Stehlen? Werben? Teilen!

Wenn die Behauptung stimmt, dass man Menschen an ihrer Sprache erkennt, dann sollte man sich die zehn Schritte, die The Next Web (How to be a Social Media Writer in 10 Steps) anempfiehlt, um ein Social Media-Schreiber zu werden, sehr genau durchlesen. Denn dort sind vor allem die wichtigsten Floskeln notiert, die man als Webverstehererklärer braucht. Dort ist aber auch erklärt, worüber man sprechen soll: über Pinterest – das angeblich nächste große Ding. Eine Pinnwand im Netz, die schöne Dinge sammelt und leicht teilbar macht. Ein Twitter für optische Menschen? Ein vernetzteres Tumblr? Eine Diebstahlmaschine für Bilder?

Ein Thema für Social Media-Writer – das zumindest ist klar.


Und spätestens seit ich die Pin A Quote-Erweiterung kennen gelernt habe, die den Bilderdienst auch für Texte öffnet, ist Pinterest auch ein Thema für mich. Ich will aber nicht über das Wachstumspotenzial des Dienstes schreiben oder über seine zumeist weibliche Nutzerschaft oder über seine Eigenschaft als Traffictreiber (wer sich dafür interessiert, kann diesen interessanten Breitband-Beitrag nachhören).

Ich schreibe über Pinterest wegen des Leistungsschutzrechtes.

Beide Themen haben zunächst nichts – und gerade deshalb sehr viel miteinander zu tun. Denn so wie Pinterest zwingend auf der Liste der zehn Themen auftauchen muss, die ein Social-Media-Writer notieren sollte, taucht das Leistungsschutzrecht (als jüngstes Gegengift gegen die Kostenloskultur des Web) auf der Liste der Dinge auf, die eine webskeptischer Writer notieren muss (ein schönes Beispiel für diese Haltung liefert Jan Fleischhauer dafür unlängst im Spiegel in seinem so genannten Essay über die Piratenpartei, in der er – soweit ich es sehe nur offline – auf deren Gratis-Mentalität schimpfte).

Pinterest und Leistungsschutzrecht stehen für die beiden entferntesten Perspektiven auf die Digitalisierung. Wer beide genauer betrachtet, bekommt anschaulich vor Augen geführt, wie breit der Graben ist, der unsere Gesellschaft durchzieht.

Die Welt, die sich im Digitalen öffnet, ist grundlegend anders als jene Welt, die sich die Politiker vorstellen, die Anfang März im Kanzleramt über das Leistungsschutzrecht sprachen. Die Prinzipien, die in dieser digitalen Welt gelten, unterscheiden sich deshalb so fundamental, weil sie eine Prämisse nicht nur akzeptieren, sondern beständig fortentwickeln, die die Politik einbremsen oder gar rückgängig machen möchte: digitalisierte Inhalte sind leicht teilbar, sie sind gleichzeitig an unterschiedlichen Orten verfügbar und kaum einzubremsen. Diese Tatsache ist unabhängig von der moralischen Beschaffenheit der Netznutzer, sie hängt nicht an deren Erziehung oder am Respekt, den Bürger gegenüber Urhebern (die sie im übrigen ja selber sind) aufbringen. Diese Tatsache ist vor allem dies: eine Tatsache.

Pinterest macht diese Tatsache zum Gestaltungsprinzip seiner Seite. Das Leistungsschutzrecht will diese Tatsache bekämpfen.

Vermutlich gibt es für beide Haltungen gute Gründe. Darum soll es aber hier gar nicht gehen. Mir erscheint die Differenz gerade viel spannender als die Frage nach dem, was man für richtig oder falsch hält. Die Differenz in der Antwort auf die Frage: Will man die digitale Kopie und ihre (auch unschönen) Folgen bekämpfen oder gestalten?

Vor dem Hintergrund dieser Frage liest sich die zum Meme gewordene Forderung, das Internet dürfe kein rechtsfreier Raum sein (was es nie war), vor allem als der Wunsch, das Internet solle nach den Prinzipien funktionieren, die man aus der analogen Welt kennt. Was aber, wenn das Netz – aufgrund der historischen Neuerung der digitalen Kopie – tatsächlich nach anderen Prinzipien funktioniert?

Der britische Autor Neil Gaiman hat auf diese Frage in einem empfehlenswerten Clip interessante Antworten gegeben:



Er erklärt, dass Menschen schon immer Bücher geteilt haben. Seiner Einschätzung nach ist das kostenfreie Lesen (Verleihen) schon immer der wichtigste Weg gewesen, um einen Lieblingsautor zu finden. Man empfiehlt weiter, was einem gefällt. So verbreitet sich das Ansehen des Autors. Durch das Netz sei dieses Möglichkeit gestiegen. Das Teilen ist für Neil Gaiman also kein Diebstahl, sondern Werbung.

Ich weiß nicht, ob das stimmt. Ich weiß aber, dass wir damit wieder bei dem oben beschriebenen Konflikt zwischen Pinterest und dem Leistungsschutzrecht sind – und (mal wieder) bei der digitalen Kopie.