Das Diebstahl-Dilemma

Es ist doch absurd, mit den Evangelisten der Open-Access-Bewegung zu glauben, dass die Demokratie im Web nur gewährleistet sei, wenn alles kostenlos ist. Das sind abstruse Fantasien von spätideologisch verirrten Web-Kommunisten (…) niemand behauptet, dass ein Markt nur demokratisch sei, wenn man Milch und Zigaretten kostenlos mitnehmen kann. (…) Diesen Unsinn haben leider mehr als ein Jahrzehnt alle Verlage der Welt betrieben. Wir waren nicht groß genug, um diesen Wahnsinn allein zu stoppen.

Diese Worte hat Mathias Döpfner dem Manager Magazin gesagt und damit zum einen die Paid-Content-Strategie seines Verlags zu verteidigen versucht – und zum anderen das Netz in dieser Woche in eine gewisse Aufregung versetzt.

Dennoch scheint mir in der Debatte um die vermeintliche Kostenlos-Kultur des Internet und den Wert des Journalismus ein wichtiger Punkt unter dem ideologischen Streit verschüttet worden zu sein. Die Frage nämlich: Warum Verlage es bisher mit der vermeintlichen Kostenlos-Strategie versucht haben?

Daran tragen ja nicht „verirrte Web-Kommunisten“ Schuld, es ist vielmehr Ergebnis einer Entwicklung. Die New York Times beispielsweise hat einen Paid-Content-Versuch unternommen und wieder beendet. Denn: Times Select brachte weniger ein als die Vermarktung der unbezahlten Inhalte über Display-Werbung. Warum das so war? Weil die New York Times zu dumm war? Zu klein?

Vermutlich wird man sich mit dieser Haltung einer Lösung kaum nähern. Es scheint sinnvoller, den Rahmen genauer zu betrachten, in dem diese vermeintliche Kostenlos-Kultur sich entwickelt: Die Digitalisierung hat den kulturellen Inhalt (in Döpfners Worten die Milch) von ihrem Träger gelöst und etwas ermöglicht, was mit den Worten der analogen Supermarkt-Metaphern nicht mehr zu greifen ist: die digitale Kopie. Seit es möglich ist, identische Duplikate zu erstellen, die sich von der Vorlage nicht mehr unterscheiden, ist einerseits der Vertrieb von Inhalten plötzlich nicht mehr das zentrale Problem. Andererseits ist die Begrenzung des Analogen aufgehoben worden: Wenn ich Milch digital kopieren könnte, wäre diese zu geringsten Kosten ständig verfügbar. Sie würde – und das nennen ich das Diebstahl-Dilemma der Digitalisierung – auch dann noch vorhanden, wenn der vermeintliche Dieb sie aus dem Laden getragen hat. Deshalb sind die moralischen Raubkopierer-Kampagnen so unglaubwürdig und deshalb scheitert die Milch-Metapher – und eine Strategie, die auf ihr fußt.

Damit will ich übrigens keinesfalls in Zweifel ziehen, dass die Herstellung der Milch Geld kostet und dass die Milch-Produzenten (und damit meine ich auch und in erster Linie die Kühe Künstler) angemessen entlohnt werden sollen. Eine solche Entlohnung wird meiner Meinung nach aber nur gelingen, wenn sie sich auf die spezifischen Umstände des Umfelds einlässt – und dieses ist im Netz nun mal geprägt von der umwälzenden Kraft der digitalen Kopie.

Wem das zu abgehoben und zu abstrakt klingt, NinaPaley hat das Problem in einem schönen, sehr einfachen Film (via) zu erklären versucht: