Vom Ergebnis zum Erlebnis: Run the Album

Der Spiele-Experte und Podcaster Yannic Hannebohn* hatte unlängst eine schöne Idee: in einer Insta-Story schrieb er, er suche ein Yogastudio in Berlin, das eine Session zum neuen Gorillaz-Album anbietet. „The Mountain“ ist eine Stunde und sechs Minuten lang und – soweit ich das beurteilen kann – nicht ganz ungeeignet für Yoga-Übungen.

Ich mochte die Idee, an die ich denken musste als ich mir am Wochenende die Zeit nahm, das neue Notwist Album „News Form Planet Zombie“ anzuhören. Ich hatte die Lieder zuletzt bei einem Vorab-Live-Konzert im Sommer gehört und wollte sie jetzt in Ruhe hören.

Bevor ich auf diese Zuhör-Session eingehe, ein kleiner Einschub: in meiner Beschäftigung mit der Digitalisierung und ihren Folgen für Kunst und Kultur begleitet mich die Idee, dass wir von einem Produktfokus zu einer Prozess-Wertschätzung übergehen. Schon vor über zehn Jahren dachte ich, dass wenn Kultur zu Software wird, wir nicht nur die Ergebnisse von Kultur vermarkten dürfen, sondern ihre Entstehung zu einem Erlebnis machen sollten. In digitalen Räumen, so meine Idee, sollte ein Atelierbesuch doch viel leichter möglich sein. Seit uns nun die so genannte Künstliche Intelligenz in eine zweite Welle der Digitalisierung zwingt, denke ich häufiger wieder an diese Ideen. Denn die Sprachmodelle der KI sind hervorgangende Ergebnismaschinen, aber Erlebnisse können sie kaum erzeugen. Ich vergleiche sie gerne mit eilfertigen Super-Puzzlern, die in Höchstgeschwindigkeit Puzzleteile legen können – ohne aber auch nur im Ansatz zu verstehen, warum Menschen gerne puzzlen.

Als die ersten Sekunden des Songs „Teeth“ vom Album „News from Planet Zombie“ spielten, konnte ich sie kaum richtig hören: ich hatte nämlich gerade die schwere Tür des Schlossparks in Nymphenburg geöffnet und startete zu einer Laufrunde. Ich mag es, beim Laufen Podcasts oder Musik zu hören – und so fand ich es eine gute Idee, das neue Notwist-Album beim Laufen zu hören.

Zweiter Einschub: Es gibt eine Sache, die man zum Ideenhaben und Laufen wissen sollte: es kann fatale Folgen haben. Denn die Tatsache, dass die Bewegung sich positiv auf die Kreativität auswirkt, führt auch dazu, dass auch mittelmässige Ideen plötzlich hervorragend wirken. Das ist beim Laufen super, weil es als Kreativitäts-Katalysator Gedankenprozesse beschleunigt und immer neue Einfälle produziert. Es ist aber manchmal auch trügerisch: denn eine herausragende Weltidee beim Laufen ist nach dem Duschen nicht selten leider nur noch sehr klein und sehr naheliegend.

Nach guten sechs Minuten geht das Notwist-Album in einen sehr viel schnelleren Song über: „X-Ray“ ist ein Antreiber, das spürte ich bei meiner Zuhörer-Session sofort in meinem Lauftempo. Auch ich wurde flotter – und lies mich von dem Tempo der Musik treiben.

Finaler Einschub: Vermutlich ist es eh klar. Aber wie ich da so notwisthörend durch den Schlosspark rannte, formte sich eine Idee in meinem Kopf: Run the Album werden Laufrunden genannt, die genau so lang dauern wie ein Album spielt. Und „News From Planet Zombie“ eignet sich besonders gut für eine solche Run-the-Album-Runde – womöglich sogar im Schlosspark, womöglich sogar als Live-Erlebnis. Wie bei einem virtual-run starten Menschen an unterschiedlichen Orten, aber zur gleichen Zeit und hören dabei die gleiche Musik. Oder womöglich wird diese Musik sogar genau in dem Moment live auf einer Bühne gespielt.

Spätestens als ich bei „Red Sun“ wieder etwas langsamer machte, war mir klar: Ich muss diese großartige Idee aufschreiben. Deshalb gibt es diesen Text – und weil das Album sich tatsächlich herausragend für ein so genanntes Fahrtspiel-Training eignet, bei dem sich schnelle und ruhigere Phasen abwechseln. Das gelingt hier auch über Lieder hinweg wunderbar. Deshalb hier zum Abschluss meine Run-The-Album-Beschreibung für alle, die Freude am Laufen haben:

Run the Album: News from Planet Zombie

😎😊Teeth (6:13)
Easy, ich komme entspannt rein, lauf mich langsam ein (und warm)

😵‍💫🥵X-Ray (3:43)
Ich lasse mich vom Tempo des Songs treiben. Folge dem Schlagzeug, laufe mit hoher Intensität – schneller

😝😤Propeller (3:24)
Kurz durchatmen, dann gibt wieder der Song gibt das Tempo vor, erst ein wenig langsamer aber dann nimm er Fahrt auf, bis zum belohnenden Ende:

😊😎Red Sun (4:07)
Langsam laufen lassen, nicht stehen bleiben, der Belohnungssong. Easy Pace, ruhiges Lied.

😝🥳Turning (5:03)
Wechselstimmung! Intervalle! Ich nehme Tempo auf, der Song treibt dich an.

😎😌 Snow (3:31)
Wieder langsamer, ruhig, dem Tempo des Songs folgend. Snow, slow.

😝😤 Silver Lines (3:16)
Setzt erst noch das Snow-Tempo fort, steigert es aber nach etwa einer Minute: lass mich reinfallen ins Tempo, das kurze Sprints mit ruhigen Phasen abwechselt. Gehe jede Welle mit – mit langem lauten Abschluss-Sprint, der in einem ruhigen Belohnungssong mündet:

😊😎 Who we used to be (3:39)
Easy-Pace, ruhiger Song, guter Lauf.

🥳😌 How the Story ends (3:54)
Nochmal etwas mehr Schwung, zur Abschluss-Zeile leicht steigernd. Läuft!

🥳😎 Projectors (4:09)
Gutes Easy-Pace-Tempo

😊😎 Like This River (4:24)
Bester Abschluss-Song. Guter Rahmen zum Einstiegslauf – verbunden mit dem Vorsatz beim nächsten Mal an einem Fluss zu laufen.


*Yannic hat einen sehr tollen neuen Newsletter, der Overpowered heißt. Dort kannst du ihm auch schreiben, wenn du eine The-Mountain-Yogastunde anbietest.