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Mashup als democratic discourse

Brett Gaylor, der Filmmacher von RIP: A remix Manifesto hat im April vor dem kanadischen Parlament über die Veränderungen des Urheberrechts gesprochen:

I believe that this creative reuse, re-expression, and re-contextualization of culture using digital technology to be an important skill for today’s generations of Canadians. It is an expression of a media-literate citizenry that has grown up with a medium that is not top-down, consumer-centric, or one-way, like television or radio. It is a two-way, participatory, interactive medium. Websites like Wikipedia and YouTube, and creative audiovisual works that combine or “mash up” the media landscape, are examples of the kind of democratic discourse we ought to celebrate in today’s youth. But our laws criminalize and prevent it. Whether or not you agree with my position on copyright reform, I think all parties should know that there is an economic argument for reform in copyright, and in particular, in fair dealing.

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Shields in Wired

I believe in copyright, within limited precincts. But I also believe in fair use, public domain, and especially transformation. Are you simply pirating someone’s work and calling it your own, or are you taking portions of it and remaking it? Artists have done the latter from the beginning of time. In many senses, creativity and “plagiarism” are nearly indivisible.

Bei Wired gibt es ein Q&A With New Champ of Literary Mashups, d.h. ein Interview mit David Shields, den ich nicht müde werde zu loben und zu empfehlen. In dem Gespräch weist Shields auf diese „very kitschy“ Form der Mashup-Kultur namens Pogo hin:

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Remix-Referenzkultur!

Da in den vergangenen Tagen häufiger das Wort auf die Begriffe Plagiat und Remix kam und da es da offenbar noch immer Unklarheiten gibt: Hier zwei interessante Blog-Verweise zum Thema. Zum einen erklärt der Kollege Andrian Kreye als Der Feuilletonist anhand des Falls des Reporters Ryszard Kapuscinski:

Nun haben Plagiats- und Fälschungsdebatten zwei Kerne. Der eine ist der faktische Kern. Plagiat und Verfälschung sind nichts anderes als Plagiat und Verfälschung, die sich durch kein Argument von der künstlerischen oder literarischen Freiheit schönreden lassen.

Zum anderen beweist die Band Hold Your Horses! im sehr schönen Clip zu „70 Millions“ einmal mehr, wie schön das Spiel der Referenzkultur sein kann:

70 Million by Hold Your Horses ! from L'Ogre on Vimeo.

via Spreeblick, wo in die Kommentaren schon daran gearbeitet wird, die Bezüge offen zu legen.

Die Plagiatsplagiat-Diskussion

Gestern habe ich in der FAZ einen Text gelesen, von dem die dortige Redaktion behauptete, er stamme von Durs Grünbein – dieser Eindruck wird auch weiterhin auf der Website erweckt. Dort findet sich kein Hinweis auf das, was man heute in der FAZ lesen kann:

Der Text stammt zu neunundneunzig Prozent von Gottfried Benn.

Das sagt Durs Grünbein im Interview mit der Zeitung. Und erklärt die Intention dieses „Tests“ mit Benns Original-Text so:

Mir ging es nicht um Frau Hegemann. Mir ging es um den Irrsinn einer kriterienlosen Literaturdebatte.

Ob dieser Test geglückt ist, sollen Menschen beurteilten, die sich für die Literaturdebatte interessieren. Zum Beispiel Uwe Wittstock, der laut Perlentaucher in der Welt „einen empörten Kommentar über Durs Grünbeins Hegemann-Verteidigung“ verfasst hat. Die von Google und Perlentaucher verlinkte Fundstelle auf Welt-Online ist allerdings leer …

Mich beschäftigt an diesem Test eine ganz andere Frage, nämlich die, ob man als Zeitung seine Leser so verschaukeln darf. Es ist die naheliegendste Redaktions-Reaktion auf den so genannten Fall Hegemann, selber ein Plagiat zu testen. Ich glaube aber – eben weil es so naheliegend ist – dass man dem nicht nachkommen darf, weil man seine Leser damit in die Irre führt. Der Käufer der gestrigen FAZ glaubt doch, was er da gestern gelesen hat, dass es sich nämlich um „Eine Wortmeldung von Durs Grünbein“ handelt. Er ist in diesem Glauben nicht nur getrogen worden, ihm wird tags drauf auch noch mitgeteilt, dass er auf diese Irreführung aus eigenem Verschulden reingefallen ist. Grünbein sagt

Der gebildete Leser wird natürlich sofort den „Sound der Väter“ herausgehört haben.

und verrät damit alle anderen indirekt, dass sie eben das nicht sind: gebildet.

Ich kann mit dieser Einschätzung leben, finde allerdings bemerkenswert, wie die FAZ so nebenbei eine weitere Annahme in Frage stellt, die bisher für die Debatte über die Zukunft von Zeitungen zentral war: Eine Zeitung, sagte man bisher, ist ein abgeschlossenes Produkt. Eine Einheit, die anders als der ständige Nachrichtenstrom des Netzes, für sich alleine funktioniert. Wer eine Zeitung kauft, kauft damit Informationen, die für sich gelten (jedenfalls zum Zeitpunkt der Drucklegung). Mit dieser Plagitatsplagiat-Debatte stellt die FAZ das in Frage. Sie sagt: Diese Zeitung versteht man nur, wenn man auch die nächste Ausgabe liest. Sie wird damit selber zum Nachrichten-Strom, der seinen wichtigsten Vorteil gegenüber dem Netz, kampflos herschenkt.

P.S.: Zu dieser Einschätzung komme ich übrigens nicht, weil ich heute in der Süddeutschen Zeitung selber einen Text zum Fall Hegemann und zum Umgang mit Mashups veröffentlicht habe (S. 14 in der gedruckten Ausgabe).

Nachtrag, 16.30 Uhr: Durch Zufall bin ich gerade auf die Leser-Reaktionen auf faz.net auf Grünbeins-Test gestoßen. Diese sind erstaunlich: Zum Benn-Text vom Montag schreibt beispielsweise Frank Miksch:

Der alte Nerd-Laden FAZ-Feuilleton machte durch den Dichter Durs „mach mir den Gottfried (Benn)“ Grünbein mit seinem ironisch getupften doppelten Rittberger die ultimative Bruchlandung.

Und Ute Gerhardt fragt

Für wie blöd halten Sie uns eigentlich, Herr Grünbein?

Noch eindeutiger sind allerdings die Leser-Meinungen unter dem heutigen Interview. Dort fragt emile cioran

Finden Sie, Herr Grünbein, finden Sie, wehrte FAZ-Redaktion, dieses Spielchen witzig, originell, geistreich? Was wollen Sie wem damit sagen? Wollen Sie uns zeigen, wie schlau und belesen Herr Grünbein ist – und Sie auch?

Benjamin Küchenhoff ergänzt

Ich war schon verwundert, denn dieser Text war nicht annähernd so klug wie das, was Durs Grünbein sonst schreibt. Jetzt bin ich beruhigt zu erfahren, dass er gar nicht von ihm stammt. Besonders gewitzt finde ich seine Idee im Übrigen nicht.

Und der Leser Wilhelm Friedrich antwortet auf die die FAZ-Frage „Warum haben Sie geklaut, Herr Grünbein?“ mit diesen Worten

Das fragen Sie allen Ernstes, liebe FAZ? Ich weiß die Antwort: Weil er auch was vom großen Axelotl-Kuchen abhaben und auch mal wieder in die Zeitung will.

Zwischen Unterwäsche und Plagiat: ein Blick in den rechtsfreien Raum

Eine letzte Anmerkung zu Frau Hegemann: Immerhin war sie es, die in der vergangenen Woche das Thema Urheberrecht derart in den öffentlichen Fokus schob und immerhin tut sie ja auch einiges dafür, dass das Thema (und damit ihr Buch) in den Medien bleiben.

Wie sie selber als Vorlage für begriffliche Mashups dient, kann man in dem schönen Beitrag Die Spiegelung eines Plagiats in der Erschaffung von Wörtern nachlesen. Er ist einer von zahlreichen Texten, die mir in den vergangenen Tagen zum Thema Urheberrecht aufgefallen sind. Die meisten davon führen zu einer interessanten Erkenntnis: Urheberrechtsverletzungen scheinen keinesfalls den bösen Raubkopierern vorbehalten.

Helene Hegemann und andere zeigen, dass die Frage wie man mit geistigem Eigentum umzugehen hat, eine ist, die offenbar völlig abseits des Internets und der dortigen Raubkopie nicht geklärt scheint. Jedenfalls wirkt es so, als gäbe es in der ganz analogen Welt zunächst einiges zu besprechen, bevor man anfängt, auf das vermeintlich (urheber-)rechtsfreie Internet zu schimpfen.

Wie ich darauf komme? Peter Mühlbauer hat mich in seinem telepolis-Text Sony als „Raubkopierer“ (via) darauf gebracht, darin berichtet er von einer offenbar kopierten Unterwäsche-Kreation, die die Sony-Künstlerin Lady Gaga in einem Musikvideo zur Aufführung brachte und die große Ähnlichkeit mit einem Modell der Firma Triumph International aufweist. Mühlbauer schreibt über den Gerichtstermin, den die Unterwäsche-Firma angestrengt hat:

Der Sony-Anwalt kündigte noch während der Verhandlung an, bei einer negativen Entscheidung in die Berufung zu gehen. Eine in diesem Zusammenhang von ihm gemachte Äußerung, die offenbar die gegnerische Partei entmutigen sollte, dürfte auch für YouTube oder für Filesharing-Nutzer von Interesse sein: Danach ist das Lied aufgrund der „Kurzlebigkeit im Musikgeschäft“ ohnehin bald „durch“, weshalb Sony das Video, das dann seiner Aussage nach „keiner mehr haben“ will, einfach zurückziehen werde.

Nicht Kurzlebigkeit, sondern ein ganz anderes Problem, hat Chuck Lorre. Der Erfinder der Serie „The Big Bang Theory“ sieht sich nämlich mit einer weißrussischen Kopie seiner Serie konfrontiert, sie trägt den Titel „The Theorists“ und es ist offenbar nicht möglich, dagegen vorzugehen. Denn:

Nachdem der Produzent sein Produktionsstudio Warner Bros. TV jedoch von diesem Ideenklau berichtete, winkte die Rechtsabteilung ab: Es sei nahezu unmöglich, dagegen zu klagen (und Recht zu bekommen), denn die weissrussische Produktionsfirma, die hinter „The Theorists“ stünde, sei in Staatsbesitz, was in dem Land gleichbedeutend sei mit Unangreifbarkeit.

Es gab in dieser Woche durchaus weitere Meldung, die zeigen, dass der fragwürdige Umgang mit dem geistigen Eigentum keineswegs ein Internet-Problem ist (wie ich ich ja hier schon mal gezeigt habe). Dennoch nutzen zahlreiche Autoren den Fall Hegemann um mit dem Finger auf einen Ort zu zeigen, „wo bisher in Urheberrechtsfragen nur Chaos herrscht – das Internet“ (FAZ).

Dabei kann man genau dort, im Internet, nachlesen, was Helene Hegemann erwartet hätte, wäre sie nicht zufällig auf das Blog von Airen gesurft und hätte sich dort inspirieren lassen, sondern hätte zum Beispiel das (offenbar gar nicht kurzlebige) Jan Delay Album „Wir Kinder vom Bahnhof Soul“ in einer Tauschbörse angeboten: Vielleicht hätte sie dann Post von der Kanzlei Rasch bekommen.

Die Rechtsanwälte Rasch mahnen derzeit für die Universal Music GmbH die unerlaubte Verwertung des Albums „Wir Kinder vom Bahnhof Soul“ von Jan Delay ab. Dem Anschlussinhaber wird vorgeworfen, das Album im Rahmen von Tauschbörsen zum Download im Internet angeboten zu haben. Wie üblich enthält das Schreiben neben der ermittelten IP-Adresse des Anschlussinhabers eine vorformulierte Unterlassungserklärung. Darüber hinaus wird der Anschlussinhaber aufgefordert, zur einvernehmlichen Beilegung der Angelegenheit einen pauschalen Betrag in Höhe von 1.200,00 € zu bezahlen. Dessen genaue Zusammensetzung (Rechtsanwaltskosten, Schadensersatz) wird nicht näher erläutert.

1200 Euro sind – wenn ich das richtig einschätze – übrigens eine kleine vierstellige Summe – so viel hat Ullstein angeblich dem Rechteinhaber gezahlt, dessen Texte in Axolotl Roadkill genutzt wurden; wohl gemerkt dafür, dass Helene Hegemann auf diese Weise einen Beststeller zusammensetzen schreiben konnte. Dass jemand pauschal eine ebenfalls kleine vierstellige Summe dafür zahlen soll, dass er oder sie das Jan Delay-Album ins Netz gestellt hat, lässt für mich nicht den Schluss zu, dass das Internet besonders rechtsfrei sei.

Ich habe das Gefühl, dass hier die Verhältnisse etwas verrutscht sind. Die Kanzlei Rasch wird sich zudem auch nicht von dem Hinweis abschrecken lassen, dass diese Urheberrechtsverletzung womöglich von einer 17-Jährigen begangen wurde, die zum Tatzeitpunkt sogar erst 16 war. Clemens Rasch hat einen ganz anderen Antrieb, wie er hier sagte: „Mein Ziel ist es, dass jeder jemanden kennt, der einen kennt, der erwischt wurde.“

Nicht falsch verstehen: Ich will hier weder die Nutzung von Tauschbörsen, noch die Arbeit von der Kanzlei Rasch bewerten. Es stimmt mich aber doch zumindest verwundert, welche Maßstäbe die Öffentlichkeit anlegt, wenn es darum geht, den Umgang mit geistigem Eigentum zu bewerten.

Lessig: Stop this war!

Hier erklärt Lawrence Lessig, warum er mostly gut gelaunt ist in Sachen Urheberrecht und Copyright:

Das hat mit seinem Buch Remix (Making Art and Commerce Thrive in the Hybrid Economy) zu tun – und auch mit dieser Meldung aus dem Wall Street Journal:

After years of suing thousands of people for allegedly stealing music via the Internet, the recording industry is set to drop its legal assault as it searches for more effective ways to combat online music piracy.

Die tolle Geschichte von 99 Problemen

Im Jahr 2004 veröffentlichte ein junger Mann namens Shawn Carter einen Song namens 99 Problems. An diesem Lied lässt sich beispielhaft zeigen, wie wunderbar MashUps und Cover-Versionen unsere Kultur bereichern. Aus Jay-Zs Ausgangsmaterial, das übrigens so klingt:

formte Brian Burton alias DJ Danger Mouse wenig später eine graue Mischversion – er nahm Jay-Zs A-capella-Version des Songs und vermischte ihn mit Material des „White Albums“ der Beatles. Das ganze klang dann so:

Und jetzt widmet sich die New Yorker Band We Are Scientists den 99 Problemen. Konkret anhand der Frage, was eigentlich passiert, wenn ein Roboter Jay-Z covert. „Like Prometheus delivering the secret of fire, we bring you this knowledge“ – auf myspace.com/wearescientists!