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Das Don-Draper-Dilemma: Vorärger!

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Am Sonntag startet die sechste Staffel der TV-Serie Mad Men. Die Frage zu stellen, woher ich das weiß, mutet merkwürdig an, man muss sie aber stellen um zu verstehen, warum ich das zwar wissen, die Serie aber nicht gucken darf bzw. noch nicht gucken darf.

Die Macher der Serie von AMC sprechen schon seit Wochen von nichts anderem als von dem kommenden Sonntag. Auf Facebook verfolgen sie mich mit der neuen Staffel und auf ihrer Website bieten sie mir – wie passend – sechs Wege an, meine Vorfreude zu kanalisieren. Mir gefällt all das, die Marketing-Maßnahmen treffen mich ziemlich genau, sie lösen jedoch das exakt umgekehrte Gefühl bei mir aus: statt Vorfreude empfinde ich wachsenden Vorärger.

Das Wort gibt es so nicht, aber neue Zeiten verlangen vielleicht auch neue Begriffe. Und Vorärger ist das Gefühl, das sich einstellt, wenn einem zwar etwas in Internet-Geschwindigkeit (Sofort!) angeboten wird, man dies aber nur in Postkutschen-Geschwindigkeit erwerben kann.

Denn natürlich würde ich für Mad Men bezahlen, sogar sofort! Und alle, die sich Mad Men auf mittel-legalen Wegen trotzdem besorgen, erzählen mir, dass diese Wege keineswegs kostenfrei sind. Auch sie bezahlen, aber eben mittellegal. Der Auslöser für den Vorärger ist aber: Ich darf ja gar nicht zahlen. Mir ist kein Weg bekannt, wie ich erlaubter als mittellegal in die Lage versetzt werde, am Sonntag an dem globalen Pop-Erlebnis Mad Men S06E01 teilzunehmen. So lautet der Code für die erste Folge der sechsten Staffel – und Menschen werden (weil ich ihn jetzt erwähnt habe) auf der Suche nach diesem Stück Kultur auch auf diesem Blog landen und das Gefühl teilen, das ich hier beschreibe: Vorärger!

Sascha Lobo hat dieses Problem in seiner Spiegel-Kolumne mal so beschrieben:

In der Tat erscheint vielen Nutzern nicht einsichtig, wieso ein digitales Produkt nicht per Klick legal heruntergeladen werden kann. Zu den häufigst genannten Gründen für illegale Downloads gehört die mangelhafte legale Verfügbarkeit, will sagen: die Unmöglichkeit, etwas sofort zu bekommen, gefälligst in Echtzeit. Wenn man die Beobachtung des eigenen Verhaltens zumindest als Anhaltspunkt akzeptiert, dann scheint eine Nebenwirkung des Internet eine zunehmende Ungeduld mit den Dingen zu sein. Vorsichtig gesagt. Das süße Gift der Beschleunigung macht nicht nur süchtig, es lässt einem auch heute als langsame Zumutung erscheinen, was man gestern noch als flott empfand. Schneller als Echtzeit – jetzt, hier, sofort – geht nicht.

Daraus könnte man den sonntäglich klingenden, aber völlig unsinnigen Schluss ziehen, mal lieber nicht so ungeduldig zu sein. Über den Umgang mit Echtzeit (siehe dazu den Text „Terror des Jetzt“ aus dem Jahr 2008) sollte man nicht nur wegen Douglas Rushkoffs Present Shock nachdenken, moralische Forderungen werden das Problem aber nicht lösen. Die Ursache dafür liegt nämlich woanders: in den Verwertungszyklen der Verwerter. Es erscheint noch immer lukrativer, die Serie Mad Men nicht in kleinen Folgen-Paketen an ungeduldige Einzelnutzer (wie z.B. mich!!) zu verkaufen, sondern im Staffel-Paket an einen anderen Verwerter, der dafür viel mehr bezahlt und dieses Geld durch eine weitere Schlaufe im Verwertungszyklus wieder reinholt.

Denn natürlich kann ich dieser Tage Mad Men auch ganz legal auf klassischem Weg anschauen. Das ZDF hat mich über den Twitter-Account von ZDFneo gerade letzte Woche erst drauf hingewiesen: Vor ein paar Wochen ist dort nämlich die vierte Staffel der Serie gestartet. Der Code dazu lautet Mad Men S04E01, was gerade vermutlich niemand sucht.

Wie also löst man dieses moralische Don-Draper-Dilemma? Ich weiß es nicht und ich halte auch wenig davon, diese Fragen moralisch anzugehen. Wenn man das aber tut, drängt sich das alte Konsumenten-König-Diktat auf. Überall sagt man uns: Der Verbraucher bestimmt durch sein Verhalten, wie Geschäfte sich entwickeln. Beim Amazon-Problem legte man dem Verbraucher deshalb sehr bald nahe, dort doch einfach nicht mehr zu bestellen. Ich tue mich sehr schwer damit, wenn man das aber zuende denkt, heißt das doch, dass man – um den Voräger langfristig abzustellen – einfach nicht mehr beim ZDF gucken darf um den gelernten Verwertungszyklus zu durchbrechen und darauf zu hoffen, dass man künftig selber und ganz legal eine Folge bezahlen darf, oder?


Dieser Text erscheint als Crosspost auch im TV-Blog von Süddeutsche.de

Es wird Echt Zeit!

Einer der schöneren Sätze aus der Frühphase des Netzes lautet: „Das Internet ist kein Einschaltmedium“. In Zeiten des Always-on bekommt diese Aussage eine neue und andere Bedeutung. Denn Einschalten muss man das uns stets begleitende Netz tatsächlich nicht mehr. Dass Anfangszeiten in diesem Medium allerdings bedeutungslos wären, glaube ich hingegen nicht (mehr).

Ich habe während der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele versucht, dem Hashtag #London2012 auf Twitter zu folgen. Es war nicht möglich. Die App meines mobilen Endgeräts war nur in der Lage, die rund 50 Tweets der letzten 10 Sekunden anzuzeigen. Es gelang also nicht mal, selber einen Tweet mit dem Hashtag abzuschicken und ihn kurz danach in der Übersicht zu kontrollieren – er war bereits hinweggespült von der Vielzahl der Beiträge all jener Menschen, die genau zu diesem Zeitpunkt eingeschaltet hatten.

Das kann man als Beweis dafür lesen, dass das Fernsehen noch immer die Schlagzahl dessen vorgibt, was der Link-Service bit.ly in seinem Dienst realtime als „internet attention“ bezeichnet. Wofür interessieren Menschen sich genau jetzt? Diese Frage ist der Antrieb hinter dem Dienst, der als wunderbares Beispiel dafür dient, warum die Behauptung mit der Einschaltzeit nur halb richtig ist. Genau jetzt war schon immer die relevante Netz-Zeit (hier ein fünf Jahre alter Text zu dem Thema), aktuell können wir beobachten, was sich aus diesem genau jetzt ableiten lässt: Es wird zum zentralen Verbindungspunkt der vernetzten Welt.

Der realtime-Dienst ist bisher nur auf Einladung zu nutzen, thenextweb war aber bereits drin und zeigt: Es geht um die zeitgebundene Vernetzung von Menschen und Themen. Das Prinzip, das Fernsehmenschen gerade mit dem Schlagworten Second Screen und Social TV versehen, wird in den kommenden Jahren wachsenden Einfluß auf die Ausgestaltung der Netzkommunikation haben. Schon heute verbindet das Netz Menschen, genau darin steckt der Wert von Facebook, das versucht, diese Verbindung um die Komponenten Raum zu erweitern. Wo sind meine Freunde gerade? ist aber gar nicht so spannend. Im Zweifel sind sie nämlich eben auch im Netz. Viel spannender ist die Frage nach dem Zeitpunkt. Wie das unsere Vorstellung von der Erstellung und dem Konsum von Kultur, Nachrichten, Musik und Filmen ändern kann, zeigt das Beispiel Visualize Yahoo!, wo das Netz nicht mehr als Wandzeitung verstanden wird, sondern als soziales Erlebnis, das durch die Menschen geformt wird, die gerade jetzt mit dabei sind.

Womit man wieder bei den Einschaltzeiten ist. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass das Netz eigene Events schaffen wird, die höhere Bindungskraft entwickeln als ein sonntäglicher Tatort auf Twitter. Live-Ereignisse, die etwas liefern, was aufgezeichnet einfach weit weniger zauberhaft ist. Warum will niemand die Aufzeichnung eines Fußballspiels sehen? Weil es live spannender ist.

Warum denken wir all das nicht auch auf andere kulturelle Ereignisse? Warum eigentlich soll ich mir die Aufzeichnung des Entstehungsprozesses einen Textes oder Interviews durchlesen, wenn doch technisch auch ein Live-Event möglich wäre?

Um all das geht es in meinem Projekt Eine neue Version ist verfügbar, das ich im Herbst starten will. Hier kann man sich dafür eintragen. Jetzt, in Echtzeit!

Update: Als ich den obigen Eintrag schrieb, war mir nicht bewusst, dass es wie Steven Johnson tweetet offenbar Probleme bei der „live“-Übertragung im amerikanischen Fernsehen gab

Update 2: Steffen Konrath weist darauf hin, dass der für kommende Woche angekündigte Digg-relaunch auf die Dienste von Realtime zurückgreifen wird.