Fünf Anmerkungen zu personalisierten Nachrichten

„Sie müssen also nicht jeden Tag die gleiche Zeitung erhalten, sondern ich entscheide mich vielleicht heute Abend für eine ganz andere Zeitung für morgen früh.“

Der bei der Schweizer Post für Printmedien zuständige Mitarbeiter erklärt im Deutschlandradio Kultur ein „weltweit einzigartiges Projekt“, das nur wegen seiner sprachlichen Schlappheit so klingt wie der Besuch an einem Zeitungskiosk. Es geht tatsächlich um eine spannende neue Idee: die Personal News aus der Schweiz.

Die Idee dabei: Leser wählen aus 20 Zeitungen am Vorabend Artikel aus, die ihnen dann am nächsten Tag individuell zugestellt werden. Eine ähnliche Idee verfolgen auch die Macher von niiu in Berlin. Auf deren Website kann man lesen:

Warum nicht eine Tageszeitung lesen, die ihre Inhalte, nach Deinen persönlichen Interessen, jeden Morgen frisch aus den großen Tageszeitungen des Landes und dem Internet zusammenstellt? Deine Zeitung!

Das klingt zunächst sehr gut und auch modern. Es gibt aber dennoch ein paar Zweifel an diesen Modellen, die ich wie folgt zusammenfassen würde:

1. Zeitungen kauft man nicht wegen einzelner Artikel
Matthias hat es hier bereits erwähnt. Der Anspruch an eine Zeitung beschränkt sich nicht auf die einzelnen Artikel. Er schreibt: „Von einer Zeitung erwarte ich gerade, dass ich einen Überblick über alle Nachrichten bekomme.“ Genau darum geht es bei dem Modell einer Tageszeitung: den Überblick behalten, nichts verpassen. Dieses Versprechen wird eine personalisierte Zeitung nicht einlösen können.

2. Auswählen ist Arbeit
Das Gute kann man nur dann vom Schlechten unterscheiden, wenn man den Überblick hat. Wenn man den aber bereits hat, braucht man keine personalisierte Zeitung mehr. Genau im Vorgang des Auswählens liegt die Dienstleistung der Journalisten an ihren Lesern. Wie der Bäcker seinen Kunden die Arbeit abnimmt, ein Brot zu backen, liefert der Journalist seinem Leser die Übersicht über die wichtigsten Themen. Den könnte er sich auch selber verschaffen – das wäre aber viel zu anstrengend.

3. Drucken kann ich auch alleine
Bisher habe ich noch nichts über die Bezahlmodelle dieser Dienste gelesen, ich frage mich aber: Wofür soll man dabei eigentlich Geld ausgeben? Bestimmt nicht für den Inhalt, den haben weder die Schweizer Post noch Niiu erstellt, auch für die Auswahl zeichnen sie nicht verantwortlich. Die Bezahlung kann sich also nur auf den Druck beziehen. Den kann man aber auch daheim am Drucker ausführen, wenn man sich die Mühe macht, sie alle interessanten Artikel von den Websiten der Zeitungen zusammenzukopieren.

4. Dieser Form des Auswählens fehlt die Überraschung
Wer Blogs liest oder sich in Bookmarkdiensten über interessante Links informiert, tut dies vor allem, um Dinge zu entdecken, die er selber nicht gefunden hätte. Dieser Aspekt fehlt bei den bisherigen Modellen der personalisierten Zeitung aber ganz. Sie liefert lediglich das, was man bestellt hat. Überaschung ein nicht gerade schwaches Argument für die Lektüre einer Zeitung fehlt ganz.

5. Das Modell gibt es schon: es heißt RSS
Natürlich ist die Idee nicht falsch. Wer sich zu einem bestimmten Thema über mehrere Medien hinweg informieren will, wird sicher Gefallen an der personalisierten Zeitung finden. Er benutzt sie nämlich schon: ganz personalisiert und ganz privat in seinem RSS-Reader.

Mehr zu dem Thema gibt es aktuell bei Meedia und heise online.

4 Kommentare

  1. Eva

    Für mich ist vor allem Punkt 4 ein sehr wichtiges Argument. Wenn der Zeitung die Überraschungen fehlen, fehlt ihr auch die Möglichkeit, Themen neu aufzubringen und dem Leser ins Gedächtnis zu rufen.

  2. Bei niiu scheint man einzelne Ressorts aus verschiedenen Zeitungen auszuwählen. Das ist deutlich realistischer als die Auswahl einzelner Artikel.

    „Drucken kann ich auch alleine“ – klar, aber gerade morgens bin ich für convenience sehr empfänglich. Angeblich sieht niiu außerdem im Vergleich zum gedruckten RSS-Feed deutlich besser aus.

  3. Pingback: Digitale Notizen » Blog Archive » Nachrichten personalisieren: Daily Perfect

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