Alle Artikel mit dem Schlagwort “krautreporter

Make Journalismus Great Again

Der Journalismus ist kaputt. Dieser Eindruck entsteht jedenfalls, wenn man die Kampagnen von Wikitribune und Republik anschaut, die beide dieser Tage gestartet sind.

Zwei respektable und empfehlenswerte Initiativen – keine Frage. Der Shruggie in mir schulterzuckt jedoch bei der Behauptung, die beide Kampagnen nutzen, um Aufmerksamkeit (und damit Geld) für ihre Projekte zu sammeln. Der Journalismus ist kaputt – ist eine zumindest diskutable Übertreibung. Ich glaube, es ist nicht falsch schulterzuckend zu bemerken: Wer eine Sache schlechter darstellt als sie womöglich ist, um damit seine eigene Lösung zu präsentieren, verfährt nach einem durchaus bekannten Muster: Make Journalismus Great Again.

In Deutschland wurde dieses Muster bereits beim Start der ebenfalls hoch empfehlenswerten Krautreporter diskutiert. Der Onlinejournalismus sei, hieß es damals, kaputt. Es folgte das Versprechen, die Krautreporter würden ihn reparieren. Bei allem Respekt vor dem Werk der Krautreporter: Republik und Wikitribune sind offenbar nicht einverstanden mit dem Reparaturversuch.

Man kann übrigens auch für die Unterstützung herausragenden Journalismus‘ werben, ohne das Kaputt-Narrativ zu bedienen. Der Guardian macht es hier vor

Shut up and take my money

Kennt irgendjemand bei den Krautreportern das auf Futurama basierende Meme „Shut up and take my money“? Know your Meme erklärt in Bezug auf das Bildmotiv und den zugehörigen Satz:

The phrase is often used on web forums and image boards to express a desire to obtain a certain product or invention, or to show approval for a proposed idea.

Im Rahmen der aktuell laufenden Diskussion zu der Frage wie es mit den Krautreportern weitergeht, ist das Meme der einzige Satz, den man den Crowdfundern zurufen will: Es wird seit Tagen über ihr Projekt diskutiert, Stefan Niggemeier erklärt seinen Ausstieg, Menschen erläutern warum sie ihr Abo verlängern oder nicht verlängern werden, es werden Interviews gegeben und Meinungen ausgetauscht. Einzig, das worum es jetzt gehen sollte, passiert nicht: Jedenfalls finde ich keinen Knopf auf der Seite, der mir hilft jetzt sofort das Abo zu verlängern. Und mal unter uns: Wenn es diesen Knopf nicht gibt, dann wird einfach niemand Geld fürs zweite Jahr geben können – völlig unabhängig davon, ob man die Krautreporter nun für relevant hält oder nicht. Sie sind ohne diesen Knopf einfach nur … kaputt!


Mehr zum Thema Krautreporter auch bei Thomas Knüwer, Marcus Schuler und Felix Schwenzel. Zur Frage von Wartezeiten für Bezahlangebote auch hier im Blog.

UDPATE: Der Knopf ist da!

kraut

loading: Correctiv-Mitglieder

An diesem Wochenende ist es ein Jahr her, dass die Krautreporter in Deutschlands bekanntester Crowdfunding-Aktion 15.000 Abonnenten für eine neue Form des Journalismus gewannen. In diesen Tagen geht nun das Recherchebüro Correctiv (das hier schon mal im loading-Newsletter vorgestellt wurde) mit einem Mitglieder-Crowdfunding an den Start: 5000 Mitglieder will Correctiv-Chef David Schraven bis Ende des Jahres gewinnen. Er hat den loading-Fragebogen beantwortet.

Was macht ihr?
Wir sind das erste gemeinnützige Recherchebüro im deutschsprachigen Raum. Wir machen intensive, aufwändige Geschichten, die unsere Gesellschaft betreffen. Und wir bilden aus, damit möglichst viele Menschen, unsere Methoden übernehmen können. Mit dem Crowdfunding wollen wir 5000 Mitglieder gewinnen, die einen finanziellen Schutzwall um uns herum aufbauen, damit unsere Unabhängigkeit langfristig gesichert werden kann.

Warum macht ihr es?
Weil wir an die Vierte Gewalt glauben. Nur durch Aufklärung, Transparenz und Diskussion kann sich die Gesellschaft zum besseren wandeln. Anders gesagt: Noch nie gab es eine große Hungersnot in einem Land mit freier Presse.

Wer soll sich dafür interessieren?
Jeder Mensch, der sich unabhängige Informationen wünscht; dem leidenschaftliche Recherche etwas bedeutet; der an Aufklärung über gesellschaftliche Missstände interessiert ist; Mit anderen Worten, Du sollst Dich dafür interessieren.

Wie geht es weiter? Was sollten mehr Menschen wissen?
Wir werden in nächster Zeit weitere Geschichten veröffentlichen, die zeigen, wie wichtig es ist, unabhängige aufwändige Recherchen zu betreiben. Wir sind nicht auf Scoops, auf Spektakel aus, sondern auf Geschichten, die Wirkung entfalten. Und den Menschen nutzen.

>>>> Hier bei Correctiv! Mitglied werden.

Unter dem Schlagwort loading stelle ich in loser Folge handgemachte bzw. Crowdfunding-Projekte vor, die spannend sind und/oder für eine neue Bezahlkultur stehen. Das mache ich (auch), weil mein aktuelles Buch ebenfalls über Crowdfunding verfügbar gemacht wurde – und ich deshalb einen Ratgeber zum Crowdfunding geschrieben habe, den man auf Kindle, iPhone/iPad und tolino lesen kann. Man kann den loading-Ideen im Blog folgen (hier den RSS-Feed zum Schlagwort „loading“ in den Reader nehmen) oder einen Newsletter mit den Vorschlägen abonnieren:

Wie Journalismus sich verändert (Oktober 2014)

Alles fließt – wer die dieser Tage gestarteten Webauftritte von Wired und Krautreporter anschaut kommt aus der Bewegung gar nicht mehr heraus. Krautreporter ist – nach dem Vorbild angelsächsischer Innovatoren wie i100 vom Independent oder Quartz – zunächst mal ein Schlauch. Kein allgemeinverbindlicher Anfang, keine Abschluss, sondern steter Fluss. Das ist konsequent, modern und flexibel im Layout. Wo früher eine ausführliche Navigation war, stehen heute drei Striche untereinander. Das kennt man von mobilen Ansichten – und genau dafür ist diese reduzierte Form der Navigation gedacht.

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Liquid Design nennt man das, eine Gestaltung, die sich dem Nutzungskontext der Leserinnen und Leser anpasst und je nach Bildschirmgröße skaliert. Und allein wegen dieser flüssigen, steten Bewegung lohnt es sich, Wired und Krautreporter in dieser kleinen Tagebuch-Rubrik festzuhalten, die sich ja eben dieser Bewegung in der Branche widmen will: Denn man vergisst ja wie flink die Digitalisierung durch den Journalismus eilt und nicht nur Gestaltung und Geschäftsmodelle – sondern vor allem auch Gewohnheiten ändert.

Deshalb hält die Oktober-Folge des Journalismus-Tagebuchs kurz inne, blickt auf Deutschlands neue Wochenendzeitung und die damit verbundenen Ausrichtung der Süddeutschen Zeitung (für die ich arbeite) auf Samstag und Sonntag und beobachtet die diese Woche gestarteten Mitglieder-Medien Wired und Krautreporter.

Wer dazu intensiver nachlesen will, was Blogs und Medien melden, sollte (in Bezug auf Krautreporter) Christoph Neuberger, turi2 oder Anne Fromm zuhören – oder bei Christian Jakubetz, Julian Heck oder Karsten Wenzlaff nachlesen. In Sachen Wired sagen Harald Staun, Christian Meier und Andreas Weck ihre Meinung.

Webseiten brauchen Cover!

Ich will mich hier auf die Frage der Übersicht und die Abschaffung der Startseite wie wir sie kennen, konzentrieren. Das alles ist nur konsquent, denn der Innovationsreport der New York Times (über den ich hier mal schrieb), hat durchaus korrekt festgestellt: der Wert der Startseite nimmt ab. Dass diese als Prinzip und Orientierung aber weiterhin einen Wert hat, beweisen Wired und Krautreporter – wenn auch indirekt. Es fehlt auf beiden Seiten an Übersicht – das ist deshalb lustig, weil es auf Krautreporter sogar einen Link namens „Übersicht einblenden“ gibt. Was dann allerdings folgt, ist eine Auflistung nach Autoren und Themen, die eben genau das nicht bringt: Übersicht in Form von Gewichtung.

Wired versucht genau das über „Collections“ zu erreichen. Das ist ebenfalls modern, weil Medium damit arbeitet. Es ist unnötiger Weise englisch (wie die ganze Navigation: Members!?) und bleibt verwirrend. Das ist deshalb merkwürdig, weil Wired ja in hoher Auflage besitzt, was der Website fehlt: Übersicht in Form eines Magazins. Die gedruckte Ausgabe („Collection: „Magazine Articles“) ist in orientierender Weise gerade nicht liquid – sie besitzt in allgemeinverbindlicher Form Anfang und Ende und sie sagt mir: Das hier ist der Redaktion besonders wichtig, deshalb steht es auf dem Cover.

Beides vermisse ich bei Wired (im Netz) und bei Krautreporter. Dabei wäre die Lösung vergleichsweise einfach: Webseiten brauchen Cover! Die Idee einer Magazin-Titelseite darf meiner Meinung nach durchaus Verwendung im Web finden – als Übersichts- aber vor allem als Gewichtungsseite. Ich finde es zu schwierig herauszufinden, was die Redaktionen von Wired und Krautreporter wichtig finden. Mir erschließt sich nicht schnell genug, welche Inhalte sie hervorheben wollen und warum sie sie in dieser Kombination anbieten (Blattmacher). In diesen Metadaten rund um den reinen Inhalt liegt aber ein bedeutsamer Wert für Journalismus der Zukunft. Hier entsteht – wenn man es sehen kann – sowas wie Haltung, Identität und Leserbindung. Und um die geht es Krautreporter wie auch Wired. Man kann sich einloggen und in unterschiedlicher Form teilnehmen (warum eigentlich bei Wired gar nicht kommentieren?), weil beide Seiten erkannt haben, dass in der Bindung zum Leser ein Weg der Zukunft liegen kann.

Ich persönlich bin sehr gespannt, wie sie ihn gehen werden!

„Each of you has played a part in making this movie happen“

Viel Geld bringt auch viel Kritik mit sich. Das Crowdfunding-Projekt, von dem ich heute erzählen will, hat das sehr beispielhaft durchlebt. Es sammelte unfassbar viel Geld ein (*auch von mir) – und es zog unfassbar viel Kritik auf sich. Zwischenzeitlich muss es sich für den Projektstarter angefühlt haben wie ein Pranger, an den er gestellt wurde. Aber er hat es durchgezogen – und es scheint ihm gut damit zu gehen. Ich weiß das, denn wir sind beste Kumpels. Jedenfalls gibt er mir mit jeder neuen Mail, die er mir seit dem Crowdfunding-Erfolg schreibt, genau das Gefühl.

Ich rede von Zach Braff, dem Schauspieler und Regisseur, der ein wenig aussieht wie Buzzfeeds Jonah Peretti und der in Deutschland vor allem als Arzt aus Scrubs bekannt ist. Vor zehn Jahre dreht Braff den Film Garden State – seine letzte große Filmproduktion.

wish_kickstartVor einem Jahr kam er dann auf die Idee, seinen neuen Film „Wish I Was Here“ über das Crowdfundingportal Kickstarter zu finanzieren: Über 3,1 Millionen Dollar kamen so zusammen – und jede Menge Kritik. Muss ein Millionär um Geld betten? war noch die netter Frage, der sich Braff ausgesetzt sah. Er hat sie einmal beantwortet – und sich dann darauf konzentriert, mit seinen Unterstützern zu kommunizieren. Das macht er in einer Art und Intensität, die vielleicht eher amerikanisch ist, sie ist aber in jedem Fall beeindruckend. Die Mails, die alle von ihm persönlich unterzeichnet sind, werden von Grußformeln wie „Lots of Love“ oder „xoxoxoxoxo“ abgeschlossen. Als er den ersten Trailer zu seinem Film verschickte, schrieb er: „I hope you love it as much as I love every one of you“ ans Ende des Textes, den er mit dieser Ankündigung begann:

I have something very special to share with you today. Each one of you, with every pledge you made and every note of encouragement you wrote to me, has played a part in making this movie happen. Since YOU are the reason I made this film, I knew that YOU had to get the very first look at it before anyone else

Letzten Monat bekam ich dann eine Mail, in der mir ein personalisierter Trailer gezeigt wurde. Es ist nur eine kleine Spielerei, dass mein Name in dem Clip auftaucht. Diese Spielerei deute ich aber so: Zach Braff hat sich von der öffentlichen Kritik nicht von seinem Plan abbringen lassen, gemeinsam mit seinen Unterstützern ein großartiges Projekt zu machen. Er hat sich darauf konzentriert, mit seinen Unterstützern zu kommunzieren, hat deren Pledges produziert (mein T-Shirt ist auf dem Postweg) und einen Mitgliederbereich auf der offiziellen Filmwebsite geschaffen, der nun auch für Nicht-Unterstützer geöffnet wird. In dem kurzen Clip erklärt er das so: „Wie Ihr vielleicht wisst, wurde dieser Film möglich, weil 46.000 Leute von überall auf der Welt ihn unterstützt haben. Für sie ist diese Website, auf der wir eine Menge exklusiven Inhalt gezeigt haben. Aber jetzt ist es an der Zeit, Euch offiziell zu begrüßen. Kommt herein. Wir 46.521 haben hier gemeinsam eine Party gefeiert, und es ist an der Zeit, die Türen aufzusperren.

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Ich habe keine Ahnung, wann ich den Film sehen werde (ein Deutschland-Start ist offenbar noch nicht terminiert UPDATE: Der Film kommt am 9. Oktober in die deutschen Kinos), aber ich hatte nie das Gefühl, dass das Geld, das ich für diesen Film ausgegeben habe, verschwendet war. Denn in Wahrheit habe ich nicht den Film unterstützt, ich habe dafür bezahlt, an etwas teilzunehmen, was nicht wiederkommt: Ich war dabei, wie Braff den Film gemacht hat. Und Braff hat mich daran teilnehmen lassen. Das finde ich ziemlich gut. Und ich finde es beispielhaft dafür, wie Crowdfunding kommunziert werden kann.

Warum ich all das erzähle? Weil ich mich sehr freue, dass das Projekt Krautreporter sein Funding-Ziel erreicht hat. Ich wünsche den Krautreportern alles Gute – und eine gute Kommunikation!

Mein Geld, meine Hoffnung für Krautreporter

Menschen, die sich mit Crowdfunding befassen, nennen die Phase, in der das ambinitionierte Projekt Krautreporter gerade steckt, das Tal: die flache Ebene zwischen dem Start-Hype und der Schlussphase, in der jeweils sehr viele Menschen mitmachen. Mir war vorher klar, dass ich genau in diesem Tal meinen Beitrag zu dem Versuch leisten würde, Journalismus neu zu denken. Was mir vorher nicht klar war: wie wenig begeistert ich das tun würde.

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Seit dieser Woche bin ich Mitglied bei den Krautreportern – dass sich dadurch aber nichts in meinem Verhältnis zu dem Projekt geändert hat, zeigt, warum mir Begeisterung fehlt. Ich hatte gedacht, es ginge hier ernsthaft um den Versuch, Journalismus nicht einzig über den Content, sondern über Kontext zu verkaufen. Ich hatte gedacht, hier würde ernst gemacht mit den Möglichkeiten des sozialen Netzes, mit den Dynamiken, die entstehen wenn viele das Gleiche wollen – auch abseits der bekannten Bühnen. Aber Viralität und soziale Dynamik werden von dem Projekt nicht gefördert. Krautreporter funktioniert – trotz gegenteiliger Bekundungen – derzeit noch immer in alter Prägung. Ich schreibe noch, weil ich hoffe, dass es sich zu einem tatsächlichen Experiment des Neuen wandeln könnte:

Hört auf, auf Online-Journalismus zu schimpfen und fangt an, den wirklichen Wert zu erkennen, den Krautreporter gerade hat: seine Leserinnen und Leser. Fast 6000 Leute haben dem Projekt Geld gegeben. Das ist erstaunlich großartig. Das sind fast 6000 Leute, die eine Rolle spielen (wollen). Das tun sie aber nicht. Sie tauchen auf der Seite nicht auf, ihr Interesse wird nicht genutzt. Sie werden lediglich als Multiplikatoren angesprochen, nicht als Teilnehmer.

Hört auf, auf Fernseh-Erwähnungen zu schauen und dämliche Aktivierungsaktionen für einige wenige anzuzetteln. Statt Facebook-Fans zu beschimpfen, die kein Geld geben, sollte ihr euch mit denen freuen, die mitmachen. Bindet sie ein, macht sie zu wirklichen Mitgliedern. Diskutiert mit ihnen, fragt bei ihnen nach und zeigt den Menschen, die noch nicht Mitglied sind, was ihnen entgeht.

Es klingt so blöd, aber fast will ich den Krautreporter zurufen: Macht endlich Crowdfunding und hört auf, einfach nur Geld einzusammeln!

>>> Hier kann man das Projekt unterstützen!

Mehr zur Debatte rund um Krautreporter bei Michalis Pantelouris, Thomas Knüwer, Daniel Fiene, Das Nuf – und natürlich auch hier und hier.

Wer will das?

Es ist ein Nebensatz in einer in Klammern gestellten Zusatzbemerkung: „Wer will das?“ fragt Stefan Winterbauer in seinem Meedia-Wochenrückblick, in dem er „reichlich ominöse Benefits“ des vergangenen Woche gestarteten Krautreporter-Experiments beschreibt.

„Wer will das?“ ist gleichzeitig der Hauptsatz der Crowdfunding-Kampagne für das werbefreie Webmagazin Krautreporter – es ist womöglich die zentrale Frage der digitalen Entwicklung schlechthin: Wer will das? fragt nach Aufmerksamkeit. Wer will das? fragt nach Öffentlichkeit und Reichweite. Wer will das? könnte sich jeder fragen, der heute Inhalte veröffentlicht – es eröffnet den Blick auf den Rezipienten, der vom Leser zum Nutzer und zum zentralen neuen Faktor in digitalen Räumen wurde. Denn Wer will das? braucht heute keine Massen-Antwort mehr, digitale Angebote können über den kleinsten gemeinsamen Nenner hinausgehen und auch mit der Antwort „ein paar Leute“ funktionieren, wenn die dann mehr zahlen als der Durchschnitt – Nicholas Lovell hat das sehr lesenswert beschrieben.

Die Frage ist in dem Text, auf den ich heute über das Blog von Stefan Niggemeier verwiesen wurde, allerdings nicht so gemeint. Die Konnotation ist eher mit der „Geht’s noch?“-Frage vergleichbar, die Volker Schütz vergangene Woche auf Horizont stellte: „Bezahlen, um Texte kommentieren zu dürfen? Ja geht’s noch?“ schrieb er da über Krautreporter. Wobei auch diese Frage gar nicht so falsch formuliert ist: „Geht das?“ fragen die Krautreporter – weil sie auf Basis der digitalen Entwicklungen experimentieren.

Sie kommen zwar nicht ganz so zentral aus dem Herzen des Internet wie Frank Schirrmacher in seinem falsch auf der Krautreporter-Startseite verlinkten Interview behauptet, sie nehmen aber Ernst, was dem Internet zugrunde liegt: die digitale Kopie. Inhalte sind im Netz identisch duplizierbar. Inhalte nutzen sich nicht ab, sie werden nicht weniger, wenn andere sie auch lesen. Inhalte sind im Netz wie Musik, die aus dem Zimmer des Nachbarhauses klingt, wie Überschriften, die man im Vorbeigehen am Zeitungskiosk klaut mitliest oder Erfrischung, die vom Ventilator des Bürokollegen ausgeht (siehe dazu Beispiele von David Weinberger, die in einer Debatte aus dem Jahr 2010 schon stimmten) Anders formuliert: Es sind nicht die Inhalte, für die die Krautreporter bezahlt werden. Sonst hätten sie davon auch welche gezeigt. Das Modell der Krautreporter ist deshalb so spannend, weil hier Teilhabe zum Geschäftsmodell wird – wie David Denk es am Wochenende in der SZ formulierte.

„Paid Content ohne Paywall“ nennt Stefan Niggemeier das – was ich allerdings für halb falsch halte. Denn Content wird hier gar nicht bezahlt. Was hier bezahlt wird, ist Kontext. Es ist das Dabeisein. Es ist etwas, was man zur Frühphase von Web 2.0 vielleicht Community genannt hat, was in der Kampagne aber noch viel zu wenig betont wird. „Ich habe“, schreibt Stefan Niggemeier,

… das gute Gefühl, mit dazu beigetragen zu haben, dass es diese Seite gibt. Das ist ein schöner und nicht zu vernachlässigender Bonus-Wert, außer den Inhalten selbst natürlich. Ich bin Teil einer Gemeinschaft.

Er schreibt das in Bezug auf Andrew Sullivans Daily Dish und es zeigt meiner Meinung nach, wo die Chance für Krautreporter liegt, das sehr hoch gesteckte Ziel doch zu erreichen: Sie müssen Stefan Winterbauers Frage ernst nehmen und beantworten: Wer will das? Bisher sieht man die Antwort nicht auf der Startseite. Dabei wäre sie wichtig. Wichtiger als die bloße Zahl (aktuell 4462), denn wie soll ein (mögliches) Krautreporter-Mitglied das Gefühl bekommen, Teil einer Gemeinschaft zu werden, wenn er und sie diese gar nicht sieht?

Wer will das? ist meiner Meinung nach die zentrale Frage für Crowdfunding-Projekte. Die Antwort kann „dieser gute Freund“ lauten und mehr bewirken als klassische Testimonial-Werbung. Denn wer ein Testimonial ist, hängt in einer Welt, in der sich der Prominenz-Begriff verschiebt, vielleicht eher vom Rezipienten ab als vom Sender. Ein Facebook-Freund, eine mittelbekannte Bloggerin, ein gern gehörte Podcaster – das sind die besten Testimonials, die Krautreporter haben kann. Und das Tolle daran ist: Krautreporter muss sie gar nicht bezahlen, denn sie zahlen ja im Gegenteil Krautreporter. Man kann es nur bisher nicht sehen.

Krautreporter und der „Almost Famous“-Moment

William Miller ist 15 Jahre alt, er muss die Stimme verstellen als der Rolling Stone ihn anruft. Die Szene stammt aus dem Film „Almost famous“ und sie beschreibt wie Popularität in der Welt vor dem Netz funktionierte. Cameron Crowes Film aus dem Jahr 2000 erzählt die Geschichte von Pop und Journalismus im vergangenen Jahrhundert.

Im aktuellen, dem digitaleren Jahrhundert würde ein Filmemacher den jungen William natürlich nicht am Telefon zeigen. Die Popstars der Gegenwart sitzen vor Computerbildschirmen und beobachten, wie Werte hochgezählt werden: Reichweite, Zugriffe, Bestellungen – die Werte wachsend minütlich.


Genau einen solchen „Almost Famous“-Moment erleben die Macher der heute gestarteten Plattform Krautreporter gerade. Während ich das hier schreibe, haben sie mit ihrem Angebot die Grenze von 100.000-Euro überschritten. 1667 Unterstützer haben für ihre Idee eines werbefreien Webmagazins durchschnittlich 60 Euro vorausgezahlt. Das ist beeindruckend! Und ich an ihrer Stelle würde spästestens jetzt so ein Gesicht machen wie William Miller in Almost Famous.

kraut

Neun der kommenden dreißig Tage müssten so laufen wie der heutige 13. Mai – an dem das Projekt von Der Zeit und Der Welt, über die taz und Netzpolitik bis zum Standard verlinkt war und die Timelines zahlreicher Was-mit-Medien-Menschen dominierte. 900.000 Euro rufen die Macher auf – ohne genau zu sagen wofür sie das Geld im Detail ausgeben werden. Das macht den Start doppelt beeindruckend. Denn in Wahrheit gibt die Seite (bisher) auch keine sonderlich konkrete Antwort auf die Frage, was sie mit dem Geld dann machen wollen. Umso genauer sagen sie, was sie nicht machen wollen: das, was die anderen machen. Sie halten gar den ganzen Online-Journalismus für kaputt.

Ich kann mir viele Kontexte vorstellen, in denen ein solcher Satz für großen Protest gesorgt hätte. Dass die Krautreporter („aus den besten Redaktionen Deutschlands“) so etwas pauschal behaupten können, ohne dass sie auf die zahlreichen bemerkenswerten Projekte des Online-Journalismus hingewiesen werden (schaut euch mal den diesjährigen Springer-Preis-Gewinner an), zeigt dass sie – völlig zurecht – auf eine hohe Reputation bauen können.

Es sind (Disclosure: ich habe mich persönlich davon überzeugt) großartige Leute in dem Team, das hier mit hohen Ambitionen und großem Pathos ans Werk geht. Allein weil ich spätestens seit Andrew Sullivan denke, dass das jemand in Deutschland probieren sollte, hoffe ich, dass sie sich nicht übernehmen – mit Pathos und Ambition. Ich wünsche dem Projekt, dass es nicht Almost Famous bleibt und bin gespannt auf das, was noch kommen kann und wird – in Sachen Inhalt und Konkretisierung, aber auch in Sachen Transparenz. Dass lediglich die letzten 60 Unterstützer anzeigt werden, finde ich merkwürdig – denn einer der besondere Momente beim Crowdfunding ist doch nachzuschauen: Wer ist noch dabei?

Mehr zum Krautreporter-Start bei Stefan Niggemeier, don alphonso, Lorenz Matzat und in einem Text, in dem Karsten Wenzlaff mich (glaube ich) eine Rampensau nennt.

loading: Looking Into Black Boxes

Für das Projekt „Looking Into Black Boxes“ will Reporterin Fiona die schwarzen Kisten der Computerisierung öffnen. So steht es auf der Krautreporter-Seite, die Dirk Herzog eingerichtet hat. Er schreibt über das Ziel der „neuen Webvideo-Reportagereihe über die Computerisierung unseres Alltags“: „Wir wollen herausfinden wie Maschinen und Programme unsere Gesellschaft und unser Zusammenleben schon jetzt verändert haben.“

Ich habe Dirk Herzog den loading-Fragebogen geschickt.

Was macht du?
Gemeinsam mit Jan Rödger betreibe ich die Filmproduktion 6sept13 und arbeite als Dokumentarfilmer. Bei den Recherchen zu einem Dokfilm über Alghorithmen und Gesellschaft habe ich Fiona, die auch den Podcast n00bcore.de betreibt getroffen. Wir haben festgestellt, dass es für uns viele thematische Überschneidungen gibt und starteten dann recht schnell das Projekt Looking Into Black Boxes.

Warum machst du es (so)?
Zuerst liegt uns das Thema am Herzen. Wir sind selbst neugierig wohin uns die Videos bringen werden. Darüber hinaus glauben wir, dass es eine gewisse Dringlichkeit gibt, das Zusammenspiel von Computer und Gesellschaft besser zu verstehen und das Thema für möglichst viele verständlich aufzuarbeiten. Es klafft da eine große Lücke zwischen den Entscheidungen, die Experten treffen und denen, die es dann betrifft.
Crowdfunding war für uns ein schnelles Werkzeug zwei Dinge gleichzeitig zu tun: Zum einen heraus zu finden, wie groß das Interesse an so einem Format ist (und nach der großen Resonanz der ersten Tage können wir sagen: Ja, es gibt großen Bedarf). Zum andern können wir so eine Basisfinanzierung für den Start des Projekts auf die Beine stellen. Und zwar ohne die teils langwierigen Antragswege, wie man sie im Kulturbereich kennt und ohne Einschränkungen, die manch ein einzelner Geldgeber vielleicht durchsetzen könnte. So sind wir sofort und direkt unserm Publikum verpflichtet und das ist klasse.

Wer soll das anschauen?
Unser Projekt ist für Leute, die mit uns die Ahnung teilen, dass das Leben mit Computern unser Zusammenleben komplett verändert. Und zwar nicht in ferner Zukunft, sondern gerade jetzt. Die Videos sind gedacht für Leute, die mehr darüber wissen wollen, wo und wie diese Veränderungen stattfinden. Um dann besser entscheiden zu können, wie man mit diesen Veränderungen umgehen will.

Wie geht es weiter?
Stichtag der Kampagne ist der 11.05. Wir hoffen bis dahin noch viel viel mehr Leute zu erreichen, auch über den Kreis der Überzeugten und Netzaffinen hinaus (von denen wir dankenswerterweise schon enorme Unterstützung erhalten haben) In der Zuversicht, dass das Crowdfunding den Start der ersten Videos ermöglicht, glauben wir das „Looking Into Black Boxes“ ein längerfristiges Projekt, dann vielleicht auch mit Partnern, werden wird. Den Youtubekanal auf dem die Videos laufen werden, gibts auf jeden Fall und kann hier auch schon abonniert werden.

Was sollten mehr Menschen wissen?
Man sollte sich mehr bewusst darüber sein, dass Rechner und ihre Daten erstmal weder gut noch böse sind, und auch nicht einfach mal so helfen oder schaden. Sondern dass es in der Regel immer noch Menschen sind die entscheiden, wie und wo Computer genutzt werden. Wie das in Zukunft sein wird, liegt wohl auch an Entscheidungen, die wir jetzt alle treffen.

>>>> „Looking Into Black Boxes“ hier auf Krautreporter unterstützen!

Unter dem Schlagwort loading stelle ich in loser Folge handgemachte bzw. Crowdfunding-Projekte vor, die spannend sind und/oder für eine neue Bezahlkultur stehen. Das mache ich (auch), weil mein aktuelles Buch ebenfalls über Crowdfunding verfügbar gemacht wurde. Man kann den loading-Ideen im Blog folgen (hier den RSS-Feed zum Schlagwort „loading“ in den Reader nehmen) oder einen Newsletter mit den Vorschlägen abonnieren:



loading: Universalcode 2

Vor drei Jahren begann Christian Jakubetz damit ein Journalismus-Lehrbuch für das digitale Zeitalter zu erstellen: Universalcode (an dem ich auch mitschrieb) erschien und erlangte gleich große Aufmerksamkeit. Jetzt plant Christian (mit dem ich persönlich bekannt bin) eine Fortsetzung: Universalcode 2 soll mittels Crowdfunding finanziert werden.

Als ich Christian den loading-Fragebogen schickte, bekam ich nicht nur seine Antworten zurück, sondern auch die Frage, ob ich bei Universalcode 2 als Autor dabei sein wolle. Ich sagte zu – genau wie der SZ-Kollege Stefan Plöchinger, Krautreporter-Gründer Sebastian Esser (hier ein Interview mit ihm lesen) und Marco Maas.

Was machst Du?
Die Fortsetzung des Buchprojekts „Universalcode“. Im ersten Teil haben wir mit insgesamt 18 Autoren ein Handbuch gemacht, wie man digitalen Journalismus aus handwerklicher Sicht macht. Das neue Projekt heißt „Universalcode2 – wie wir wurden, was wir sind“. Dort soll es um die Entwicklung der Medien aus grauen Analogzeiten bis heute gehen. Und
natürlich um die Zukunft: Wie geht es weiter und welche Chancen haben Medien und Kommunikation? Grundtenor: Wir möchten gerne Lösungen anbieten, lamentieren gilt nicht.
Zwischendrin möchte ich die Entstehung des Buchs immer wieder in meinem Blog, aber diesmal auch mit sehr vielen Videos dokumentieren. Mal schauen, vielleicht kann man die am Ende auch zu einem längeren Stück zusammenschneiden.
Zur Start-Finanzierung des Buchs gibt es jetzt ein Crowdfunding-Projekt bei „Krautreporter“.

Warum machst du es (so)?
Es gab schon beim ersten „Universalcode“ ein Prinzip, das sich sehr bewährt hat: Ein Buch aus der Community für die Community. Nicht nur wegen der Finanzierung. Sondern auch inhaltlich: Ich glaube, dass der erste „Universalcode“ völlig anders ausgesehen hätte, wenn wir nicht so viel Input von außen gehabt hätten. Das hat das Buch sicher besser gemacht. Ich glaube fest daran, dass das diesmal auch wieder so sein kann.
Bei der Finanzierung geht es mir vor allem darum, dass wir weitgehend autark und unabhängig von den Vorgaben eines Verlags arbeiten können. Und wer weiß, wie viel Zeit und Arbeit hinter einem solchen Projekt stecken und wie viel Geld man schon vorher investiert, der hat sicher auch eine Ahnung, dass unser Zielbetrag von 5000 Euro wirklich nicht
mehr ist als eine erste Projektbasis.
Trotz alledem: Ich kann mir keinen besseren Weg – und auch keinen anderen mehr – als diesen vorstellen, wenn es um das Verfassen solcher Bücher geht.

Wer soll das lesen?
Am besten alle, die mit Journalismus, Medien und Kommunikation zu tun haben. Ich glaube, dass es ein Buch mit dieser Ausrichtung über Medien nicht gab und vermutlich so schnell auch nicht geben wird. So. Das war jetzt das komplette Maß an Größenwahn, zu dem ich fähig bin.

Wie geht es weiter?
Erstmal den 18.4. abwarten. Dann endet das Crowdfunding-Projekt. Wenn „Universalcode2“ dort krachend scheitern sollte, dann kann man wohl davon ausgehen, dass das Interesse an diesem Buch doch nicht so groß
ist wie ich dachte. Was ja auch eine Erkenntnis ist. Falls das Crowdfunding klappt, dann geht es umgehend ans Schreiben. Ich hoffe, dass das Buch dann bis Ende 2014 fertig ist. Wer jemals ein Buch gemacht hat, weiß allerdings, dass bei solchen Terminen immer der Wunsch der Vater des Gedankens ist.

Was sollten mehr Menschen wissen?
Dass Journalismus alles mögliche ist. Nur nicht tot.

>>>> Hier Universalcode 2 bei Krautreporter unterstützen

Unter dem Schlagwort loading stelle ich in loser Folge handgemachte bzw. Crowdfunding-Projekte vor, die spannend sind und/oder für eine neue Bezahlkultur stehen. Das mache ich (auch), weil mein aktuelles Buch ebenfalls über Crowdfunding verfügbar gemacht wurde. Man kann den loading-Ideen im Blog folgen (hier den RSS-Feed zum Schlagwort „loading“ in den Reader nehmen) oder einen Newsletter mit den Vorschlägen abonnieren: