Wir über uns

Wenn sich der Journalismus – wie Seymour Hersh sagt – grundlegend verändert, wenn Journalisten – wie Alfred Hermida fordert – darauf mit mit einem „fundamental shift in the mindsets of journalists“ reagieren sollen, dann (so dachte ich mir als ich die neugestaltete Netzeitung sah) muss sich davon doch auch was auf den großen deutschen Nachrichtenseiten finden lassen. Ein Test in Sachen „Dialogbereitschaft“.

Journalismus – so hört man überall – wird im Netz zu einer dialogischen Kommunikationsform. Nicht mehr allein der Journalist redet/schreibt/sendet, sein Zuschauer kann reagieren; antworten, kommentieren, selber schreiben. Es entsteht ein Dialog. Damit das aber gelingen kann, muss man wissen, mit wem man reden soll. Der Autor bzw. die Redaktion muss sich irgendwo vorstellen.

Wie gehen deutsche Nachrichtenportale damit um? Gibt es „Wir über uns“-Seiten, auf denen der Leser die Redaktionen kennen lernen kann? Nutzen deutsche Online-Redakteure Profilseiten, um als Ansprechpartner für ihre Leser zur Verfügung zu stehen? Oder um ihre Texte zu bündeln oder ein Gästebuch anzubieten? Die Stichprobe zeigt: Die Bereitschaft zum Dialog ist in deutschen Online-Redaktion nicht besonders ausgeprägt.

taz.de

https://www.taz.de/6/kontakt/

Aus dem Impressum wird man auf ein E-Mail Formular („Wir freuen uns über Ihr Interesse“) verwiesen. In der Empfänger-Auswahl kann man aber keine Personen, sondern Bereiche (Praktikumsanfrage, Pressemitteilung) auswählen.

Im Bereich Über uns lernt man: „Was als linkes, lautes Projekt am 17. April 1979 begann, ist mittlerweile eine unabhängige Qualitätszeitung und Institution der deutschen Presselandschaft“ – und noch jede Menge mehr über das Finanzierungsmodell des Verlags. Man kann sogar – auf einer fremden Seite – einen virtuellen Rundgang durchs Verlagsgebäude unternehmen. Im Bereich Personen erfährt man: „250 Menschen machen die taz – hier eine kleine Auswahl“. Darunter werden 16 schwarz-weiß Porträts gezeigt, die auf Kurzbiografien ausgewählter Mitarbeiter verweisen. Mail-Adressen, Telefonnummer oder ein Gästebuch findet man nicht.

Netzeitung

Telefon-, Faxnummer, Mailadresse und sogar Geburtsdatum erfährt man von den Mitarbeitern der Netzeitung, die auf der Übersichtsseite Mitarbeiter „Infos“ zur Verfügung stellen – so wie die Mitarbeiterin mit der Nummer „390643.html“, das ist die Chefin Domenika Ahlrichs. Diese Infos samt Kurzlebenslauf gibt es aber nicht von allen Mitarbeitern, einige geben lediglich Rufnummer und Mail-Adresse preis. Da, wo man mehr erfährt, sind diese Seiten statisch und verweisen nicht auf alle Texte der jeweiligen Autoren.

zeit.de

Im Impressum finden sich keine Mail-Adressen oder Telefon-Nummern. Auch der Über uns genannte Bereich der Selbstvorstellung verweist lediglich auf eine Kontaktbox, deren Empfänger Ressorts und keine Menschen sind.

http://www.zeit.de/impressum/index#kontakt

Im Bereich Blogs werden Autoren vorgestellt – allerdings ohne weitere Bindung in die Site, z.B. in den Bereich „Kommentare“. Dort gibt es einen Nutzer „redaktion„, über den sich aber nicht mehr in Erfahrung bringen lässt.

Etwas Dialog gibt es übrigens im Meckerblog, dort spricht ein nicht weiter vorgestellter „Onkel Brumm“ mit der Redaktion – und nicht immer nur nett. Merkwürdig, dass genau das öffentlich gemacht wird. Mail-Adressen oder Telefon-Nummern der Redaktion habe ich hingegen nicht gefunden.

welt.de

http://www.welt.de/impressum/article696880/Redaktion_Welt_Online.html

Es gibt eine Übersichts-Seite namens Redaktion, die alle Mitarbeiter nach Ressorts auflistet und mit einer Kurzvorstellung verlinkt. An deren Ende – wie hier bei Nachrichten-Redakteurin Antonia Beckermann – gibt es einen Verweis auf die E-Mail-Adresse. Auch ihr Kürzel wird angegeben, eine Übersicht aller Texte der Person gibt es nicht.

faz.net

Die Redaktion stellt sich vor heißt die Seite, die dem Angebot von welt.de ähnelt. Die Aufbereitung ist allerdings lediglich alphabetisch, was unübersichtlicher ist als die Sortierung nach Ressorts. Es gibt keine Kontakt-Adressen oder Gästebücher. Die Vorstellungen sind – wie bei der Welt – statisch.

stern.de

Die Namen der Mitarbeiter sind im Impressum von stern.de rotmarkiert, also verlinkt – und zwar auf ein Kontaktformular, über das man ihnen Nachrichten zukommen lassen kann.

spiegel.de

Schlicht und einfach das Impressum nutzt Spiegel-Online um seine Redaktion vorzustellen. Dabei gibt es zu jedem Mitarbeiter ein Pop-Up, in dem Werdegang und E-Mailadresse bekannt gegeben werden. Verweise zu Texten, die von der jeweiligen Person stammen, gibt es nicht.

FR-Online

http://www.fr-online.de/kontakt/#Redaktionen

Die Kontakt-Übersichtsseite der Frankfurter Rundschau erinnert an eine Behörde, die nicht sonderlich an Dialog interessiert ist. Es sind Ressort-Adressen angegeben, Menschen tauchen nicht auf.

Im Wir über uns genannten Bereich wird man in die Geschichte der Zeitung eingeführt, lernt Karl Gerold kennen („fast 30 Jahre das Gesicht der Frankfurter Rundschau“) und bekommt eine Lektion in Sachen Zeitungsdruck (dazu gibt es eine kostenfreie Lesesoftware).

Bei der Lektüre der Zeitung hatte man auf der Leserbrief-Seite mal einen Leserredakteur entdeckt. Das fand man gut. Da der auf der Startseite aber nicht verlinkt ist (habs jedenfalls nicht gefunden), muss man eine Weile suchen bis man Bronski im Bereich Multimedia findet. Sein Blog läuft außerhalb des Angebots der FR unter der URL frblog.de und veröffentlicht „eine Auswahl der Meinungen von Leserinnen und Lesern, wie sie die FR täglich als Leserbriefe erreichen. Sie alle sind herzlich eingeladen, möglichst lebhaft zum Thema zu diskutieren. Wenn Sie Anregungen an mich haben, lassen Sie mich dies bitte wissen. Schreiben Sie per Mail an bronski{at}fr-online{punkt}de.“ Mehr über Bronski oder anderen Autoren finde ich jedoch nicht.

Eine Anmerkungen in dem Zusammenhang noch zu den weiteren Blogs der FR. Die laufen alle außerhalb des Angebots der FR und wirken wie bewusst aussortierte Fremdkörper.

DerWesten.de

http://www.derwesten.de/nachrichten/impressum.html

Das Impressum ist eher schlicht gehalten. Keine Verweise auf Mitarbeiter oder gar deren Profile. Bei den einzelnen Zeitungen, die DerWesten online bündet, gibt es jeweils ein „Wir über uns“, das aber sowohl bei der WAZ, der Westfalen Post und der NRZ werden lediglich Bilder der Chefredakteure gezeigt. Mitarbeiter werden nicht vorgestellt.

Wer die Blogs bei DerWesten liest, gelangt über die Autoren in die so genannte Community. Hier haben einige Mitarbeiter ein Profil – so wie die Chefin unter derwesten.de/community/Katharina.Borchert/, die dort aber derzeit vor allem verbreitet, dass über sie „schon viel zu viel geschrieben“ wurde. Einen Verweis auf weitere Online-Redakteure finde ich nicht.

Immerhin gab es zum Start im vergangenen Herbst eine Bildergalerie unter dem Titel „DerWesten stellt sich vor“.

Disclosure: Ich arbeite in der Redaktion von jetzt.de und als Kolumnen-Autor (Die Regeln des Web) für sueddeutsche.de, wo das Impressum übrigens vergleichbar zu Spiegel-Online genutzt wird.

7 Kommentare

  1. Pingback: medienlese.com » Blog Archiv » 6 vor 9

  2. md

    Du meinst Disclosure, nicht Disclaimer, wenn du das mal nachschlagen willst.

    Und warum du sueddeutsche.de angesichts deiner Mitarbeit dort nicht in deinen zahmen Rundblick aufnimmst, bleibt ein Geheimnis. Das ist wohl zu heiß, was.

  3. So wahnsinnig erstaunt mich die Rundschau allerdings auch wieder nicht. Ich denke, es muss auch nicht zwingend die E-Mail jedes Redaktors im Netz stehen. Ich vermute jedoch vor allem aus Spamschutzgründen: Weniger von Seiten der Leser, sondern eher vor unerwünschten PR-Hanseln.

  4. Pingback: Vetternwirtschaft und skinny jeans machen Guardian-Leser aggressiv « Zeug

  5. Pingback: Digitale Notizen » Blog Archive » Zuschauerdialog im Bayerischen Rundfunk

  6. Pingback: Digitale Notizen » Blog Archive » Die neue Zeit

Kommentare sind geschlossen.