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Conditio digitala: die Messe der sozialen Bücher

In Frankfurt endet heute die #fbm13. Das Fazit des Bücher-Boulevards fällt danach (wie auch schon davor) eher feierlastig aus. Für mich wird diese Buchmesse aber vor allem als Messe der sozialen Bücher und weniger der feiernden Menschen in Erinnerung bleiben (obwohl metrolits book bistro super war). Sascha Lobo hat als aufmerksamkeitsstarke Leitfrisurfigur eine Entwicklung gebündelt, die auch abseits von sobooks (das mit dem heutigen Ende der Buchmesse in einer privat-beta startet) die Buchbranche in nahster bis naher Zukunft prägen wird: Bücher kommen im Netz an, sie werden sozial – und künftig unter digitalen Bedingungen gelesen und ganz sicher auch geschrieben.

Als ich vor ziemlich genau einem Jahr mit dem Crowdfunding zu Eine neue Version ist verfügbar begann, hätte ich nicht gedacht, dass die Entwicklung so schnell gehen würde. Die Debatten auf der Messe und vor allem medial drumherum zeigen aber: die Digitalisierung von Büchern ist weit mehr als ein neuer Verbreitungsweg über elektrisierte Lesegeräte. Es geht um einen anderen Aggregatzustand, wenn man so will um eine conditio digitala. (Da wir über die Hochmesse des geistigen Lebens dieses Landes reden, ist diese bildungsbürgerliche Wortwelt hier erlaubt) Für mich ist diese Grundbedingung des Digitalen der Dialog, daraus leite ich in Enviv die Suche nach dem unkopierbaren Erlebnis und die These ab: Kultur wird zu Software. Genau diesen Gedanken führt Volker Oppmann mit seinem Log.OS-Verein fort und versucht sich am Betriebssystem Buch:

LOG.OS steht sinnbildlich für ein zentrales Betriebssystem (OS = operating system) des »geschriebenen Wortes« (griech. »lógos«), das wir in Form einer gemeinnützigen, integrierten Online-Plattform entwickeln werden.

Für die Sobooks-Macher ist die Grundbedingung des Digitalen das Soziale, es verleiht ihren Büchern das SO im Namen: Social als Oberbegriff für die dialogischen Möglichkeiten (Notwendigkeiten?) des Digitalen

Domenique Pleimling, mit dem ich in Frankfurt auf einer Veranstaltung war, fasste das Social Reading vor einem Jahr so zusammen:

Im Zeitalter der Digitalisierung wird Lesen wieder sozialer und nähert sich damit der Situation vor der Leserevolution nur insofern an, als dass Texte wieder zunehmend gemeinschaftlich rezipiert werden – damals durch das Vorlesen in Gruppen, heute durch „Bücher mit Internetanschluss“. Social reading greift also in die Vergangenheit zurück und verbindet sie mit dem noch recht jungen Phänomen des stillen Lesens. Statt eines Kulturpessimismus – der in ähnlicher Form übrigens auch jene oben erwähnte Leserevolution begleitete und vor den negativen Auswirkungen massenhafter Lektüre warnte – wäre ein offener Umgang mit den neuen Möglichkeiten, aber auch den Herausforderungen für die Kulturtechnik des Lesens gewinnbringender und im Sinne einer wachsenden Kompetenz im Umgang mit digitalen Medien förderlicher.

Ich leitet aus diesen neuen Möglichkeiten vor allem die Option ab, Social Reading auch als Social Writing zu interpretieren. Aber dieser zweite Schritt wird dann vor allem Thema auf der #fbm14, wenn die Dimension gemeinschaftlichen Lesens verbreiteter sein wird. Lesen, das ist die Annahme, die eine Plattform wie Sobooks umsetzen wird, ist nicht mehr nur ein einsamer Prozess, sondern ein Gemeinschaftserlebnis. Lesen bekommt eine greifbare soziale Ebene, eine Form der Teilhabe. Es kann wie ein Festival- oder Kino-Besuch eine kollektive Erfahrung werden.

socialreading

Bei Sobooks wird dies über eine Heatmap abgebildet. Diese zeigt in jedem Buch an, an welchen Stellen gerade besonders intensiv diskutiert oder markiert wird. Das Buch wird dadurch aus dem singulären Nutzungserlebnis heraus fortentwickelt zu einem halböffentlichen Raum – in dem die Leser sich als Gäste zu Wort melden, in dem aber auch der Autor selber als Gastgeber mitreden kann. So entstehen, das ist für mich das Zauberwort, (individualisierbare) Versionen von Büchern. Einerseits in der Rezeption und in der Debatte, aber – und diese Variante heißt dort dann CoBooks – auch im Umschreiben und Versionieren: Bücher werden von anderen Autoren in neue Kontexte gestellt, gesampelt, remixt oder um in der Textwelt zu bleiben: anotiert.

Langfristig liegt in dieser Ausprägung des Sozialen der wirkliche Sprengstoff in den neuen Ansätzen, die auf der Buchmesse vorgestellt wurden. Nach meiner aktuellen Einschätzung geht dabei Sobooks am weitesten und am richtigsten vor – aber auch Ansätze wie Log.OS, widbook oder hypthes.is – belegen die Entwicklung, deren Hintergründe und Grundlagen ich in „Eine neue Version ist verfügbar“ beschrieben habe: das singuläre Werkstück verschwindet nicht, es wird um Metadaten angereichert, die womöglich Mehrwert in sich tragen. Ich glaube, dass die #fbm13 gezeigt hat, welchen Weg die Branche in Richtung „social“ nehmen wird – und in Andeutungen lässt sich sehen, dass dahinter noch mehr Möglichkeiten liegen, in den Grundbedinungen des Digitalen: Neue Versionen werden verfügbar!

Mehr über Sobooks im Buchreport, im FAZ-, NZZ- und Zeit-Interview sowie bei t3n. Mehr zu Enviv auf enviv.de.

Schokolode für Nachrichten

Vergangene Woche habe ich über Buzzfeed und Jonah Perettis Ansatz geschrieben, Nachrichten im Netz konsequent sozial zu denken. Gerade höre ich im Deutschlandradio diese Einschätzung zur Frage, wie sollten Nachrichten aufbereitet werden. Sie lautet:

„Der Lebertran der Information sollte mit Schokolade überzogen werden, dann schluckt es sich leichter.“

Sie stammt nicht aus der Social-Media-Welt, sie stammt von Robert Lembke, der heute vor 100 Jahren geboren wurde. Lembke steht nicht im Verdacht, sich für eine Verflachung einzusetzen, seine Einschätzung lässt sich allerdings sehr genau auf den Ansatz von Buzzfeed lesen.

Online-Kommunikation

Publikation – das habe ich hier im Blog schon häufiger geschrieben – wird im Netz zu Kommunikation. Das verändert den Beruf des Journalisten, das fordert die Rolle von Verlagen und Redaktionen heraus: Wie geht man mit dieser Veränderung um? (dazu hier eine Geschichte aus der letzten Ausgabe des Magazins journalist)

In Berlin wird in dieser Woche der Online-Kommunikationspreis verliehen. Die Süddeutsche Zeitung (für die ich im Bereich Social Media arbeite) ist dafür in zwei Kategorien für ihre digitalen Dialog-Aktivitäten nominiert. Das SZ-Magazin wurde (für seine Facebook-Seite) in der Kategorie „Social Media-Team des Jahres in Unternehmen“ ausgewählt und Süddeutsche.de in der Kategorie „Online-Krisenkommunikation“ (für ihre Kommunikation auf Twitter&Facebook während der Ddos-Attacke auf die Website). Verliehen wird der Preis auf Basis einer Präsentation vor einer Jury in Berlin. In dieser Präsentation werden Wolfgang Luef und Marc Baumann, die die Facebook-Seite des SZ-Magazins betreuen, einen Einblick in ihre Arbeit gegeben. Diese Form der Social-Media-Arbeit ist so spannend und lehrreich, dass ich Teile davon hier dokumentieren will.

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Die Beiträge auf der SZ-Magazin Facebookseite zeichnen sich durch ihren besonderen, dem Heft eigenen Humor aus. Nach dem Hinspielsieg des FC Bayern gegen Barcelona und den zuvor bekannt gewordenene Steuerproblemen von Bayern-Präsident Hoeneß schrieben die Kollegen auf Facebook: „Da haben sich die fünf Millionen Euro Eintritt für Uli Hoeneß gelohnt.“ Dieser kurze Eintrag wurde sofort in großem Maß geliked und geteilt. Er verbreitet sich viral.

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Genau wie das Posting vom 13. März als weißer Rauch über dem Vatikan zu sehen war. Damals posteten Baumann und Luef ein Bild vom Schornstein mit den Worten „Es ist ein Junge“.

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Wie entstehen solche Posting, die das soziale Gesprächsprinzip auf Facebook (einfach, konkret, emotional) treffen? Wolfgang Luef zeigt es – auf dem Handy. Die Screenshots dokumentieren wie die beiden im Dialog herausfinden, welcher Beitrag zu welchem Zeitpunkt am besten zu sein scheint. Sie zeigen aber auch: Mit dem Posting ist die Arbeit nicht erledigt, sie beginnt im Gegenteil erst dann. Die Postings ziehen nicht nur Shares und Likes (die Währung auf Facebook) nach sich, sondern auch zahlreiche nicht nur angnehme Kommentare.

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Die SMS-Kommunikation zwischen den beiden zeigt aber vor allem: es geht um Wortwitz, ein Gespür für Situationen und das richtige Timing. Das kann man üben, aber nicht im klassischen Sinne vorbereiten. Es setzt ein Gefühl dafür vorraus, welche Erwartungen und Interessen sich vor der Facebook-Bühne versammeln – und natürlich den Mut, damit zu spielen, sie herauszufordern und zu überraschen. Das gilt fürs SZ-Magazin, aber auch für anderen Dialog-Aktivitäten im Netz (und nicht nur auf Facebook). Und zeigt, was der Wandeln von der Publikation hin zur Kommunikation bedeutet: Zu verstehen, dass unser Beruf nicht mit dem Senden aufhört.

Die Frage des Tages bei BILD

Was ist denn da passiert? Ein Foto von Til Schweiger auf der Seite eins der Bildzeitung, dazu eine Schlagzeile, die suggeriert, man könne mit dem Boulevardblatt aus dem Hause Springer sprechen, ihm zumindest antworten: „Hat Ihnen der tatort gefallen?“ fragt das Blatt neben dem grimmig guckenden Schweiger, der eine Pistole in blutverschmierter Hand auf den Leser richtet.

Seit einer gefühlten Ewigkeit gibt es bei jetzt.de den so genannten Tagesticker. Ein Dialogformat, bei dem nicht der Autor eine Meinung verbreitet, sondern die Leser nach ihrer Einschätzung befragt. Unter anderem wegen solcher Formate gilt die Einschätzung: Digital ist Dialog, Analog ist Dokument.

Jetzt wählt die analoge Papier-Bild den Weg, eine offen Diskussionsfrage zur Cover-Zeile zu erheben; wohl gemerkt, an einem Tag, an dem Ex-Kanzler Schröder Bild-Exklusives sagt und eine – ebenfalls auf der Seite eins – Schneewalze über Deutschland rollt. Dafür gibt es zwei mögliche Erklärungen: Man will sich bei der Bild nicht festlegen oder das Bedürfnis nach Dialog (=Digitalem) ist so groß, dass es tatsächlich funktioniert, in der Form Fragen auf den Titel zu packen.

Scheitern als Grundprinzip der neuen Bezahlkultur

Wird 2013 das Jahr des Crowdfunding? Es ist noch nicht mal März, doch der Eindruck, dass wir das Aufkeimen einer neuen Bezahlkultur erleben, verfestigt sich – nicht nur, weil es ein mittlerweile sehr beliebtes Medienthema ist.

Gründe dafür lassen sich zahlreich finden und ich will die Begeisterung gar nicht bremsen. Mir scheint es jedoch wichtig, auf ein dieser neuen Finanzierungsmethode anhaftendes Prinzip hinzuweisen: das Scheitern.
Erklären kann man dies am Beispiel von Armanda Palmer, die dieser Tage über ihren Kickstarter-Erfolg einen Ted-Talk gehalten hat. Daran ist nicht nur die digitale Verwertungskette interessant (machen, erreichen, drüber sprechen), nach allem, was man darüber hört (er ist noch nicht steht jetzt online), hat sie darin aber auch ein paar grundlegende Prinzipien dessen beschrieben, was die neue Bezahlkultur definiert.
Vielleicht müssen wir nämlich eine etwas andere Frage stellen, wenn wir uns mit dem Thema Paid Content im Netz befasst. Vielleicht lautet die Frage nicht mehr nur “How do we make people pay for music?” sondern viel mehr “How do we let people pay for music?” Holprig übersetzt: Wir müssen bezahlen lassen statt zum Bezahlen zwingen.

Der Unterschied scheint auf den ersten Blick unwesentlich, wenn man aber genauer hinschaut, zeigt sich hier, was die Idee von Crowdfunding ist: Ein Projektstarter erbittet Unterstützung, gemeinsam mit dem Publikum entsteht ein Experiment, dessen wichtigste Eigenschaft im Kontrollverlust steckt: Es kann scheitern und jeder kann es sehen! Darin liegt einer wenn nicht sogar der Hauptwert der neuen Finanzierungsmethode: Sie kann öffentlich misslingen. So merkwürdig das zunächst klingen mag, ich denke, dass dieses Riskio den Reiz ausmacht, sich an einem Projekt zu beteiligen.

Deshalb übrigens sehe ich das Scheitern eines Einzelprojekts auch nicht als Gegenargument gegen die Grundidee dieser Art der Finanzierung. Im Gegenteil – und das bekannteste Scheitern eines Crowdfunding-Projekts kann man genau so lesen: Im Fall von Björk, deren Biophilia-App-Kampagne auf Kickstarter missglückte, liegt nämlich vielleicht genau hier ein Ansatzpunkt. Einige Kickstarter-Nutzer hielten ihr vor, sie sei ja eh reich und müsse deshalb nicht auf Crowdfunding zurückgreifen. Dabei geht es aber gar nicht um die Frage, ob jemand reich ist, es geht um die Frage, ob der Reiz des Scheiterns greifbar gemacht werden kann. Eine gemeinsame Finanzierung mit dem Publikum (der schönere Terminus für Crowdfunding) gelingt nur dann, wenn die Notwendigkeit entsteht, mit der eigenen Unterstützung zum Projekterfolg beitragen zu können. Neben vielen anderen Gründen, liegt hier eine der Ursachen für das Scheitern des Biophilia-Projekts. Mike Masnik ergänzt auf Techdirt einen weiteren:

Bjork really hasn’t embraced connecting and communicating with her fans. That’s her choice, of course. No one says she needs to. But, it’s much harder to raise a ton of crowdfunded money that way.

Was er meint: Wer Menschen um Unterstützung bittet, sollte diese Menschen kennen. Wenn man nun in der gerade veröffentlichten Studie Erfolgsfaktoren im Crowdfunding das hier liest…

Es bedarf vielmehr einer eingehenden Planung und attraktiven Darstellung des Projektes, um potenzielle Unterstützer zu gewinnen. Neben der professionellen Projektdarstellung in Form der Gestaltung einer Projektseite und der Vorstellung des Projekts durch ein Video waren weitere wesentliche Punkte für eine Projektförderung die Projektbeschreibung, das Zielbudget und Informationen zum Projektfortschritt. Darüber hinaus hat sich gezeigt, dass kurze Projektlaufzeiten, die Anzahl der bisherigen Unterstützer sowie die Höhe des bisher erreichten Budgets für die Entscheidung zur Förderung eines Projektes wesentlich sind. Dies ist darauf zurückzuführen, dass ein Finanzierungserfolg absehbar ist und der Unterstützer damit das Gefühl bekommt, dass sein gefördertes Projekt auch tatsächlich umgesetzt wird.

… dann muss darin der Aspekt des Community-Managements besonders betont werden. Gemeinsame Projektfinanzierung heißt nämlich nicht nur gemeinsames Scheitern, es heißt auch – die Idee der stretch goals zeigt dies – gemeinsamer Fortschritt. Wenn wir mehr werden, haben wir alle was davon. Dies ist die zweite Seite der gemeinsamen Finanzierung: Wir scheitern alle und wir gewinnen alle.

Beides geschieht bei klassischen Finanzierungsformen nicht.

Mehr zum Thema Crowdfunding in den Digitalen Notizen:
>>> mein Crowdfunding-Fazit zu Neue Version in sechs Punkten
>>> der Text Reden wir über Geld: Über Wertschätzung und Wertschöpfung
>>> das Interview mit Krautreporter-Gründer Sebastian Esser
>>> die Hinweise im loading-Newsletter

Sascha Lobo schreibt in der FAZ an Christopher Lauer

Oh, da dachte man die Debatte um Christopher Lauers Abschied von Twitter sei beendet, da biegt die FAZ um die Ecke und fährt Sascha Lobo auf, der einen Brief an Christopher Lauer schreiben darf (nicht online). Darin enthalten: eine treffene Beschreibung von dessen Möglichkeiten und ein paar Anmerkungen über die Macht der Dialog-Medien. Das Fazit:

Die konkreten Argumente aber, die Christopher Lauer zur Begründung seines Abschieds vorgebracht hat, müssen jedem seltsam bekannt vorkommen, der die Internetdebatten der vergangenen Jahre verfolgt hat. Die angebliche Irrelevanz Twitters, die scheinbar vertane Zeit, die Irritation darüber, dass dort jeder ohne redaktionelle oder andere Filter publizieren kann – Lauer verwendet bis in die einzelnen Formulierungen hinein exakt die klassischen Standardargumente der Internetskeptiker. Und diese Erkenntnis birgt Sprengkraft. Denn das bedeutet, dass die emotionale Ablehnung sozialer Medien keine Frage mangelnden Wissens sein muss, sondern eine Frage des Gefühls, mit dem man der digitalen Welt und den Menschen darin gegenübertritt.

Das ist jetzt in der Tat nicht so neu, dass es aber ausgerechnet in der FAZ steht, ist dann doch wieder eine schöne Wendung dieser Diskussion.

Autoren-Inszenierung und Feuilleton-Kommentierung

„Auf Drängen des Dichters wurde eine Mülltonne aufgestellt“ – mit Erkenntnissen wie diesen geht der Leser aus einem Text von Hubert Spiegel über Botho Strauss, den die FAZ am Wochenende veröffentlichte. Auf faz.net wird der Text mit einem von Spiegel fotografierten Bild illustriert, das mit der Unterschrift versehen ist: „Botho Strauß mit seinem Wanderstock, den er sich vor dreißig Jahren in Portugal machen ließ.“

Wenn man den dazugehörigen Text liest, erfährt man viel über Autoreninszenierung und Personenkult im Literaturbetrieb. Moritz Eggert hat den Text gelesen – und sich produktiv geärgert. Er schreibt über seinen Ärger und hat diesen in einem Film festgehalten – dabei sehen wir ihn, wie er den Text liest und so eine eigene Version des Artikels schafft. Eine kommentierte:

Der Spiegel, Blogs und eine Rollbahn in Island

Ich hatte vergangenen Woche hier über einen Text aus dem Spiegel geschrieben, dessen Haltung zu Blogs und zur Digitalisierung mir fragwürdig erschien. Gerade lese ich, dass der Text offenbar ganz andere Probleme hat.
Alexander Svensson hat sich auf die Suche nach dem Ursprung einer Geschichte gemacht, die Ralf Hoppe in dem zitierte Text erzählt. Es geht dabei um das Aufkommen von Gerüchten in Blogs, um unfundierte Berichterstattung und unkalkulierbare Folgen. Konkret schreibt Hoppe über die Blog-Berichterstattung von Volksreportern, die zu folgendem Szenario geführt habe:

Aber die Isländer machten sich in der Nacht auf, blockierten ebenso tapfer wie sinnlos anderthalb Tage die Startbahn, bis alle steifgefroren waren. Der Erfinder dieses Gerüchts, der Blogger, wer immer es war, hat eine Menge kalter Füße und Blasenentzündungen zu verantworten

Ich hatte mich in meinem letzten Eintrag nicht weiter um diese Geschichte gekümmert, angenommen, sie habe sich so zugetragen. Alexander Svensson tut das nicht, er fragt nach:

Fragen wir Isländer. Und mit »wir« ist auch Bastian Brinkmann gemeint, Wirtschaftsredakteur bei Süddeutsche.de. Da ihn ebenfalls das Rollbahngoldfieber gepackt hat, fragt er Baldur Hedinsson, einen Mathematiker, der bei der renommierten NPR-Sendung »Planet Money« ein Praktikum gemacht hat. Hedinsson, der Island-Erklärer für NPR, sagt, dass er von der Geschichte noch nie etwas gehört hat: »I’d be amazed if it ever happened.« Er hat auch noch mal herumgefragt, ebenso erfolglos.

Guðjón Már Guðjónsson hat 2010 das Isländische Nationalforum nach der großen Krise mitorganisiert. Die Flughafenbesetzung? »I have never heard this story before«. Er fragt bei seinen Facebook-Freunden nach und erntet dafür 28 Likes und neun Smileys. (Einer schlägt vor, mir gephotoshoppte Bilder von eingefrorenen Demonstranten zu schicken. Das stößt auf Zuspruch.)

Wir können auch Isavia fragen, das ist die Gesellschaft, die Islands Flughäfen betreibt. Dort ziert man sich nicht, auf die merkwürdige Anfrage zu reagieren: Das sei eine großartige Geschichte, schreibt mir der Isavia-Sprecher sofort zurück, bedauerlicherweise ohne ein Fünkchen Wahrheit, aber dennoch großartig.

Was ist da los? Kann das sein, dass ausgerechnet die Beleg-Episode für die mangelnde Qualität von Blogs nicht zu belegen ist? Hat Alexander Svensson falsch gefragt? Handelt es sich um eine andere Rollbahn als um die, die von Isavia betreut werden?
In seinem Beipackzettel zum Spiegelblog schrieb Stefan Niggemeier im vergangenen September:

Der »Spiegel« leistet sich zum Beispiel eine Redaktion von über 80 Dokumentaren, die alle Texte prüfen. Dieser Aufwand bleibt dem oberflächlichen Betrachter verborgen. Teil der öffentlichen Diskussion zu werden, bedeutet daher nicht nur, sich (berechtigter oder unberechtigter) Kritik zu stellen, sondern auch, die eigenen Stärken erkennbar zu machen. Der »Spiegel« kann von einer Debatte, in der dieser Aufwand sichtbar wird, nur profitieren. Selbst dann, wenn das nicht immer dazu führt, jeden Leser zufrieden zu stellen.