Alle Artikel mit dem Schlagwort “aktiver rezipient

Scheitern als Grundprinzip der neuen Bezahlkultur

Wird 2013 das Jahr des Crowdfunding? Es ist noch nicht mal März, doch der Eindruck, dass wir das Aufkeimen einer neuen Bezahlkultur erleben, verfestigt sich – nicht nur, weil es ein mittlerweile sehr beliebtes Medienthema ist.

Gründe dafür lassen sich zahlreich finden und ich will die Begeisterung gar nicht bremsen. Mir scheint es jedoch wichtig, auf ein dieser neuen Finanzierungsmethode anhaftendes Prinzip hinzuweisen: das Scheitern.
Erklären kann man dies am Beispiel von Armanda Palmer, die dieser Tage über ihren Kickstarter-Erfolg einen Ted-Talk gehalten hat. Daran ist nicht nur die digitale Verwertungskette interessant (machen, erreichen, drüber sprechen), nach allem, was man darüber hört (er ist noch nicht steht jetzt online), hat sie darin aber auch ein paar grundlegende Prinzipien dessen beschrieben, was die neue Bezahlkultur definiert.
Vielleicht müssen wir nämlich eine etwas andere Frage stellen, wenn wir uns mit dem Thema Paid Content im Netz befasst. Vielleicht lautet die Frage nicht mehr nur “How do we make people pay for music?” sondern viel mehr “How do we let people pay for music?” Holprig übersetzt: Wir müssen bezahlen lassen statt zum Bezahlen zwingen.

Der Unterschied scheint auf den ersten Blick unwesentlich, wenn man aber genauer hinschaut, zeigt sich hier, was die Idee von Crowdfunding ist: Ein Projektstarter erbittet Unterstützung, gemeinsam mit dem Publikum entsteht ein Experiment, dessen wichtigste Eigenschaft im Kontrollverlust steckt: Es kann scheitern und jeder kann es sehen! Darin liegt einer wenn nicht sogar der Hauptwert der neuen Finanzierungsmethode: Sie kann öffentlich misslingen. So merkwürdig das zunächst klingen mag, ich denke, dass dieses Riskio den Reiz ausmacht, sich an einem Projekt zu beteiligen.

Deshalb übrigens sehe ich das Scheitern eines Einzelprojekts auch nicht als Gegenargument gegen die Grundidee dieser Art der Finanzierung. Im Gegenteil – und das bekannteste Scheitern eines Crowdfunding-Projekts kann man genau so lesen: Im Fall von Björk, deren Biophilia-App-Kampagne auf Kickstarter missglückte, liegt nämlich vielleicht genau hier ein Ansatzpunkt. Einige Kickstarter-Nutzer hielten ihr vor, sie sei ja eh reich und müsse deshalb nicht auf Crowdfunding zurückgreifen. Dabei geht es aber gar nicht um die Frage, ob jemand reich ist, es geht um die Frage, ob der Reiz des Scheiterns greifbar gemacht werden kann. Eine gemeinsame Finanzierung mit dem Publikum (der schönere Terminus für Crowdfunding) gelingt nur dann, wenn die Notwendigkeit entsteht, mit der eigenen Unterstützung zum Projekterfolg beitragen zu können. Neben vielen anderen Gründen, liegt hier eine der Ursachen für das Scheitern des Biophilia-Projekts. Mike Masnik ergänzt auf Techdirt einen weiteren:

Bjork really hasn’t embraced connecting and communicating with her fans. That’s her choice, of course. No one says she needs to. But, it’s much harder to raise a ton of crowdfunded money that way.

Was er meint: Wer Menschen um Unterstützung bittet, sollte diese Menschen kennen. Wenn man nun in der gerade veröffentlichten Studie Erfolgsfaktoren im Crowdfunding das hier liest…

Es bedarf vielmehr einer eingehenden Planung und attraktiven Darstellung des Projektes, um potenzielle Unterstützer zu gewinnen. Neben der professionellen Projektdarstellung in Form der Gestaltung einer Projektseite und der Vorstellung des Projekts durch ein Video waren weitere wesentliche Punkte für eine Projektförderung die Projektbeschreibung, das Zielbudget und Informationen zum Projektfortschritt. Darüber hinaus hat sich gezeigt, dass kurze Projektlaufzeiten, die Anzahl der bisherigen Unterstützer sowie die Höhe des bisher erreichten Budgets für die Entscheidung zur Förderung eines Projektes wesentlich sind. Dies ist darauf zurückzuführen, dass ein Finanzierungserfolg absehbar ist und der Unterstützer damit das Gefühl bekommt, dass sein gefördertes Projekt auch tatsächlich umgesetzt wird.

… dann muss darin der Aspekt des Community-Managements besonders betont werden. Gemeinsame Projektfinanzierung heißt nämlich nicht nur gemeinsames Scheitern, es heißt auch – die Idee der stretch goals zeigt dies – gemeinsamer Fortschritt. Wenn wir mehr werden, haben wir alle was davon. Dies ist die zweite Seite der gemeinsamen Finanzierung: Wir scheitern alle und wir gewinnen alle.

Beides geschieht bei klassischen Finanzierungsformen nicht.

Mehr zum Thema Crowdfunding in den Digitalen Notizen:
>>> mein Crowdfunding-Fazit zu Neue Version in sechs Punkten
>>> der Text Reden wir über Geld: Über Wertschätzung und Wertschöpfung
>>> das Interview mit Krautreporter-Gründer Sebastian Esser
>>> die Hinweise im loading-Newsletter

Sascha Lobo schreibt in der FAZ an Christopher Lauer

Oh, da dachte man die Debatte um Christopher Lauers Abschied von Twitter sei beendet, da biegt die FAZ um die Ecke und fährt Sascha Lobo auf, der einen Brief an Christopher Lauer schreiben darf (nicht online). Darin enthalten: eine treffene Beschreibung von dessen Möglichkeiten und ein paar Anmerkungen über die Macht der Dialog-Medien. Das Fazit:

Die konkreten Argumente aber, die Christopher Lauer zur Begründung seines Abschieds vorgebracht hat, müssen jedem seltsam bekannt vorkommen, der die Internetdebatten der vergangenen Jahre verfolgt hat. Die angebliche Irrelevanz Twitters, die scheinbar vertane Zeit, die Irritation darüber, dass dort jeder ohne redaktionelle oder andere Filter publizieren kann – Lauer verwendet bis in die einzelnen Formulierungen hinein exakt die klassischen Standardargumente der Internetskeptiker. Und diese Erkenntnis birgt Sprengkraft. Denn das bedeutet, dass die emotionale Ablehnung sozialer Medien keine Frage mangelnden Wissens sein muss, sondern eine Frage des Gefühls, mit dem man der digitalen Welt und den Menschen darin gegenübertritt.

Das ist jetzt in der Tat nicht so neu, dass es aber ausgerechnet in der FAZ steht, ist dann doch wieder eine schöne Wendung dieser Diskussion.

Autoren-Inszenierung und Feuilleton-Kommentierung

“Auf Drängen des Dichters wurde eine Mülltonne aufgestellt” – mit Erkenntnissen wie diesen geht der Leser aus einem Text von Hubert Spiegel über Botho Strauss, den die FAZ am Wochenende veröffentlichte. Auf faz.net wird der Text mit einem von Spiegel fotografierten Bild illustriert, das mit der Unterschrift versehen ist: “Botho Strauß mit seinem Wanderstock, den er sich vor dreißig Jahren in Portugal machen ließ.”

Wenn man den dazugehörigen Text liest, erfährt man viel über Autoreninszenierung und Personenkult im Literaturbetrieb. Moritz Eggert hat den Text gelesen – und sich produktiv geärgert. Er schreibt über seinen Ärger und hat diesen in einem Film festgehalten – dabei sehen wir ihn, wie er den Text liest und so eine eigene Version des Artikels schafft. Eine kommentierte:

Der Spiegel, Blogs und eine Rollbahn in Island

Ich hatte vergangenen Woche hier über einen Text aus dem Spiegel geschrieben, dessen Haltung zu Blogs und zur Digitalisierung mir fragwürdig erschien. Gerade lese ich, dass der Text offenbar ganz andere Probleme hat.
Alexander Svensson hat sich auf die Suche nach dem Ursprung einer Geschichte gemacht, die Ralf Hoppe in dem zitierte Text erzählt. Es geht dabei um das Aufkommen von Gerüchten in Blogs, um unfundierte Berichterstattung und unkalkulierbare Folgen. Konkret schreibt Hoppe über die Blog-Berichterstattung von Volksreportern, die zu folgendem Szenario geführt habe:

Aber die Isländer machten sich in der Nacht auf, blockierten ebenso tapfer wie sinnlos anderthalb Tage die Startbahn, bis alle steifgefroren waren. Der Erfinder dieses Gerüchts, der Blogger, wer immer es war, hat eine Menge kalter Füße und Blasenentzündungen zu verantworten

Ich hatte mich in meinem letzten Eintrag nicht weiter um diese Geschichte gekümmert, angenommen, sie habe sich so zugetragen. Alexander Svensson tut das nicht, er fragt nach:

Fragen wir Isländer. Und mit »wir« ist auch Bastian Brinkmann gemeint, Wirtschaftsredakteur bei Süddeutsche.de. Da ihn ebenfalls das Rollbahngoldfieber gepackt hat, fragt er Baldur Hedinsson, einen Mathematiker, der bei der renommierten NPR-Sendung »Planet Money« ein Praktikum gemacht hat. Hedinsson, der Island-Erklärer für NPR, sagt, dass er von der Geschichte noch nie etwas gehört hat: »I’d be amazed if it ever happened.« Er hat auch noch mal herumgefragt, ebenso erfolglos.

Guðjón Már Guðjónsson hat 2010 das Isländische Nationalforum nach der großen Krise mitorganisiert. Die Flughafenbesetzung? »I have never heard this story before«. Er fragt bei seinen Facebook-Freunden nach und erntet dafür 28 Likes und neun Smileys. (Einer schlägt vor, mir gephotoshoppte Bilder von eingefrorenen Demonstranten zu schicken. Das stößt auf Zuspruch.)

Wir können auch Isavia fragen, das ist die Gesellschaft, die Islands Flughäfen betreibt. Dort ziert man sich nicht, auf die merkwürdige Anfrage zu reagieren: Das sei eine großartige Geschichte, schreibt mir der Isavia-Sprecher sofort zurück, bedauerlicherweise ohne ein Fünkchen Wahrheit, aber dennoch großartig.

Was ist da los? Kann das sein, dass ausgerechnet die Beleg-Episode für die mangelnde Qualität von Blogs nicht zu belegen ist? Hat Alexander Svensson falsch gefragt? Handelt es sich um eine andere Rollbahn als um die, die von Isavia betreut werden?
In seinem Beipackzettel zum Spiegelblog schrieb Stefan Niggemeier im vergangenen September:

Der »Spiegel« leistet sich zum Beispiel eine Redaktion von über 80 Dokumentaren, die alle Texte prüfen. Dieser Aufwand bleibt dem oberflächlichen Betrachter verborgen. Teil der öffentlichen Diskussion zu werden, bedeutet daher nicht nur, sich (berechtigter oder unberechtigter) Kritik zu stellen, sondern auch, die eigenen Stärken erkennbar zu machen. Der »Spiegel« kann von einer Debatte, in der dieser Aufwand sichtbar wird, nur profitieren. Selbst dann, wenn das nicht immer dazu führt, jeden Leser zufrieden zu stellen.

Die journalistische Familie

In den vergangenen Tagen ist viel über Journalisten und ihre Rolle gesprochen worden. Diese Woche nun erschien im Spiegel ein Text, den man früher (als das ahnungslose Abwerten von Blogs noch üblicher war) vielleicht als Blog bezeichnet hätte. Im Spiegel läuft er unter der Kategorie “Homestory” und der Spiegel-Autor Ralf Hoppe erzählt darin von daheim. Er steigert sozusagen den Ansatz von Laura Himmelreich: hier ist nicht mehr der Journalist allein wichtigster Beleg seiner Thesen, hier dient die Familie als Bezugsrahmen, konkret der Sohn von Ralf Hoppe. Dieser ist offenbar der einzige oder zumindest der mit dem geringsten Aufwand zu recherchierende Vertreter einer fremden Generation, über die Hoppe schreiben möchte. Im Untertitel des “Volksreporter” überschriebenen Textes wird diese Generation unter Verwendung eines merkwürdigen “uns” und mit grammatikalisch falscher Tempus-Setzung so beschrieben: “Wie sich das Leben verändern wird, wenn unsere Kinder keine Zeitung mehr lesen.”

Was dann folgt ist ein Text, der sehr gegenwärtig beschreibt, dass der Sohn des Autors bereits heute keine Zeitung (auf Papier) liest.

Dabei verfällt der Text dem klassischen Fehler, Zeitung nicht über den Wert des darin produzierten Journalismus, sondern einzig mit dem Verbreitungsweg Papier zu definieren (ich hatte dazu hier bereits ausführlich geschrieben). Wenn dieses Papier verschwindet, so die These des Blog-Textes im Spiegel, wird es nur noch Blogs geben. Darin zeigt sich eine verquere Logik, denn diese Blogs, so der Blog-Text, seien per se schlechter. Was man ja an Island sehen kann. Wer jetzt erwartet, dass Ralf Hoppes Sohn wenigstens einen Bezug zu Island habe … aber egal. (Alexander Svensson hat sich die Mühe gemacht, den Text in dieser Sache detaillierter zu analysieren)

Ich will viel lieber über einen anderen Aspekt in dem online nicht verfügbaren Text sprechen: über die Rolle des Journalisten. Darum scheint es dem Autor nämlich auch zu gehen. Er benennt die Demokratisierung des Berufs sehr konkret mit einem plötzlichen Perspektiv-Wechsel auf ein vorher nicht erwähntes Wir, das den folgenden Satz einleitet:

Wir sind alle unsere eigenen Volksreporter : Das ist das Konzept, das hinter dieser Nachrichtenverbreitung steckt. Der Beruf, den ich mal vor langer Zeit ergriffen habe, nicht zuletzt, weil ich ihn für interessant (aber auch für krisensicher) hielt, sah einen Journalisten vor, der eine Ausbildung besitzt, eine Aufgabe hat, eine Mission, wie immer die auch aussieht. Dieser Journalist kommt in der neuen Art der Informationsübermittlung nicht vor.

Das muss er so schreiben, weil er vorher behauptet hatte, die Informationen im digitalen Nachrichtenstrom, an dem sein Sohn teilhat, seien sozusagen ohne Quelle, ohne medialen Bezug:

Nachrichten im sozialen Netz haben keinen Anfang, keinen Ursprung. Sie sind einfach plötzlich da. Erklärungslos, dafür meinungslastig, emotional.

Diese Behauptung ist einfach da, erklärungslos, meinungslastig, emotional. Sie deckt sich kaum mit dem, was Studien über die Verlinkung klassicher Medien im digitalen Raum zu Tage födern und noch viel weniger mit dem, was ich im sozialen Netz erlebe. Ich sehe dort Journalisten im angelsächsichen Raum, die sehr gebildet (und ausgebildet) ihre Quellen offenlegen, Bezüge herstellen, sachlich und zurückhaltend erklären.

Ich kann verstehen, dass es Journalisten gibt, die dieses Form der Autoritätsbegründung und Berufsausübung nicht mögen. Aber deshalb muss man sie ja nicht negieren. Wer den Datenstrom der sozialen Netze mit einer italienischen Piazza vergleicht, sollte schon anerkennen, dass dort sehr wohl auch professionelle Journalisten herumspazieren und den Dialog mit ihren Nutzern suchen. Von einem Artikel, der weniger “erklärungslos, meinungslastig und emotional” ein Thema bearbeitet, würde ich mir sogar erwarten, dass er diese Fakten in eine Analyse einfließen lässt. Denn hier liegt meiner Einschätzung nach der Hebel für eine digitale Ausgestaltung des Journalistenberufs einerseits und für Antworten auf die Frage, wie qualitativ hochwertiger Journalismus auch im digitalen Zeitalter funktionieren kann: in dem man seinen Wert benennt und nicht seinen Vertriebsweg. In dem man analysiert, wo er Menschen erreichen kann. In dem man nachschaut, wo er heute bereits praktiziert wird und nachfragt, warum das so ist.

Wer stattdessen lediglich seine Distanz und Verwunderung über die Digitalisierung festhält, beschreibt damit mehr die Entfernung von einer Lösung als die Suche danach. Ein Text, der sich aus dieser Ich-Perspektive der eigenen Familie bemächtigt, um daraus Schlüsse zu ziehen, ist viel weniger Zeitung als dem Autor vermutlich lieb ist. Ein solcher Text ist ein schlechtes Blog auf Papier, ohne dessen digitale Möglichkeiten auch nur zu erfragen.

Der Journalist als Akteur

“Wer wissen will, wie sich unser Beruf gerade verändert”, begann ich im November einen Eintrag über die Piraten im Spiegel. Damals ging es um die Blogeinträge von Marina Weisband und Merlind Theile und die Frage, wie deren Gespräch in einem Cafe in Münster nun genau gelaufen sei. Der Fall illustriert eine neue Anforderung an gegenwärtigen Journalismus: sich erklären, selber auftreten und Akteur werden. Im zitierten Fall ging es dabei darum, abseits des klassischen Artikels zu kommunizieren.

Diese Woche könnte man wieder einen Eintrag mit den Worten beginnen: “Wer wissen will, wie sich unser Beruf gerade verändert”. Fortsetzen muss man diesen Satz diesmal mit dem Bezug auf den Der Herrenwitz betitelten Text aus der aktuellen Ausgabe des Stern.

Dazu ist bereits sehr viel geschrieben worden. Von inhaltlichen Bewertungen und Zustimmung über die lediglich von der Sache ablenkende Frage des Zeitpunkts der Veröffentlichung bis hin zu einem eher missglückten Verkaufstext im Netz, der in einer ersten Version einen Bezug zu Brüderles Ehefrau herstellte.

Mich treiben nach der Lektüre des Textes und seiner Folgen zwei Fragen um: Zum einen wundere ich mich, warum im Stern nicht erwähnt ist, welche Stellungnahme die FDP bzw. Rainer Brüderle zu dem Text hat. Ist er nicht gefragt worden? Gehört das nicht zum journalistischen Handwerk?

Zum zweiten frage ich mich, was es bedeutet, wenn eine Journalistin in der Form persönlich die Bühne betritt und selber zum Beleg ihrer Geschichte wird? Wie verändert dies das Rollenbild? Welche (Schutz-)Funktion kommmt dabei dem Medienhaus zu? Und welche neuen Anforderungen erwachsen daraus für die Journalistin? Hinzu kommt die Tatsache, dass Laura Himmelreich – anders als Annett Meiritz unlängst auf Spiegel Online – nicht nur ein Prinzip kritisiert, sondern eine konkrete Person angeht.
Dabei geht es mir ganz und gar nicht um die Frage, ob dies berechtigt ist. Mir geht es darum, dass sich hier gerade etwas verändert in Bezug auf unseren Beruf. Vor fünfzehn Jahren wäre dies vermutlich so nicht möglich gewesen – technisch nicht und auch nicht aus dem Selbst- und Fremdverständnis der Medien. (Wer dazu mehr wissen will: Kurt Vonnegut hat Zeitungsjournalisten mal als “freaks in the world of writers” bezeichnet, weil ihnen beigebracht werde, nichts von sich selber preis zu geben)

Laura Himmelreich hat auf Anfragen auf Twitter geantwortet. Überall – sogar in der mit dem durchaus fragwürdigen Sprachbild “kein Freiwild” überschriebenen Antwort des Stern-Chefredakteurs – wird Laura Himmelreichs Twitter-Account verlinkt, es ist ihr Rückkanal für Nachfragen. Sie hat mit dem Deutschlandradio gesprochen und sich erklärt. Der zentrale Ansprechkanal ist aber Twitter. Wie lernt man, diesen zu bedienen? Welche Möglichkeiten kann man dort nutzen? Welchen Zwängen ist man ausgesetzt?

Ich glaube, dass der Fall in all diesen Bereichen notwendige und spannende Fragen aufwirft. Diese betreffen Selbstbild und Auftreten von Journalisten in einer sich wandelnden Öffentlichkeit. Darüber sollte man reden. Zunächst aber scheint eine Debatte über alltäglichen Sexismus ins Rollen gekommen zu sein, die überfällig ist.
Dass es dabei keineswegs nur um Rainer Brüderle geht, ist mir bei einem Blick in die Statistiken dieses Blogs aufgefallen. Dort tauchen immer wieder Suchanfragen auf, die zu einem Artikel aus dem Jahr 2010 führen. Dieser ist mit der Überschrift “Nackt auf dem Stern” versehen und offenbar suchen Menschen nach diesen Worten.

Was sie dann finden? Den Hinweis auf die Cover-Gestaltung zum Thema “Vorsorge und Früherkennung” bei einem bekannten deutschen Magazin. Zu sehen ist da eine nackte Frau, die verträumt (schlafend?) sich selbst mit einem Stethoskop untersucht. Das Magazin heißt übrigens stern.

Ebenfalls zum Thema Normal ist das nicht! bei kleinerdrei, Kein Kompliment, sondern eine Demütigung! bei Publikative, Ich hab keine Worte mehr… bei Frau Dingens

Worin sich individuelle von industrieller Kommunikation unterscheidet

Man kann sich ausführlich damit befassen, wie die technischen Veränderungen der Digitalisierung Darstellungsformen verändert und Inhalte multimedial machen. Die bedeutsame Veränderung der Digitalisierung liegt meiner Einschätzung nach aber darin, wie das Netz als Kommunikationsraum (im Gegensatz zu den klassischen Kommunikationsrampen) das Verhältnis zwischen Storytellern und der Öffentlichkeit verschiebt. Das Verhältnis zwischen Bühne und Publikum wird neu verhandelt, habe ich das in Bezug auf neue Bezahlmodelle genannt.

Um zu verstehen, was das bedeutet, muss man den The Fickle Fame of Twitter betitelten Text lesen, der gestern auf Boing Boing veröffentlicht wurde. Michele Catalano erklärt darin, was es bedeutet, eine Million Follower auf Twitter zu haben und sie beschreibt, wie diese reine Zahl in ihr die Sorge erweckte, plötzlich auf einer Bühne zu stehen und statt wie vorher in einem Kommunikationsraum. Michele ist Autorin, mit dem Netz und seinen Besonderheiten vertraut, sie schreibt auf der Website von Forbes. Das sollte man vielleicht wissen, wenn man ihre Ausführungen nachliest, in denen sie am Beispiel der plötzlich wachsenden Follower-Zahl auf Twitter (sie landete auf der Liste der empfohlenen Nutzer in dem Dienst und erreicht so sehr schnell sehr viele Follower) die genannte Veränderung beschreibt. Drei Ausprägungen will ich dabei herausstellen:

1. Der Zauber des Viralen
Es ist die digitale Variante des alten Rockstar-Traums: Eine Idee, ein Bild oder ein Website geraten plötzlich in den Blick der Weböffentlichkeit und werden von jetzt auf gleich bekannt. Man kann das in Echtzeit beobachten. Bei Michele ist es der Zähler der Twitter-Follower, bei anderen sind es die Seitenzugriffe oder die auf einmal in die Höhe schießenden Verkaufszahlen. In diesen Geschichten steckt das, was ich seit einer Weile im Phänomeme-Blog für die SZ festzuhalten versuche, die zwiespältigen Augenblicke des Webruhms, in denen man merkt, was so gleichgültig wie regelmäßig behauptet wird: das Internet verbindet dein Schlafzimmer mit der ganzen Welt.
In der in Echtzeit messbaren Reaktion steckt ein Kommunikations-Element. Die Webwelt antwortet – mit Masse, mit Klicks. Das ist eine neue digitale Form der Kommunikation. Sie erzeugt einen besonderen Reiz, aber womöglich auch ein gewisses Grauen.

2. Freunde statt Publikum
“Plötzlich hatte ich ein Publikum”, schreibt Michele. Vorher schrieb sie für Freunde und Bekannte. Jedenfalls fühlte es sich für sie so an. Die ständig wachsende Zahl an Followern veränderte dieses Gefühl. Plötzlich schwand das Familiäre, das Gefühl von freundschaflicher Verbundenheit. Dafür erwuchs die Sorge, sich jetzt offiziell quasi amtlich äußern zu müssen. Vermutlich lässt sich dieser Kontrast am besten in der Unterscheidung zwischen einer persönlichen Botschaft einerseits und der Haltung eines Amtsblattes oder Generalanzeigers andererseits festmachen. Die Differenz ist nicht nur für den Leser erkennbar, sondern auch für den Autoren. Michel bringt das in dem Satz zum Ausdruck, in dem sie mit Bezug auf einen anderen Autoren (der mit dem Followerwachstum anders umging) feststellt: “Where @sween stayed true to his voice, I lost mine.”

3. Individuelle statt industrielle Kommunikation
Seiner Stimme treu bleiben, ist vermutlich die beste Zusammenfassung für das, was ich unlängst als Differenz zwischen individueller und industrieller Kommunikation beschrieb. Michele besinnt sich ihrer individuellen Stimme, ihrer persönlichen Färbung und ihres eigenes Humors. Sie verändert ihren Twitter-Namen und kehrt – trotz großer Followerzahl – zurück zu dieser ursprünglichen Idee der Kommunikation im Raum. Mit Erfolg. Der Hauptgrund dafür: Sie kommuniziert. Sie selber nennt das engagement und in der Beschreibung dieses Wandels lässt sich die Bandbreite der Herausforderung ablesen, vor der Storyteller im Netz stehen. Michele schreibt als Antwort auf die Frage, was ihr ursprünglich an Twitter gefallen habe:

Well, it was good for making friends, meeting new people, discovering how many talented people are hanging around the internet, getting to do stuff with some of those talented people, having friends to visit wherever we travel, telling offensive, horrible jokes and letting a million people know when I’ve gotten my period.

There it was. I joined twitter for the conversation, for the ability to connect with people who enjoyed the same warped sense of humor, people who liked hockey and baseball, people who enjoyed talking about music and people who liked to banter back and forth, to engage.

That was it. The engagement. When I got all those followers, I started thinking of myself as a one person twitter stand-up show (albeit one where the audience was often armed with tomatoes) and I forgot about the social engagement.

Wer diese Unterscheidung versteht, wer den Zauber nachvollziehen kann, den Michele hier beschreibt, hat glaube ich verstanden, worin die Veränderung besteht, die Social Media nach sich zieht: Journalisten müssen lernen, was im Englischen to join a conversation heißt.

iRights-Lab: ein Interview mit Matthias Spielkamp

Mitte Oktober machte die Meldung die Runde: das Urheberrechtsportal iRights.info stellt sich neu auf. Die Gründung des iRights Lab wurde angekündigt: Matthias Spielkamp, Philipp Otto und Till Kreutzer (mit denen ich – Transparenzhinweis – persönlich bekannt bin) wollen mit diesem Think Tank den digitalen Wandel begleiten. Ich habe Matthias Spielkamp einige Fragen zum Start des Lab gemailt. Hier seine Antworten:

iRights.info ist seit Jahren eine bekannte Größe in urheberrechtlichen Fragen der digitalen Welt. Jetzt entsteht aus dem iRight-Umfeld ein Labor. Was wird in diesem Lab entwickelt?
Zentral sind drei Aufgabengebiete: angewandte Forschung, Beratung (inklusive Training) und Vermittlung. Das alles für Unternehmen, die öffentliche Hand, Wissenschaft, Politik, Verbände und nicht zuletzt die Kreativen selbst. Zu allen haben wir in den letzten Jahren sehr enge Kontakte aufbauen können.

Kern der iRights-Aktivitäten ist die Debatte ums Urheberrecht. Wird das auch im Bereich des Lab der zentrale Punkt bleiben?
Ja, es wird einer der Schwerpunkte bleiben. Es gibt derzeit so viel Bedarf an Dialog und Verständigung, vor allem zwischen Politik, Kreativen und Unternehmen, dass da ein sehr weites Feld zu beackern ist. So haben wir zum Beispiel auf der Frankfurter Buchmesse gemeinsam mit dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels eine Diskussion veranstaltet unter dem Titel “Verlag, Leser, Autor: Wer hat Angst wovor – und warum?” Einige werden sich sicher gedacht haben: iRights und der Börsenverein? Wie passt das denn zusammen? Denn wir haben den Börsenverein ja tatsächlich oft hart kritisiert. Und wir werden das wahrscheinlich auch in Zukunft tun, da ich nicht annehme, dass er alle Forderungen aufgibt, die wir falsch finden, nur weil wir mal eine Podiumsdiskussion zusammen veranstaltet haben :-) Aber wir sind eben wirklich der Ansicht, dass mehr miteinander geredet werden muss, nicht immer nur gegeneinander, damit sich etwas zum Besseren ändern kann.

Aber es gibt natürlich auch konkreten Forschungs- und Beratungsbedarf, ebenfalls wieder bei allen Beteiligten: Welche Rechte muss ich haben, um als Fernsehsender, als Stiftung, als Ministerium Inhalte in Social Media nutzen zu können? Sollten Kunden das Recht haben, digitale Güter wie MP3s oder E-Books weiter zu verkaufen? Wie sollte ein Urhebervertragsrecht aussehen, das wirklich die Rechte der Urheber stärkt? Das ist nur ein winziger Ausschnitt der Fragen, die wir schon bearbeiten oder bearbeiten möchten, oder um die wir uns in der Vergangenheit als Individuen gekümmert haben, weil es unter dem Dach von iRights.info nicht ging. Beim Lab geht es.

Ich möchte aber ergänzen, dass wir bereits in den vergangenen Jahren den Fokus auch bei iRights.info ausgeweitet haben. Dort geht es zwar weiter in erster Linie ums Urheberrecht, aber auch immer öfter um Persönlichkeitsrechte, etwa in Social Networks, um Datenschutz und ähnliches. Zum Beispiel starten wir am 31. Oktober ein neues Portal, iRights CLOUD, das Bürgerinnen und Bürger dabei helfen soll, sich beim
Cloud-Computing zurecht zu finden. Das wird vom Verbraucherschutzministerium finanziert und getragen vom gemeinnützigen iRights e.V., wo auch iRights.info weiterhin angesiedelt ist. Aber es zeigt die Bandbreite dessen, was wir tun. Und die ist beim Lab noch erheblich größer.

In welchem Zusammenhang steht das iRights-Lab zur IGEL-Initiative?
Zwei der Partner des Labs, Philipp Otto und Till Kreutzer, haben IGEL aufgebaut und stark gemacht. Das ist sozusagen ihr gesellschaftliches Engagement, weil sie das Leistungsschutzrecht für Presseverlage für eine ganz dumme Idee halten. (Ich übrigens auch.) Aber das Lab als Firma ist kein Unterstützer der IGEL.

Wer soll das iRights-Lab nutzen?
Wie oben beschrieben: Wir arbeiten mit allen Akteuren zusammen, die Bedarf haben. Das können Verbände sein, Parteien, Unternehmen, die beispielsweise prüfen möchten, ob eine bestimmte politische Forderung gesellschaftlich sinnvoll, ökonomisch tragfähig und rechtlich machbar ist. Es können aber auch Institutionen sein, die konkret wissen wollen, wie sie mit dem digitalen Wandel umgehen können. Vergangene Woche haben wir in Berlin eine internationale Konferenz veranstaltet zu der Frage, wie so genannte Gedächtnisorganisationen – also Museen, Archive, Bibliotheken – ihre Bestände in der digitalen Welt sichern, aber auch so vielen Menschen wie möglich zugänglich machen können. Da waren unsere Partner das Jüdische Museum, die Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Wikimedia, die Open Knowledge Foundation und das Internet & Gesellschaft Co:llaboratory; Sponsoren waren drei kommerzielle Anbieter von Speicherlösungen. Ich denke, das zeigt die Bandbreite.

Digitales Change-Management gilt als eine der großen Herausforderungen der Zukunft – in zahlreichen Branchen. Werdet Ihr jetzt eine Beratungs-Agentur?
Das iRights.Lab ist eine Beratungs-Agentur! Im Ernst: Wir haben das Lab gegründet, weil wir Dinge tun möchten, die wir unter dem Dach von iRights.info nicht tun können. Die Frage ist womöglich so gemeint, ob sich iRights.info zu einer Beratungsagentur wandelt. Und das wird nicht der Fall sein. Im Gegenteil: Wir haben das Lab ins Leben gerufen, weil wir die Tätigkeitsfelder nicht vermischen wollen. Denn iRights.info wird weiterhin eine unabhängige Informationsplattform zu Fragen des Urheberrechts – und vermehrt auch anderen Rechtsgebieten – in der digitalen Welt sein.

Aber um es nochmal deutlich zu machen: Wir sind viel mehr als eine Beratungsagentur. Wir haben uns für die Bezeichnung Think Tank entschieden, obwohl ich Bauchschmerzen damit habe. Ich bin erstens kein Freund von Anglizismen, zum anderen gibt es viele US-Think-Tanks mit dem Ruf, alles zu untermauern, was der Auftraggeber gerne will. Aber es gibt keinen treffenden deutschen Begriff, der unter einen Hut bringt, was wir tun: beraten, informieren und vermitteln, forschen (indem wir Whitepapers und Gutachten erstellen), weiterbilden. Daher passte weder Agentur noch Forschungsinstitut. Und dass wir eine Haltung haben und niemandem nach dem Mund reden, haben wir in der Vergangeheit oft genug unter Beweis gestellt, denke ich.

Eine der ersten Veranstaltungen findet Anfang Dezember in Dresden statt und beschäftigt sich mit der Zeitungskrise. Gemeinsam mit Lorenz Matzat stellst Du dabei Fragen wie: Wie verändert das Netz die Rolle der Printmedien? Welche Antwort werdet Ihr darauf geben?
Nur, damit kein Missverständnis entsteht: Das ist eine Veranstaltung der Heinrich-Böll-Stiftung, zu der Lorenz und ich eingeladen sind, keine Lab-Veranstaltung. Meine Antwort wird zum einen sein, dass man versuchen sollte, sich einmal mit Distanz anzuschauen, dass das Netz die Print-Welt bereits völlig auf den Kopf gestellt hat. Ich habe von 1993 bis 1994 an der University of Colorado in Boulder Journalismus studiert. Boulder ist zwar klein, aber da das Wetter dort immer so toll ist und die Rocky Mountains vor der Haustür liegen, haben viele Unternehmen dort ihre Forschungseinrichtungen. Eins davon war das Knight Ridder Information Design Laboratory. Knight Ridder war einer der Zeitungsverlags-Giganten in den USA, die Nummer zwei mit Titeln wie The Miami Herald, The Philadelphia Inquirer und den San Jose Mercury News. Der Leiter des Labs, Roger Fidler, hat uns damals bei einem Besuch die “Zeitung der Zukunft” gezeigt. Das war ein Stück Holz mit einem aufgemalten Bildschirm, und wie das Ding funktionieren sollte, hat er uns dann an einem Computerbildschirm gezeigt – im Ernst! Aber was er uns vorgeführt und erklärt hat, war das Design für ein Tablet, das Apples iPad schon sehr nahe war, mit vielen der Funktionen, die für uns heute selbstverständlich sind.

Fidler selber hat gesagt, es würde nur noch zwei, drei Jahre dauern, bis das Ding auf den Markt kommt, vor allem die Entwicklungen der “elektronischen Tinte”-Bildschirme am MIT ließe hoffen. Nun ja – es hat dann doch noch mehr als 15 Jahre gedauert, bis es so weit war, wenn man das iPad als erstes tatsächlich erfolgreiches Tablet als Maßstab nimmt. Aber darauf will ich hinaus: Wir neigen bekanntlich dazu, die
Veränderungen, die in den kommenden Monaten bis drei Jahren passieren werden, sehr zu überschätzen, die Veränderungen in zehn Jahren dagegen zu unterschätzen. Genau das ist eingetreten. Tablets sind eine Selbstverständlichkeit geworden, und die Huffington Post lässt in der Zahl der Interaktionen über Social Media die New York Times und die BBC abgeschlagen hinter sich – und Knight Ridder ist nur deshalb nicht pleite, weil die Zeitungsgruppe von einem anderen Konzern gekauft wurde. Was für eine unglaubliche, unvorstellbare Welt aus der Perspektive von 1993!

Meine Antwort wird also sein, dass es nötig ist sich vorzustellen, was Leser in der Zukunft unter Nachrichten und Journalismus verstehen werden, und wo sie ihn lesen, hören, anschauen, mit ihm interagieren, ihn weiter verbreiten wollen. Und dann zu versuchen, dafür Modelle zu entwickeln. Statt sich zu überlegen, was man als Verlag, Radio- oder Fernsehsender will. Denn das ist den Lesern ziemlich egal.

Ist das iRights-Lab selber womöglich eine Antwort auf die veränderte Rolle des Journalismus im digitalen Zeitalter? Immerhin bist Du selber als Journalist tätig und erweiterst nun hier Dein Betätigungsfeld. Ist das Zufall oder werden sich alle Journalisten künftig breite Tätigkeitsfelder suchen müssen?
Das iRights.Lab ist in verschiedene Labs aufgeteilt, um die Bandbreite unserer Aktivitäten deutlich zu machen. Eins davon ist das Lab Journalismus, das ich leite. Dort geht es um die Fragen, die ich eben gestellt habe. Aber dort wird kein Journalismus gemacht; der findet weiter bei iRights.info statt – und demnächst in unserem eigenen Verlag (Cliffhanger!).

Aber die Antwortet lautet trotzdem: Ja. Denn ich habe bereits in den vergangenen zehn Jahren meine Tätigkeitsfelder erweitert. Zusätzlich zum Journalismus arbeite ich seit 1999 als Dozent und Trainer in der Journalistenfortbildung, habe 2003 angefangen zu bloggen, 2004 dann iRights.info mitgegründet, halte Vorträge, moderiere Veranstaltungen und berate auch Unternehmen und Institutionen. Wenn ich heute als journalistisch arbeite, dann entweder für mein eigenes Unternehmen bzw. unsere eigene Plattform, oder weil ich gefragt werde – wie etwa bei meiner monatlichen Kolumne für DRadio Wissen.

Mit iRights.info machen wir im Grunde seit acht Jahren das, was heutzutage auf jeder zweiten Journalismus-Konferenzen als Zukunft der Branche gefeiert oder gefürchtet wird: unternehmerischen Journalismus (entrepreneurial journalism). Das heißt wir haben bei iRights.info von Anfang an auf einen Finanzierungsmix gesetzt: öffentliches Geld, Förderung durch Stiftungen und Sponsoren, Content Syndication, also Weiterverkauf von Inhalten, Konferenz-Organisation – und nicht zuletzt Quersubventionierung durch alle Beteiligten. Früher hätte man diesen letzten Aspekt Selbstausbeutung genannt, aber man kann es in der Tat und ohne Ironie auch als Markenbildung sehen – also als Positionierung des eigenen Angebots und der eigenen Person, so dass man eben als Experte wahrgenommen wird, andere Honorare verlangen kann und sich die Akquise spart. Oder eben gleich eigene Projekt entwickelt und verwirklicht.

Meine ungebetene Laudatio auf den Troll des Jahres

Ich glaube ich habe Christopher Lauer noch nie persönlich getroffen. Und doch bilde ich mir ein, ihn besser zu kennen als viele Menschen, die mir regelmäßig über den Weg laufen. Christopher Lauer ist am Wochenende als Troll des Jahres ausgezeichnet worden, ich nehme das zum Anlass, eine ungebetene Laudatio auf ihn zu halten (und ein klein wenig über Trolle zu sagen)!

Die Jury zeichnet Christopher Lauer aus “weil er wie kein zweiter die Werkzeuge eines Trolls aus dem ef-ef beherrscht.” Das ist als Lob gemeint, wie man in der Begründung nachlesen kann. Trollen wird darin nämlich durchaus als positive Tätigkeit interpretiert. Man lobt Lauer dafür …

dass er nicht nur in der Lage ist, die positive Kunst des Trollens gegenüber Dritten anzuwenden; Er zeigt auch, dass er selbst über eine solide Trolleranzgrenze verfügt und offenbart so noch größere Erfahrung als Troll.

heise berichtet über andere Trolle, mit denen sich die Jury ebenfalls befasst habe:

Auf die Plätze verwiesen hatte er die ebenfalls nominierte Redaktion der Satire-Zeitschrift Titanic, Kim Dotcom alias Kim Schmitz und die FDP. Diese hätten durch ihre positiven Trollereien anderen einen Spiegel vorgehalten und die gesellschaftliche Diskussion so schneller vorangebracht als es mit traditionellen Diskurstechniken möglich wäre.

Vor dem Hintergrund der Meldungen über Trolle aus dem angelsächsichen Raum aus den vergangenen Tagen kann man durchaus die Frage stellen, ob die Bezeichnung des Trollens hier angemessen verwendet wird. Darum soll es hier aber nicht gehen, sondern um die Troll-Erfahrung von CommodoreSchmidtlepp, die dieser wie kein zweiter beherrsche. Als ich das las, kam in mir zuerst die Frage auf: Warum erhält er den Preis erst jetzt? Und warum nicht fürs Lebenswerk? Und dann bekam ich kurz Angst, denn ich befürchte zu wissen, wo er die genannten Fähigkeiten vermutlich auch erlernt hat: in Debatten mit jetzt.de-Kollegen und womöglich auch mit mir.

“Heul nicht, so ist das Game Nutte”, hat Christopher Lauer auf seine Profilseite CommodoreSchmidtlepp auf jetzt.de geschrieben. Diese hat er im Oktober 2003 angelegt und nach meinem Gefühl hat er seit dem zahlreiche sehr intensive Debatten mit anderen Nutzern aus dem jetzt-Kosmos, aber vor allem auch mit der Redaktion (Transparenz-Hinweis, die ich leite) geführt. “CommodoreSchmidtlepp war einer der hartnäckigeren Trolle der jetzt.de-Redaktion”, sagte ich Kollegen, die nach der historischen Anne-Will-Sendung (die mit dem fortan twitternden Peter Altmaier und der Internet-einschaltenden Bärbel Höhn) voll des Lobes für den jungen Mann waren, der dort so wort- und mimikreich diskutierte. Übrigens einer, der im Jahr 2009 in einem Gastbeitrag schrieb:

Es ist sogar möglich, dass ich im Zusammenhang legaler Downloads zum ersten Mal bei jetzt.de von den Piraten erfahren habe, damals hielt ich sie für eine Spaßpartei mit unausgegorenen Zielen.

Ich will dieses Lob nicht schmälern, ich kriege nur diesen Satz mit der Nutte nicht aus meinem Kopf, wenn ich Christopher Lauer sehe. Klar, ist die Identität des CommodoreSchmidtlepp nicht Christopher Lauer, aber er hat – und dafür ist er ja offenbar auch ausgezeichnet worden – Teile davon fortgeführt (wie zum Beispiel der verifizierte Twitter-Account Schmidtlepp nahelegt). Und natürlich wirkt dieser Satz mit der Nutte anders, wenn man sich ihn im Berliner Abgeordnetenhaus oder auf großer TV-Bühne denkt. In diesen Kontexten, für die die Jury ihn ausdrücklich lobt, steckt in ihm vermutlich genau das, was die Jury “die positive Kunst des Trollens” nennt. Es ist eine Form netzaffiner Satire möchte man meinen (vor allem vor dem Hintergrund der anderen Trolle, mit denen die Jury sich befasste). Der Satz und die Haltung bekommt jedoch einen ganz anderen Kontext, wenn man ihn sich im tägliche Kleinklein von Foren-Debatten vorstellt. Oder noch eher vor schwächeren Menschen, die auf derlei Konfrontation nicht vorbereitet sind, weil sie einfach nur privat im Netz surfen (womit natürlich nicht die Redaktion gemeint ist). Hier besteht das floskelhafte Spiegelvorhalten, von dem die Jury spricht, aus einem Spiegel, auf den boshafte Beleidigungen gemalt sind, die sich auf denjenigen beziehen, der sich dort anschauen soll.

Wer über das Trollen spricht und in ihm offenbar positive Seiten erkennt, darf diese zweite Ebene nicht ausblenden, oder wie map es auf Twitter nannte:

Ich kann mich nicht daran erinnern, dass Christopher Lauer in dieser Form getrollt hätte. Es war eher ein Aufbegehren gegen eine vermeintliche höhere Macht, gegen die Redaktion, die Zeitung, das gesamte Medienwesen. Es war anstrengend und in manchen Fällen demotivierend, aber vielleicht war es tatsächlich für etwas gut. Die Hitze, die man in Internet-Gefechten verspürt, kühlt ab und man kann irgendwann sagen, den Troll des Jahres zu kennen. Diese in Wahrheit nur halb tolle Aussicht gilt sicher nicht für alle, die gerade in mühevoller Kleinarbeit ihre Trolle in Foren und Communitys pflegen. Für alle (die im übirgen auch mal einen Preis verdient hätten) gilt aber der Teil mit dem Abkühlen.

Deshalb verstehe ich den Preis, zu dem ich Christopher Lauer auf beiden Ebenen gratuliere, als Ansporn für das, was Sascha Lobo mal eine vernünftige Beleidigungskultur im Netz genannt hat! Dafür bist du jetzt ein wichtiges Vorbild, Commodore Schmidtlepp. Ich hätte es auch nicht gedacht, aber so ist das Game!

P.S.: Aktuell trollt Christopher Lauer (im Sinne des Preises) übrigens den SPD-Kanzlerkandidaten: steinbrueckseinkuenfte.de


Werbung in eigener Sache:

Wir haben doch keine Zeit!

Im WDR gibt es künftig eine Talkshow mit Helge Schneider. Sie heißt “Helge hat Zeit” und alleine dafür sollte man Schneider loben. Denn schon die Wahl des Titels zeigt, dass der Mülheimer etwas Besonderes ist. Wer hat heute schon Zeit? Und vor allem: Wer sagt das auch noch laut?

Wenn ich über Twitter spreche (und das mache ich – spätestens seit ich Anfang des Jahres bei der SZ die Aufgabe “Social Media/Innovation” übernommen habe – ziemlich häufig), höre ich jedenfalls immer das Gegenteil: dass man überhaupt gar keine Zeit hat; und schon gar nicht für Twitter und Facebook und all den anderen Kram. Das ist verständlich und vermutlich dem allgemeinen Hang zur Zeitlosigkeit geschuldet. Es ist aber auch erstaunlich falsch.

Neben der unterschwelligen Botschaft (“Ihr, die Ihr da auf Twitter rumturnt, scheint ja Helge Schneiders des Müßiggangs zu sein, ich hingegen bin eine Angela Merkel der Anforderung, ich kann mir das nicht leisten”) ist das Zeitargument nämlich vor allem zu kurz gedacht: Für Twitter haben nur diejenigen (Journalisten) keine Zeit, die nicht ausreichend effizient ihren Nachrichtenkonsum strukturieren.

Es ist ein wenig so, einen Flug von Berlin nach München mit dem Argument auszuschlagen, dass man dafür nun wirklich keine Zeit habe, weil man ja gestern erst von Hamburg nach Berlin gelaufen sei und deshalb heute sehr viel abarbeiten müsse – bevor man dann morgen nach München laufen könne.

Was ich damit sagen will: Natürlich kostet es Zeit (aber vor allem und viel wichtiger Interesse!) sich auf neue Wege des Nachrichtenkonsums einzustellen. Wer allerdings dabei stehen bleibt, blendet aus, dass diese neuen Methoden auch unfassbar viel Zeit sparen können.

Deshalb spreche ich immer zuerst über Twitter, wenn ich von den Möglichkeiten und Chancen des Dialogjournalismus (sehr verallgemeinernd auch “Social Media) spreche. Twitter ist organisierter Small-Talk, der die kleinen Randbemerkungen und Hinweise, die helfen und erfreuen, sinnvoll und effizient aufbereitet. Twitter macht es möglich, eine längere Zugreise nicht mit dem zufällig zugestiegenen ehemaligen Judofreund zu verbringen, der viel redet und wenig zu sagen hat (das ist Facebook). Twitter versetzt uns in die Lage, auf der langen Zugreise zufällig nur genau mit den Leuten zu sprechen, deren Beobachtungen, Bemerkungen und Links uns das Leben einfacher und fröhlicher machen.

Twitter füllt die “leere Zeit” mit Inhalt, der deshalb wertvoll ist, weil man ihn selbst steuern und befördern kann – in dem man nur denjenigen Menschen folgt, die man für spannend, deren Bemerkungen man für geistreich und sinnvoll hält. Womit wir beim zweiten Missverständnis sind: Wer Twitter für eine Quatschbude hält, urteilt damit weniger über den Microblogging-Dienst als vielmehr über sich: Er folgt einfach den falschen Leuten. Der Wert des Telefons als segensreiche techniche Errungenschaft bemisst sich schließlich auch nicht an dem, was der Judofreund da gerade in sein Handy redet.

Ich bin nicht der Meinung, dass ein jeder Journalist twittern muss. Ich bin aber sehr wohl der Meinung, dass sich jeder mit Twitter (und dialogischem Journalismus) auseinander setzen sollte – so wie mit dem Telefon. Ob und wie er (oder sie) das dann nutzt, muss jeder selber wissen. Das eigene Desinteresse aber mit mangelnder Zeit zu verschleiern, ist nicht hilfreich. Es legt nur offen, dass man sich noch nicht ausreichend mit der Frage befasst hat, wofür man Twitter eigentlich einsetzen sollte – unter anderem um Zeit zu sparen!

Transparenzhinweis: Ich habe über den Wert von Twitter ein Interview mit Raphael Honigstein geführt, ich habe nie Judo gemacht, aber aufgeschrieben, wie ich selber zum Twittern kam