Worin sich individuelle von industrieller Kommunikation unterscheidet

Man kann sich ausführlich damit befassen, wie die technischen Veränderungen der Digitalisierung Darstellungsformen verändert und Inhalte multimedial machen. Die bedeutsame Veränderung der Digitalisierung liegt meiner Einschätzung nach aber darin, wie das Netz als Kommunikationsraum (im Gegensatz zu den klassischen Kommunikationsrampen) das Verhältnis zwischen Storytellern und der Öffentlichkeit verschiebt. Das Verhältnis zwischen Bühne und Publikum wird neu verhandelt, habe ich das in Bezug auf neue Bezahlmodelle genannt.

Um zu verstehen, was das bedeutet, muss man den The Fickle Fame of Twitter betitelten Text lesen, der gestern auf Boing Boing veröffentlicht wurde. Michele Catalano erklärt darin, was es bedeutet, eine Million Follower auf Twitter zu haben und sie beschreibt, wie diese reine Zahl in ihr die Sorge erweckte, plötzlich auf einer Bühne zu stehen und statt wie vorher in einem Kommunikationsraum. Michele ist Autorin, mit dem Netz und seinen Besonderheiten vertraut, sie schreibt auf der Website von Forbes. Das sollte man vielleicht wissen, wenn man ihre Ausführungen nachliest, in denen sie am Beispiel der plötzlich wachsenden Follower-Zahl auf Twitter (sie landete auf der Liste der empfohlenen Nutzer in dem Dienst und erreicht so sehr schnell sehr viele Follower) die genannte Veränderung beschreibt. Drei Ausprägungen will ich dabei herausstellen:

1. Der Zauber des Viralen
Es ist die digitale Variante des alten Rockstar-Traums: Eine Idee, ein Bild oder ein Website geraten plötzlich in den Blick der Weböffentlichkeit und werden von jetzt auf gleich bekannt. Man kann das in Echtzeit beobachten. Bei Michele ist es der Zähler der Twitter-Follower, bei anderen sind es die Seitenzugriffe oder die auf einmal in die Höhe schießenden Verkaufszahlen. In diesen Geschichten steckt das, was ich seit einer Weile im Phänomeme-Blog für die SZ festzuhalten versuche, die zwiespältigen Augenblicke des Webruhms, in denen man merkt, was so gleichgültig wie regelmäßig behauptet wird: das Internet verbindet dein Schlafzimmer mit der ganzen Welt.
In der in Echtzeit messbaren Reaktion steckt ein Kommunikations-Element. Die Webwelt antwortet – mit Masse, mit Klicks. Das ist eine neue digitale Form der Kommunikation. Sie erzeugt einen besonderen Reiz, aber womöglich auch ein gewisses Grauen.

2. Freunde statt Publikum
“Plötzlich hatte ich ein Publikum”, schreibt Michele. Vorher schrieb sie für Freunde und Bekannte. Jedenfalls fühlte es sich für sie so an. Die ständig wachsende Zahl an Followern veränderte dieses Gefühl. Plötzlich schwand das Familiäre, das Gefühl von freundschaflicher Verbundenheit. Dafür erwuchs die Sorge, sich jetzt offiziell quasi amtlich äußern zu müssen. Vermutlich lässt sich dieser Kontrast am besten in der Unterscheidung zwischen einer persönlichen Botschaft einerseits und der Haltung eines Amtsblattes oder Generalanzeigers andererseits festmachen. Die Differenz ist nicht nur für den Leser erkennbar, sondern auch für den Autoren. Michel bringt das in dem Satz zum Ausdruck, in dem sie mit Bezug auf einen anderen Autoren (der mit dem Followerwachstum anders umging) feststellt: “Where @sween stayed true to his voice, I lost mine.”

3. Individuelle statt industrielle Kommunikation
Seiner Stimme treu bleiben, ist vermutlich die beste Zusammenfassung für das, was ich unlängst als Differenz zwischen individueller und industrieller Kommunikation beschrieb. Michele besinnt sich ihrer individuellen Stimme, ihrer persönlichen Färbung und ihres eigenes Humors. Sie verändert ihren Twitter-Namen und kehrt – trotz großer Followerzahl – zurück zu dieser ursprünglichen Idee der Kommunikation im Raum. Mit Erfolg. Der Hauptgrund dafür: Sie kommuniziert. Sie selber nennt das engagement und in der Beschreibung dieses Wandels lässt sich die Bandbreite der Herausforderung ablesen, vor der Storyteller im Netz stehen. Michele schreibt als Antwort auf die Frage, was ihr ursprünglich an Twitter gefallen habe:

Well, it was good for making friends, meeting new people, discovering how many talented people are hanging around the internet, getting to do stuff with some of those talented people, having friends to visit wherever we travel, telling offensive, horrible jokes and letting a million people know when I’ve gotten my period.

There it was. I joined twitter for the conversation, for the ability to connect with people who enjoyed the same warped sense of humor, people who liked hockey and baseball, people who enjoyed talking about music and people who liked to banter back and forth, to engage.

That was it. The engagement. When I got all those followers, I started thinking of myself as a one person twitter stand-up show (albeit one where the audience was often armed with tomatoes) and I forgot about the social engagement.

Wer diese Unterscheidung versteht, wer den Zauber nachvollziehen kann, den Michele hier beschreibt, hat glaube ich verstanden, worin die Veränderung besteht, die Social Media nach sich zieht: Journalisten müssen lernen, was im Englischen to join a conversation heißt.

iRights-Lab: ein Interview mit Matthias Spielkamp

Mitte Oktober machte die Meldung die Runde: das Urheberrechtsportal iRights.info stellt sich neu auf. Die Gründung des iRights Lab wurde angekündigt: Matthias Spielkamp, Philipp Otto und Till Kreutzer (mit denen ich – Transparenzhinweis – persönlich bekannt bin) wollen mit diesem Think Tank den digitalen Wandel begleiten. Ich habe Matthias Spielkamp einige Fragen zum Start des Lab gemailt. Hier seine Antworten:

iRights.info ist seit Jahren eine bekannte Größe in urheberrechtlichen Fragen der digitalen Welt. Jetzt entsteht aus dem iRight-Umfeld ein Labor. Was wird in diesem Lab entwickelt?
Zentral sind drei Aufgabengebiete: angewandte Forschung, Beratung (inklusive Training) und Vermittlung. Das alles für Unternehmen, die öffentliche Hand, Wissenschaft, Politik, Verbände und nicht zuletzt die Kreativen selbst. Zu allen haben wir in den letzten Jahren sehr enge Kontakte aufbauen können.

Kern der iRights-Aktivitäten ist die Debatte ums Urheberrecht. Wird das auch im Bereich des Lab der zentrale Punkt bleiben?
Ja, es wird einer der Schwerpunkte bleiben. Es gibt derzeit so viel Bedarf an Dialog und Verständigung, vor allem zwischen Politik, Kreativen und Unternehmen, dass da ein sehr weites Feld zu beackern ist. So haben wir zum Beispiel auf der Frankfurter Buchmesse gemeinsam mit dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels eine Diskussion veranstaltet unter dem Titel “Verlag, Leser, Autor: Wer hat Angst wovor – und warum?” Einige werden sich sicher gedacht haben: iRights und der Börsenverein? Wie passt das denn zusammen? Denn wir haben den Börsenverein ja tatsächlich oft hart kritisiert. Und wir werden das wahrscheinlich auch in Zukunft tun, da ich nicht annehme, dass er alle Forderungen aufgibt, die wir falsch finden, nur weil wir mal eine Podiumsdiskussion zusammen veranstaltet haben :-) Aber wir sind eben wirklich der Ansicht, dass mehr miteinander geredet werden muss, nicht immer nur gegeneinander, damit sich etwas zum Besseren ändern kann.

Aber es gibt natürlich auch konkreten Forschungs- und Beratungsbedarf, ebenfalls wieder bei allen Beteiligten: Welche Rechte muss ich haben, um als Fernsehsender, als Stiftung, als Ministerium Inhalte in Social Media nutzen zu können? Sollten Kunden das Recht haben, digitale Güter wie MP3s oder E-Books weiter zu verkaufen? Wie sollte ein Urhebervertragsrecht aussehen, das wirklich die Rechte der Urheber stärkt? Das ist nur ein winziger Ausschnitt der Fragen, die wir schon bearbeiten oder bearbeiten möchten, oder um die wir uns in der Vergangenheit als Individuen gekümmert haben, weil es unter dem Dach von iRights.info nicht ging. Beim Lab geht es.

Ich möchte aber ergänzen, dass wir bereits in den vergangenen Jahren den Fokus auch bei iRights.info ausgeweitet haben. Dort geht es zwar weiter in erster Linie ums Urheberrecht, aber auch immer öfter um Persönlichkeitsrechte, etwa in Social Networks, um Datenschutz und ähnliches. Zum Beispiel starten wir am 31. Oktober ein neues Portal, iRights CLOUD, das Bürgerinnen und Bürger dabei helfen soll, sich beim
Cloud-Computing zurecht zu finden. Das wird vom Verbraucherschutzministerium finanziert und getragen vom gemeinnützigen iRights e.V., wo auch iRights.info weiterhin angesiedelt ist. Aber es zeigt die Bandbreite dessen, was wir tun. Und die ist beim Lab noch erheblich größer.

In welchem Zusammenhang steht das iRights-Lab zur IGEL-Initiative?
Zwei der Partner des Labs, Philipp Otto und Till Kreutzer, haben IGEL aufgebaut und stark gemacht. Das ist sozusagen ihr gesellschaftliches Engagement, weil sie das Leistungsschutzrecht für Presseverlage für eine ganz dumme Idee halten. (Ich übrigens auch.) Aber das Lab als Firma ist kein Unterstützer der IGEL.

Wer soll das iRights-Lab nutzen?
Wie oben beschrieben: Wir arbeiten mit allen Akteuren zusammen, die Bedarf haben. Das können Verbände sein, Parteien, Unternehmen, die beispielsweise prüfen möchten, ob eine bestimmte politische Forderung gesellschaftlich sinnvoll, ökonomisch tragfähig und rechtlich machbar ist. Es können aber auch Institutionen sein, die konkret wissen wollen, wie sie mit dem digitalen Wandel umgehen können. Vergangene Woche haben wir in Berlin eine internationale Konferenz veranstaltet zu der Frage, wie so genannte Gedächtnisorganisationen – also Museen, Archive, Bibliotheken – ihre Bestände in der digitalen Welt sichern, aber auch so vielen Menschen wie möglich zugänglich machen können. Da waren unsere Partner das Jüdische Museum, die Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Wikimedia, die Open Knowledge Foundation und das Internet & Gesellschaft Co:llaboratory; Sponsoren waren drei kommerzielle Anbieter von Speicherlösungen. Ich denke, das zeigt die Bandbreite.

Digitales Change-Management gilt als eine der großen Herausforderungen der Zukunft – in zahlreichen Branchen. Werdet Ihr jetzt eine Beratungs-Agentur?
Das iRights.Lab ist eine Beratungs-Agentur! Im Ernst: Wir haben das Lab gegründet, weil wir Dinge tun möchten, die wir unter dem Dach von iRights.info nicht tun können. Die Frage ist womöglich so gemeint, ob sich iRights.info zu einer Beratungsagentur wandelt. Und das wird nicht der Fall sein. Im Gegenteil: Wir haben das Lab ins Leben gerufen, weil wir die Tätigkeitsfelder nicht vermischen wollen. Denn iRights.info wird weiterhin eine unabhängige Informationsplattform zu Fragen des Urheberrechts – und vermehrt auch anderen Rechtsgebieten – in der digitalen Welt sein.

Aber um es nochmal deutlich zu machen: Wir sind viel mehr als eine Beratungsagentur. Wir haben uns für die Bezeichnung Think Tank entschieden, obwohl ich Bauchschmerzen damit habe. Ich bin erstens kein Freund von Anglizismen, zum anderen gibt es viele US-Think-Tanks mit dem Ruf, alles zu untermauern, was der Auftraggeber gerne will. Aber es gibt keinen treffenden deutschen Begriff, der unter einen Hut bringt, was wir tun: beraten, informieren und vermitteln, forschen (indem wir Whitepapers und Gutachten erstellen), weiterbilden. Daher passte weder Agentur noch Forschungsinstitut. Und dass wir eine Haltung haben und niemandem nach dem Mund reden, haben wir in der Vergangeheit oft genug unter Beweis gestellt, denke ich.

Eine der ersten Veranstaltungen findet Anfang Dezember in Dresden statt und beschäftigt sich mit der Zeitungskrise. Gemeinsam mit Lorenz Matzat stellst Du dabei Fragen wie: Wie verändert das Netz die Rolle der Printmedien? Welche Antwort werdet Ihr darauf geben?
Nur, damit kein Missverständnis entsteht: Das ist eine Veranstaltung der Heinrich-Böll-Stiftung, zu der Lorenz und ich eingeladen sind, keine Lab-Veranstaltung. Meine Antwort wird zum einen sein, dass man versuchen sollte, sich einmal mit Distanz anzuschauen, dass das Netz die Print-Welt bereits völlig auf den Kopf gestellt hat. Ich habe von 1993 bis 1994 an der University of Colorado in Boulder Journalismus studiert. Boulder ist zwar klein, aber da das Wetter dort immer so toll ist und die Rocky Mountains vor der Haustür liegen, haben viele Unternehmen dort ihre Forschungseinrichtungen. Eins davon war das Knight Ridder Information Design Laboratory. Knight Ridder war einer der Zeitungsverlags-Giganten in den USA, die Nummer zwei mit Titeln wie The Miami Herald, The Philadelphia Inquirer und den San Jose Mercury News. Der Leiter des Labs, Roger Fidler, hat uns damals bei einem Besuch die “Zeitung der Zukunft” gezeigt. Das war ein Stück Holz mit einem aufgemalten Bildschirm, und wie das Ding funktionieren sollte, hat er uns dann an einem Computerbildschirm gezeigt – im Ernst! Aber was er uns vorgeführt und erklärt hat, war das Design für ein Tablet, das Apples iPad schon sehr nahe war, mit vielen der Funktionen, die für uns heute selbstverständlich sind.

Fidler selber hat gesagt, es würde nur noch zwei, drei Jahre dauern, bis das Ding auf den Markt kommt, vor allem die Entwicklungen der “elektronischen Tinte”-Bildschirme am MIT ließe hoffen. Nun ja – es hat dann doch noch mehr als 15 Jahre gedauert, bis es so weit war, wenn man das iPad als erstes tatsächlich erfolgreiches Tablet als Maßstab nimmt. Aber darauf will ich hinaus: Wir neigen bekanntlich dazu, die
Veränderungen, die in den kommenden Monaten bis drei Jahren passieren werden, sehr zu überschätzen, die Veränderungen in zehn Jahren dagegen zu unterschätzen. Genau das ist eingetreten. Tablets sind eine Selbstverständlichkeit geworden, und die Huffington Post lässt in der Zahl der Interaktionen über Social Media die New York Times und die BBC abgeschlagen hinter sich – und Knight Ridder ist nur deshalb nicht pleite, weil die Zeitungsgruppe von einem anderen Konzern gekauft wurde. Was für eine unglaubliche, unvorstellbare Welt aus der Perspektive von 1993!

Meine Antwort wird also sein, dass es nötig ist sich vorzustellen, was Leser in der Zukunft unter Nachrichten und Journalismus verstehen werden, und wo sie ihn lesen, hören, anschauen, mit ihm interagieren, ihn weiter verbreiten wollen. Und dann zu versuchen, dafür Modelle zu entwickeln. Statt sich zu überlegen, was man als Verlag, Radio- oder Fernsehsender will. Denn das ist den Lesern ziemlich egal.

Ist das iRights-Lab selber womöglich eine Antwort auf die veränderte Rolle des Journalismus im digitalen Zeitalter? Immerhin bist Du selber als Journalist tätig und erweiterst nun hier Dein Betätigungsfeld. Ist das Zufall oder werden sich alle Journalisten künftig breite Tätigkeitsfelder suchen müssen?
Das iRights.Lab ist in verschiedene Labs aufgeteilt, um die Bandbreite unserer Aktivitäten deutlich zu machen. Eins davon ist das Lab Journalismus, das ich leite. Dort geht es um die Fragen, die ich eben gestellt habe. Aber dort wird kein Journalismus gemacht; der findet weiter bei iRights.info statt – und demnächst in unserem eigenen Verlag (Cliffhanger!).

Aber die Antwortet lautet trotzdem: Ja. Denn ich habe bereits in den vergangenen zehn Jahren meine Tätigkeitsfelder erweitert. Zusätzlich zum Journalismus arbeite ich seit 1999 als Dozent und Trainer in der Journalistenfortbildung, habe 2003 angefangen zu bloggen, 2004 dann iRights.info mitgegründet, halte Vorträge, moderiere Veranstaltungen und berate auch Unternehmen und Institutionen. Wenn ich heute als journalistisch arbeite, dann entweder für mein eigenes Unternehmen bzw. unsere eigene Plattform, oder weil ich gefragt werde – wie etwa bei meiner monatlichen Kolumne für DRadio Wissen.

Mit iRights.info machen wir im Grunde seit acht Jahren das, was heutzutage auf jeder zweiten Journalismus-Konferenzen als Zukunft der Branche gefeiert oder gefürchtet wird: unternehmerischen Journalismus (entrepreneurial journalism). Das heißt wir haben bei iRights.info von Anfang an auf einen Finanzierungsmix gesetzt: öffentliches Geld, Förderung durch Stiftungen und Sponsoren, Content Syndication, also Weiterverkauf von Inhalten, Konferenz-Organisation – und nicht zuletzt Quersubventionierung durch alle Beteiligten. Früher hätte man diesen letzten Aspekt Selbstausbeutung genannt, aber man kann es in der Tat und ohne Ironie auch als Markenbildung sehen – also als Positionierung des eigenen Angebots und der eigenen Person, so dass man eben als Experte wahrgenommen wird, andere Honorare verlangen kann und sich die Akquise spart. Oder eben gleich eigene Projekt entwickelt und verwirklicht.

Meine ungebetene Laudatio auf den Troll des Jahres

Ich glaube ich habe Christopher Lauer noch nie persönlich getroffen. Und doch bilde ich mir ein, ihn besser zu kennen als viele Menschen, die mir regelmäßig über den Weg laufen. Christopher Lauer ist am Wochenende als Troll des Jahres ausgezeichnet worden, ich nehme das zum Anlass, eine ungebetene Laudatio auf ihn zu halten (und ein klein wenig über Trolle zu sagen)!

Die Jury zeichnet Christopher Lauer aus “weil er wie kein zweiter die Werkzeuge eines Trolls aus dem ef-ef beherrscht.” Das ist als Lob gemeint, wie man in der Begründung nachlesen kann. Trollen wird darin nämlich durchaus als positive Tätigkeit interpretiert. Man lobt Lauer dafür …

dass er nicht nur in der Lage ist, die positive Kunst des Trollens gegenüber Dritten anzuwenden; Er zeigt auch, dass er selbst über eine solide Trolleranzgrenze verfügt und offenbart so noch größere Erfahrung als Troll.

heise berichtet über andere Trolle, mit denen sich die Jury ebenfalls befasst habe:

Auf die Plätze verwiesen hatte er die ebenfalls nominierte Redaktion der Satire-Zeitschrift Titanic, Kim Dotcom alias Kim Schmitz und die FDP. Diese hätten durch ihre positiven Trollereien anderen einen Spiegel vorgehalten und die gesellschaftliche Diskussion so schneller vorangebracht als es mit traditionellen Diskurstechniken möglich wäre.

Vor dem Hintergrund der Meldungen über Trolle aus dem angelsächsichen Raum aus den vergangenen Tagen kann man durchaus die Frage stellen, ob die Bezeichnung des Trollens hier angemessen verwendet wird. Darum soll es hier aber nicht gehen, sondern um die Troll-Erfahrung von CommodoreSchmidtlepp, die dieser wie kein zweiter beherrsche. Als ich das las, kam in mir zuerst die Frage auf: Warum erhält er den Preis erst jetzt? Und warum nicht fürs Lebenswerk? Und dann bekam ich kurz Angst, denn ich befürchte zu wissen, wo er die genannten Fähigkeiten vermutlich auch erlernt hat: in Debatten mit jetzt.de-Kollegen und womöglich auch mit mir.

“Heul nicht, so ist das Game Nutte”, hat Christopher Lauer auf seine Profilseite CommodoreSchmidtlepp auf jetzt.de geschrieben. Diese hat er im Oktober 2003 angelegt und nach meinem Gefühl hat er seit dem zahlreiche sehr intensive Debatten mit anderen Nutzern aus dem jetzt-Kosmos, aber vor allem auch mit der Redaktion (Transparenz-Hinweis, die ich leite) geführt. “CommodoreSchmidtlepp war einer der hartnäckigeren Trolle der jetzt.de-Redaktion”, sagte ich Kollegen, die nach der historischen Anne-Will-Sendung (die mit dem fortan twitternden Peter Altmaier und der Internet-einschaltenden Bärbel Höhn) voll des Lobes für den jungen Mann waren, der dort so wort- und mimikreich diskutierte. Übrigens einer, der im Jahr 2009 in einem Gastbeitrag schrieb:

Es ist sogar möglich, dass ich im Zusammenhang legaler Downloads zum ersten Mal bei jetzt.de von den Piraten erfahren habe, damals hielt ich sie für eine Spaßpartei mit unausgegorenen Zielen.

Ich will dieses Lob nicht schmälern, ich kriege nur diesen Satz mit der Nutte nicht aus meinem Kopf, wenn ich Christopher Lauer sehe. Klar, ist die Identität des CommodoreSchmidtlepp nicht Christopher Lauer, aber er hat – und dafür ist er ja offenbar auch ausgezeichnet worden – Teile davon fortgeführt (wie zum Beispiel der verifizierte Twitter-Account Schmidtlepp nahelegt). Und natürlich wirkt dieser Satz mit der Nutte anders, wenn man sich ihn im Berliner Abgeordnetenhaus oder auf großer TV-Bühne denkt. In diesen Kontexten, für die die Jury ihn ausdrücklich lobt, steckt in ihm vermutlich genau das, was die Jury “die positive Kunst des Trollens” nennt. Es ist eine Form netzaffiner Satire möchte man meinen (vor allem vor dem Hintergrund der anderen Trolle, mit denen die Jury sich befasste). Der Satz und die Haltung bekommt jedoch einen ganz anderen Kontext, wenn man ihn sich im tägliche Kleinklein von Foren-Debatten vorstellt. Oder noch eher vor schwächeren Menschen, die auf derlei Konfrontation nicht vorbereitet sind, weil sie einfach nur privat im Netz surfen (womit natürlich nicht die Redaktion gemeint ist). Hier besteht das floskelhafte Spiegelvorhalten, von dem die Jury spricht, aus einem Spiegel, auf den boshafte Beleidigungen gemalt sind, die sich auf denjenigen beziehen, der sich dort anschauen soll.

Wer über das Trollen spricht und in ihm offenbar positive Seiten erkennt, darf diese zweite Ebene nicht ausblenden, oder wie map es auf Twitter nannte:

Ich kann mich nicht daran erinnern, dass Christopher Lauer in dieser Form getrollt hätte. Es war eher ein Aufbegehren gegen eine vermeintliche höhere Macht, gegen die Redaktion, die Zeitung, das gesamte Medienwesen. Es war anstrengend und in manchen Fällen demotivierend, aber vielleicht war es tatsächlich für etwas gut. Die Hitze, die man in Internet-Gefechten verspürt, kühlt ab und man kann irgendwann sagen, den Troll des Jahres zu kennen. Diese in Wahrheit nur halb tolle Aussicht gilt sicher nicht für alle, die gerade in mühevoller Kleinarbeit ihre Trolle in Foren und Communitys pflegen. Für alle (die im übirgen auch mal einen Preis verdient hätten) gilt aber der Teil mit dem Abkühlen.

Deshalb verstehe ich den Preis, zu dem ich Christopher Lauer auf beiden Ebenen gratuliere, als Ansporn für das, was Sascha Lobo mal eine vernünftige Beleidigungskultur im Netz genannt hat! Dafür bist du jetzt ein wichtiges Vorbild, Commodore Schmidtlepp. Ich hätte es auch nicht gedacht, aber so ist das Game!

P.S.: Aktuell trollt Christopher Lauer (im Sinne des Preises) übrigens den SPD-Kanzlerkandidaten: steinbrueckseinkuenfte.de


Werbung in eigener Sache:

Wir haben doch keine Zeit!

Im WDR gibt es künftig eine Talkshow mit Helge Schneider. Sie heißt “Helge hat Zeit” und alleine dafür sollte man Schneider loben. Denn schon die Wahl des Titels zeigt, dass der Mülheimer etwas Besonderes ist. Wer hat heute schon Zeit? Und vor allem: Wer sagt das auch noch laut?

Wenn ich über Twitter spreche (und das mache ich – spätestens seit ich Anfang des Jahres bei der SZ die Aufgabe “Social Media/Innovation” übernommen habe – ziemlich häufig), höre ich jedenfalls immer das Gegenteil: dass man überhaupt gar keine Zeit hat; und schon gar nicht für Twitter und Facebook und all den anderen Kram. Das ist verständlich und vermutlich dem allgemeinen Hang zur Zeitlosigkeit geschuldet. Es ist aber auch erstaunlich falsch.

Neben der unterschwelligen Botschaft (“Ihr, die Ihr da auf Twitter rumturnt, scheint ja Helge Schneiders des Müßiggangs zu sein, ich hingegen bin eine Angela Merkel der Anforderung, ich kann mir das nicht leisten”) ist das Zeitargument nämlich vor allem zu kurz gedacht: Für Twitter haben nur diejenigen (Journalisten) keine Zeit, die nicht ausreichend effizient ihren Nachrichtenkonsum strukturieren.

Es ist ein wenig so, einen Flug von Berlin nach München mit dem Argument auszuschlagen, dass man dafür nun wirklich keine Zeit habe, weil man ja gestern erst von Hamburg nach Berlin gelaufen sei und deshalb heute sehr viel abarbeiten müsse – bevor man dann morgen nach München laufen könne.

Was ich damit sagen will: Natürlich kostet es Zeit (aber vor allem und viel wichtiger Interesse!) sich auf neue Wege des Nachrichtenkonsums einzustellen. Wer allerdings dabei stehen bleibt, blendet aus, dass diese neuen Methoden auch unfassbar viel Zeit sparen können.

Deshalb spreche ich immer zuerst über Twitter, wenn ich von den Möglichkeiten und Chancen des Dialogjournalismus (sehr verallgemeinernd auch “Social Media) spreche. Twitter ist organisierter Small-Talk, der die kleinen Randbemerkungen und Hinweise, die helfen und erfreuen, sinnvoll und effizient aufbereitet. Twitter macht es möglich, eine längere Zugreise nicht mit dem zufällig zugestiegenen ehemaligen Judofreund zu verbringen, der viel redet und wenig zu sagen hat (das ist Facebook). Twitter versetzt uns in die Lage, auf der langen Zugreise zufällig nur genau mit den Leuten zu sprechen, deren Beobachtungen, Bemerkungen und Links uns das Leben einfacher und fröhlicher machen.

Twitter füllt die “leere Zeit” mit Inhalt, der deshalb wertvoll ist, weil man ihn selbst steuern und befördern kann – in dem man nur denjenigen Menschen folgt, die man für spannend, deren Bemerkungen man für geistreich und sinnvoll hält. Womit wir beim zweiten Missverständnis sind: Wer Twitter für eine Quatschbude hält, urteilt damit weniger über den Microblogging-Dienst als vielmehr über sich: Er folgt einfach den falschen Leuten. Der Wert des Telefons als segensreiche techniche Errungenschaft bemisst sich schließlich auch nicht an dem, was der Judofreund da gerade in sein Handy redet.

Ich bin nicht der Meinung, dass ein jeder Journalist twittern muss. Ich bin aber sehr wohl der Meinung, dass sich jeder mit Twitter (und dialogischem Journalismus) auseinander setzen sollte – so wie mit dem Telefon. Ob und wie er (oder sie) das dann nutzt, muss jeder selber wissen. Das eigene Desinteresse aber mit mangelnder Zeit zu verschleiern, ist nicht hilfreich. Es legt nur offen, dass man sich noch nicht ausreichend mit der Frage befasst hat, wofür man Twitter eigentlich einsetzen sollte – unter anderem um Zeit zu sparen!

Transparenzhinweis: Ich habe über den Wert von Twitter ein Interview mit Raphael Honigstein geführt, ich habe nie Judo gemacht, aber aufgeschrieben, wie ich selber zum Twittern kam

Die Sache mit den Räumen

Es gehört – meiner Meinung nach – zu den Besonderheiten dieser neuen noch unerforschten Welt des Digitalen, dass wir nicht alle Regeln der analogen Welt dorthin übertragen können. Dazu zählt die Ungeheuerlichkeit der digitalen Kopie einerseits, es zählt dazu aber vor allem die klassische Vorstellung eines medialen Kanals andererseits. Die Idee, das Internet als gleichberechtigten Verbreitungsweg neben Print, Fernsehen oder Radio zu denken, krankt meiner Einschätzung nach daran, dass dabei die soziale Dimension des vernetzten “Mediums” Internet verloren geht. Mit der traditionellen Perspektive auf Medien wird man das Phänomen Social Media (oder ganz konkret z.B. Facebook) nicht überblicken. Facebook ist ein Ort. Wer ihn wie ein Medium zu betrachten versucht, wird ihm damit nicht gerecht und ihn auch nicht verstehen.

Seit einer Weile schon stelle ich deshalb die Behauptung auf: Das Internet ist ein Ort. Ich versuche damit zu beschreiben, wie die Idee eines Mediums sich von einem reinen Transportweg hin zu einem sozialen Raum verändert. Damit verbunden sind zahlreiche Implikationen – von der Interaktion bis zur Demokratisierung.

Besonders ist zudem, dass Räume Farben haben, eine besondere Atomsphäre. Diese bestimmt mit, warum wir uns in ihnen aufhalten. Genau das versucht sich die Soundrop-App auf Spotify seit kurzem zu nutze zu machen. Das Problem, vor dem der Streaming-Dienst steht: Es gibt zuviel Inhalt! Die unbegrenzte Auswahlmöglichkeit führt zu Überforderung, die Spotify nun mit einer Räume-App lösen will.

Das Beispiel Bon Iver

Was wird das nur für eine Welt, in der jeder publizieren und öffentlich kreativ sein kann? Das ist schon eine sehr tolle Welt! So möchte man mit Bon Iver antworten, dessen #stemsproject gerade auf wunderbare Weise zeigt, dass die Demokratisierung der Publikationsmittel keineswegs den Tod der Kreativität/der Kunst/des Pop zur Folge haben muss. Wenn wir alle Künstler und Urheber sind, stechen besondere Künstler vielleicht auch dadurch hervor, dass sie nicht selber Neues produzieren, sondern auswählen können. Ich habe darüber unlängst mit Moritz Eggert gesprochen (der das hier sehr lesenswert verarbeitet hat) und dazu gestern einen interessanten Text von Tim O’Reilly verlinkt.

Anfang August hatte Bon Iver seine Fans aufgefordert, neue Versionen seiner Songs zu erstellen: Crowdsourcing Remixes sozusagen. Diejenigen Fans, die dazu musikalisch/technisch in der Lage sind, waren also aufgefordert, in eine besondere Form der Interaktion mit ihrem Idol und dessen Musik zu treten. Sie sollten dessen Musik verändert: Das Produkt seines Schaffens einer Variation unterziehen!

Was nach klassischen Vorstellungen von Kunst und Künstlerbildern wirkt wie Gotteslästerung wurde ein sehr erfolgreiches Versions-Projekt. Fans veränderten die Songs und Bon Iver wählte seine Lieblings-Varianten aus. Weil die Angebote Spotify und IndabaMusic mit im Boot waren, gab es neben der handverlesenen Auswahl auch noch ein Preisgeld. Zu den Möglichkeiten, die gerade Spotify für Musiker bieten kann, hier ein interessanter Text, der die App der britischen Band Blur auf Spotify untersucht. Im Fall von Bon Iver hat mich der Streamingdienst allerdings enttäuscht. Die auf dem exklusiven Spotify-Album versammelten Varianten-Songs sind für mich mit deutschem Account irgendwie nicht zu hören. Deshalb klicke ich mit mühsam durch die Sieger-Seiten bei IndabaMusic, da kann man nämlich alles hören.

Wer wissen will, wie diese Aktion ankommt, muss nur mal dem Hashtag #stemsproject auf Twitter folgen. Dort ergeben sich nicht nur interessante Einblicke in das aktuelle Projekt. Man sieht dort auch, was es bedeuten kann, wenn ein Künstler seine Kunst nicht als Produkt, sondern als Prozess versteht. Wenn er Versionen zulässt und fördert. Allein deshalb wird Das Beispiel Bon Iver sicher auch in meinem geplanten Buchprojekt Eine neue Version ist verfügbar Verwendung finden.

Es ist aber auch ein schönes Bespiel dafür, wie sich auch das Selbstverständnis eines Journalisten verändern wird. Dazu hat Mark Deuze im Rahmen Neo Journalism Konferenz in Brüssel gestern eine interessante Keynote gehalten, in der er die These aufstellt: “Everybody is a journalist now.”

Mit den Versionen von Bon Iver im Ohr, kann man sich vorstellen, was, das heißen kann.

Social Media

Dieses kleine Video hier ist schon ein wenig älter. Es ist trotzdem noch sehr interessant – für alle, die verstehen wollen, wie Social Media klassische Medien verändert. Liz Heron, die – wie gesagt – als “Director of Social Media and Engagement” beim Wall Street Journal arbeitet, erklärt hier sehr anschaulich, wie Twitter und der Dialog mit den Lesern unseren Beruf verändert

If you’re not on Twitter, you don’t have your finger on the pulse of what is going on realy early. So we are encouraging all of our reporters and editors to set up a twitter account and start consuming what’s happing there, using it as a pesonal newswire.

Was ein Journalist können sollte

Jim Roberts ist Assistant Managing Editor bei der New York Times. Im Idea Lab von Talking Points Memo hat er ein lesenswertes Interview zu den Veränderungen der Digitalisierung für den Journalistenberuf gegeben.

Dabei geht Roberts auf den Aspekt “social” ein, den sein Chef Arthur Sulzberger Jr. bei der Benennung Mark Thompsons als eine von drei zukunftsentscheidenden Herausforderungen benannt hat:

Social remains a challenge, in a lot of ways. I don’t even know how to describe social. It’s a way of life. It’s more than software. But it’s evolving everyday. People are getting information through it everyday. It’s incredibly flexible. It means we have to be incredibly flexible to keep up.

Wer sich dafür interessiert sollte nachlesen, was Liz Heron zur Frage How Should Journalists Use Social Media? zusammengestellt hat.

Fast noch spannender ist aber, was Roberts über die Geschwindigkeit der Veränderungen sagt:

Change is hard. Dealing with disruptive technologies left and right requires a lot of energy, a lot of imagination. And every institution like ours deals with it. Just as we’ve mastered the Web, we then are faced with a completely new environment in which people are getting information on their phones. Tablets are now creating their own different types of use cases and consumption. Social media came out of nowhere.

Wie kann man in einem solchen Umfeld als Journalist überhaupt noch mithalten? Bill Grueskin hat dazu unlängst etwas im Nieman Journalism Lab geschrieben, was wiederum eine erstaunliche Reaktion von Amy O’Leary hervorrief. Ihr Ratschlag, mit den Entwicklungen umzugehen: Think of digital skills in terms of a “major” and a “minor”:

For the last five years, when asked what digital skills journalists should learn, I frequently suggest the model of having a “major” and a “minor”

Our future is on to social! Was bitte soll das denn heißen?

“We have people who understand print very well, the best in the business. We have people who understand advertising well, the best in the business. But our future is on to video, to social, to mobile. It doesn’t mirror what we’ve done. It broadens what we are going to do.”

Mit diesen Worten beschreibt Arthur Sulzberger Jr. seine Entscheidung, den ehemaligen BBC-Chef Mark Thompson zum Chef der Zeitung New York Times zu machen. Darin enthalten sind mehrere bedeutsame Aussagen zu der Frage, wie Medien in einer digitalisierten Welt funktionieren werden.

1. Zeitungen sind Medienhäuser
In der Ankündigung sucht man ein Wort vergebens. Weder Sulzberger noch Thompson selber sprechen von einer Zeitung, wenn sie von der Zukunft der New York Times sprechen. Sie skizzieren die Zukunft einer glaubwürdigen Quelle, die auf unterschiedlichen Kanälen kommuniziert. Sie sprechen von einem Medienhaus.
Das ist nicht neu, auf Podien wird diese Haltung seit Jahren erläutert. Aber wird sie auch umgesetzt? Werden Journalisten für die Arbeit in einem Medienhaus ausgebildet oder lernen sie nicht vielmehr, bei einem Radio- oder Fernsehsender zu arbeiten? Haben sie Vorbilder, die wenn auch nicht für unterschiedliche Kanäle produzieren, so doch zumindest in dieser neuen Medienrealität denken?
Die Entscheidung der New York Times, einen ehemaligen Fernsehjournalisten und Direktor eines Rundfunkhauses zum neuen Chef zu machen, setzt dies um. Thompson soll die New York Times in einer Welt platzieren, in der die Unterscheidung zwischen den Ausspielkanälen obsolet geworden ist. Relevant ist die Absendermarke, nicht der Verbreitungsweg.

2. Medienhäuser sind Sender
Zeitung und alle anderen Medien werden somit in erster Linie zu Sendern, die Inhalte verbreiten – auf unterschiedlichen Wegen. Dieser erste gedankliche Schritt scheint offensichtlich, ist aber bedeutsam. Daraus folgt nämlich, dass eine der wichtigeren journalistischen Funktionen die des Verbreitungsmanagers sein wird. Mit diesem (von mir gerade erfundenen) Begriff wird eine Tätigkeit zu beschreiben sein, die mir bisher noch nicht flächendeckend als Job-Profil bekannt ist: eine Kollegin oder vermutlich eher ein ganzes Team, das auf der Schnittstelle aller Ressorts arbeitet und die Entscheidung über die richtige Verbreitung eines Inhalts trifft. Welche Meldung muss textlich und schnell im Web verbreitet werden? Welcher Inhalt taugt für einen Videohintergrund? Zu welchem Ereignis bietet sich eine Info-Grafik an? Wo ist ein ausgeruhtes Essay angebracht? Und was posten wir wie auf Facebook?
Antworten auf diese Fragen werden künftig aus einem Distributionsteam stammen, das sich (wie ein CvD eines Printmagazins), sehr gut mit Verbreitungswege und deren Spezifika auskennt.
Lehrbeispiele für eine solche Einheit könnte der öffentlich-rechtliche Rundfunk liefern. Insofern ist die Entscheidung für Thompson durchaus nachvollziehbar. Die BBC verfügt über Inhalte und musste Wege finden, deren Verbreitung zu organisieren (siehe iPlayer). Gibt es entsprechende Beispiele auch in Deutschland? Zeigt der öffentlich-rechtliche Rundfunk an herausgehobener Stelle, was es bedeuten kann, Sender in einem digitalen Umfeld zu sein?

3. Medienhäuser sind Empfänger
Die New York Times selber hat im vergangenen Jahr in einer Studie ihre neue Rolle mit dem Slogan “From Broadcaster to Sharecaster” überschrieben. Denn es geht in digitalen Räumen keineswegs einzig darum, trimediales Denken zu ermöglichen. Es geht darum, das digitale Ökosystem als einen Raum zu erkennen, in dem Sender gleichzeitig auch Empfänger sind (und auch umgekehrt). Wer glaubt, Trimedialität bereite Medienhäuser auf die Zukunft vor, bleibt nach dem ersten Schritt stehen. Nur über unterschiedliche Ausspielwege nachzudenken, unterschätzt die Möglichkeiten dessen, was Sulzberger als “social” in seiner Ankündigung beschreibt.
Und das ist ja das wirklich Erstaunliche an der Ankündigung, einer der weltweit wichtigsten Zeitungsmenschen erklärt: Die Zukunft der Zeitung liegt in Video, im Mobilen (das kann man sich irgendwie ja vorstellen) und im Sozialen. Was bitte soll das denn heißen?

4. Die Zukunft liegt im Sozialen
Das heißt, dass Publikation zu Kommunikation wird. Dass Medienhäuser (und vor allem auch deren Mitarbeiter) lernen müssen werden, nicht ausschließlich in Form von Megafon-Ansagen zu kommunizieren, sondern auch im Dialog. Dafür ist ein kultureller Wandel nötig, der tiefgreifender ist als die Ausrichtungsänderung einer Zeitung hin zu einem Anbieter, der auch Videos sendet. Dieser Wandel betrifft die Rolle des Journalisten, die Art, wie er seine Autorität herleitet und damit die Grundlage für die Entscheidung eines jeden Lesers/Zuschauers, ihm oder ihr Aufmerksamkeit oder sogar Geld zukommen zu lassen.

Wenn Sulzberger sagt “our future is on to social” heißt das nicht einzig, dass er Twitter oder Facebook wichtig findet. Es heißt vor allem: Journalismus im digitalen Raum muss kommunizieren lernen. Es heißt, wir müssen die Grundlagen unseres Berufs neu und anders denken. Und das ist vermutlich weitaus komplizierter als eine neue Technologie oder ein verändertes Redaktionssystem zu bedienen: ein neues Denken zu erlernen.

Die Entscheidung für Mark Thompson bei der New York Times zeigt, dass die Debatte über dieses andere Denken keine abstrakte Zukunftsversion ist, sondern konkret umgesetzt wird. Genau jetzt.

Erfolgreich auf Facebook: einfach, konkret, emotional

Die Wiener Webagentur vi knallgrau hat eine Facebook Content Studie angefertigt. Gemeinsam mit der FH Joanneum wurden über 2000 Facebook-Posts von 100 Fanseiten aus dem deutschsprachigen Raum untersucht. Florian Schleicher, der als digital consultant bei Knallgrau arbeitet, hat mir ein paar Fragen zu Studie beantwortet.


Ihr habt untersucht, welche Inhalte auf Facebook “funktionieren”. Was bedeutet in diesem Zusammenhang funktionieren?

Unter dem Begriff “Funktionieren” fassen wir Interaktionen rund um die Auftritte von Unternehmen zusammen. Genauer gesagt nehmen wir das prozentuelle Verhältnis der Likes, Shares und Kommentare der Posts zur aktuellen Fananzahl der Seite. Das nennen wir dann “Viralität”.

Warum ist die Viralität auf Facebook so wichtig?
Viralität ist deshalb so wichtig, weil sie ein wesentlicher Bestandteil des Facebook Edge Rank ist. Dieser wiederum entscheidet, wie präsent ein Beitrag eines Unternehmens für User angezeigt wird.

In diesem Sinn “funktionieren” Videos und externe Links weitaus weniger gut als zum Beispiel Bilder, die innerhalb Facebook gepostet werden. Woran kann das liegen?
Dafür kann es mehrere Gründe geben. Einer ist sicherlich, dass Videos und Links meist aus Facebook hinausführen. Dort kann es dann einerseits zu einer Enttäuschung der User kommen, wenn die Inhalte nicht so wie erwartet sind und sie deshalb nicht mehr interagieren oder aber die User folgen ihrer weiteren Reise auf der Facebook-externen Seite und “vergessen” dann die Interaktion.


Die Studie kommt zu sehr genauen Ergebnissen was den Tag eines Postings (am besten Sonntag), die Länge eines Beitrags (eher ein bis drei Zeilen) oder die beste Uhrzeit (Vormittags oder abends nach der Arbeit) für einen Eintrag auf Facebook angeht. Wisst Ihr auch was über die Inhalte?

Ja, das war für uns einer der wichtigsten Punkte. Wir wissen einerseits welche Inhalte besonders gut funktionieren – beispielsweise Versuche Customer Insights zu gewinnen, Unternehmensnews und Gewinnspiele und aber auch was nicht förderlich für die Viralität ist. Darunter fallen Branchennews, sogenannte Tipps und Recruitment Themen sowie Employerbranding. Ein Unternehmen, ganz gleich ob Retail Brand oder Consumer Brand, sollte sich also überlegen, welche Inhalte eingesetzt werden sollen und wie mit Themen umgegangen werden sollte, die nicht interaktionsfördernd sind.


Drei Ratschläge um Viralität zu erhöhen, schließen die Studie ab: Posts sollen einfach, konkret und emotional sein. Was heißt das konkret?

Die drei Eigenschaften einfach, konkret und emotional sollten bei jedem Posting bedacht werden, denn sie wurden in unserer Studie als eindeutig signifikant belegt. Beiträge sollten also für die User einfach zu verstehen sein, konkret sowie praktisch sein und mit Emotionen aufgeladen sein. Letzteres ist aus meiner Sicht sehr spannend, denn hier geht es darum, die eigenen User genau zu kennen und zu wissen mit welchen Emotionen sie am besten erreicht und zu einer Interaktion eingeladen werden können.

Wenn aber externe Links zum Beispiel gar nicht so gut funktionieren, könnten Kritiker durchaus die Frage stellen: Wofür braucht man dann Viralität auf Facebook überhaupt, wenn man sie nicht in Traffic umsetzen kann. Verstehst du die Kritik? Was würdest du ihr entgegnen?
Ja, die kann ich sehr gut verstehen. Das sollte jedoch nicht einseitig betrachtet werden. Links auf Facebook funktionieren als Traffic-Treiber, das sehen wir in diversen Trafficanalysen bei unseren Kunden und das ist auch schon durch Untersuchungen belegt. Die User lassen sich darüber gut auf eigene Inhalte hinführen. Der springende Punkt ist jedoch, dass User dann weniger oft mit dem ursprünglichen Beitrag interagieren. Ich rate allen genau zu definieren, was sie durch Facebook erreichen wollen und dafür den passenden Mix an Beitragsarten auszuwählen. Viralität ist entscheidend, dass Postings gesehen werden. Ist die Aufmerksamkeit geweckt, ist es natürlich für Unternehmen relevant, diese auch in eine weitere Aktion zu überführen. Das kann dann der Traffic auf eine eigene Seite sein.

Auf der Knallgrau-Facebookseite kann man z.B. Videos sehen, in denen Mitarbeiter ins Wochenende starten. Welches Ziel verfolgt ihr mit Eurer eigenen Seite?
Auf unserer Facebookseite zeigen wir uns wie wir sind. Für unsere Mitarbeiter, Bewerber, Interessierte und natürlich unsere Kunden. Und wenn wir die ganze Woche lang hervorragende und nachhaltige Konzepte entwickeln und umsetzen, macht uns das noch am Freitagnachmittag Spaß. Das können alle in unseren Wochenend-Videos sehen.

Sind das auch Ziele, die andere Marken oder Medien auf Facebook anstreben sollten?
Das hängt ganz von den Unternehmens und Marketingzielen eines jeden Unternehmens ab.