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Fünf Fragen zur angemessenen Smartphone-Nutzung

Dieser Text ist eine kulturpragmatische Antwort auf die um sich greifende Smartphone-Angst.

Stellen wir uns kurz vor, der Gesellschaft sei in den vergangenen Jahren nicht die Technologie des Smartphones geschenkt worden, sondern – sagen wir – ein Fahrrad. Mit dem Bild eines immer wieder scheiterenden Fahrrad-Schülers, der sich in Schlangenlinien unsicher vorwärts bewegt, lässt sich vermutlich am besten fassen, wie die Gesellschaft (übrigens natürlich nicht nur in Deutschland) gerade versucht, ohne Stürze mit dem neuen Gefährt Gerät umzugehen. Dabei sollte uns die Tatsache, dass viele Menschen in der Lage sind, den kleinen Computer ohne fremde Hilfe einzuschalten, nicht täuschen: Wir können diese in Wahrheit noch sehr neuen Geräte bedienen, aber umgehen können wir mit ihnen noch nicht. Wir müssen als Gesellschaft einen vernünftigen Umgang mit dem Smartphone erst lernen!

legweg_blendleOb die aktuelle Debatte über das ausführlich dämonisierte Smartphone dabei allerdings hilfreich ist, darf bezweifelt werden. Im Gegenteil: Nach der Lektüre der aktuellen Titelgeschichte des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“ zum Thema (€-Link zu Blendle) bin ich mir sicher, dass wir erst ganz am Anfang stehen. Denn zu einem vernünftigen Umgang zählt zuvorderst der sachliche Zugang zum Thema – frei von Drogenvergleichen und Dämonisierung.

Auf dem Weg dahin stellen sich mir diese fünf Fragen, die von der Spiegel-Lektüre ausgelöst wurden, sich (in abgewandelter Form) aber auf zahlreiche Varianten der Debatte „Wie gehts du eigentlich mit dem Smartphone um?“ anwenden lassen:

1. Seit wann ist „einfach mal weglegen“ eigentlich ein sinnvoller Ratschlag für Lernende? Glaubt irgendjemand ernsthaft, der unsicher schlenkernde Radfahrschüler würde besser, wenn ihm von außen jemand zuruft: „Vielleicht einfach mal weglegen, das Ding.“ Mit diesem Satz endet die Spiegel-Geschichte – und dieser Satz wird auch auf dem Cover als Lösung verkauft. Uwe Buse, Fiona Ehlers, Özlem Gezer, Christine Luz, Dialika Neufeld und Martin Schlak (die Autor*innen der Geschichte) raten den ratlosen Smartphone-Nutzer, die Vorbilder im vernünftigen Umgang mit dem Gerät suchen, ernsthaft „dass wir uns erst mal weniger mit Maschinen beschäftigen sollten und mehr mit dem Menschen.“ Wie dadurch der Umgang mit dem Smartphone besser werden soll, sagen sie nicht. Und so bleibt ihr Fazit in etwa so hilfreich wie der Ratschlag an die unsicher fiedelnde Geigenschülerin, doch häufiger einen Ball zur Hand zu nehmen. Schließlich seien Menschen, die Ball spielen allesamt recht sportlich, viel an der frischen Luft und im Sommer mit gesunder Gesichtsfarbe beschenkt. Ob ihr Geigenspiel sich dadurch irgendwie verändert? Vermutlich wird es höchstens schlechter!

2. Wer ist eigentlich auf die Idee mit dem Drogenvergleich gekommen? Die Gesundheit ist ein hohes Gut und in der Debatte um Smartphones kommt ihr eine zentrale Rolle zu. Manfred Spitzer sagt „das Smartphone“ sei „heute das, was vor 70 Jahren die Zigarette war“ und im aktuellen Spiegel kommt eine Fachfrau mit ähnlicher Expertise zu dem Schluss: „Die Geräte sind wie Heroin, sie machen sofort abhängig.“ Die Frau, die das sagt ist Mutter zweier Kinder und Vertriebsreferentin bei der Lufthansa. Trotzdem bleibt ihr Zitat unkommentiert. Es dient mehr noch, um den emotionalen Rahmen zu setzen. Hier geht es nicht um ein technisches Gerät (das nebenbei bemerkt ohne Netzzugang für die meisten wertlos ist), hier geht es um den „Feind in meiner Hand“ (Titel), hier geht es um „Abhängige“, um einen „schädlichen Lebensstil“ und um „Verhaltensstörungen mit sozialen und psychischen Folgeproblemen“. Dieses Hochgebirge an Problemen macht sofort klar: jeglicher gar humorvoller Ansatz zu einer konstruktiven Lösung muss als ahnungsloser Flachlandspaziergang verstanden werden! Anders formuliert: Wer diese Probleme auftürmt, sucht vielleicht gar keine Lösung.

3. Wieso muss eigentlich stets die Jugend als Schreckensszenario herhalten? Die Sache mit der Sucht lässt sich übrigens noch steigern – wenn Kinder und Jugendliche ins Spiel kommen. Die Jugend war schon immer verdorben. In einer Zeit, in der die Generation der Eltern Punkrock hört und kifft, erkennen diese den Niedergang der Nachkommen aber nicht mehr in schlimmer Musik oder langen Haaren. Der heutigen Elterngeneration, die in Autos ohne Sicherheitsgurt aufgewachsen ist, treibt die Tatsache, dass ihre Kinder auf kleinen Computern tippen, tiefe Sorgenfalten auf die Stirn. Voller ehrlicher Angst lesen sie Texte über Abhängigkeit und Sucht – statt sich sehr banal auf die Suche nach dem zu machen, was Erziehung schon immer ausgemacht hat: Beispiel und Liebe (Friedrich Wilhelm August Fröbel). Aber wo sind die Vorbilder für die angemessene Handy-Nutzung in der Generation der Eltern, die Ramones-Shirts (die Echten, von früher!) tragen und mehr über die Vergangenheit sprechen als nach Lösungen für die Zukunft suchen? Wo sind die Eltern und Lehrer, die vormachen, wie man ohne Dämonisierung mit Handys umgeht?
Wer mit den wenigen spricht, die es davon zweifelsohne gibt, findet übrigens schnell raus: Sie wissen sehr genau, dass es Kern des Problems und nicht der Lösung ist, wenn man aus der Tatsache, dass man das Gerät mal unvernünftig oder übertrieben genutzt hat, gleich eine Entzugsklinik-Debatte macht.

4. Seit wann ist eigentlich alles, was man auf dem Smartphone macht gleich? Pokemons fangen, mit mehreren Menschen gleichzeitig chatten oder hochkonzentriert „Der Mann ohne Eigenschaften“ lesen – all das kann ich auf dem Smartphone tun. Und all das führt zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen. Man kommt sich fast wie ein Smartphone-Fanatiker vor, wenn man darauf hinweist, dass es kaum zielführend ist, alles, was man mit dem kleinen Computer tun kann, über einen kulturpessimistischen Kamm zu scheren. Hier zu differenzieren, scheint mir ein erster vorsichtiger Schritt in Richtung einer Lösung. Denn: Natürlich gibt es smartphone-verbundene Freizeitbeschäftigungen, die sprunghaft, verwirrend und unstet sind. Es gibt aber auch eine kontemplative, eine versinkende Lektüre Nutzung des Geräts. Wer sich also im gesundheitspolitischen Hochgebirge der Gefahren und Probleme zu verlaufen droht, sollte bedenken: Smartphones sind auch Bücher – und über Bücher würde der Spiegel niemals so respektlos schreiben.

5. Können wir uns vielleicht alle ein wenig locker machen? Dass Eltern ihre Kinder nicht verstehen oder mit der Art und Weise hadern, wie diese ihr Leben gestalten wollen, ist ja nun nicht wirklich neu. Und gäbe es keine Smartphones, würde sich die Debatte womöglich an anderen Gepflogenheiten entzünden. Vielleicht liegt ein erster Ansatz einer Lösung also darin, sich locker zu machen – oder zumindest das Verteufeln und die Weglegen-Debatte zu beenden. Kevin Kelly schreibt in seinem lobens- wie lesenswerten „The Inevitable“: „Unser erster Impuls scheint es zu sein, auf die wogende Veränderung der digitalen Technologie zu reagieren, indem wir zurückrudern. Es zu bremsen, zu verbieten, zu leugnen oder mindestens den Zugang zu erschweren. Aber das rächt sich. Prohibition ist höchstens kurzfristig gut, langfristig ist sie kontraproduktiv.“
Etwas mehr Anregung und viel weniger Aufregung könnten dazu führen, dass wir ganz bald viel mehr Vorbilder haben, wie man denn ein Smartphone angemessen nutzt. Dazu zählt – keine Frage – auch die Tatsache, dass man es (wie schon Peter Lustig wusste) auch mal ausmacht. Dazu zählt aber vor allem, dass man anerkennt, dass das Smartphone in sehr vielen Fällen zunächst ein Instrument des sozialen Austauschs ist. Wer es oft und ausgiebig nutzt, tut das also selten allein wegen des Geräts, sondern recht häufig wegen der Personen, mit denen er und sie darüber verbunden ist. Auch deshalb gibt es hier übrigens keine einfache Lösung.


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Update: Aufgrund der meinungsstarken Debatte habe ich ein Interview zum Thema geführt

Noch mehr Wahrheit: Stern

Nachdem ich mich vergangene Woche ein wenig über den Wahrheits-Anspruch beim Spiegel wunderte, lief ich heute an diesem Wahrheits-Poster des Stern vorbei. Es ist weit weniger elaboriert als die (mir zu komplizierte) Spiegel-Kampagne und könnte auch einfach nur als vorgeschalteter Hinweis auf den folgenden Satz verstanden werden:

stern_wahrheit

„Die Wahrheit: die großen Geschichte – Donnerstag im stern“ ist aber vermutlich eher als Hinweis auf das zu verstehen, was donnerstags im Stern steht. „Die Wahrheit“ und zwar in „großen Geschichten“. Mit Blick auf die Vorgänger-Kampagne könnte man Fragen: Sorry, Henri Nannen, muss das sein?


Mehr dazu: Wohl wahr! Lügen- und Wahrheitspresse

Wohl wahr! Lügen- und Wahrheitspresse

Was für ein (mehr oder weniger) schöner Satz:

Heute geht es jedoch immer weniger darum, mehr zu wissen.

Er steht unter der Bilderstrecke, in der Spiegel Online die Motive der neuen Werbekampagne des Spiegel vorstellt. Ihm folgt die Erklärung dafür, warum der bisherige Slogan („Spiegel-Leser wissen mehr“) ersetzt wird. „Heute geht es viel mehr darum, schnell zu wissen, wie die Geschehnisse der Welt einzuordnen sind. Was ist wichtig, was nicht? Was bedeutet es? Der SPIEGEL hat deswegen von jetzt an eine neue Markenbotschaft.

Die Fortentwicklung von „mehr wissen“ ist für Deutschlands großes Nachrichtenmagazin „die Wahrheit“. Denn die neue Markenbotschaft lautet: „Keine Angst vor der Wahrheit„.

keineangst

In eigener Sache erklären die beiden Chefredakteure Klaus Brinkbäumer und Florian Harms was sie damit meinen: „In Zeiten allgegenwärtiger Information im Internet kommt es heute aber nicht allein darauf an, mehr zu wissen – sondern vor allem darauf, mehr zu verstehen, Zusammenhänge zu erkennen, die Bedeutung von Geschehnissen einschätzen zu können.

Ob das dann schon „die Wahrheit“ ist, von der Spiegel und Spiegel Online sprechen, ist nicht ganz klar. Sicher ist jedoch, sie haben keine Angst vor ihr. Deshalb „scheiden sie das Wichtige vom Unwichtigen, sie machen Kompliziertes überschaubar, und sie erklären und ordnen die relevanten Geschehnisse ein„. So steht es in der Ankündigung der Chefredakteure, in der sie den (Werbe-)Weg vom Wissen zur Wahrheit beschreiben.

Statt dem Leser also mehr Wissen zuzumuten, wollen sie das Komplizierte überschaubar machen und entscheiden, was wichtig ist. Das mag nach einem netten Service klingen, mit dem Begründungsrahmen „Wahrheit“ wohnt diesem Service aber auch etwas Unangenehmes gar Bevormundenes inne. Auf russisch heißt Wahrheit zum Beispiel Prawda.

Es ist anzunehmen, dass den Markenverantwortlichen und der betreuenden Agentur bewusst war, dass das Unwort des Jahres in direktem Gegensatz zum neuen Slogan steht. „Keine Angst vor der Wahrheit“ liest sich wie ein trotziges „wohl wahr“, das der Spiegel als kritisierte „Lügenpresse“ seinen Kritikern entgegnet.

Ob das eine sinnvolle Replik ist, sollen andere entscheiden. Ich selber glaube, dass der Lügenpresse-Vorwurf einen Vertrauensverlust politisch gegen die Meinungsfreiheit zu instrumentalisieren versucht. Vertrauen wiederum entsteht eher da, wo Transparenz vorhanden ist, wo „mehr Wissen“ zugänglich gemacht wird – als dort, wo ein „wohl wahr“ als Begründung bemüht wird. Was ich meine: „Wahrheit“ erscheint mir – im Gegensatz zu Wahrhaftigkeit, Verlässlichkeit, Transparenz und Glaubwürdigkeit – als untaugliche Kategorie für Medien in einer freien Gesellschaft. Im Wettstreit der Ideen zerstört der Anspruch auf Wahrheit einen gleichberechtigten Diskurs, der Lügenpresse-Vorwurf beweist dies ex negativo.

Doch der Wahrheits-Anspruch ist nicht nur merkwürdig, wenn man sich überlegt wer sich sonst auf diese Kategorie beruft. Der Wahrheits-Anspruch in der neuen Markenbotschaft des Spiegel zeigt zudem: Sie ist nicht digital gedacht. Um das zu erkennen, muss man nachlesen, wie David Weinberger erläutert, wie sich Vertrauen in den neuen medialen Umfeldern aufbaut. Er hat die Encyclopaedia Britannica und die Wikipedia und vor allem die Art und Weise verglichen, mit der Leserinnen ihnen vertrauen. „Das Vertrauen, das wir der Encyclopaedia Britannica entgegenbringen, ermöglicht es uns, passiv Wissen aufzunehmen„, schreibt Weinberger, „Wikipedia liefert uns jedoch die Metadaten zu den Artikeln – Bearbeitungen, Diskussionen, Hinweise, Links zu anderen Bearbeitungen, die von derselben Person stammen –, weil sie vom Leser erwartet, dass er sich aktiv beteiligt und auf die Zeichen achtet.“ Wikipedia erscheint in Versionen, die man einordnen und bewerten kann. Metadaten sind verfügbar. Ein Mehr an Wissen wird also dem Wahrheits-Anspruch entgegengesetzt. „Jetzt müssen wir selbst entscheiden, was wir glauben wollen. Das war zwar im Grunde schon immer so, doch in der Welt der Papierordnung, wo das Publizieren so teuer war, dass wir Leute brauchten, die das Filtern übernahmen, war es leichter, unsere Passivität als unvermeidlichen Bestandteil des Lernens zu betrachten; wir dachten, dass Wissen eben so funktionieren würde.“

Es ist äußerst interessant Weinbergers Theorie über Wissen und Wahrheit auch abseits von der neuen Spiegel-Markenbotschaft zu lesen. Mit Blick auf diese hätte ich mir vom „Sturmgeschütz der Demokratie“ (auch ohne Weinberger) etwas erwartet wie: „Keine Angst vor denen, die sich auf die Wahrheit berufen.

Wie Journalismus sich verändert (Dezember 2014)

Unter der Meldung beim NDR hat ein Leser namens Mike kommentiert:

Auch als Old School Spiegel Leser empfinde ich dies sehr schmerzlich – nahe am LH Pilotenstreik!

Gemeint ist die Meldung des Tages, dass Wolfgang Büchner ab 1. Januar nicht mehr Chefredakteur des Spiegel (Print wie Online) ist. Er „verlässt den Verlag in gegenseitigem Einvernehmen“ heißt es in der offiziellen Meldung auf Spiegel Online. Und weil man seit Monaten beobachten konnte, dass das Einvernehmen wohl doch nicht ganz so gegenseitig war, ist das Netz voll von Meinungen zum Thema (z.B. von Markus Schuler, Christian Jakubetz)

Auch Spiegel-Redakteur Cordt Schnibben kommentiert – auf Facebook. Das ist aus vielerlei Gründen interessant – so interessant, dass ich den Kommentar in mein kleines Journalismus-Tagebuch aufnehmen will.

Denn Schnibbens Kommentar belegt, was unlängst auch in der FAZ nachzulesen war: Einlassungen auf Facebook sind öffentlich. In dem von Antonia Baum zitierten Fall schien dies vielleicht nicht jedem ganz klar zu sein:

Ulf Poschardt hat sehr viele Journalistenfreunde, und so kann man sehr genau sehen, wem Poschardts Posting gefallen hat. Journalisten, die für die F.A.Z., den „Freitag“, die „Süddeutsche Zeitung“ und das „Neon“-Magazin schreiben. Der Autor Ralf Bönt etwa, der auch im Feuilleton dieser Zeitung hin und wieder veröffentlicht, kommentierte das Posting, indem er eine Quote für die Müllabfuhr forderte.

Im Fall von Cordt Schnibben ist diese Öffentlichkeit bewusst gewählt. Immerhin erscheint sein Post auch im Branchendienst Meedia. Ich kann die Redaktionsinterna aus Hamburg nicht beurteilen, finde aber eine Unterscheidung bemerkenswert, die Schnibben trifft. Die zwischen Manager und Redakteur. Er schreibt:

Wir haben uns dafür entschieden, von einem Chefredakteur geführt zu werden, von einem Chefredakteur im wahren Sinne des Wortes, also von Redakteuren, die Chefs sind, weil sie zunächst mal gute Redakteure sind, die also wissen, was eine gute Story ist, die Schwächen in einem Text erkennen und korrigieren können, die ungewöhnliche Storys anregen und einfordern können, die Cover gestalten können und die eine Redaktion – weil sie all das können – deshalb von einem Transformationsprozess überzeugen können, der den Journalismus, für den sie einstehen, seit sie Journalist sind, ins Netz, vor allem ins mobile Netz überführt. Der Kern einer erfolgreichen Digitalstrategie, liebe Change-Manager, sind starke und ungewöhnliche Geschichten, für die digitale Leser gern Geld zahlen. Darum ist die erste Aufgabe jeder Digitalstrategie, in einer Redaktion –Print wie Online – starke Chefredakteure zu installieren, die eine Redaktion dazu bringen, den bestmöglichen Journalismus ins Heft und auf die Site zu stellen.

Ich habe keine Ahnung, ob dieses Unterscheidung hilfreich ist, um die Herausforderungen zu lösen, vor denen Journalismus im Digitalzeitalter steht. Ich finde sie aber bemerkenswert.

Urheberrecht im Spiegel seiner Zeit

Die Auflage der Schülerzeitung „Der Spargel“ am Erich Kästner Gymnasium in Laatzen betrug im Jahr 1995 500 Exemplare. Man kann das im Wikipedia-Eintrag der Schülerzeitung nachlesen. Das Nachrichtmagazin Der Spiegel hat – laut aktuellen Mediadaten (PDF) – eine verkaufte Auflage von 896.298 Exemplaren. Die jüngste Ausgabe des Nachrichtenmagazins befasst sich auf dem Titel mit Computerspielen, dafür wird die Schrift der Grand Theft Auto (GTA)-Reihe verwendet.

1995 gab es wegen eines vergleichbaren Falls (es fehlten nur 895.798 Exemplare)
mal Ärger
: Denn die Schülerzeitung hatte damals die Aufmachung des Nachrichtemagazins imitiert – und sich damit juristischen Ärger mit dem Spiegel eingehandelt. In dessen Hausmittelung im Oktober 1995 hieß es:

Ein Minimum an Verteidigung des Markenlayouts des SPIEGEL ist nämlich juristisch unabdingbar. Ansonsten würden die Gerichte quasi ein Gewohnheitsrecht auf Nachahmung konstatieren. „Der Inhaber eines solchen Kennzeichens“, sagt der Bundesgerichtshof, habe „ein berechtigtes Interesse“ daran, „daß alles vermieden wird, was die Eigenart und den kennzeichnenden Charakter seiner Kennzeichnung verwässern“ könnte.

Heute passiert genau das unter umgekehrten Vorzeichen: Der Spiegel verwässert die „Eigenart und den kennzeichnenden Charakter“ des Computerspiels!

Zu dieser Einschätzung kommen allerdings nur Laien, denn in Wahrheit geht es um etwas anderes – wie der Blick in die Archive verrät. In der Hausmitteilung aus dem Jahr 1995 wird an der juristischen Auseinandersetzung auch was Positives herausgestellt:

Die Spargel-Redakteure dürfen sich freuen: über die gelungene PR-Aktion für ihr Blatt und über die Einladung des inzwischen mit dem Fall befaßten SPIEGEL-Chefredakteurs, Spargel-Freundes und ehemaligen Schülerzeitungsredakteurs Stefan Aust.

Es geht der heutigen Spiegel-Redaktion mit der „gelungenden PR-Aktion für ihre Blatt“ also um etwas ganz anderes: um eine Einladung des ehemaligen Schülerzeitungsredakteur Stefan Aust.

Update: Marcus Schwarze hat ein wenig Hintergrund zum Thema notiert

Die Hard

In der aktuellen Ausgabe des Spiegel gibt es ein Interview mit Guardian-Chef Allan Rusbridger über Snowden und die Überwachung. Vielleicht hat er das schon mal gesagt, mir war aber neu, was er auf die Abschluss-Frage ob es schwer sei nicht paranoid zu werden, antwortet:

Mein Facebook-Profil wurde geändert, ich weiß nicht, von wem. Aber es gibt eine Abteilung im GCHQ, die solche Dinge kann. Da stand plötzlich, dass ich „Stirb langsam“ gut finde.

Ständig eine neue Spiegel-Version verfügbar

In den vergangenen Wochen tauchte das Nachrichtemagazin Der Spiegel vor allem durch interne Personalgeschichten in der Debatte um die Zukunft der Medien auf. Die aktuellen Meldungen handeln nun von einem veränderten Erscheinungstag – und quasi in einem Nebensatz von einer sehr spannenden Idee:

Der neue „Spiegel“-Chef soll über ein Online-Bezahlangebot seines Blattes nachdenken, das die Geschichten des Print-Hefts täglich bis zum Erscheinen der neuen Ausgabe aktualisiert.

… schreibt Karl-Hinrich Renner im Hamburger Abendblatt. Bisher gibt es dazu keine offizielle Stellungnahme, ich finde diese Vorstellung eines ständig in neuer Version verfügbaren Spiegel aber sehr spannend: diese Vorstellung von quasi beweglichen Inhalten basiert auf der Idee der Versionierung. Text wird zum stets bearbeitbaren Quelltext, Kultur wird zu Software.

Bisher kann ich mir schwer vorstellen, wie das praktisch so gelöst werden sollte, dass ein Text-Update tatsächlich größeres Leserinteresse weckt, aber der gedankliche Ansatz hinter dieser Idee, geht meiner Meinung nach in eine gute, digitale Richtung. Technisch kann man digitalisierte Texte, anders als gedruckte, ständig aktualisieren. Nicht darüber nachzudenken, wie man diesen Vorteil nutzt, wäre ein Fehler.

Meiner Meinung nach müsste der Gedanke allerdings vor der Veröffentlichung beginnen: Ein Text entsteht auch versioniert, diese Entwurfs-Formen öffentlich zu machen, kann eine Chance sein, Fans für das fertige Produkt zu begeistern. Von diesem Ansatz, den Prozess zusätzlich zum Produkt in den Blick zu nehmen, handelt mein neues Buch, das mit einer Beschreibung dieser Szene aus dem Jahr 2010 beginnt:

Die Zeitung der Zukunft – ein Ort der Freiheit

Während in Deutschland träge wie erwartbar die Zukunft der Zeitung diskutiert und vor allem in Frage gestellt wird, reicht ein Blick nach London um zu sehen: Diese (erstaunlich schlecht kuratierte) Debatte ist von gestern. Wie eine Zeitung von morgen aussehen kann, zeigt der Guardian schon heute. Sonntag wie Montag Abend las ich mit einer Mischung aus Fassungslosigkeit und Entsetzen Texte aus der britischen Tageszeitung, die nur einen Schluss zulassen: Die Zeitung der Zukunft ist ein Ort der Freiheit.

Der Text, den Guardian-Chef Alan Rusbridger gestern Abend veröffentlichte und den man heute auch auf Papier lesen kann, ist durchaus als Manifest der Pressefreiheit in digitalen Zeiten zu lesen (und – so überstrapaziert der Begriff ist – ein Must read für jeden Journalisten). Der Mann, dem in den vergangenen Monaten immer wieder vorgeworfen wurde, er riskiere die Zukunft der Branche weil er auf eine Paywall verzichtet, erzählt darin von dem Druck, dem sein Haus ausgesetzt ist, seit der Whistleblower Edward Snowden sich über den Guardian einer weltweiten Öffentlichkeit offenbar hat.

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In dem Zusammenhang lohnt die Frage, warum der Amerikaner Snowden das eigentlich bei einer britischen Tageszeitung getan hat. Weil diese britische Tageszeitung weit mehr ist als das bedruckte Papier, das man in London kaufen kann. Der Guardian ist dabei sich zu einer weltweiten Nachrichtenmarke zu entwickeln gerade zu der relevantesten weltweiten Nachrichtenmarke geworden. Und das geht womöglich nur, weil man sich entschieden hat auf Bezahlschranken zu verzichten und konsequent auf weltweite Reichweite zu setzen. Der Guardian war für Snowden der Garant, dass seine Enthüllungen eine weltweite Öffentlichkeit erreichen. So merkwürdig das in dem Zusammenhang klingen mag: Auf dieser Logik basiert das künftige Geschäftsmodell der Zeitung, die heute soviel mehr ist als ein Newspaper. Denn natürlich werden auch Werbetreibende, die auf der Suche sind nach einer weltweiten Öffentlichkeit, diesen Mechanismus verstehen.

Erstaunlicherweise beweisen die Berichte der vergangenen Tage aber auch im Bereich des so genannten Lesermarkts, dass die Zeitung der Zukunft eine Finanzierungsgrundlage hat: Durch den Angriff auf den Lebenspartner des Enthüllungsjournalisten Glenn Greenwald werden wir alle mit der Frage konfrontiert: Auf welcher Seite stehen wir eigentlich? Und die Seiten – das macht Rusbridger deutlich – sind klar benannt: Der Guardian ist der Ort der (Presse-)Freiheit , ob London das in Zukunft ist, lässt er offen.

Spätestens wenn man als Leser mit einer solchen Entscheidung konfrontiert ist, wird klar, dass das Modell eines Leserclubs mehr ist als der Versuch eines Bezahlmodells: Auf der Seite des Guardians zu stehen, ist spätestens durch die neusten Überwachungsmeldungen eine Entscheidung für die Pressefreiheit. Die Zeitung wird dadurch zu einem sozialen Raum – vergleichbar mit den klassischen Institutionen der Identitätsbildung: Kirchen, Parteien, Vereine sind die vergemeinschaftliche Antwort auf die Frage: Auf welcher Seite stehst du?

Die Zukunft der Zeitung wird genau in dieser Auseinandersetzung geformt: Es ist eine Entscheidung für die Pressefreiheit, mit dem Guardian in der U-Bahn gesehen zu werden, seine Texte im Netz zu verlinken – und womöglich in seinem Freundeskreis Mitglied zu werden. Es sind bisher keine Pläne bekannt, dass Rusbridger vergleichbares plane. Nach den Meldungen der vergangenen Tage wäre dies allerdings nur konsequent: die Tageszeitung als Ort der Pressefreiheit zu formen, in dem man Mitglied werden kann; auch gegen Bezahlung. Nicht nur wegen der Meldungen der vergangenen Tage: Ich würde sofort Mitglied in diesem Club!

Das hat alles nichts mit der deutschen Debatte zu tun? Ist eine Ausnahme, die auf dem Fall Snowden basiert? Wer das denkt, sollte statt der Zeitungsdebatte vielleicht mal eine Tageszeitung lesen – z.B. wie die Leser der Süddeutschen Zeitung (Disclosure: bei der ich arbeite) auf die Arbeit der Kollegen reagiert haben, die nicht nachgelassen haben, im Fall Mollath zu recherchieren.

Wie gesagt: es gibt gerade keinen besseren Ort um an der Zukunft des Journalismus zu arbeiten als eine Tageszeitung!

Die Blogger auf Island

Im Spiegel-Blog gibt es eine Antwort von Ralf Hoppe, auf die Fragen, die Alexander Svensson zu Hoppes Text „Volksreporter“ aufgeworfen hatte. Hoppe schreibt von seiner eigenen Recherche und gesteht einen Fehler ein:

Bei dieser Gelegenheit erfuhr ich von jenem Gerücht: Regierung und Banker wollten die Goldschätze außer Landes bringen, Startbahn oder Flughafen müssten blockiert werden. Ich nahm mir ein Taxi und fuhr zum Flughafen. Dort traf ich Isländer, die dort standen, weil sie verhindern wollten, dass die Regierung irgendwelche Schätze außer Landes fliegt. Sie waren da, um die Startbahn zu blockieren, sie standen vor dem Flughafen. Der Abend blieb mir in Erinnerung, denn die Leute schienen mir irgendwie typisch in ihrer gereizten Orientierungslosigkeit. Ich sprach mit einigen von ihnen, stand eine Weile frierend herum und fuhr dann wieder zurück ins Hotel. Dass sie ihr Vorhaben nicht umgesetzt haben, ist mir inzwischen klar geworden. Um so peinlicher, dass mir so ein Fehler in einem Text passiert, der sich mit der Genauigkeit von journalistischer Arbeit beschäftigt.

Das finde ich erstaunlich, weil ich das Wort Fehler hier fast zu hart finde. Dann kommt Hoppe zurück zu dem, wovon seine Kolumne eigentlich handele: zur Frage des Medienwandels.

Sie handelt etwa von der, wie ich es sehe, durch das Netz und die sozialen Medien beförderte Neigung, sich schnell, aber oberflächlich zu empören, irgendwas zu liken oder eben jemanden als Lügner und Arschloch abzustempeln. Was machen die sozialen Medien mit der Generation der Jungen? Wie modelliert das Netz ihre Kommunikation, ihr Denken, Fühlen?

Eine Antwort kann man wohl gerade nachlesen: Das Netz modelliert aus Publikation eine Form der Kommunikation. Und damit verändert sich auch das Berufsbild des Journalisten.

Update: Felix Schwenzel sieht das weniger milde als ich.

Der Spiegel, Blogs und eine Rollbahn in Island

Ich hatte vergangenen Woche hier über einen Text aus dem Spiegel geschrieben, dessen Haltung zu Blogs und zur Digitalisierung mir fragwürdig erschien. Gerade lese ich, dass der Text offenbar ganz andere Probleme hat.
Alexander Svensson hat sich auf die Suche nach dem Ursprung einer Geschichte gemacht, die Ralf Hoppe in dem zitierte Text erzählt. Es geht dabei um das Aufkommen von Gerüchten in Blogs, um unfundierte Berichterstattung und unkalkulierbare Folgen. Konkret schreibt Hoppe über die Blog-Berichterstattung von Volksreportern, die zu folgendem Szenario geführt habe:

Aber die Isländer machten sich in der Nacht auf, blockierten ebenso tapfer wie sinnlos anderthalb Tage die Startbahn, bis alle steifgefroren waren. Der Erfinder dieses Gerüchts, der Blogger, wer immer es war, hat eine Menge kalter Füße und Blasenentzündungen zu verantworten

Ich hatte mich in meinem letzten Eintrag nicht weiter um diese Geschichte gekümmert, angenommen, sie habe sich so zugetragen. Alexander Svensson tut das nicht, er fragt nach:

Fragen wir Isländer. Und mit »wir« ist auch Bastian Brinkmann gemeint, Wirtschaftsredakteur bei Süddeutsche.de. Da ihn ebenfalls das Rollbahngoldfieber gepackt hat, fragt er Baldur Hedinsson, einen Mathematiker, der bei der renommierten NPR-Sendung »Planet Money« ein Praktikum gemacht hat. Hedinsson, der Island-Erklärer für NPR, sagt, dass er von der Geschichte noch nie etwas gehört hat: »I’d be amazed if it ever happened.« Er hat auch noch mal herumgefragt, ebenso erfolglos.

Guðjón Már Guðjónsson hat 2010 das Isländische Nationalforum nach der großen Krise mitorganisiert. Die Flughafenbesetzung? »I have never heard this story before«. Er fragt bei seinen Facebook-Freunden nach und erntet dafür 28 Likes und neun Smileys. (Einer schlägt vor, mir gephotoshoppte Bilder von eingefrorenen Demonstranten zu schicken. Das stößt auf Zuspruch.)

Wir können auch Isavia fragen, das ist die Gesellschaft, die Islands Flughäfen betreibt. Dort ziert man sich nicht, auf die merkwürdige Anfrage zu reagieren: Das sei eine großartige Geschichte, schreibt mir der Isavia-Sprecher sofort zurück, bedauerlicherweise ohne ein Fünkchen Wahrheit, aber dennoch großartig.

Was ist da los? Kann das sein, dass ausgerechnet die Beleg-Episode für die mangelnde Qualität von Blogs nicht zu belegen ist? Hat Alexander Svensson falsch gefragt? Handelt es sich um eine andere Rollbahn als um die, die von Isavia betreut werden?
In seinem Beipackzettel zum Spiegelblog schrieb Stefan Niggemeier im vergangenen September:

Der »Spiegel« leistet sich zum Beispiel eine Redaktion von über 80 Dokumentaren, die alle Texte prüfen. Dieser Aufwand bleibt dem oberflächlichen Betrachter verborgen. Teil der öffentlichen Diskussion zu werden, bedeutet daher nicht nur, sich (berechtigter oder unberechtigter) Kritik zu stellen, sondern auch, die eigenen Stärken erkennbar zu machen. Der »Spiegel« kann von einer Debatte, in der dieser Aufwand sichtbar wird, nur profitieren. Selbst dann, wenn das nicht immer dazu führt, jeden Leser zufrieden zu stellen.