragen, die sich innerhalb einer Sekunde ereignen, fliegen am Nutzer vorbei. Wem das zu schnell geht: Hier gibt es das ganze übersichtlicher für 60 Sekunden.

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Selbst wenn man glauben wollen würde, dass diese Bewegung zum überwiegenden Teil auf die Inhalte professioneller Kommunikatoren zurückzuführen wäre, muss man sagen: Dass gar nichts los ist im Netz, ist eine äußerst unwahrscheinliche Annahme. Wahrscheinlicher ist die These von Michael Seemann: Was da nicht dabei ist, ist nicht los. Also nicht öffentlich.

loading: Radiorollenspiel

Was passiert eigentlich wenn ein Hörspiel auf ein Rollenspiel trifft? Marcus Richter will genau das ausprobieren und hat deshalb die Startnext-Projekt Radiorollenspiel gestartet – eine interaktive Form des Hörspiels, die auf detektor.fm gesendet werden soll. hat den loading-Fragebogen beantwortet

Was machst du?
Eine neue Form des Geschichtenerzählens ausprobiereren, die am ehesten als interaktives Hörspiel bezeichnet werden kann. Dabei wird im Radio eine Geschichte erzählt, aber nur zu einem gewissen Punkt. Dann können Hörer anrufen und selber die Hauptrollen spielen. Dabei handelt es sich um freies Spiel. Es werden nicht nur die Rätsel und Aufgaben der Geschichte gelöst, sondern dabei frei mit der Spielwelt improvisiert. Die Spieler können sogar soweit gehen, sich mit ihren Charakteren zu identifizieren und ihnen eigene Motivationen und Wesenszüge verleihen.

Warum (machst du es so)?
Die interaktiven Hörspiele, die mir bis jetzt im Radio begegnet sind, liefen alle relativ starr ab. Hörer hatten lediglich die Möglichkeit an vorher festgelegten Stellen die eine korrekte Lösung von Rätseln zu erraten, die Geschichten wurden dadurch sehr starr oder vorhersehbar.
Es gibt das Konzept des Zuhörers als „Erzählrollenspiel“, das oft privat in kleinen Gruppen von 3 bis 8 Personen durchgeführt wird. Das „Radiorollenspiel“ ist die Verknüpfung der technischen Möglichkeiten eines Hörspiels (Soundkulisse, Hintergrundmusik, Geräusche, Schauspieler), des Radios (große Reichweite, Hörerlebnis) und des Rollenspiels (Zuhörer als treibendes Element der Geschichte).
Hörer bringen also unvorgesehene Elemente und Wendungen in eine klassische Erzählform ein und definieren so das Erlebnis Live-Radio neu.

Wer soll da mitmachen/zuhören?
Alle, die sich für Hörspiele, Erzählrollenspiele oder einfach eine gut dargebotene Geschichte interessieren.

Wie geht es weiter?
Wir haben zwar bei einem mittelgroßen Sender schon Erfahrungen mit diesem Konzept gesammelt, allerdings in einem eingeschränkten Rahmen. Die durch Startnext finanzierte Sendung soll ein Pilot sein und zeigen, was möglich ist. Damit wollen wir an Sender herantreten, die Interesse an dem Format haben könnten. Das Crowdfunding erfüllt also zwei Zwecke: Es ermöglicht die Produktion und kann gleichzeitig als Beweis gelten, dass ein Zielpublikum da ist.

Was sollten mehr Menschen wissen?
Das komplette Projekt wird nach Abschluß unter einer Creative-Commons-Lizenz veröffentlicht, die eine Weiterverbreitung erlaubt. Im Crowdfunding sind Stufen eingebaut, die eine Freigabe des (für die Sendung komponierten und produzierten) Soundtracks zum Remixen erlauben und einen Upload der einzelnen Spuren zu CCmixter.org vorsieht. Außerdem gibt es Kuchen.

>>>>>> Hier das Radiorollenspiel unterstützen

Unter dem Schlagwort loading stelle ich in loser Folge handgemachte bzw. Crowdfunding-Projekte vor, die spannend sind und/oder für eine neue Bezahlkultur stehen. Das mache ich (auch), weil mein aktuelles Buch ebenfalls über Crowdfunding verfügbar gemacht wurde. Man kann den loading-Ideen im Blog folgen (hier den RSS-Feed zum Schlagwort „loading“ in den Reader nehmen) oder einen Newsletter mit den Vorschlägen abonnieren:


Pressefreiheit am Gericht


Die BR-Sendung quer berichtete gestern (im Rahmen einer vom so genannten Teletwittern begleiteten Sendung) über die Störversuche von Neonazis, die bei öffentlichen Sitzungen vor Gericht Journalisten in ihrer Arbeit behindern. Gerhard Zierl, Präsident des Amtsgericht München, wird in dem Beitrag von Max Ringsgwandl und Christoph Thees zu den Vorfällen befragt – auch dazu wie man angemessen reagieren sollten. Seine Antwort ab 4.33 Min in dem Beitrag:

Wenn Sie mich schon fragen, wie man solche Störungen zukünftig verhindern kann … ich will das eigentlich nicht … aber man müsste und könnte daran denken, im Gerichtsgebäude ein Film- und Fotografierverbot zu erlassen. Dann habe ich diese Problematik nicht mehr.

Mehr zum Thema auch in der NDR-Sendung Zapp

Werte des Journalismus

Wir sollten uns aber lieber darauf konzentrieren, wie es mit dem Journalismus weitergeht. Sollten uns mit den Werten des Journalismus auseinandersetzten, als uns immer wieder den Kopf zu zerbrechen, auf welcher Plattform dieser erscheint.

Der Guardian-Chef Alan Rusbridger hat in einem Interview in dieser Woche mal wieder sehr kluge Dinge über die Zukunft des Journalismus gesagt.

Weitersagen! Über die Mitteilbarkeit von Nachrichten

Der koreanische Ph.D.student Haewoon Kwak hat unter dem Titel What is Twitter, a Social Network or a News Media? eine interessante Präsentation veröffentlicht, die bei Mashable (via) diskutiert wird:


Die Studie, die der Präsentation zugrunde liegt, belegt vor allem: Twitter wird ein bedeutsamer Nachrichtenkanal, den Journalisten nicht ignorieren sollten. Weniger weil es sich dabei tatsächlich um ein soziales Netzwerk handelt (das stimmt so nur sehr bedingt), sondern vielmehr weil es ein ständig an Bedeutung wachsender Verbreitungsweg für Informationen wird. Über die Folgen dieser Veränderung hatte Danah Boyd unlängst schon sehr lesenswert geschrieben.

Was heißt das für den Journalismus? Er muss anerkennen, dass seine Inhalte auf Reisen gehen. So nennen es die Macher der Pownar-Studie von CNN. Sie haben „the power of news and recommendation“ untersucht und sind dabei der Frage nachgegangen, wie bedeutsam die Mitteilbarkeit von Informationen im Netz ist. Die Antwort darauf liefert dieser Spot:

Discover Simple, Private Sharing at Drop.io

Filesharing oder Filestehling?

Markus Heidmeier hat heute früh unter dem Titel Digitale Diebstähle in DRadio Wissen einen Beitrag zu der Filesharing-Debatte gesendet, die in den vergangenen Tagen auch hier und hier geführt wurde. Er nennt sie einen „Kulturkampf unter Bloggern“, bescheinigt Sascha eine „Popper-Frisur“ und beklagt „großes Getöse“ und kommt zu dem Schluss: „Viel Geschrei, aber keine brauchbare Strategie für die Zukunft.“ Deshalb fordert er ein „Diskursreset“.

Unterlegt ist der Beitrag übrigens mit Musik aus dem hier bereits erwähnten Projekt von Nina Paley.

Das sagt der Beitrag aber nicht.

Mein Fazit zu der besprochenen Debatte zwischen Marcel und Sascha steht übrigens hier.

via