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Volkshochschule im Internet: Interview mit Christof Schulz über Livestreaming

Als ich im vergangenen Dezember auf Einladung der Volkshochschule Ottobrunn zu einem Vortrag im dortigen Rathaus auftrat, war ich einigermaßen erstaunt, wie selbstverständlich und souverän dort der Vortrag ins Netz gestreamt wurde. Geschäftsführer Christof Schulz und sein Team setzten dort schon vor der Corona-Krise in die Tat um, was jetzt ein großes Thema ist: die digitale Übertragung von Veranstaltungen (Foto: unsplash).

Am heutigen Montag abend darf ich auf Einladung der VHS wieder im Livestream sprechen. Es geht um Kommunikation in Krisen-Zeiten. Mit meinem Kollegen Klaus Ott habe ich dazu zehn Ratschläge in die SZ geschrieben – und hier im Blog auch schon zur Panikvermeidung in Corona-Zeiten geschrieben.

Hier kann man sich den Stream anschauen!
Vorab habe ich dem Geschäftsführer der VHS Südost, Christof Schulz, ein paar Fragen zum Thema Stream und Internet gemailt.

Live-Streams von Veranstaltungen sind gerade ein großes Thema. Sie machen das an der VHS Ottobrun schon seit einer Weile. Wie kam es dazu, dass Sie schon früh mit dem Thema begonnen haben?
Volkshochschulen sind Einrichtungen mit einem recht begrenzten regionalen Markt. Kooperation gibt es natürlich, aber die Idee jenseits aller regionalen Grenzen zusammenarbeiten zu können und damit Angebote und Inhalte für alle deutschsprachigen Bildungseinrichtungen letzlich in der ganzen Welt anbieten zu können, das hat uns gereizt. Dazu kommt, dass uns die digitale Teilhabe für alle an der vhs SüdOst sehr wichtig ist. Da schien es uns naheliegend unser Programm durch die neuen Möglichkeiten zu erweitern, unseren TeilnehmerInnen diese Möglichkeiten zu vermitteln und auch barrierefreier zu werden. Vorträge und Diskussionen können jetzt vom Sofa aus besucht werden, kein Stress mehr, um pünktlich ab 19.30 Uhr nach Arbeitstag oder Familienversorgung noch in die vhs zu hetzten.

Wie lösen Sie das Streaming technisch?
Eigentlich ganz einfach, wir nutzen die Software zoom und je nach Anlass 1-2 Kameras und etwas Tontechnik. Mittlerweile haben wir das gut im Griff und schaffen Auf- und Abbau in nicht einmal 40 Minuten.

Welche Erfahrungen haben Sie kulturell bisher gemacht, also: Wie reagieren Ihre Gäste auf das Streaming-Angebot?
Die Reaktionen sind überwiegend sehr sehr positiv. Seit der Corona-Pandemie geradezu begeistert.
Ich glaube für einige vhs-TeilnehmerInnen war es bis vor kurzem schon ein kleines Abenteuer die technischen Hürden zu überwinden und es hat sich ein enstprechender Stolz geszeigt, wenn sie dann nicht nur zusehen, sondern sich auch noch über den Chat beteiligen konnten. Insbesondere das Zusammenwirken von Präsenz- und Online-Publikum zu einer gemeinsamen Diskussion kommt auch gut an. Da war ich mir anfangs nicht so sicher, denn für die TeilnehmerInnen vor Ort ist der „weg“ zum Referenten natürlich viel kürzer als für die Teilnehmer, die sich nur über einen Chat beteiligen können und dann die Frage noch von einem Moderator stellvertretend gestellt werden muss. Klappt aber bis jetzt sehr gut.
Ein Erfolgsrezept ist es auch, dass wir alle unsere Livestreams auch anderen zur Verfügung stellen, so können Fachleute und Referenten über die örtlichen Einrichtungen gebucht werden, auf die so mache Einrichtung ansonsten keinen „Zugriff“ hätte. Das wissen viele TeilnehmerInnen zu schätzen.

Was war die bisher beste und was die negativste Erfahrung?
Die beste Erfahrung war bisher zu sehen, dass eigentlich von Semester zu Semester die Zuschauerzahlen gestiegen sind und wir letzte Woche – natürlich bedingt duch die Corona-Pandemie – mindestens 350 ZuscherInnen hatten. Das war bewegend zu sehen, wie schnell die Beitritte in den Online-Raum nach oben geschnellt sind. Auch das überwältigend positive Feedback und die Dankbarkeit der ZuschauerInnen war toll.

Und negative Erfahrungen?
Richtig negativ war bis jetzt nichts, evtl. die Tatsache, dass die Abhängigkeit von der Technik nochmal eine Stufe deutlicher ausfällt und wir die Netzqualität nicht kontrollieren können. In physischen Räumen sind die meisten Probleme schnell zu lösen, wenn jemand einfach nicht reinkommt oder die Netzqualität nicht reicht, dann können wir nichts machen.

Welche Lehren würden Sie Menschen weitergeben, die jetzt mit Streams beginnen wollen?
Technik und insbesondere Zutritt für die TeilnehmerInnen so einfach wie möglich halten.
Immer die technische Seite mitdenken und auf entsprechende Fragen und Hilfestellungen vorbereitet sein.
ReferentInnen immer vorab informieren und vorbereiten, Kameras sind manchmal gewöhnungsbedürftig und es ist extrem wichtig das Publikum außerhalb des Raums mitzudenken.
Ein Livestream sind im Prinzip zwei Veranstaltungen auf einmal, da braucht man auch zwei Personen zur Betreuung, alleine ist man schnell überfordert.

Nutzen Sie selbst als Zuschauer Streams? Haben Sie da einen Tipp?
Dafür habe ich leider nur wenig Zeit, im Moment vergeht kaum ein Abend, an dem ich nicht die Livekonzerte von Igor Levit verfolge. Ich bin zwar nicht der Klassikfan aber die Streams sind sehr emotional und lebendig, wirklich wunderschön. Und es ist so einfach dabei zu sein, dass es fast wie eine persönliche Einladung ins Wohnzimmer wirkt.

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Online only! Zehn Erkenntnisse & zehn Fragen zu Telearbeit, virtuellen Konferenzen und digitaler Kultur

Der Internet-Knotenpunkt De-Cix in Frankfurt meldet einen Weltrekord: 9.1 Terabits in der Sekunde wurden am Dienstag abend über den Frankfurter Knotenpunkt ausgetauscht. In der Pressemitteilung schreibt De-Cix: „Internet usage is playing an ever-greater role“. März 2020 und wir stellen fest: Das Internet spielt eine immer größere Rolle. Das ist einerseits erstaunlich und hat andererseits mit dem zu tun, was der Zukunftsforscher Gerd Leonhard unlängst mit Bezug auf das Corona-Virus sagte: „Wir müssen uns viel mehr virtuell treffen“.

Der Internet-Weltrekord kommt zu einem ungewöhnlichen Zeitpunkt und hängt nicht mit Streaming von neuen Spielen oder digitalen Produkten zusammen, sondern vermutlich mit dem gestiegenen Informationsbedürfnis rund um Corona und die in Folge davon vermehrte Nutzung dessen, was man in Deutschland „Telearbeit“ nennt. Allein, dass es für diese Form des im Angelsächsischen „Home Office“ genannten Arbeitens keinen gegenwärtigen deutschsprachigen Begriff gibt, zeigt, dass wir hier noch eine Menge Nachholbedarf haben. „Home Office“ oder „Mobile Office“ sind begriffliche Krücken um zu beschreiben, dass Menschen zusammenarbeiten können – ohne am selben Ort zu sein.

Also sie sind natürlich an einem Ort, aber eben an einem virtuellen: dem Internet.

Ich glaube, dass die aktuelle Corona-Lage uns helfen kann, einen neuen Blick auf diesen allgegenwärtigen Ort „Internet“ zu werfen, der für viele aber immer noch aus der Perspektive „Telearbeit“ betrachtet wird. Durch die zahlreichen Absagen, die auch noch kommen werden, sind wir gezwungen, eine neue Perspektive einzunehmen (Symbolbild „Stream“ von Unsplash): Wir fangen endlich an, das Internet tatsächlich als Internet zu denken und nicht nur als Verlängerung oder Begleitung von etwas anderem, was wir für wichtiger oder relevanter halten, weil wir es länger kennen. Ich nenne dieses erzwungende neue Denken „Online only“ und werde bei der spontan ebenfalls ins Web verlegten XPLR: Media Online Con am Freitag um 16 Uhr ein paar Sätze dazu sagen. Als Vorbereitung für diesen virtuellen Online-Konferenz-Auftritt hier eine Art Zwischenstand der aktuellen Lage – verbunden mit zehn Fragen, die sich stellen:

Zehn (Zwischen-)Erkenntnisse zu „Online Only“

1. Ausgefallene Veranstaltungen sind eine existenzielle Bedrohung für alle, die davon leben – als Organsitoren, Werbetreibende, Gig-Worker und vor allem als Menschen auf Bühnen. Online Only bedeutet hier vor allem: Wenn sogar Millionen-Unternehmen wie Fußball-Clubs um Ausgleichszahlungen bitten, dann brauchen wir Fonds, Kredite oder andere Lösung für die genannten Akteur*innen.

2. Die Veränderungen durch Corona betreffen natürlich andere Bereiche als die reine Digitalisierung noch viel mehr. Das ist bedeutsam, aber nicht Teil dieser Liste. Ein Lektüre-Tipp für alle, die dazu mehr wissen wollen: Jeremy Cliffe erläutert im New Statesmen wie Corona die Idee von Globalisierung verändert.

3. Online Only ist kein vollwertiger Ersatz für Arbeiten am physisch gleichen Ort oder für Museums-, Veranstaltungs- oder Spiel-Besuche. Es ist etwas anderes, das wir als etwas anderes wertschätzen sollten – und nicht einzig über die (häufig negative) Differenz zu dem bereits Bekannten bewerten sollten. Der SZ-Kollege Andrian Kreye schreibt dazu: „Kann die Zwangsdigitalisierung der Kultur in diesen Tagen also auch ein Neuanfang der Digitalisierung an sich sein? Weil man Wege finden muss, Gemeinschaftsgefühle und Erlebnisse anders zu organisieren? Fragen, auf die es derzeit, wie auf so viele andere, noch keine Antworten gibt.“

4. Es wäre gut, den Fokus auf die Möglichkeiten zu legen und auf Basis der eigenen Wertvorstellungen Gestaltungsvorschläge zu entwickeln und nicht dem Reflex zu erliegen, den Vice hier vormacht. Dieser Text trägt eine clickbait-trächtige Negativ-Überschrift „Why Conference Call Technology Never Works“ – endet aber mit der meiner Einschätzung nach richtigen Perspektive auf das Thema Video-Konferenz und Telearbeit: „So you may have to repeat yourself every so often. Perhaps, instead, we should be impressed that your coworkers can hear you most of the time.“

5. Es gibt auch gute Nachrichten, die uns helfen, eine kulturpragmatische Haltung zu dem zu entwickeln, was Andrian „Zwangsdigitalisierung“ nennt: Der RBB hat zum Beispiel angekündigt, Kultur-Events live und kostenlos zu streamen und Simon Rattle dirigiert Berio und Bartók kostenfrei in der Digital Concert Hall. Vielleicht finden dadurch Menschen, die aktuell daheimbleiben müssen auf neuen Wegen Zugang zur Kultur (hier eine Übersicht über digitale Angebote), die sich dann vielleicht auch verändert – wie Sascha Lobo mit socialbuchmesse.de zeigt

6. Für einen kulturpragmatischen Blick auf die aktuellen Entwicklungen ist es ohnehin ratsam, nicht nur das zu sehen, was unbequem ist (was es unbestreitbar ist). Dass wir überhaupt remote arbeiten können, dass so viele Informationen verfügbar sind, ist unbestreitbar ein Fortschritt. Dazu diese Stratechery Langstrecke lesen. Wem das zu lang ist: die im Wortsinn greifbare Kraft von memetischer Verbreitung illustriert der 17-jährigen William Gibson mit seinem Washyourlyrics-Meme

7. Gleichwohl bleibt wichtig: Wir brauchen Medienkompetenz gegen die Panik

8. Ein Vorteil des Online-Only-Blicks auf die Welt zeigt sich zum Beispiel auch in dem, was man Newsletter-First-Media nennt. Jene Angebote also, die Newsletter als ihren Kern betrachten und nicht bloß als Zulieferer für etwas anderes.

9. Home Office braucht Regeln (hier ein paar Vorschläge), technische Ausstattung und neue sozialen Konventionen. Home Office funktioniert nicht von alleine, nur weil jemand einen Computer daheim hat – aber es gibt Menschen, die sich damit bereits befasst haben. Von ihnen kann man lernen. Die Basecamp-Macher verschenken gerade ihr Buch „Remote – Office not required„. In der aktuellen Situation gilt also: Wir sollten offen sein für die Erkenntnisse derjenigen, die schon seit einer Weile Online Only denken. Matt Mullenweg, der Chef von WordPress, wo schon seit Jahren Online Only gearbeitet wird, hat dazu diesen Blogpost verfasst

10. Das gilt auch für Lehrveranstaltungen. Es gibt Anleitungen, wie man digital unterrichtet. Das kann man lernen, hier brauchen wir Weiterbildungen, die auch nach Corona nach hilfreich sind. Deshalb stelle ich mir:

Zehn Fragen, die sich durch „Online Only“ ergeben:

1. Wie würde sich dein Produkt, Angebot, Job verändern, wenn er nur noch „online only“ wäre? Sie ist die aktuelle Fassung der alten Vorhersage „Everything that can be software will be“. Die Antwort auf diese Frage ist der Beginn eines kulturpragmatischen Umgangs mit dem Wandel. Sie ist wichtiger als deine persönliche Meinung…

2. Was ist die virtuelle Entsprechung zum gemeinsamen Kaffee-Trinken auf Konferenzen? Also: wie kann es gelingen, soziale Interaktion und Verbindung aus dem undigitalen Leben ins Digitale zu übertragen (das wohlgemerkt der Ort für Netzwerken ist, immerhin ist es ein Netzwerk).

3. Wenn Video-Calls zum Standard werden, werden personalisierbare Hintergründe zum Ausdruck der Persönlichkeit. Wie wird dein Video-Call-Hintergrund aussehen? (Details zu dem Phänomen, das einige Anbieter bereits das Blurren des Hintergrunds im Angebot haben, hier und hier. Sowie der Traum alle Home-Office-Hintergründe: Robert Kellys Kinder!

4. Gibt es nicht-kommerzielle Softwareangebote, die virtuelle Räume zum gemeinsamen Arbeiten, Schreiben und Austauschen ermöglichen? (Looking at you Bibliotheken, öffentlich-rechtlicher Rundfunk etc.)

5. Welche sozialen Regeln wenden wir an, um höflich mit den Latenz-Zeiten umzugehen, die sich bei Übertagungen ergeben und dazu führen können, dass Leute sich in einer Mischung aus Höflichkeit und Verwirrung immer gegenseitig ins Wort fallen und dann wieder abbrechen? Gibt es dafür vielleicht sogar schon einen Fachbegriff?

6. Gibt es in Zukunft eine Entsprechung zum Flugmodus im Betriebssystem, den man „Call-Modus“ nennen könnte: das Feature enthält automatisches Stummschalten von Termin-Erinnerungen, die sonst für alle Teilnehmer*innen hörbar aufploppen, es unterdrückt automatisch das Tippgeräusch, das man störend hört, wenn eine Teilnehmer*innen während des Calls Notizen macht (oder andere Botschaften schreibt)?

7. Was sind gegenwärtige Begrifflichkeiten für digitale Konferenzen oder Telearbeit? Denn so lange uns gute Begriffe fehlen, fehlen auch die Instrumente diese Veränderungen zu gestalten.

8. Gibt es schon einen Namen für diese Form von Cancel-Memes, die die Absage von Veranstaltungen zum Thema haben?

9. Wie geht man rechtlich und steuerlich mit dem „Home“ als Arbeitsort um? Welche Folgen hat Home-Office für Kinderbetreuung, aber auch für die Veränderung von Privat und Arbeits-Bereich?

10. Und: welche Fragen hast du? Schreibe Sie in den Kommentare oder schicke Sie mir an @dvg auf Twitter oder per Mail!


Hier zur XPLR: Media Online Con anmelden, auf der ich Online Only über Online Only sprechen werde
– und wer jetzt die Lust verspürt, sich intensiver mit dem Internet zu befassen: gute Idee!

In Kategorie: DVG