Das Wal-Debakel: Don’t believe the drama! (Digitale Mai-Notizen)

Dieser Text ist Teil der Mai-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, der immer zum Ende eines Monats erscheint. Hier kannst du ihn kostenlos abonnieren.


Ich hätte gerne einen Superlativ-Blocker: Einen Filter, der zum Beispiel aus der brüllenden Überschrift „Friedrich Merz ist unbeliebteste Regierungschef der Welt“ den Aussagesatz macht: „Friedrich Merz ist äußerst unbeliebt – sogar im weltweiten Vergleich„.

Vielleicht kann das eine Browser-Erweiterung lösen: jeder Superlativ wird umgewandelt in ein normales Adjektiv. Jede höchste Steigerung wird reduziert. Denn all die Superlativ-Behauptungen wollen ja nur eins: meine Aufmerksamkeit. Jetzt. Sofort. Am sofortigsten!

Die Zuspitzung auf die höchste Steigerungsform vermittelt uns das beständige Gefühl von Ausnahmesituationen. Die Folge: Es entsteht der Eindruck, wir lebten in herausragenden Zeiten. Dabei sind wir menschheitsgeschichtlich vielleicht einfach nur eine weitere Generation, die Probleme lösen muss, die sie für unlösbar hält. Jede Generation musste diese Aufgaben bewältigen.

Vielleicht fangen wir auch mal damit an!

Ich habe diesen Monat darüber nachgedacht, ob ein solcher Filter eine gute Idee wäre – weil mich zwei Themen daran erinnert haben, wie wichtig unsere Aufmerksamkeit ist. Sie bestimmt darüber, durch welche Tür wir in den Raum kommen, welche Perspektive wir auf die Welt einnehmen („einzigartig problematisch“ oder „unsere Aufgabe“). Und vielleicht könnte ein solcher Superlativ-Filter hilfreich sein, um in all dem Brüllen die Welt da draußen besser hören zu können.

Die beiden Aufmerksamkeits-Themen des Monats lassen sich als sehr schön und als etwas bedrückend beschreiben. Es geht einerseits um einen Ratschlag, den Bayern-Trainer Vincent Kompany nach dem Sieg gegen Real Madrid gab – und es geht um die Aufregung um den Wal, der in der Ostsee die Aufmerksamkeit der Medien bekommen hat.

Beginnen wir bei dem Wal-Debakel in der Ostsee. Es handelt sich dabei ein perfektes Beispiel für das Phänomen der selbstverstärkenden Berichterstattung. Indem die Medien über das Tier im Wasser und die Tierfreund:innen an Land berichten, umso mehr Aufmerksamkeit bekommt das Thema. Dahinter steckt die Google-Ranking-Logik: Was viele wichtig finden, kann nicht unwichtig sein.

Leider stellt sich diese Logik als zunehmend falsch raus. Das Wal-Debakel in der Ostsee (also vor allem die mediale Begleitung) zeigen dies sehr anschaulich. Vielleicht müssen wir also für einen medienkompetenten Umgang mit der Informationsflut lernen zu filtern. Dazu habe ich in diesem Monat einen wunderbaren Ratschlag von Vincent Kompany gehört.

Nach dem sehr spannenden und nervenaufreibenden Spiel gegen Real Madrid im Münchner Stadion sass der Bayern-Trainer in der Pressekonferenz und beantwortete die Frage eines Reporters nach einem Lebensratschlag.

Ich finde seine sehr ruhige Antwort so beeindruckend, dass sie transkribiert habe:

Yeah, so first of all, I'm a football coach. I'm not a life coach. So I cannot give solutions for everyone in their personal lives. But my thing, what I do is, and I say it to the players, and, um, I put it either in my office or in the training ground, is: don't believe the hype and don't believe the drama. 

So probably now it's a little bit of hype. It doesn't matter. And when there was drama before, probably closer to the time where you asked me the question, it doesn't matter. 

Like, my biggest thing is to focus and live in a tunnel, and live for what I want to achieve. I have already come to a conclusion very early in my coach's career  you cannot do this job and then at the end say, "Well, I did it for somebody else." You understand what I mean? 

I made everybody happy by trying to do this, trying to do that, and in the end, you've lost yourself, and you get nothing out of it, you know? So in this way, I wake up in the morning, whether we lose or win, and I feel motivated. I go to the training ground, whether we lose or win, and I feel like I'm working with a very professional staff and with a very, very clear group of players as well. And, um, and that's my life. Nothing more. Everything outside, I really don't care. 

And, uh, sorry, I have to repeat it. It's a passion I have not to care about the noise. I really feel strong, and I wish that you guys enjoyed this, this feeling. It's a better life.

Die Frage wie wir mit unserer Aufmerksamkeit umgehen, wird zu einer der zentralen Herausforderungen für die Zukunft. Der Football- oder Life-Coach Kompany hat mit seinem Ratschlag ja nicht nur in Bezug auf sportlichen Erfolg recht – es ist auch eine politische Entscheidung wem wir unsere Aufmerksamkeit schenken.


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