Das Nieman Journalism Lab widmet sich in einem interessanten Artikel der Facebook-Strategie des National Public Radio (NPR) in den USA. Deren Fanpage bringt es auf 1,4 Millionen Anhänger, über die der NPR-Verantwortliche Andy Carvin auf einer Veranstaltung bei Facebook in Palo Alto gesprochen hat. Vermutlich liegt es auch an dem gewählten Ort, dass Carvin sehr positiv über Facebook und die NPR-Community dort spricht. So lobt er zum Beispiel (wie es auch Katharina Rathert im Interview hier getan hatte) die höhere Qualität der Facebook-Kommentare im Vergleich zur eigenen Website. Er berichtet, wie NPR Umfragen über Facebook beginnt, wie Nutzer dort in den Dialog treten und nach welchen Kriterien er NPR-Meldungen auf Facebook postet. Sie müssen nämlich die folgende Testfrage positiv überstehen:
“Will our friends want to talk about this?”
Spannend ist der Bericht aber vor allem, weil er einen Einblick in die unterschiedlichen Vorstellungswelten des Web gibt. Die NPR-Homepage, berichtet Carvin, sei für viele Hörer und Nutzer, in erster Linie eine Nachrichtenquelle. Facebook hingegen nehmen sie vielmehr als Raum, als Austauschort wahr, wo sie ihre Meinung sagen und mit Freunden sprechen. Da sei weniger kontrovers als die z.T. politischen Debatten auf der eigenen Website (und in den Blogs dort).
But Carvin also emphasized the importance of audience expectations. “They still see our site as mainly dedicated to consuming news,” he said. Facebook, on the other hand, is a web venue in which people are used to chatting with their family and friends. The result, Carvin said, is that conversations on NPR’s Facebook page can become surprisingly intimate. A story about stillborn children, for instance, attracted comments from “dozens and dozens” of families who talked about their own experiences. “That didn’t happen on our site,” Carvin said.
Ich finde das eine spannende Beobachtung. Medien (wie NPR oder stern.de) lagern ihre Debatten aus in den sozialen Raum Facebook – in der Hoffnung, dadurch qualitativ hochwertigere Kommentare zu bekommen. Dabei rauben sie sich selber aber einen Wert, den sie im Gegensatz zu Facebook (das in erster Linie nur eine Infrastruktur bietet) haben: ihre Community, die Verbindung der Leser und Autoren. Sie reduzieren sich selber auf die Nachrichtenquelle und verschieben das Soziale zu Facebook. Ich habe schon mal darauf hingewiesen, dass ich glaube, dass genau darin eine Zukunft für Medien im digitalen Raum liegen könnte: die Leserschaft als Gemeinschaft zu interpretieren. Wenn man das nun auf Facebook auslagert, beschneidet man sich selbst. Und ob man damit wirklich für bessere Debatten sorgt, ist noch eine weitere Frage, die man stellen muss, wenn man Clay Shirkys interessanten Text Cleaning Up Online Conversation gelesen hat, in dem er sich die Frage stellt, wie Debatten im Netz besser werden könnten. Sein Fazit:
In the 1990s, when few businesses really knew what they were doing and the online population was small, putting up a forum that allowed anyone to say anything seemed like a good idea. It wasn’t. People aren’t naturally well behaved; we’re well behaved in environments that reward good behavior and punish bad behavior. Conversation can be incredibly valuable where it works well and terrible where it works badly. We need to structure environments to promote the former and discourage the latter; anyone who wants to get value out of convening many minds has to create and maintain the shadow of the future, or else risk activating the witlessness of crowds.
3 Kommentare
Hey Dirk! Danke für den Link, und von mir etwas Widerspruch: Die Community ist in meinen Augen nicht der Ort, an dem etwas passiert, sondern die Verbindung zwischen den Menschen, die sich diesen Ort aus irgend einem Grund gerade für ihre Zusammenkunft ausgesucht haben. Du gehst z.B. mit denselben Leuten tagsüber in die Arbeit, abends in die Bar einen trinken und ab und zu auf eine private Party. Die Leute und die Verbindung untereinander bleiben dieselbe, nur das „Venue“, wie NPR-Andy Carvin sagt, ist ein anderes. In Deinem verlinkten Artikel über die „Leserschaft als Gemeinschaft“ lädt ja auch Karl Kraus die „Fackel“-Leser in ein Café ein und nicht zu sich nach Hause. ;)
An bestimmten Orten, so scheint’s mir, klappt eine bestimmte Sorte Kommunikation womöglich besser als an anderen – die Community bleibt dabei aber (weitgehend) dieselbe. Und kann, wenn ein solches „Venue“ anfängt ranzig zu riechen, relativ unversehrt von einem Ort zu einem neuen weiterziehen, so wie Bands + Fans von Myspace zu Soundcloud, oder Hipster von Schwabing zum Glockenbach. Wichtig für uns als Medienheinis ist m.E. nur, immer mit unserer Community verbunden zu bleiben und den Moment nicht zu verpassen, in dem sie den alten, liebgewordenen Salon für immer verlässt. Aus Gründen, die wir wohl nie komplett verstehen werden.
Sorry, habe deinen Kommentar erst aus dem Spam-Filter fischen müssen (keine Ahnung, was er da machte)
Drehen wir die Metapher mal weiter: Meine Befürchtung ist die, dass Medien zu einer Art Bühne werden, auf der Bands auftreten, Songs spielen und dann verschwinden. Das Bier trinken, reden und rumstehen danach wird aber ausgelagert – weg von der Bühne/Band hin zu Facebook. Das ist glaube ich ein ungutes Prinzip. Darauf wollte ich hinaus …
Naja, Befürchtung… ;) – ich dreh deine Metaphernkurbel nochmal ne Runde:
Manche solche „Venues“, bei denen einfach nur ne Band auftritt und gut is, hab ich auch im echten Leben gut in Erinnerung. Band spielt, 1000 Leute da. Band aus, Licht an, mit den Freunden noch weiter. Dass beides im selben Laden funktioniert, ist eher die Ausnahme (denke: Atomic Café). Dazu muss man – als Macher des Ladens – nicht nur die Musik lieben, die auf der Bühne spielt, sondern auch die Frisuren und die Klamotten und das Benehmen der Fans, die die Musik anzieht. In Medien, die eher ein Atomic Café für irgendwas sind, funktioniert das ja auch. Vielleicht arbeitest du bei genau einem solchen. ;)
Ob es für einen inhaltlich sehr diversen Riesenladen wie, nur ein Beispiel, den Bayerischen Rundfunk funktioniert – das weiß ich z.B. schon viel weniger. Dass man manche Gäste nach dem Konzert gern wieder los hätte, sieht man dann spätestens an einer Forenkultur wie bei tz-online.de oder auch heise online. Oder daran, was man aus den Zuschauer-/Zuhörer-Hotlines großer elektronischer Medien weiß.
Krudes Argument jetzt, aber: Ich glaube, an solchen großen medialen Orten glauben manche Besucher, sie könnten sich in einer anonymen Masse verstecken. Dort vergisst der Mensch dann bekannterweise schnell die sonst gültigen Regeln des menschlichen Miteinander. Findet die Diskussion dagegen an einem Ort statt, an dem ich nicht anonym, sondern Teil eines Soziotops bin, dann werde ich mich niemals so danebenbenehmen wie manche Besucher des tz-online-Forums.
Und genau das ist z.B. bei Facebook der Fall: Mein Name steht drüber. Meine Freunde können sehen, was ich wie kommentiere. Ich bekenne mich als Fan von irgendwas. Ich kann nicht einfach kurz an eine Hauswand pinkeln und verschwinden. Deswegen kann ich durchaus verstehen, dass die NPR-Fans auf der Facebook-Fanseite intensiver, anders, möglicherweise intimer diskutieren als im Forum bei NPR selber.
Nur der Vollständigkeit halber: Das Schlimmste, was uns medial wie real an „Venues“ passieren kann, ist das, was Thomas Ebeling, ProSiebenSat.1-CEO, auf den DLD11 an die Wand gemalt hat: Seinen Laden von einem Medium zu einer „Lifestyle-Marke“ auszubauen (ich finds leider nicht mehr in den DLD-Videos, war am Ende des Sonntags-Talks „The big Picture“). Vergnügungspark, Dauer-Wiesn, Erlebnisgastronomie. Schlechtes Essen, blöde Besucher, und am Ende ist die Rechnung viel höher als gedacht. Dann lieber einfach nur ne gute Bühne sein, mit den geilsten Lautsprechern und den besten Acts, und weitergesoffen wird später da, wo man sich eh am liebsten trifft, mit seiner Community.