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Shruggie des Monats: Heuchelei

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Darin beschreibe ich Personen, Ideen und Begebenheiten, die mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen – dem ¯\_(ツ)_/¯.

Wäre es scheinheilig, wenn die Umweltaktivisten Greta Thunberg mit dem Flugzeug reisen würde? Während sie medial begleitet über den Atlantik segelt (um das Fliegen zu vermeiden), wird genau die Frage nach der Heuchelei ausführlich diskutiert: Verhält sie sich privat womöglich anders als sie es politisch verlangt? Meinungsdetektive beobachten dies sehr genau – und werten alle Indizien als Beweis für das, was die Wikipedia als Hypokrisie definiert: das absichtsvolle Vermitteln eines Bildes, das nicht dem realen Selbst entspricht. Eben diese vermeintliche Heuchelei wollen sie auch entdeckt haben, wenn irgendwer ermittelt, dass grüne Bundestagsabgeordnete häufiger fliegen als andere. Das sei ebenso verlogen wie das Ergebnis der Erhebung, dass Wähler*innen der Grünen häufiger auf Flug-Reisen sind als AfD-Wähler*innen.

Diese Entdeckungen sollen als Argument dienen, um die vermeintliche Heuchelei der Klimaschützer zu belegen. Denn wenn die schon selber nicht tun, was sie politisch fordern, müssen sie ja verlogen sein – so der eher schlichte Gedankengang, der auf etwas abzielt, was der Shruggie als Namensgeber dieser Rubrik für problematisch hält: auf moralische Reinheit! Nur wer moralisch rein sei, solle fordern dürfen, so das zugrundeliegende Argument. Wer aber einzig den privaten ökologischen Fußabdruck einer Person heranzieht, um deren Argument zu überprüfen, ist dem süßen Gift der einfachen Antworten verfallen – und teilt die Welt vereinfachend nach einzig moralischen Kategorien ein. Nur wer auf der richtigen Seite stehe, so die verkürzende Annahme, könne auch Richtiges sagen. Das ist nicht nur gefährlich, es ist auch das Gegenteil von liberal. Denn die Idee einer freien Gesellschaft basiert darauf, dass die Menschen eben nicht moralisch rein, sondern fehlbar sind. Und weil wir unperfekt sind, gestehen wir einander zu, Fehler zu machen und unsere Meinung ändern zu dürfen – und zwar unabhängig davon wie nah wir dem vermeintlich wahren moralischen Kern kommen.

Diese Moralkritik gilt allerdings nicht nur für die so genannten Greta-Kritiker, sie gilt auch für die moralische Überlegenheit der Umweltschützer selber: Der Shruggie wäre deshalb sogar der Meinung, dass es der Sache und der Debatte nützen würde, wenn Greta Thunberg im SUV zum Flughafen fahren, einen Pappbecher-Kaffee durch den Plastikstrohhalm schlürfen und nach New York fliegen würde (Foto: unsplash). Laut atmosfair würde sie damit 3.719 Kilogramm CO₂ für Hin- und Rückflug aus Stockholm produzieren. Sie würde damit aber auch etwas reduzieren: den moralischen Druck, ausnahmslos alles stets richtig machen zu wollen oder zu müssen.

Der Shruggie glaubt fest daran, dass eine der zentralen Fähigkeiten für Zukunftsgestaltung darin liegt, Mehrdeutigkeiten auszuhalten – und man kann Ambiguitätstoleranz an wenig besser erklären als an dem Thunberg-Flug nach New York. Denn so problematisch man eine Flugreise finden kann, die Tatsache, dass Greta Thunberg beim Klimagipfel teilnimmt, ist so ein starkes Symbol, dass man selbst aus Umweltgesichtspunkten die 3800 Kilogramm CO₂ nicht ablehnen kann.

Die Dinge sind ganz selten einfach nur schwarz oder nur weiß. Sie sind nahezu immer in Abstufungen grau. Diese Abstufungen muss man aushalten lernen. Das ist der Zauber einer liberalen Demokratie: dass nicht nur einer Recht, sondern dass immer auch das Gegenteil Berechtigung hat. Diese Abstufungen sind die Voraussetzungen für gesellschaftlichen Fortschritt – der auf politischer Ebene geschaffen wird. Denn natürlich ist es klimapolitisch viel bedeutsamer, dass auf institutioneller Ebene ein schneller Kohle-Ausstieg, die Verkehrswende und die Unterstützung erneuerbarer Energien beschlossen wird (hier die inhaltlich-politischen Forderungen von „Fridays for Future“ nachlesen). Zumindest ist das die Überzeugung in der liberalen Grundhaltung des Shruggie: dass eine freie Gesellschaft sich schrittweise und in Kompromissen auch durch ihre Institutionen verbessert. Es wird sich nicht das absolut Reine und Wahre durchsetzen können, sondern der gesellschaftliche Kompromiss. Der US-Autor Adam Gopnik beschreibt diese Entwicklung über den Wert vermeintlich kleiner Handlungen in seinem Buch „A Thousand Small Sanities“. Das sind dann kleine (Fort-)Schritte, aber eben Fortschritte.

Womit wir wieder beim kleinen Akt der privaten Flugreise sind: Natürlich kann es sinnvoll sein, wenn jede und jeder weniger CO₂ ausstößt, aber eben aus privaten Gründen nicht aus moralischer Überlegenheit. So würde sich in doppeltem Sinne das Klima verbessern – jenes in der Debatte und auch die Umwelt. Denn Klimaschutz braucht mehr Politik und weniger private moralische Zeigefinger.

¯\_(ツ)_/¯

P.S.: Wer sich für das Thema interessiert, kann drüben bei der SZ den kostenlosen Newsletter abonnieren: unter klimafreitag.de schreiben meine Kollegen Marlene Weiß, Pia Ratzesberger, Alex Rühle und ich wöchentlich zum Thema

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle. Wer mehr über das Web und das Internet lernen will, kann dies in meinem Buch „Gebrauchsanweisung für das Internet“ tun.

Datenschutz ist digitaler Umweltschutz

Vielleicht wird dieses Interview des deutschen Innenministers zum Prism-Fall im Rückblick einen Wendepunkt in der Debatte um die systematische Überwachung unserer Kommunikation bilden: Hans-Peter Friedrich erinnert in diesem Gespräch im ZDF-Heutejournal nämlich daran, dass die Fragen von Datenschutz nicht nur auf der persönlichen Ebene zu beantworten sind – also über die Wahl der Kommunikationsanbieter und der Verschlüsselungstechnik. Spätestens dieses Interview erinnert daran: Datenschutz hat auch eine politische Ebene.

Diese politische Ebene zeigt sich zum Beispiel darin, dass es Friedrich wichtiger ist, dass er Joe Biden die Hand schütteln durfte als dass er sich für die Bürgerinnen und Bürger einsetzt, deren Kommunikationsdaten flächendeckend vom amerikanischen Geheimdienst gespeichert werden. Wenn das mit den Daten nicht so eine Sache wäre, hätte Friedrich in Washington ja durchaus die Rückgabe der Daten fordern können, die auch deutschen Bürgern durch das Überwachungsprogramm genommen wurden. Statt dessen kehrt er zurück mit dem guten Gefühl, dass hier für einen „edlen Zweck“ überwacht worden sei.

antiprism

Die Reaktionen innerhalb der ersten Stunden nach diesem Interview lassen erahnen: mit diesem „edlen Zweck“ hat Hans-Peter Friedrichs dem digitalen Umweltschutz einen großen Gefallen getan. Friedrich zeigt damit, welche Prioritäten er setzt und dass diese nicht unbedingt im Einklang sind mit denen, die diejenigen setzen, die nicht einverstanden sind mit der Prism-Überwachung – wie z.B. die Unterzeichner dieser Petition hier (Direktlink). An den deutschen Innenminister – soviel ist seit gestern klar – sollte man jedenfalls keine Erwartungen in Sachen digitalen Umweltschutz stellen. Manchmal bringt eine solche Erkenntnis erstaunliche Fortschritte …

Siehe zu dem Thema auch: ein Eintrag im TV-Blog auf Süddeutsche.de sowie eine Einschätzung zur Person Edward Snowden auf jetzt.de

Der saure Regen meiner Generation

Auf Basis dieser Beobachtung aus der US-Serie The Newsroom

… habe ich für die SZ über Überwachung, Daten- und neuen Umweltschutz geschrieben:

ist der Vergleich mit der aufkommenden Umweltbewegung der späten 1970er Jahre angebracht. Auch damals gab es diese böse Ahnung, dass Abfälle in der Nordsee verklappt oder Gifte nicht ordnungsgemäß entsorgt werden. Auch damals gab es zunächst ein Achselzucken, weil man gegen den sauren Regen und die Übermacht der Konzerne doch machtlos sei. Es blieb allerdings nicht dabei. Denn nur weil es nachweisbar passiert, dass Giftmüll ins Meer gekippt wird, muss man dem nicht tatenlos zusehen. (…)
Die aufkommende digitale Bürgerrechtsbewegung sorgt bereits dafür, dass Datenschutz und Netzpolitik nicht mehr nur als Thema für Randgruppen wahrgenommen wird (wie der Hippie-Umweltschutz anfangs auch). Und sobald der Sarkasmus des Erstaunens darüber abgeklungen ist, dass die Realität tatsächlich schlimmer ist als eine TV-Serie, wird sich auch ein privater Konsum herausbilden, der auf einen nachhaltigen Umgang mit Daten setzt.

Ich möchte diese Metaphorik hier fortführen und gemeinsam mit neuen Umweltschützern Tools und Instrumente sammeln, die diesen digitalen Umweltschutz möglich machen. Diese Liste wird fortlaufend ergänzt wenn weitere Vorschläge in den Kommentaren kommen (Was ich sehr begrüße)

>> StopUsWatching

>> Prism-Break

>> Sichere WhatsUp-Alternative: Threema

>> Cyberghost

>> TrueCrypt

>> kleine europäische Mailanbieter

>> E-Mailverschlüsselung

Bildschirmfoto 2013-07-09 um 14.39.58

>> eine gute Übersicht über alternative Anbieter

>> Peter Sundes neuste Idee: Heml.is

>> das Projekt Datensparsam.de

>> bei Golem gibt es eine gute Übersicht über Verschlüsselungs-Dienste

NZZ über Ivy

So ist ¬´Ivy¬ª denn auch vor allem ein dicker ¬´shopping guide¬ª , der den Reiz neuer ¬´Eco-Wäsche¬ª ebenso zeigt wie die Möglichkeiten, in grosszügigen Altbauwohnungen den Energieverbrauch zu senken. Mode und Nahrungsmittel nehmen hier viele Seiten ein. Bei den Autoempfehlungen stösst man erwartungsgemäss auf Hybridmodelle fernöstlicher Herkunft, wird aber auch belehrt, dass selbst ein 295 Gramm CO 2 ausstossendes SUV noch ökologisch korrekt sein kann. Man muss nur den richtigen Standpunkt einnehmen.

Die NZZ analysiert das Magazin Ivy (via lohaslifestyle)