Männer seid Feministen (Digitale April-Notizen)

Dieser Text ist Teil der April-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, der immer zum Ende eines Monats erscheint. Hier kannst du ihn kostenlos abonnieren.


„Ich hab viel gelernt“ sagt Ronen Steinke am Ende des Gesprächs mit Christina Clemm in seinem SZ-Podcast „Ist das gerecht?“. Und ich mag die Haltung, die aus dem Satz spricht: die Offenheit und Bereitschaft hinzuzulernen. Angesichts der öffentlichen Debatte über Gewalt gegen Frauen liegt genau hier die Sache, die Männer meiner Generation tun können: zuhören und hinzulernen. Das habe ich in der Podcast-Folge gemacht – und sie ist wirklich lehrreich. Zu den Dingen, die Männer jetzt tun können (ich leihe mir den Titel von Evas unbedingt empfehlenswertem Newsletter), könnte auch zählen: Feminist zu werden!

Ich war am Wochenende auf der Demo gegen Gewalt an Frauen auf dem Münchner Königsplatz und habe dort ein Schild gesehen, auf dem stand: „Männer Seid Feministen“ (übrigens neben dem MRZ LCK Schild, zu dem ich die Netzkulturcharts empfehle)

Ich hab deshalb nochmal den TED-Talk der nigerianischen Schriftstellerin Chimamanda Ngozi Aidchie aus dem Dezember 2012 angeschaut.

Er trägt den Titel „We should all be Feminists“ …

… und ist auch als kleines Büchlein erschienen. Darin beschreibt sie die Herausforderung, über Feminismus zu sprechen, so:

Über Geschlechterfragen zu sprechen, ist kein einfaches Thema. Es macht den Menschen Unbehagen, manchmal werden sie sogar gereizt. Sowohl Männer als auch Frauen sträuben sich dagegen, über Geschlechterfragen zu sprechen, oder tun das Problem der Geschlechterungleichheit schnell als nebensächlich ab. Denn der Gedanke, den Status quo zu ändern, ist immer unangenehm.

Wir erleben aber gerade, dass der Status quo sich verändert bzw. verändern muss. Und deshalb könnte es ein gutes Ziel sein, sich als gegenwärtiger Mensch zu verstehen. Das schließt für mich ein, sich seiner eigenen Begrenzungen bewusst zu sein und aktiv an dem Ziel zu arbeiten, morgen schlauer zu sein als gestern. Wer (warum auch immer) kein Feminist werden möchte, kann aber immerhin versuchen, neue Perspektiven kennenzulernen und ein Mensch zu sein, der im Gegenüber ebenfalls einen Menschen erkennt.

Screenshot über Social-Media

Dass das sehr banal klingt, aber ein großer Schritt sein kann, sieht man an männlichen Reaktionen dieser Tage. Der Bundeskanzler bringt es nicht fertig, das Problem von Gewalt gegen Frauen beim Namen zu nennen: Männer. Er bedient stattdessen fremdenfeindliche Narrative und spricht über Zuwanderung. Ein Kommentar in einem großen Medium nutzte die aktuelle Debatte ebenfalls, um eigene Narrative zu bedienen: in dem Fall gegen soziale Medien. Auch hier überwiegt die Begeisterung für die eigene Meinung über die Offenheit, zuzuhören und hinzulernen.

Es ist bemerkenswert, dass die eigene Sprachlosigkeit oder Überforderung bei Männer dazu führt, Dinge zu kommentieren, mit denen sie sich vermeintlich auskennen – statt das Thema in den Blick zu nehmen, das so offensichtlich aber auch so unglaublich ist: Männer sind das Problem!

Diese Erkenntnis ist übrigens kein Angriff an dich, wenn du ein Mann bist. Sie ist nur dann ein Angriff an dich, wenn du ein Problem bist. Gelernt habe ich das bei der Lektüre von „Wenn Männer mir die Welt erklären“ von Rebecca Solnit.

Solnit ist die Erfinderin des Begriffs Mansplaining- und hat diesen in ihrem Buch sehr lesenswert eingeordnet. Die erste Auflage von „Wenn Männer mir die Welt erklären“ erschien bereits 2014. Schon damals schrieb sie:

In diesem Land und auf der ganze Welt werden eine Unzahl von Vergewaltigungen und Gewaltdelikten gegen Frauen verübt, die jedoch so gut wie nie als Bürger- oder Menschenrechtsangelegenheit als Krise oder gar als Muster angesehen werden.
Gewalt hat keine Rasse und keine Klasse, keine Religion und keine Nationalität, aber sie hat ein Geschlecht. 
An dieser Stelle möchte ich eines betonen: Auch wenn so gut wie alle diese Verbrechen von Männer begangen werden, bedeutet das nicht, dass alle Männer gewalttätig wären. Die meisten sind es nicht.
(...)
Ich will nicht auf Männern rumhacken. Ich bin einfach der Ansicht, wenn wir zur Kenntnis nähmen, dass Frauen insgesamt erheblich weniger gewalttätig sind, liese sich auf fruchtbarere Weise ergründen, woher Gewalt kommt und was wir dagegen tun können. 
(...)
Die Emanzipation der Frau wurde oft als Bewegung dargestellt, die darauf abzielt, die Macht und Privilegien von Männern zu beschneiden oder ihnen ganz wegzunehmen. Als handelte es sich um ein armseliges Nullsummenspiel, bei dem immer nur ein Geschlecht frei und mächtig sein kann. Aber wir sind entweder gemeinsam frei oder gemeinsam unfrei. Wer glaubt, er müsse gewinnen, dominieren, bestrafen und uneingeschränkt herrschen, ist mit Sicherheit alles andere als frei. Dieses vergebliche Streben aufzugeben, muss eine Erlösung sein.

Ihr Buch sollte zur Standardlektüre werden – für alle, die sich für eine freie Welt interessieren (Aktuell ist es übrigens bei Spotify als Hörbuch verfügbar – und am 15.4. erscheint ihr neues Buch „The Beginning Comes After the End.“) und überhaupt sollten wir vielleicht mehr lesen. Deshalb hier fünf Buchtipps, die ich auf die Rückseite des oben zitierten Demoschilds geklebt hätte:

Rebecca Solnit: Wenn Männer mir die Welt erklären

Carolin Emcke: Gegen den Hass

Eva Gengler: Feministische KI

Christina Clemm: Gegen Frauenhass

Lena Marbacher: Arbeit Macht Missbrauch

Teresa Bücker: Alle Zeit


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