Dieser Text ist Teil der September-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, der immer zum Ende eines Monats erscheint. Hier kannst du ihn kostenlos abonnieren. (Das Bild oben stammt aus Canva, der Stempel „Handgedacht“ ist mit KI erstellt worden)
Dieser Text hier stammt von mir. Er ist handgemacht und handgedacht. Ich weiß nicht, ob es das Wort gibt, aber ich würde es gerne vorschlagen: als Beschreibung für Texte, die ohne die Hilfe einer KI erstellt wurden.
Ich habe keine Ahnung, ob diese Texte besser oder schlechter sind als solche, die z.B. mit Hilfe einer KI-Übersetzung oder Rechtschreibkorrektur verfasst wurden. Ich ahne aber, dass es gut ist, handgedachte Texte als solche zu markieren.
Auf diesen handgedachten Gedanken bin ich gekommen, als ich in diesem Monat das hier las:
Die neuen Vorgaben sollen EU-Bürger davor schützen, mit täuschend echt wirkenden Inhalten manipuliert zu werden. In sogenannten Deepfake-Videos etwa sollen die Kennzeichnungen direkt zu Beginn erscheinen, dort bleiben oder zumindest in regelmäßigen Abständen wieder eingeblendet werden, heißt es in einem vor einigen Wochen veröffentlichten EU-Leitfaden.
So steht es in der Agenturmeldung, die die KI-Kennzeichnungspflicht ankündigt, die seit diesem Monat gilt: In Artikel 50: Transparenzverpflichtungen für Anbieter und Betreiber von bestimmten KI-Systemen ist geregelt, wie KI-manipulierte Inhalte gekennzeichnet werden sollen.
Das ist juristisch vermutlich richtig und wichtig. Es soll manipulative KI-Inhalte sichtbar machen. Das ist ein guter Ansatz für Jurist:innen – aber hilft dieser Ansatz auch Kreativen, die Inhalte erstellen?
Ich glaube, er führt eher in die Irre. Meine These: Für Kreative wäre es langfristig besser, Inhalte zu kennzeichnen, die NICHT mit einer KI erstellt wurden. Solche Inhalte, die ich als handgedacht bezeichnen würde.
Um zu verstehen wie ich darauf komme, müssen wir ins Jahr 1989 zurück gehen: Damals lief auf MTV erstmals ein Sendungsformat, das nicht nur eine Show, sondern ein eigenes popkulturelles Phänomen wurde und mir als Bild für den Umgang mit KI dienen soll. Ich spreche von MTV unplugged.
Die Format basiert auf der einfachen Idee, Musik den Stecker zu ziehen – sie also akustisch zu spielen. Der Sound von E-Gitarren wurde in diesem Format akustisch gespielt. Das führte nicht nur zu einem sehr schönen kopieren-kapieren-Phänomen, es ist auch ein gutes Bild, um den Unterschied zwischen elektrifizierten und handgemachten Inhalten zu illustrieren:
KI soll in diesem Bild wie eine E-Gitarre verstanden werden, die bestimmte Inhalte erstellt. Plugged- und Unplugged-Versionen haben ihren eigenen Wert. Die Wertschätzung für das Format entsteht aber dadurch, dass es anerkennt, was technisch möglich ist, davon aber bewusst nicht Gebrauch gemacht hat: MTV unplugged funktionierte nicht als Widerspruch oder Ablehnung an Plugged-Version, sondern als bewusstes Unterlassen bestimmter Techniken. Alle Bands und Künstler:innen sagen mit ihren Unplugged-Versionen: „Natürlich sind wir in der Lage, gegenwärtige Technologie zu nutzen, aber in diesem Fall tun wir es absichtsvoll nicht – und dadurch entsteht etwas Besonderes, etwas Wertvolles.“
Dieses Bild würde ich mir auch im Umgang mit KI-Werkzeugen wünschen. Natürlich sind kreative Menschen in der Lage, gegenwärtige Technologien zu nutzen – aber in bestimmten (handgedachten!) Fällen verzichten sie bewusst darauf.
Das ist keine juristische Anmerkung, sondern eine kreative; ein Hinweis darauf, dass Wertschöpfung und Wertschätzung eng miteinander verbunden sind. Und vielleicht liegt in der Kennzeichnung von Inhalten ein beesonderer Zugang zur Frage von Wertschätzung.
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