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Soziale Charts – hören und gesehen werden

Der Streamingdienst Spotify bietet seit ein paar Tagen eigene Charts an. Diese Hitlisten werden auf Basis der wirklich gehörten Songs in dem Dienst ermittelt. Das ist ein großer Unterschied zu klassischen Charts, bei denen der Kauf bzw. der Download eines Songs als zu wertende Einheit gemessen wird. In einer zweiten Ansicht ermittelt Spotify zudem so genannte Social-Charts, bei denen die Rangliste auf Basis von Empfehlungen in sozialen Netzwerken ermittelt wird.

In beiden Ansichten ergibt sich eine aus unterschiedlichen Gründen spannende Differenz. Spotify galt in der Debatte um so genannte Social Reader stets als positives wie gruseliges Vorbild: “Will ich denn dass alle wissen, was ich höre?” lautet die Standard-Frage, wenn man über die Funktion von Spotify spricht, dem Facebook-Freundeskreis automatisch offen zu legen, was man hört. Genau dieses Prinzip nutzten auch so genannte Social Reader wie vom Guardian oder der Washington Post.

Man spricht vom frictionless sharing um zu beschreiben, dass Interaktionen wie Lesen oder eben Hören bruchfrei mit anderen geteilt werden. Die Sorge dabei: Andere könnten wahrnehmen, dass man irgendwie peinlich oder sozial unerwünschte Inhalte konsumiert. Diese Vorgeschichte sollte man kennen, wenn man die beiden unterschiedlichen Spotify-Charts dieser Woche anschaut.

Die Spotify 50 genannte Hitliste der am häufigsten gestreamten Songs führt der Song Can’t Hold Us von “Macklemore & Ryan Lewis” an.

spotify50

Das ist die Hitliste der wirklich gestreamten Songs in Spotify. Darin enthalten: Imagine Dragons, Daft Punk, Calvin Harris, Capital Cities, Justin Timberlake. Ohne mich wirklich auszukennen: Das ist massentauglicher Pop, mit dem man sich zwar nicht als totaler Popstreber, aber eben auch nicht als vollständiger “und die Hits von heute”-Allesfresser outet.

Vor allem nicht, wenn man dagegen die Social-Charts anschaut – also jene Songs, die in der vergangenen Woche am häufigsten im deutschen Spotify empfohlen worden:

social

Diese Liste ähnelt schon eher dem, was in den klassischen Charts vorne steht: Diese werden wie auch die Social-Charts von Beatrice Eglis “Mein Herz” angeführt. Darüberhinaus teilten die Nutzer auch Songs von Peter Wackel, SpongeBozz und Lisa Wohlgemuth – die allesamt nicht dazu angetan sind, soziale Distintion im positiven Sinn zu fördern. Aber vor allem finden sie sich weder in den klassischen Charts noch in den Streaming-Top10 von Spotify.

Die Wertung soll jeder für sich vornehmen: Die zufällige Stichprobe aus einer Woche legt jedenfalls aus meiner Perspektive keinesfalls den Verdacht nahe, dass Menschen vor dem sozialen Hintergrund des Empfehlens lediglich das öffentlich machen, was sozial erwünscht scheint. Im Gegenteil: Mir erscheinen die Social-Charts im Vergleich zu den klassischen und den gestreamten Hitlisten im plattesten Sinn des Wortes als Mainstream.

Niemals aufgeben

Lance Armstrong hat keine Lust mehr, sich den Vorwürfen der Doping-Fahnder zu erwehren. So die Sicht des vormals erfolgreichen wie populären Radrennfahrers auf die Meldung der vergangenen Woche: Lance Armstrong lebenslang gesperrt.

Der mit Abstand beste Text, den ich zu diesem Thema, das eigentlich in diesem Blog nichts verloren hat, gelesen habe, stammt von Michael Specter aus dem New Yorker. Specter schreibt eine sehr persönliche Einschätzung zum Fall Armstrong, als jemand, der jahrelang über Armstrong berichtet und ihm wohl auch geglaubt hat. Specter macht sich selber zum Thema seines Textes und das macht den Text so gut:

That is why I am so deeply appalled by his announcement yesterday that he would no longer fight the charges against him. He said he was tired of the fight. Tired? Really? Armstrong made it clear on several occasions he would fight to the death.

Jetzt will Armstrong nicht mehr kämpfen – und Specter erinnert an ein Zitat des Sportlers, das mit den Geschehnissen der vergangenen Woche eine neue Bedeutung erlangt:

Pain is temporary. It may last a minute, or an hour, or a day, or a year, but eventually it will subside and something else will take its place. If I quit, however, it lasts forever.

Es wird Echt Zeit!

Einer der schöneren Sätze aus der Frühphase des Netzes lautet: “Das Internet ist kein Einschaltmedium”. In Zeiten des Always-on bekommt diese Aussage eine neue und andere Bedeutung. Denn Einschalten muss man das uns stets begleitende Netz tatsächlich nicht mehr. Dass Anfangszeiten in diesem Medium allerdings bedeutungslos wären, glaube ich hingegen nicht (mehr).

Ich habe während der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele versucht, dem Hashtag #London2012 auf Twitter zu folgen. Es war nicht möglich. Die App meines mobilen Endgeräts war nur in der Lage, die rund 50 Tweets der letzten 10 Sekunden anzuzeigen. Es gelang also nicht mal, selber einen Tweet mit dem Hashtag abzuschicken und ihn kurz danach in der Übersicht zu kontrollieren – er war bereits hinweggespült von der Vielzahl der Beiträge all jener Menschen, die genau zu diesem Zeitpunkt eingeschaltet hatten.

Das kann man als Beweis dafür lesen, dass das Fernsehen noch immer die Schlagzahl dessen vorgibt, was der Link-Service bit.ly in seinem Dienst realtime als “internet attention” bezeichnet. Wofür interessieren Menschen sich genau jetzt? Diese Frage ist der Antrieb hinter dem Dienst, der als wunderbares Beispiel dafür dient, warum die Behauptung mit der Einschaltzeit nur halb richtig ist. Genau jetzt war schon immer die relevante Netz-Zeit (hier ein fünf Jahre alter Text zu dem Thema), aktuell können wir beobachten, was sich aus diesem genau jetzt ableiten lässt: Es wird zum zentralen Verbindungspunkt der vernetzten Welt.

Der realtime-Dienst ist bisher nur auf Einladung zu nutzen, thenextweb war aber bereits drin und zeigt: Es geht um die zeitgebundene Vernetzung von Menschen und Themen. Das Prinzip, das Fernsehmenschen gerade mit dem Schlagworten Second Screen und Social TV versehen, wird in den kommenden Jahren wachsenden Einfluß auf die Ausgestaltung der Netzkommunikation haben. Schon heute verbindet das Netz Menschen, genau darin steckt der Wert von Facebook, das versucht, diese Verbindung um die Komponenten Raum zu erweitern. Wo sind meine Freunde gerade? ist aber gar nicht so spannend. Im Zweifel sind sie nämlich eben auch im Netz. Viel spannender ist die Frage nach dem Zeitpunkt. Wie das unsere Vorstellung von der Erstellung und dem Konsum von Kultur, Nachrichten, Musik und Filmen ändern kann, zeigt das Beispiel Visualize Yahoo!, wo das Netz nicht mehr als Wandzeitung verstanden wird, sondern als soziales Erlebnis, das durch die Menschen geformt wird, die gerade jetzt mit dabei sind.

Womit man wieder bei den Einschaltzeiten ist. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass das Netz eigene Events schaffen wird, die höhere Bindungskraft entwickeln als ein sonntäglicher Tatort auf Twitter. Live-Ereignisse, die etwas liefern, was aufgezeichnet einfach weit weniger zauberhaft ist. Warum will niemand die Aufzeichnung eines Fußballspiels sehen? Weil es live spannender ist.

Warum denken wir all das nicht auch auf andere kulturelle Ereignisse? Warum eigentlich soll ich mir die Aufzeichnung des Entstehungsprozesses einen Textes oder Interviews durchlesen, wenn doch technisch auch ein Live-Event möglich wäre?

Um all das geht es in meinem Projekt Eine neue Version ist verfügbar, das ich im Herbst starten will. Hier kann man sich dafür eintragen. Jetzt, in Echtzeit!

Update: Als ich den obigen Eintrag schrieb, war mir nicht bewusst, dass es wie Steven Johnson tweetet offenbar Probleme bei der “live”-Übertragung im amerikanischen Fernsehen gab


Update 2: Steffen Konrath weist darauf hin, dass der für kommende Woche angekündigte Digg-relaunch auf die Dienste von Realtime zurückgreifen wird.

Die Medien-Mitgliedschaft

Das da oben ist Philipp Köster. Er ist Chefredakteur des tollen Magazins 11 Freunde. In dem Clip stellt er die Dauerkarte des Magazins vor. Ein Mitgliedsausweis, der das konkret umsetzt, was Alan Rusbridger am Wochenende beim Guardian Open Weekend angekündigt hatte (siehe dazu den sehr lesenswerten Beitrag von Mercedes Bunz in der heutigen Print-SZ): Leser und Nutzer nicht als zahlende Kunden zu verstehen, sondern als Mitglieder einer Gemeinschaft. Jennie Gibson, die mit der US-Version des Guardian Nordamerika erobern möchte, bringt es so auf den Punkt:

We are trying to make [the audience] feel they are part of the international army of Guardian readers.

Spannend sind daran zwei Punkte: Zum einen betont eines solche Mitgliedschaft das Verbindende, das durch die Lektüre einer Zeitung bzw. durch die Zugehörigkeit zu einer Medienmarke entstehen kann (dazu habe ich unter dem Schlagwort Community hier bereits viel geschrieben). Zum anderen ist dies aber auch ein sehr spannender Ansatz für Pay-Modelle. Denn es ist mehr als rein sprachlicher Unterschied, ob man zahlender Kunde und zahlendes Mitglied ist. Am Beispiel der Wikipedia-Spende war diese sprachliche Fassung dessen, was man Geld-Transfer nennen würde, bereits Thema.

Vielleicht hängt Bezahlen im Internet nicht unwesentlich auch davon ab, wie man es nennt? Denn aus anderen Begriffen leitet sich auch eine andere Haltung ab.

Yours to discover: das neue Twitter

Twitter bekommt ein neues Gesicht. Der Nachrichtendienst wird in den nächsten Tagen (und Wochen schrittweise) gerelauncht. Es wird einen veränderten Zugang, eine veränderte Gestaltung und vor allem eine angeblich einfachere Bedienbarkeit geben. Nachlesen kann man das auf fly.twitter.com, wo die Twitter-Macher erläutern, was sie umtreibt. Dort kann man auch diesen kleinen Werbespot anschauen:



Schwerpunkt der neuen Twitter-Positionierung ist der Slogan “Yours to discover”, was man mit “Gehe auf Entdeckungsreise – Folge Deinen Interessen jetzt noch schneller und einfacher” auf deutsch übersetzt hat. Diese Schärfung des Profils ist einerseits sicher eine Reaktion auf Googles Aktivitäten unter Google Plus. Andererseits geht Twitter damit aber einen Weg konsequent weiter, der mit der Umbenennung der Einstiegsfrage begann und in der neuen Aufforderung “Yours to discover” seinen nächsten Schritt erreicht (ich hatte im September 2010 in der Süddeutschen Zeitung drüber geschrieben). Es geht den Machern nun nicht mehr in erster Linie um Menschen, die aktiv Tweets schreiben. Es geht darum, in und über Twitter Nachrichten zu konsumieren. Twitter soll zum Zugang zur Welt der Information werden – in Echtzeit.

In der Woche, in der Flipboard seine iPhone-App vorstellt, lohnt es sich auf diesen Wandel hinzuweisen. Die Debatte rund um Twitter dreht sich nicht mehr um Oversharer oder um private Daten in öffentlichen Nachrichten. Die Debatte um Twitter (und soziales Wissen in Gänze) dreht sich mittlerweile um Zeitersparnis. So jedenfalls muss man den Spot verstehen, mit dem Flipboard seine tatsächlich sehr gute iPhone-App bewirbt:



Das ist erstaunlich, denn dadurch löst sich Twitter (völlig zurecht) von einer Debatte, die eh ein Scheingefecht war. Hier geht es schon lange nicht mehr darum, ob irgendwer vermeintlichen Quatsch verbreitet. Hier geht es um die Art und Weise, wie Menschen zeitgemäß durchs Netz navigieren, wie sie Nachrichten finden und verbreiten. Twitter will sich genau an dieser zentralen Stelle positionieren – und nach allem, was ich derzeit sehe, scheint das zu gelingen.

In Konkurrenz zu Google Plus und Facebook kommt dem Dienst der unschätzbare Vorteil der Einfachheit entgegen. Es geht weiterhin um das Lesen und Verbreiten von Meldungen von 140 Zeichen Länge. Dieser simple Ansatz ist der Kern von Twitter, der Zauber entfaltet sich durch all das, was drumherum geschieht.

Mehr zum neuen Twitter beim Guardian, Mashable und in der New York Times

Genau hier ist die Schnittstelle für guten, dialogfähigen Journalismus. Er sollte Antworten suchen auf die Frage: Wie können wir diese Ökosystem nutzen? Und dabei stehen wir – man vergisst es vor lauter Umbauten fast – noch ganz am Anfang: Twitter ist in diesem Jahr erst fünf Jahre alt geworden.

Teilen fürs Ganze: From Broadcasters to Sharecasters

Brian Brett hat für die New York Times eine Untersuchung zu Share-Kultur im Netz gemacht. Seine Präsentation mit dem Titel The Psychology of Sharing kann man runterladen und auf Slideshare anschauen:

Es geht um die Frage: Warum teilen Menschen im Netz Inhalte? Die spannende Antwort: Menschen haben schon immer Inhalte geteilt. Das Netz verstärkt dies nur. Vermutlich deshalb sind auch die Gründe fürs Teilen nicht sonderlich netzspezifisch. Sie gelten (im Prinzip) auch fürs Weitererzählen beim Mittagessen, denn es geht in erster Linie um Beziehungen. Unter dem Titel “Sharing is all about relationships” benennt die Studie zunächst fünf Gründe fürs Teilen, leitet aus diesen sechs Typen des Teilens ab …

Altruists
Careerists
Hipsters
Boomerangs
Connectors
Selectives

… und liefert damit einen guten Rahmen zur Beantwortung der Frage: Warum machst du diesen Quatsch im Netz überhaupt?

Ein Aspekt kann zum Beispiel in dem liegen, was die Studie als Leitmotiv für Medienhäuser ausgibt:

From Broadcasters to Sharecasters

Medien werden zu Stichwortgebern für eine Share-Kultur. Was das bedeutet, kann man sich am 21. September übrigens auch in einem Webinar erklären lassen.

Freundschaft im Tal der vertrauten Fremden

Wenn stimmt, dass die Weisheit im Netz bei den Vielen liegt, dann stelle ich diese Frage nicht Dr. Dr. Erlinger, sondern Dir und Dir und vor allem hier. Es geht um die Mail eines Bekannten, der für einen von ihm betreuten Kunden eine Ausstellung (mit) vorbereiten muss. Dabei soll oder will dieser Kunde ein Produkt oder ein Programm präsentieren, das mit einem Facebook-Account verbunden ist. Selbiger Account existiert noch nicht und hat entsprechend noch nicht sonderlich viele Freunde. Ohne solche ist Facebook aber der langweiligste Ort der Welt.

Deshalb kam der Bekannte auf die Idee zu fragen, ob man sich nicht für die Dauer der Ausstellung mit dem Account anfreunden möge. So würde die Timeline des Präsentations-Accounts gefüllt. Die Frage erreichte auch mich – und weil ich keine Antwort weiß, gebe ich sie hier mal weiter:

Was macht man da?

Nimmt man den Begriff Freund ernst, ist natürlich klar, dass man eine solche Freundschaft nicht annehmen kann. Versteht man Facebook wie einen Raum, könnte umgekehrt man sagen: Hier fragt einfach jemand, ob man während einer Messe an seinem Stand vorbeischaut, damit es dort nicht so leer ist. Das kann man durchaus tun, selbst wenn man seinen Kunden nicht kennt.

Anders als bei einem Messestand ist die digitale Präsenz allerdings von längerer Dauer als ein kurzer Besuch. Wer weiß, wer mich dort auf dem Schirm als Account-Freund sieht? Umgekehrt könnte man neue Beiträge für den vermeintlich neuen Freund ausblenden, so dass man formal befreundet ist, in der Timeline aber nicht auftaucht.

Es handelt sich – wie so oft in diesen modernen Dialog-Medien – um eine Grenzgeschichte zwischen Privatheit und Öffentlichkeit – um das Tal der Vertrauten Fremden.

Das interessiert mich. Deshalb kam mir die Idee, diese kleine private Frage mal öffentlich zu machen:

Soll ich diese Freundschaft eingehen oder nicht?

Die Debatte über die Debatte im Netz – sechs Thesen

Vielleicht muss man – wenn man über die Debattenkultur im Netz spricht – den schönen Spruch vom Baumhaus einfach nur etwas anders interpretieren. Vielleicht gilt vor allem:

“Wer noch nie im Baumhaus war, versteht einfach nicht, welche Vorschriften funktionieren und welche nicht.”

Die Forderung nach einem Ende der Anonymität, die in den vergangenen Wochen (unter anderem vom deutschen Innenminister) auf die Agenda gebracht wurde, zählt jedenfalls zu denjenigen Vorschriften, die im Baumhaus nicht funktionieren (wie Markus Beckedahl hier sehr gut erklärt hat). Sie krankt zudem allein an der Verbindung zu dem Gewaltverbrechen des norwegischen Terroristen, das den Anonymitäts-Gegnern als Anlass diente. Denn es war ja gerade dessen erklärtes Ziel, mit vollem Namen in der Öffentlichkeit zu stehen. Er ist ja sozusagen ein Gegner der Anonymität im Netz. Die Schreckenstaten aus Norwegen zum Anlass zu der Debatte um Anonymität im digitalen Raum zu nehmen, ist aber aus noch viel mehr Gründen, sinnlos.

tl;dr-Übersicht
1. Pseudonyme sind nicht anonym
2. Pseudonyme verbinden
3. Dialog setzt einen Willen zur Verständigung voraus
4. Wo es kein draußen gibt, wird niemals ein drinnen entstehen
5. Institutionen antworten nicht, Menschen schon
6. Nicht der Klarname, sondern die soziale Gruppe sorgt für Qualität
(Inspiration via Sascha Lobo )


Baumhaus fotografiert von Patrick M Loeff auf Flickr unter CC-Lizenz

Dennoch muss ich – mit leichtem Zeitverzug – den Ball hier nochmal aufnehmen, denn mich stört vor allem die Verbindung zum Thema Diskussionkultur im Netz, die ebenfalls stets mit der Frage nach Klarnamen in Zusammenhang gebracht wird.

Und spätestens hier sind wir tatsächlich im Baumhaus.

Die Debatte um den Wert der Debatte im Netz wird vor allem von Menschen geführt, die offenbar selber nicht an Debatten im Netz teilnehmen. Denn ein paar Dinge sehen in dem Baumhaus durchaus anders aus als wenn man nur von unten versucht Einblick zu nehmen.

Zur Klärung deshalb hier sechs Thesen zur Debattenkultur im Netz


1. Pseudonyme sind nicht anonym

Es ist mehr als ein sprachlicher Unterschied: Wer unter erfundenem Namen im Netz diskutiert, ist nicht anonym. Wer sich jemals in ein Baumhaus begeben und dort womöglich sogar mitdiskutiert hat, wird wissen, dass niemand den Personalausweis-Namen “Hans Müller” benötigt, um von anderen wiedererkannt zu werden. Es ist einfach falsch zu behaupten, sternchen82 flüchte sich in die Anonymität oder stehe nicht zu dem, was sie sagt. Wer Gespräche mit ihr geführt hat, wird wissen, wer sternchen82 ist – ohne die Adresse und den vollen Namen zu kennen. Und sternchen82 steht sehr wohl zu dem, was sie sagt – sie betritt den Diskussionsraum ja genau deshalb jedes Mal wieder unter diesem Namen.

Menschen wählen (in Netz-Debatten) Pseudonyme, weil sie einen Bezug zum Personalausweis vermeiden möchten, aber nicht weil sie nicht erkannt werden wollen. Der überwiegende Teil der Diskutanten will ja gerade in der Debatte Bezüge herstellen und auffindbar sein, deshalb gibt es Pseudonyme. Zu glauben, nur durch klassische Vor- und Nachnamen entstehe eine Debatte, ist genauso falsch wie es falsch ist, die Minderheit der böswilligen Trolle zum Maßstab für Netzdebatten zu machen. Wer jemals selber eine Debatte geführt hat, würde beides nicht tun.

Gespräch fotografiert von harry f auf Flickr unter CC-Lizenz

2. Pseudonyme verbinden
Die häufig pauschal als böse (weil niveaulos) gescholtenen Foren zeichnet etwas aus, was den Debatten unter Zeitungsartikeln häufig fehlt: die Verbindung zwischen den Diskutanten. Wer sich z.B. in ein Fachforum begibt, teilt ein gemeinsames Interesse. Häufig erkennt man diese Gemeinsamkeiten auch an der Wahl der Pseudonyme und an den Zitaten, die einzelnen Forenbeiträge häufig abschließen. Darüber und über die Art, wie Diskutanten ein Profil-Bild wählen, erfährt man mehr über die jeweiligen Personen als über das Wissen, das sich “Hans Müller” hinter diesem Beitrag verbirgt.
Seinen Namen wählt niemand selber, Pseudonyme hingegen schon. So liefern sie Gesprächsanlässe und sind vor allem Teil der Verbindung, die für Kommunikation notwendig ist.


Talk fotografiert von gin_able auf Flickr unter CC-Lizenz

3. Dialog setzt einen Willen zur Verständigung voraus
Warum reden wir überhaupt miteinander? Wer auf diese Frage keine Antwort hat, wird niemals zu einer geglückten Kommunikation gelangen. Denn Dialog entsteht nur, wenn man eine gemeinsame Sprache spicht, wenn man eine verbindende Haltung hat oder wenn zumindest eine gegenseitige Abneigung vorliegt, die dann ja auch ein einendes Element sein kann.

Kathrin Passig hat unlängst auf die hinderliche Vorstellung zahlreicher Journalistinnen und Journalisten hingewiesen,

es gebe hier den feinsinnigen, gebildeten Autor und dort das Kommentarproletariat, dem man notgedrungen ein Ventil für seine Meinung geben müsse, es sei jetzt halt so die Mode.

Und daraus den Schluss gezogen:

In diesem Glaubenssystem sind langweilige, dumme und bösartige Kommentare unvermeidlich.

Ich glaube, man kann dieses Glaubenssystem nur durchbrechen, wenn man die verbindende Haltung in den Mittelpunkt rückt. So wie Magazin-Macher sich einen Slogan für ihr Heft ausdenken, müssen im Netz publizierende Journalisten eine Antwort darauf finden, was die unter ihren Texten diskutierenden Menschen eint. Sie müssen sich die Frage stellen: “Warum kommentieren die hier?” und daraus Schlüsse ziehen. Vor allem müssen sie ein positives Bild davon formen, wie sie die Debatte denn gerne hätten. Wie Print-Magazinmacher sich die Frage stellen, für wen sie ein Heft machen (und für wen nicht), müssen Netzpublizisten die Frage stellen, wessen Kommentare sie wünschen und wessen Kommentare eben nicht. Und am Ende sind sie dann in der Lage einen Slogan zu formulieren, der wie Werbung für die eigenen Kommentarbereiche funktioniert.

4. Wo es kein draußen gibt, wird niemals ein drinnen entstehen
Bisher ist die Klage über die mangelnde Qualität der Internet-Diskussionen oft darauf beschränkt, festzustellen, welche Kommentare man nicht möchte. Aber ohne das positive Beispiel wird sich keine Haltung formen lassen, die wie der Slogan eines Magazins, ein Drinnen und ein Draußen definiert. So wie das gemeinsame Interesse der Nutzer eines Fachforums dafür sorgt, dass zum Beispiel Angel-Freunde nicht plötzlich über die Vorteile eines 16-Zylinders diskutieren müssen, würde eine verbindene Community-Haltung auch aus dem Ruder laufende Netz-Debatten befrieden können. Denn an einem Ort, den die Diskutanten als ihren eigenen verstehen, setzen sie sich selber zur Wehr, wenn Störenfriede eindringen. Für die Ordnung an einem Ort, der ohnehin nicht gepflegt wird, fühlt man sich hingegen erstmal nicht zuständig.

Damit eine solche Gemeinschafts-Haltung entstehen kann, ist es unabdingbar notwendig, die gesichtslose Leserschaft als Community zu denken, die sich nicht einzig über Inhalte versammelt, sondern auch über Funktionen – wie zum Beispiel Leserkommentare.


5. Institutionen antworten nicht, Menschen schon

Aber auch die profesionellen Akteure müssen aus der Gesichtslosigkeit heraustreten. Journalistinnen und Journalisten müssen als Menschen aktiv in den Dialog eintreten, sonst wird dieser nicht gelingen. In dem Text Kommunikationskultur: Beherrsche dich, Nutzer! schildert ein Spiegel-Online-Autor wie er dann und wann die Leserpost Ernst nimmt, die ihn erreicht:

Manchmal mache ich mir den Spaß und beantworte so eine Schmiererei. Meistens beginnt meine Mail mit diesem Satz: “Sehr geehrter Herr XYZ, vielen Dank für Ihre konstruktive Kritik, aber…” Nicht selten folgt darauf eine Antwort, die so klingt: “O sorry, wer ahnt denn, dass das jemand liest.”

Wenn die kommentierenden Leser nicht mal ahnen, dass sie gelesen werden, wird ihnen umgekehrt nur schwer zu vermitteln sein, warum sie sich in dem, was sie schreiben, an Anstandsregeln halten sollen. Geschweige denn, warum sie mithelfen könnten, den Anstand in einem Diskussionsforum zu wahren. Diese Ahnung jedoch wird sich nur vermitteln, wenn man als Journalist antwortet.

Dazu muss man vielleicht die These von Heribert Prantl wörtlich nehmen, der schrieb, das Blog eines Journalisten sei seine Zeitung, sein Magazin oder sein Sender:

In jedem professionellen Journalisten steckt ein Blogger. Der Blog des professionellen Journalisten heißt FAZ oder SZ, Schweriner Volkszeitung oder Passauer Neue Presse, Deutschlandfunk oder Südwestradio. Der sogenannte klassische Journalist hat dort seinen Platz, und er hat ihn in der Regel deswegen, weil er klassische Fähigkeiten hat, die ihn und sein Produkt besonders auszeichnen.

Wenn die in der Art bloggenden Journalisten dann auch mit Leserkommentaren und Bezügen umgingen, wie es Blogger gewöhnlich tun: es entstünde ein etwas anderes, womöglich debattenfreundlicheres Klima.

Vergangene Woche jedenfalls lieferten sich die beiden Feuilletonisten Steinfeld und Seidl in der SZ und in der FAS ein durchaus amüsantes Duell, das etwa so ging: Steinfeld schrieb in der SZ über Charlotte Roches neues Buch (er findet es nicht gut), Seidl tat gleiches in der FAS (er findet es besser), stichelte dabei aber gegen den Kollegen und dessen Ausführungen über Sex. Man kann das leider im Netz nicht nachverfolgen, weil Seidls Besprechung nicht online steht. Stünde sie im Netz und würde sie wie ein Blog behandelt, man hätte unter den Texten (neben anderen Kommentaren) die Bezüge (Backlinks) der beiden Journalisten lesen können. Womöglich hätten sie sogar in den Kommentarfeldern weiter gestichelt – und den Lesern, die vielleicht auch kommentieren wollen, so ein positives Beispiel fürs Kommentieren gegeben. Sie hätten deren Fragen beantworten können und einem wirklichen Dialog den Weg ebenen können.


Freundschaft fotografiert von TrevinC unter CC-Lizenz auf Flickr.

6. Nicht der Klarname, sondern die soziale Gruppe sorgt für Qualität
Für einen solchen Dialog sind Klarnamen übrigens in Wahrheit ganz und gar nicht wichtig. Das Beispiel mit der vermeintlich verbesserten Kommentarqualität auf Facebook darf nicht täuschen. Johannes Kuhn hat bereits auf den Fall Manuel Neuer hingewiesen, der auf Facebook mit Klarnamen-Kommentaren zu kämpfen hatte, die man bei Besinnung nicht mal völlig anonym schreiben würde. Dazu kam es, weil die dergestalt Schimpfenden in ihrer sozialen Gruppe (auf Facebook “Freunde”) womöglich sogar Unterstützung für ihren Neuer-Hass zu erwarten hatten. Und in dieser sozialen Gruppe liegt der Schlüssel für die Qualität von Kommentaren (ja auch für den Mangel). Denn nur in der Gruppe muss ich für Aussagen gerade stehen (egal, ob mit Pseudonym oder Personalausweis-Namen). Wenn Leser aber das Gefühl haben, ihre Kommentare würde nicht mal gelesen, funktioniert auch keine Gruppen-Kontrolle. Völlig egal, unter welchem Namen sie schreiben.

Mehr zum Thema:

>> Danah Boyd über “Real Names” Policies

>> Johannes Kuhns Kommentar zur Anonymitäts-Debatte

>> eine Übersicht der Kommentare, die Gott in seinem Schöpfungsblog bekäme

>> Der Online-Talk auf Dradio-Wissen.

>> Die Klarnamen-Debatte bei Breitband

>> Kathrin Passig über den Salon der schlechten Laune.

Um die Debattenkultur also zu heben, muss es gelingen, Gruppen zusammenzuführen. Leserschaften zu formen. Communitys zu bauen. Das ist keineswegs so neu, wie es klingen mag. Zeitungen funktionieren seit jeher nach diesem Prinzip. Hier ein Blatt für die eher konservativ Denkenden, dort eines für die links-liberalen. Anfangs funktionierten Zeitungen ja sogar als Parteiorgane. In einer Zeit, in der deren Bindungskraft zu schwinden scheint, ist es vielleicht eine gute Möglichkeit für Zeitungen, Leserschaften als Nutzerschaften zu binden. Ihnen eine gemeinsame Haltung oder Weltsicht zu vermitteln (jedenfalls eine Verbindung) und so eine für Netz-Debatten einende Sprache zu geben.

Zukunft fotografiert von Andrew Coulter Enright auf Flickr unter CC-Lizenz.

Embrace the community!

“The reporting drives the community. Our journalism is always going to be front and center. At the same time, you have to embrace the community and make them a part of that.”

Marc Frons, CTO für “digital operations” bei der New York Times hat Poynter Details über die Pläne der Zeitung verraten, seine TimesPeople genannte Community aufzufrischen. Die passen zusammen mit dem Filmclub und den unlängst beschriebenen Aktivitäten auf Facebook und Twitter.

(via Kopfzeiler)