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Lehrstück in digitaler Öffentlichkeit: wie Teile der amerikanischen Jugend Trump ärgern

Sie nennt sich die TikTok-Großmutter: Mary Jo Laupp ist eine ältere Nutzerin auf der Plattform, die gemeinhin als sehr jung bezeichnet wird. Frau Laupp ist aber auch auf anderen Plattformen aktiv und scheint sehr genau verstanden zu haben, wie Öffentlichkeit im digitalen Zeitalter geformt wird.

Jedenfalls gilt sie als eine Urheberin eines Phänomens, das im Sinne vieler Internet-Meme gar keine singuläre Urheberschaft hat, sondern von vielen ausführt wird. Im aktuellen Fall sollte man allerdings eher sagen: von vielen nicht ausgeführt wird. Es geht um reservierte Tickets für eine Wahlkampf-Veranstaltung, die offenbar von vielen tausend jungen Trump-Gegnern bestellt aber nicht abgeholt wurden. Die Folge: Leere Ränge im und vor dem BOK Centre in Tulsa, Oklahoma, bei Trumps erstem Auftritt nach den Corona-Beschränkungen.

Tiktok-Großmutter Mary Jo Laupp hat dazu heute früh ein Video auf Tiktok gepostet, in dem sie ihrer Freude darüber Ausdruck verleiht, dass sie (und viele tausende junge Nutzer*innen) den US-Präsidenten geärgert haben: „Was habt Ihr gemacht?“ fragt sie an das Internet gerichtet. „Ernsthaft? Erinnert euch an diesen Moment. Erinnert an diese Gefühl, weil es sich nicht immer so anfühlen wird. Es wird auch Momente geben, in denen ihr frustriert seid. Aber erinnert euch daran, dass es eine Wirkung haben kann, wenn ihr eine Information verbreitet und etwas tut. Erhebt eure Stimme und hört nicht damit auf!“

Was war passiert? Donald Trump hatte sich für den ersten Wahlkampf-Auftritt nach den Corona-Beschränkungen ausgerechnet den 19. Juni ausgesucht, den so genannten Juneteenth, „der jährlich in Erinnerung an die Befreiung der afroamerikanischen Bevölkerung der Vereinigten Staaten aus der Sklaverei begangen wird.“ Das ist „ein Schlag ins Gesicht der Black-Community“, kommentierte Mary Jo Laupp im Vorfeld und schlug vor: Man könne ja auf der Website zu der Veranstaltung jeweils zwei Freitickets reservieren – und anschließend einfach nicht hingehen.

Sehr viele Leute registrierten sich für die Veranstaltung. Jedenfalls twitterte der zuständige Wahlkampf-Mitarbeiter von Donald Trump „Going to be epic“. Episch waren aber offenbar nur die Anmelde- nicht die Besuchszahlen. Denn US-Medien wie die New York Times berichten heute: Sehr viele Plätze blieben leer!

Der Korrespondent der Washington Post zeigt eine deprimierend leere Bühne vor der Halle (Screenshot oben), die zusätzlich angemietet worden war, weil so viele Besucher*innen erwartet worden waren. Denn offenbar waren viele der Idee der Tiktok-Großmutter gefolgt – und hatten ihre bestellten Ticket nichts abgeholt.

Bei CNN kommt eine Wahlkampf-Mangerin von Trump zu Wort, die dieses Verhalten für wenig ungewöhnlich erklärt: „Linke machen das oft“, sagt sie und dann sinngemäß: Das schadet uns gar nicht, wir bekommen lediglich ihre Kontaktinformationen.

Die Öffentlichkeit (in der SZ schreibt der Kollege Thorsten Denkler von einem Neustart der Peinlichkeiten) und vor allem Tiktok-Nutzerschaft sowie die Tiktok-Großmutter scheinen das anders zu sehen. Seit Mary Jo Laupp heute Nacht ihren Clip gepostet hat, gibt es schon jede Menge so genannte Duette auf Tiktok, in denen sehr positiv auf sie Bezug genommen wird.

Mehr über Trump-Kritik auf Tikotok in diesem Text über Sarah Coopers Lipsync-Protest

UPDATE: Auf Twitter weist die Autorin Claire Ryan in einem lesenswerten Thread darauf hin, dass die ungenutzten Anmeldungen nicht nur zu leeren Plätzen in der Arena geführt haben können, sondern vor allem die für Marketing bedeutsame Unterstützer-Datenbank nachhaltig versaut haben könnten. Sie geht davon aus, dass die angeblichen Trump-Interessierten temporäre Mailadressen und Google-Voice-Nummer eingetragen haben und somit nun in großer Zahl in der Datenbank stehen, die Trump für den Kontakt zu seinen tatsächlichen Unterstützer*innen benötigt. Ihr Fazit: „you don’t know how fucking genius this is“

Boss Baby: Deepfake Trump-Parodie als Kritik an der Corona-Politik des US-Präsidenten

Ich habe hier unlängst über digitale Kopien als Form der Trump-Kritik geschrieben. Jimmy Kimmel hat nun eine weitere Ebene eröffnet – und die Technik des Deepfakes eingesetzt um die kindische Art des US-Präsidenten zu karikieren.

In diesem Video nutzt er die Vorlage eines viralen Kinderclips, in dem das Baby sehr süß leugnet, verbotenerweise Hundefutter angefasst zu haben. Kimmel nutzt diese Kopiervorlage und setzt das Gesicht des US-Präsidenten auf den Babykörper. Ähnlich wie bei den Tiktok-Kopien entsteht so ein neuer Zusammenhang zwischen Präsidenten-Sprechen und Babykörper.

Das Prinzip, auf dem diese Bilder basieren, ist jenes, das man seit Jahrhunderten von Karikaturen und Parodien kennt. Man veralbert die Mächtigen, überzeichnet Eigenschaften und stellt diese heraus. Die Technik, die dafür genutzt wird, ist verhältnismäßig neu. Deepfakes übertragen die Idee der Karikatur auf eine neue Ebene – und bilden damit eine sehr zeitgemäßge Kritik. Es ist anzunehmen, dass wir hier in (naher) Zukunft neue Ansätze sehen werden – die sich sehr gut fügen in die Form, die wir gerade bei Tiktok gesehen haben.

Gemeinsam ist all diesen Ansätzen das Lob der Kopie

Lob der Kopie: Tiktok-Sounds als gegenwärtigste Form der Trump-Kritik

Wie reagiert man angemessen auf den Schwachsinn, den Donald Trump in seinen so genannten Pressekonferenzen von sich gibt? Über das letzte Treffen mit Vertretern der Presse schreibt die SZ:

Trumps Statement war wie üblich von Lob für die eigene Regierung und von wissenschaftlich haarsträubenden Aussagen gespickt, wie etwa der Idee, an Covid-19 erkrankten Patienten Desinfektionsmittel zu injizieren oder sie mit ultraviolettem Licht zu bestrahlen.

Die Deutsche-Presse-Agentur berichtet, dass offizielle Stellen und sogar die Hersteller von Desinfektionsmitteln sich daraufhin veranlasst sahen, Warnungen auszusprechen, den „Ideen“ des US-Präsidenten nicht zu folgen.

Die Katastrophenschutzbehörde des US-Bundesstaats Washington warnte die Bürger im Anschluss auf Twitter vor der Einnahme von Reinigungs- oder Desinfektionsmitteln: «Machen Sie eine schlechte Situation nicht schlimmer.» Der britische Konsumgüterkonzern Reckitt Benckiser, zu dessen Marken Sagrotan gehört, erklärte, dass Desinfektionsmittel «unter keinen Umständen» verabreicht werden sollten.

Man bleibt fassungslos zurück und fragt sich: Wie kann man auf diesen Schwachsinn noch angemessen reagieren? Wie kann man diese Aussagen des US-Präsidenten noch einordnen, kritisieren oder gar parodieren? Eine Antwort gibt es seit einer Weile auf Tiktok. Der Dienst, der mit dem Nachsingen von Sounds begonnen hat, hat quasi nebenbei die effektivste Form der Trump-Kritik erfunden: ihn selbst zu Wort kommen lassen!

Künstlerinnen wie Sarah Cooper tiktoken den Präsidenten, d.h. sie nehmen den Originalton seiner Pressekonferenz und bewegen dazu auf Tiktok ihre Lippen. Das sieht dann so aus und ist sehr sehr lustig:

Andere Nutzer*innen verwenden ihre Soundvorlage mit dem Trump-Quatsch und spielen ihn ebenfalls nach. Das ist zuvor schon bei anderen Presse-Statement des Präsidenten passiert – und ich werde den Eindruck nicht los: Tiktok scheint gerade die beste Möglichkeit zu bieten, den Quatsch, den Trump von sich gibt, zu kommentieren.

@kyscottt

ur doing great sweetie ##antibiotics ##covid19 ##covid ##quarantine ##intheclub ##drunkwords ##trump

♬ original sound – iampeterchao

Mehr über Tiktok gibt es hier im Blog und unter tiktok-taktik.de – und wer verstehen will, warum das Kopieren schon immer eine wunderbare Form der Kritik war: Ein Lob der Kopie!

Update: The Atlantic hat Sarah Cooper zu der Trump-Parodie interviewt. Im Gespräch sagt sie: Somebody [pointed out] that this is the emperor without his clothes, because when you see Trump, and he’s behind that podium with the presidential seal, and he has people nodding behind him, you might think that what he’s saying makes sense. But you take all of that away, and you have those words coming out of my mouth? It just brings to light even more how ridiculous it is.

Update2: Auf Twitter sammeln Menschen gerade unter dem Hashstag #HeilenWieTrump allerlei weitere absonderliche „Heil-Methoden“. Ich gebs zu, das ist auch lustig: