Das Lesen im Netz schließt das Verbreiten mit ein

Unter dem Titel The Hyperlink Grows Up schreibt Alexis Madrigal bei The Atlantic über eine veränderte Link-Politik bei der New York Times.

Ich bin technisch leidlich begab, was Madrigal aber da beschreibt, finde auch ich Technik-Laie spannend: Man kann mit den hinter ein # angehängten Buchstaben p h und s auf einzelne Absätze in Artikeln der New York Times verlinken und diese Sätze sogar farbig markieren. Wie genau das hier funktioniert …

… kann man in dem Text nachlesen. Dort gibt es auch den Verweis auf ein ähnliches WP-Plugin namens WinerLinks, das im Umfeld der Cuny Graduate School of Journalism in New York entwickelt wurde.

Interessant daran finde ich den Aspekt der individuellen Veränderbarkeit von Publikationen. Durch dieses Hervorheben besonderer Textstellen verschiebt sich das Bild des einen Textes, den alle gleich wahrnehmen. Damit löst sich das Pinnwand-Prinzip auf, vor die alle gleich treten und sich dort Informationen abholen. Das Internet verbreitet Inhalte anders. Wir sprechen zwar weiterhin von dem gleichen Text, durch die Hinweise in den Links wird dieser aber anders wahrgenommen, in neue Kontexte gestellt. Dass darin ein sehr spannender Aspekt dessen liegen kann, wie sich die publizistischen Voraussetzungen im öffentlichen Raum Internet verschieben, kann man an thematischen wie personenbezogenen RSS-Feeds sehen, die bereits jetzt die Mischung eines Magazins oder einer Zeitung auseinanderreißen – und zwar nach Vorgaben der Nutzer.

Wie bedeutsam diese für eine Publikation werden, sieht man allein daran, dass die NYT ihnen diese Möglichkeiten überhaupt bietet. Das Weiterverbreiten von Informationen ist so wichtig, dass eine der wichtigsten Zeitungen der Welt besondere Zugänge für die Nutzer öffnet, damit diese zu Distributoren im digitalen Raum werden können. Hat die New York Times das Nötig? Nein, darum geht es nicht. Es geht darum, dass die New York Times ein Bedürfnis ihrer Leser/Nutzer erkannt hat.

Auf diese sich wandelnde Verweiskultur bezieht sich auch das Gawker-Blognetzwerk in seiner aktuellen Relaunch-Ankündigung. Dort heißt es:

Referrals from Facebook have increased sixfold since the start of the year; and audience spikes appear to be larger than ever before. We can turn more of those drive-by visitors into regulars by turning every page into a front page, as shown above.

Man muss der Großspurigkeit der Ankündigung nicht folgen (siehe dazu die gute Einschätzung bei telepolis), muss aber dennoch festhalten, was ich in der vergangenen Woche auch beim SpeedLab Journalism in Berlin bemerkte:

dass die zentrale Veränderung des Netzes der aktiv gewordene Nutzer ist. Er wird in Blogs und auf sozialen Plattformen selbst zum Sender und verbreitet in seinen eigenen Netzwerken klassische Medieninhalte (in Form von Links und Hinweisen). Damit wandelt sich nicht nur die bisherige Suchkultur des Netzes zu einer Verweiskultur, in der Leser/User Inhalte zunehmend durch Empfehlung von Freunden wahrnehmen. Es bewahrheitet sich auf diese Weise auch die Behauptung, die einem amerikanischen Collegestudenten zugeschrieben wird, der sagte: ‚Wenn eine Nachricht wichtig ist, wird sie mich schon erreichen.‘ Damit hätte seine Generation die Suchkultur abgeschafft.

Das Zitat stammt aus meinem SZ-Artikel (ePaper-Link), den ich über die Veranstaltung vom vergangenen Mittwoch schrieb.

Wie reagiert man auf diese Veränderungen? Bei Gawker sieht man zwei Ansätze:

First, the creation or recognition of two different classes within the editorial teams: the curator or editor; and the producer or scoopmonger. Second, it means we have to abandon the single blog flow — and separate out the strongest stories in a zone much more substantial than the existing skyline.

Dass es notwendig ist, auf diese Verschiebungen zu reagieren, kann man übrigens feststellen, wenn man die Veröffentlichungen der Twitter-Verantwortlichen der vergangenen Tage liest. Im Gespräch mit On The Media erklärte zum Beispiel Evan Williams:

We really want to make Twitter the source of information that you check several times a day on your mobile phone. I think right now Twitter does that in the best cases, but we have a long way to go to make that really valuable.

Diese Prognose deckt sich durchaus mit dem, was ich September zum Relaunch der Plattform geschrieben habe und findet auch im Netz Unterstützung. Naumi Haque kommt mit Verweis auf die Espresso Book Machine sogar zu dem Fazit: The newspaper’s not dead, it’s just moved to Twitter.

Soweit würde ich nicht gehen, ganz sicher scheint mir aber: Das Lesen von Nachrichten im Netz schließt deren Verbreitung mit ein.

4 Kommentare

  1. Das sind sehr interessante Überlegungen. Schon bisher ist zu beobachten, dass keine zwei Nutzer einen Text auf gleiche Weise rezepieren, sofern er wirklich für das Netz geschrieben ist, d.h. Links zu Quellen, weiterführenden Informationen und anderen Perspektiven enthält. Ein User klickt grundsätzlich direkt auf alle Links, ein anderer möchte erst ein lineares Leseerlebnis und dann die Links,usw.

    Doch wo und wie verlinkt wird, ist bisher immer noch vom Produzenten gesteuert. Mit den neuen Verlinkungen, die Texte in Fragmente zerschneiden, verlagert sich die Kontrolle noch mehr zum Rezipienten. Übrigens auch bei jener Kommentarplattform (der Name fällt mir nicht ein), die Kommentare auf nicht kommentierbaren Websites erlaubt und die Kommentare für angemelete Nutzer in einer Randleiste anzeigt. Und bei manch unholfenen frühen Form – z.B. die Weblins, Nutzeravatare, die sich auf Webseiten unterhalten konnten, völlig unbemerkt von anderen Nutzern außerhalb der Community.

    Kleiner Wermutstropfen bei diesem Beitrag ist natürlich der E-Paper-Link, der nur Print- und E-Paper-Abonnenten der SZ etwas nutzt. Und der beweist, dass deutsche Zeitungen vom Prinzip des Lesens im Netz inklusive Verbreitung noch sehr weit entfernt sind…

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