Sicherheitshalber: Angst!

Die Oktober-Folge meines Newsletter Digitale Notizen befasst sich mit öffentlicher Angst und dem Umgang damit. Neben diesem Text dreht sich auch der Text „Wer macht öffentliche Angst?“ um dieses zentrale Gefühl der Gegenwart.


Es gibt Dinge die werden mehr, wenn man sie teilt. Der ganze Zauber dessen, was wir Digitalisierung nennen, beruht auf diesem Prinzip: mithilfe der digitalen Kopie können wir Inhalte hier behalten und gleichzeitig dort haben. Aber nicht nur das digitale Kopieren kann auf diese Weise zur Ausbreitung dienen, auch wichtige menschliche Emotionen lassen sich so teilen – und vermehren.

Vertrauen wächst, wenn man es schenkt. Das klingt paradox und ist doch eine Grundlage menschlichen Zusammenlebens.

Was passiert, wenn dieses Prinzip der emotionalen Multiplikation auf digitales Kopieren trifft, kann man aktuell am Beispiel der Angst besonders gut sehen. Je nach sozialer Gruppe ändert sich der Inhalt der Sorge, aber das zugrundeliegende Prinzip ist sehr ähnlich: Menschen sorgen sich öffentlich vor den Folgen von Zuwanderung, jugendlicher Social Media Nutzung oder KI-Agenten – und stets greift das Prinzip der emotionalen Vermehrung: Angst steckt an.

Dies gilt besonders wenn viele andere Menschen sich um dich herum sorgen. Medial verstärkt wird der Effekt zudem durch Fachexpertise: Menschen, die als Insider bezeichnet werden können, weil sie im System gearbeitet haben oder solche, die zu einem Thema forschen, können mit ihren Einschätzung als Angst-Multiplikatoren dienen. Dieses Prinzip gilt unabhängig von der tatsächlichen Bedrohungslage und lässt sich als öffentlichkeitswirksam Strategie auf zahlreiche Themen anwenden. Im Frühjahr war die Sorge vor Social Media besonders präsent. Seit ein paar Wochen diskutiert die weltweite Öffentlichkeit die Gefahren, die von unkontrollierten KI-Anwendungen ausgehen können. Cal Newport hat dafür in diesem Sommer den Begriff „Doom Trolling“ erfunden: 

So wie eine Katze, die einen toten Vogel vor Ihrer Haustür ablegt, listet Anthropic die düstere Zukunft auf, die seine Produkte möglicherweise herbeiführen könnten, zuckt mit den Schultern und widmet sich dann wieder mit aller Kraft der Aufgabe, diese Warnungen Wirklichkeit werden zu lassen (…) Nennen wir diese Strategie „Doom-Trolling“. Sie ist eines der prägendsten und auffälligsten Merkmale unserer aktuellen KI-Ära, und ich bin zu der Überzeugung gelangt, dass sie moralisch nicht zu rechtfertigen ist.

Die Diskussion hat sich seitdem auf eine erstaunliche Zwischenebene verlagert: dass die großen KI Firmen Marketing betreiben, wird nicht mehr infrage gestellt. Das hindert angstvolle Menschen aber nicht daran, dennoch in Sorge zu verfallen. Dass die Zukunft offen und unbestimmt ist, wird hier auf ironische Weise zu Bestätigung für die allgemeine Sorge gemacht: Sicherheitshalber mal Angst haben!

Die Debatte um KI im Speziellen will ich hier gar nicht führen (Mistral-Chef Arthur Mensch hat dazu einen ganz guten Take: Es geht um die Abwehr von Open-Source-Modellen), mich interessiert auf einer abstrakten Ebene die Frage: Woher kommt diese Begeisterung fürs öffentliche Sorgen machen? 

Es geht bei dem öffentlichen Sorgen-Machen ja eben nicht nur um KI Agenten. Das Prinzip ist genauso im Umgang mit Social Media zu beobachten gewesen. Mögliche Zukunftsszenarien werden so schrecklich ausgemalt, dass man gar nicht mehr anders kann als Angst davor zu haben, dass die Sucht erzeugenden Algorithmen der dunklen KI- und Big Tech Firmen im Silicon Valley sofort alle Kinder und Jugendlichen hinweg raffen… 

Eine Antwort habe ich in dem Buch „Die Kunst, sich zu verlieren, ein Wegweiser“ von Rebecca Solnit gefunden. Sie nähert sich darin in Essays dem Umgang mit dem Ungewissen an und dem, was verloren geht. Im Essay “Die blaue Ferne” widmet sie sich am Beispiel von Karten dem Umgang mit dem Unbekannten. Sie schreibt: “Sich vorzustellen, dass man etwas weiß, das Unbekannten mit Projektionen zu bevölkern ist etwas ganz anderes als zu wissen, dass man etwas nicht weiß.”

Ich finde das einen interessanten Blick auf den Umgang mit Folgen neuer Technologien, die uns ja auch stets mit dem Unbekannten konfrontieren. Die Angst wiederum ist eine Form der Projektion, die so Solnit weiter, einen erstaunlichen Nebeneffekt hat:

“Hält jemand eine Verabredung nicht ein, erzählen die auf ihn Wartenden manchmal Geschichten darüber, was wohl passiert sein mag, und glauben dann irgendwann auch schon fast an die Trennung, die Entführung, den Unfall. Sich Sorgen zu machen ist eine Möglichkeit, so zu tun, als wüsste man irgendetwas oder hätte irgendetwas unter Kontrolle, obwohl dem überhaupt nicht so ist – und es überrascht mich, sogar bei mir selbst, wie sehr wir hässliche Szenarien dem reinen Unbekannten vorziehen.”

Heisst das, dass man keine Angst haben muss? Auf keinen Fall. Du musst Angst haben – wenn du mit der Aussicht auf das Unbekannte nicht klar kommst. Wenn aber alle das Unwissen mit einem hässlichen Szenario füllen, dann wirkt es plötzlich optimistisch und naiv darauf hinzuweisen, dass die Zukunft offen ist und unkontrolliert.

Ich habe in zahlreichen Gesprächen mit meist alten, vermeintlich senioren Männer gelernt, dass öffentlich zur Schau gestellte Vorsicht (“Ich bin skeptisch”) als abgeklärt und vorausschauend gilt. Auf dieser Basis kann Doom Trolling verfangen und wachsen. Das einzige Mittel, das ich dagegen sehe: die vermeintlich naive Entscheidung zum Optimismus.

Mehr zum Thema Angst & Aufmerksamkeit hier im Blog:


Dieser Text ist Teil meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, der immer zum Ende eines Monats erscheint. Hier kannst du ihn kostenlos abonnieren.