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Doppelt bezahlt

Man ist offensichtlich von Seiten der Verlage auf dem Holzweg, wenn man journalistische Inhalte kostenlos anbietet. Diese Kostenloskultur kann nicht Ziel führend sein. Das kann für die Verlage nur heißen, man muss dahin kommen, die journalistischen Inhalte zu verkaufen. Da sind kostenpflichtige Apps der richtige Anfang. Bei diesen fühlen sich die Verleger jedoch im Markt behindert. Wenn der Verlegerverband die Apps kostenpflichtig macht, dann werde ich mich auch vehement dafür einsetzten, dass unsere öffentlich-rechtlichen Apps kostenpflichtig sind.

Seit diesem Jahr ist Monika Piel die amtierende Vorsitzende der ARD. In dieser Funktion hat sie zahlreiche Interviews gegeben. In dem mit der Frankfurter Rundschau hat sie die obigen Sätze gesagt. Neben der Tatsache, dass sie darin entscheidende Fragen der digitalen Verbreitung von Informationen missachtet (siehe dazu die Einschätzungen von Guardian-Chef Rusbridger sowie die Entscheidung von USA-Today zur Bepreisung ihrer iPad-App) stellt man erstaunliche Verbindungen fest, wenn man die anderen Interviews dazu quer liest. Im SZ-Gespräch sagt Piel mit Blick auf die Umstellung der Rundfunkgebühren:

Ich finde es aber angemessen, dass in einer Demokratie nicht nur Straßen mitbezahlt werden, ob man nun ein Auto hat oder nicht. Dass auch Information und deren Vermittlung ein Infrastrukturbeitrag ist, ist folgerichtig.

Ich bin kein Medien-Experte und verstehe sicher die öffentlich-rechtliche Gremien-Politik nicht ausreichend. Ich frage mich dennoch, wieso Frau Piel sich vehement dafür einsetzen möchte, dass Apple nochmal an Dingen verdient, die der Verbraucher bereits bezahlt hat. Gibt es niemanden unter den Millionen Gebührenzahler in diesem Land, der sich gegen diese Ansichten wehrt?

Update: Nach der Lektürer weiterer Piel-Interviews habe ich dann das hier geschrieben.

Nicht bezahlte Zeitungen lesen

In Wahrheit haben die Mathias Döpfners dieses Landes trotz des ganzen Geheules, dass Leistung honoriert werden müsse, kein Problem mit Menschen, die ihre Medien nutzen, ohne dafür zu bezahlen. Sie verdienen auch an diesen Menschen, weil sie deren Aufmerksamkeit an die Werbekunden weiterverkaufen können.

Die Mathias Döpfners dieses Landes haben nur im Internet ein Problem mit nicht-zahlenden Lesern, weil die Werbeerlöse dort so niedrig sind, dass sich höhere Leserzahlen nicht entsprechend lohnen. Deshalb sollen an vielen Stellen die Bezahlschranken heruntergelassen werden: Die Leser sollen mit Vertriebserlösen das ausgleichen, was an Werbeerlösen fehlt.

Unter dem Titel Gratiskultur Print leitet Stefan Niggemeier aus dem Unterschied verkaufte Auflage und Leserschaft der Bild-Zeitung ab, wie selbstverständlich das Phänomen der unentgeltlichen Nutzung von Inhalten im Offline-Bereich zu sein scheint. Ein Diebstahl-Dilemma eben.

Gratis-Umfrage

Hier war an unterschiedlicher Stelle bereits die Rede von der so genannten Kostenlos-Kultur des Netzes (zuletzt im Interview mit Stefan Münker). Wiederholt ist dabei betont worden, dass es durchaus kompliziert ist, die Besonderheiten des digitalen Raums mit der einfachen Rede von der Kostenlos-Kultur zu greifen.

Wie kompliziert die Sache tatsächlich liegt, sieht man, wenn man diese Umfrage betrachtet, die ich dieser Tage auf tagesspiegel.de (nicht verlinkbar) gefunden habe.

Stefan Münker über das Bezahlen im Netz

Im Nachklang zum SpeedLab Journalism (mehr hier) Anfang Dezember in Berlin (wo er auf dem Podium mit Christoph Dowe (Zeit-Online) und Jochen Wegner diskutierte) hatte ich Gelegenheit mit dem Medienwissenschaftler Stefan Münker über sich wandelnde Geschäftsmodelle für den Journalismus im digitalen Raum zu sprechen. Derzeit vertritt der ZDF-Redakteur an der Universität Regensburg die Professur für Medienästhetik.

iTunes für Nachrichten würde nicht funktionieren

Der Medienwissenschaftler Stefan Münker über Paid-Content


Ich würde gerne mit Ihnen über Bezahlmodelle für Journalismus im Netz sprechen. Offline funktioniert das Geschäftsmodell bisher so: Ein Journalist verfasst einen Text, der wird auf Papier verbreitet und der Leser bezahlt für das Papier und für den Inhalt, der auf dem Papier steht.

Als Journalist werden Sie von Ihrem Verleger bezahlt. Und der Verleger verdient in den wenigsten Fällen sein Geld mit dem Verkauf von Informationen. Es stimmt schlicht nicht, dass Journalisten für die Inhaltsarbeit bezahlt würden. Bezahlt wurden und werden Verlage dafür, dass sie Anzeigen in die Welt gebracht haben. Und der Journalismus war immer schon das, was sie damit finanzieren konnten. Das Verkaufen von Informationen gehörte also traditioneller Weise noch nie zu den für sich genommen erfolgreichen Geschäftsmodellen. Eine Zeitung ohne Anzeigen kriegen Sie nicht finanziert. Um netzgemäße Ideen zu entwickeln, sollte man also zunächst mit diesen Mythen aufräumen.

Sehen Sie weitere?
Der andere Mythos ist, dass mit dem Internet eine Kostenloskultur in die Welt gekommen sei. Schuld daran ist, wenn überhaupt, die Einführung des dualen Fernsehsystems im Jahr 1984.


Wieso das?

Bis dahin gab es ausschließlich gebührenfinanziertes Fernsehen. Das ist nicht kostenlos, dafür muss man zahlen. Den ganzen Rest, den Sie gucken, kriegen Sie kostenlos – glaubt der Endkunde. Dass er bezahlen muss, indem er die Höchststrafe bekommt und sich Werbung angucken muss, wird ja nicht als Bezahlung wahrgenommen. Deshalb sind die Zuschauer gewohnt, dass es Fernsehen auch umsonst gibt.


Hinzu kommt, dass die Digitalisierung die Daten von Ihrem Träger befreit hat…

Das stimmt. Digitale Inhalte können Sie nur schwer unter Verschluss halten. Je nach dem, wie komplex diese sind, werden sie leichter oder schwerer in die Welt gebracht. Aber mittlerweile werden so ganze Kinofilme verbreitet und digital kopiert. Warum sollte das also nicht mit Texten funktionieren? Die bleiben nicht hinter einer Paywall versteckt, die kann ja jeder da herausholen und verbreiten.

Neben diesem technischen Problem gibt es auch ein inhaltliches: Wenn ich weiß, dass Bayern gestern Abend in der Champions Legaue gewonnen hat, ist die Nachricht ja keine mehr.
Niklas Luhmann hat diese sehr schlüssige und ganz simple Formel formuliert: Der Code der Massenmedien ist die Differenz von Information und Nicht-Information. Und das Prozessieren des Codes besteht darin, Information zu Nicht-Information zu machen. In dem Moment, wo etwas gedruckt oder gesendet und dann gelesen oder geschaut wird, ist es keine Information mehr. Und dann ist auch nichts mehr wert. Das ist der Unterschied zwischen Nachrichten und Musik. Und deshalb glaube ich nicht, dass ein iTunes für Nachrichten funktionieren würde.

Wieso nicht?
Weil ich nicht für ein Produkt zahle, dass ich danach nur einmal mit Genuss lesen kann. Ein Lied kann man kaufen und immer wieder anhören, aber die Information, wie ein Fußballspiel ausgegangen ist, werden Sie nicht noch mal und noch mal lesen, Sie wissen es ja bereits.

Es ist also nicht nur technisch, sondern auch strukturell schwierig, Informationen im Netz zu verkaufen. Was könnten denn stattdessen Möglichkeiten sein?
Lassen Sie uns mal so beginnen: Ich glaube der Journalismus – was auch immer das ist, das ändert sich ja gerade auch – hat insgesamt kein Akzeptanz- sondern ein Finanzierungsproblem. Die Leute mögen das schon, was Journalisten mit der Welt machen! Das ist – glaube ich – wichtig im Hinterkopf zu halten. Für netzgemäße Finanzierungsmodelle – wenn man sich klar macht, dass das Bezahlen von Informationen nicht dazu gehört – ist es wichtig, dass man Teil des Netzes wird, d.h. dass man sich anschmiegt an die Art und Weise, wie Nutzer sich im Netz verhalten. Nun ist das Netz ja insgesamt ein Ort, wo nur ganz wenige wirklich Geld machen. Die allerdings machen sehr viel Geld, aber in der Breite läuft das mit der Monetarisierung des Netzes ja nicht für viele richtig gut. Da bin ich mir auch nicht sicher, wie sich das entwickelt: ob die großen Player das alles übernehmen und wir eine Monopolisierung erleben, die es in Frühphasen solcher Medienumbrüche häufig gegeben hat, denn die Ausdifferenzierung kommt meist erst später. Und wir sind noch mitten drin in der Frühphase. Wir sehen gerade den Aufgang der digitalen Netzwelt. Das ist auch etwas, was in den Abwehrstrategien der traditionellen Medienunternehmen immer viel zu kurz kommt: Wenn die glauben, sie werden mit dem fertig, was jetzt ist, vergessen sie: Das Ganze beginnt ja erst!

Darin kann auch eine Chance liegen. Haben Sie Vorschläge, was funktionieren könnte?
Ich habe drei Ideen: Zum einen muss man die User partizipieren lassen. Partizipation ist ein ganz wichtiger Bestandteil der Netzkultur. Amazon würde nichts verkaufen ohne Partizipation. Gleichzeitig zeigt Amazon aber auch, dass das, was die User durch ihre Partizipation machen, anderen nutzt. Man muss den Usern also zum zweiten auch nutzen. Wir müssen gucken: Was nutzt in Ihrem Fall den Lesern, in unserem Fall den Zuschauern wirklich? Und weil das eben nicht Information ist, müssen wir was anderes suchen, bei dem die Leser sagen: Das ist mein Mehrwert. Und das dritte ist: Ich glaube, man muss Grooming betreiben. Man muss also die soziale Leistung, die schon immer Teil des traditionellen Journalismus war, wo er nicht als reiner Journalismus daherkommt, verstärken. Die klassischen Medien setzten ja soziale Kräfte frei, indem sie ihren Lesern das Gefühl geben, dazu zugehören.

Sie meinen, dass man sich durch die Lektüre zum Beispiel einer Zeitung, in eine Gruppe einschreibt, die etwas verbindet …
…. und die mir etwas zurückgibt, genau. Ich glaube, dass man diesen sozialen Aspekt von Medien stärker in den Blick nehmen muss, um überhaupt noch ein interessanter Player zu bleiben. Wenn das gelingt, kann man viel eher die Frage stellen: Was wünschen sich die Leser von uns? Allerdings habe ich darauf auch noch keine abschließende Antwort. Und wenn ich die hätte und jemanden finde, der mir zuhört, wäre ich sicher auch ein gemachter Mann. Aber was glauben Sie?

Ich habe letztens einen Text von Danah Boyd gelesen, in dem sie von dem spricht, was Sie Grooming nennen. Sie versteht die Leserschaft als Gemeinschaft und vergleicht den Journalismus mit einem Restaurant, in dem sich die Leser treffen. Restaurants verlangen fast nie Eintritt, sondern leben von dem, was die Leute dort bestellen. Sie sagt: Eigentlich müssen wir den Alkohol für den digitalen Raum erfinden. Wir müssen also dafür sorgen, dass die Leser sich bei uns so wohl fühlen, dass sie ein zweites oder drittes Bier bestellen.
In einem Restaurant verdienen Sie auch nicht mit dem Wiener Schnitzel das Geld, das stimmt, sondern mit dem Wein. Auf den Journalismus übertragen würde das heißen: Sie verdienen nicht mit Nachrichten das Geld, sondern mit irgendwas, das darüber hinaus geht. Vielleicht sind das dann doch sehr gut gemachte Magazin-Apps fürs iPad – wobei man da auch sagen muss: Das müsste ja erstmal massenmedial werden. Aber wer weiß: Solche Magazine könnten ja so etwas werden, wie die liebevoll gemachten Alben und Booklets, die die Musikindustrie jetzt für teures Geld anbietet. Die kauft man sich ja auch nicht wegen der Musik – die hab ich eh schon auf dem iPhone –, sondern weil man dieses Produkt haben will. Und im nächsten Schritt müsste man für den Journalismus etwas erfinden, das funktioniert wie Konzerte für die Musikindustrie.

Weitere Interviews auf Digitale Notizen – mit Dieter Kassel (Call-In im Radio), Markus Hofmann (Klarnamen in Diskussionen), Christoph Dowe (Anforderung an einen Community-Manager) und mit Katharina Rathert (Leserkommentare bei stern.de).

Initivative gegen Leistungsschutzrecht

Till Kreutzer, einer der Gründer der heute gestarteten Initiative gegen ein Leistungsschutzrecht für Presseverlage (IGEL) beantwortet bei KoopTech fünf Fragen von Christiane Schulzki-Haddouti zum Leistungsschutzrecht.

Das Leistungsschutzrecht soll den Verlegern neue Einnahmen bescheren. Burda-Vorstand Robert Schweizer spricht von einem “gesetzlichen Paid Content”. Zahlen sollen einerseits die Nutzer von “Snippets”, also kurzen Textauszügen, wie Überschriften oder einzelne Sätze. Dies richtet sich vor allem gegen Suchmaschinen oder News-Aggregatoren wie Google News. Zum anderen sollen alle “gewerblichen Nutzer” zahlen, die die frei und kostenlos zugänglichen Verlags-Webseiten nutzen. Das würde nicht nur die ganze deutsche Wirtschaft, sondern auch alle Freiberufler, wie freie Journalisten, Rechtsanwälte oder Ärzte sowie im Zweifel auch die öffentliche Hand treffen.

Guardian-Leser interviewen Julian Assange

Ich habe es heute nachmittag bereits notiert: Das (ich nenne es einfach mal so) Interview, das der Guardian heute mit Julian Assange hat führen lassen, ist bemerkenswert. Nicht nur wegen der interaktiven Live-Komponente.

Die Kollegen vom Guardian haben die Fragen und Antworten jetzt in eine Form gebracht und sie wie ein Interview ins Netz gestellt. Nicht nur, weil dieser Text der heute am häufigsten angeklickte auf der Website war (erstaunlich übrigens, wie stark das Wikileaks-Thema auf den Guardian durchschlägt), es war auch in der Form eine besonderer.

Ich habe mich nämlich gefragt: Können wir aus dieser Form des Journalismus etwas für seine Zukunft lernen? Kann es ein Modell sein, dass eine Zeitung im Netz gar nicht zwingend nur Inhalt liefert, sondern den Rahmen stellt, in dem Inhalte auf neue, dialogische Art entstehen? Wäre das Netz dann nicht in ein Raum, den (in diesem Fall) die Guardian-Redaktion pflegt? In dem sie für Aufmerksamkeit für Themen sorgt (siehe dazu erneut die Most-viewed-Artikel von heute), eine Atmosphäre schafft und kluge Leute versammelt? In dem sie nicht nur dafür sorgt, dass viele (passive) Leser Interesse an einem Thema haben, sondern auch zahlreiche (kluge) User, die selber Fragen stellen?

Für mich ist das heutige Interview ein herausragendes Beispiel für meine These vom Internet als Raum. Natürlich gelten hier die klassischen journalistischen Regeln, natürlich spricht Assange mit dem Guardian, weil dort gute Journalisten gute Inhalte produzieren und ebenso natürlich ist der Gemeinschafts-Raum, von dem ich spreche, kein Ersatz für den gelernten Journalismus. Aber er ist eine grundlegende Ergänzung, die Online-Ergänzung wie ich meine.

Vielleicht kann man so an der Form der Wikileaks-Berichterstattung ebenso etwas über die sich verändernden Bedingungen für den digitalisierten Journalismus lernen, wie an den Inhalten. Denn einen Gesprächspartner von Nutzer interviewen lassen, ist ein schönes Beispiel, aber natürlich nur der Anfang. Die Möglichkeiten, die das Netz bietet, sind – wenn man die Voraussetzungen geschaffen hat – bei weitem noch nicht ausgereizt. Ich glaube, es würde sich lohnen, diesen Raum zu betreten.

Der Medien-Doctor

Ken Doctor, Autor des Buchs Newsonomics war zu Besuch in Deutschland. Dabei hat er nicht nur über Werbung gesprochen, sondern auch Werbung gemacht – für sich. kress.de hat seine Thesen zusammengefasst, wasmitmedien hat ihn genauso interviewt wie Ulrike Langer und auch dem Kollegen Alexander von Streit hat er bei Focus Online Fragen beantwortet. Dabei sagt er durchaus spannende Dinge (die natürlich in Wahrheit nicht wirklich neu sind). Er verkennt aber einen entscheidenden Punkt in der Debatte um Medien im digitalen Raum: dass es vielleicht gar nicht nur um Nachrichten geht.

Angesprochen auf die Zukunft von Paid Content im Netz sagt er:

Es geht um die Frage, wofür die Leser zu bezahlen bereit sind. Die menschliche Natur ist gar nicht so schwer zu ergründen: Sie werden für das bezahlen, was sie wertvoll finden und nicht woanders kostenlos bekommen. Daher werden Angebote wie überregionale Wirtschaftsmedien oder lokale Wochenpublikationen mit umfassenden, tiefgehenden und eigenen Inhalten in der Lage sein, von ihren Lesern Geld zu verlangen. Sehr viel schwerer werden es Medien mit kostenfreien Konkurrenzangeboten haben, wie zum Beispiel Großstadt-Tageszeitungen in den USA.

Was er nicht sagt: Warum diese Medien es schwerer haben werden? Die Antwort lautet meiner Meinung nach: Weil sie sich (auch weil Menschen wie Doctor ihnen das raten), einzig auf Nachrichtentransport konzentrieren. Ich glaube, Medien tun viel mehr als Informationen von A nach B zu bringen. Sie versammeln Leserschaften, die miteinander verbunden sind. Diese Verbindung abzubilden, führt dazu, dass man nichtkopierbare Ereignisse schafft. Es führt dazu, dass man ein Produkt bekommt, das nicht an jeder Ecke auch umsonst finden kann. Es führt dazu, dass man sich einer Gruppe zugehörig fühlt, die sich versammelt, weil sie eine ähnliche Haltung/Ansicht/Lebenseinstellung teilt.

Vielleicht sollten wir mehr darüber reden, wie diese Haltung aussieht als über die Frage, wie man Nachrichten transportiert.

Experimente des Schenkens

„Wir reden von Medienkrise, und in Wahrheit erreichen alle Traditionstitel von ,Bild‘ über ,Spiegel‘ bis zum ,Handelsblatt‘ doppelt so viele Menschen wie vor Einführung des Internets.“

Der Satz stammt von Gabor Steingart, dem Chef des Handelsblatt. Er plädiert dafür, die Chance des Netzes in den Vordergrund zu stellen, nicht die Risiken. Vor ein paar Monaten hatte Herr Steingart in einem Interview noch die Kostenlos-Kultur des Netzes kritsiert und gemahnt, Inhalte zu nicht zu verschenken.

Im Sommer hatte ich bereits hier notiert, dass ich das Bild des Verschenkens für falsch halte. Denn es ist ein Spezifikum des digitalen Raums, dass Inhalte hier zwar ohne Bezahlung zugänglich gemacht, aber deshalb trotzdem nicht verschenkt werden. Sie werden über Anzeigen finanziert – vielleicht nicht in dem Maße, das sich manch einer wünscht, aber auch nicht so beiläufig, dass man es nicht sehen könnte. In diesen Tagen feiert das Anzeigenmodell Google Adwords zehnten Geburtstag. Diese Idee der Online-Werbung ist nicht gerade unerfolgreich, sie basiert auf dem Prinzip des Verschenkens. Bezahlt wird hier mit Aufmerksamkeit.

Es mag wie eine Detailfrage klingen, ich glaube aber, dass wir so lange Probleme damit haben werden, die Besonderheiten des digitalen Raums zu verstehen und anschließend auch zu gestalten, wie es uns nicht gelingt, diese sprachlich zu fassen. So lange wir das Verschenken kritisieren, werden wir enorme Schwierigkeiten haben, Modelle im Netz zu finden, die helfen, einen hochwertigen Journalismus zu finanzieren. Und die Verschenk-Annahme ist so tief verwurzelt, dass sie selbst ausgewiesene Experten wie unlängst Stephan Weichert und heute auch Christian Jakubetz verwenden. Er schreibt mit Blick auf Murdochs Paywall:

Wenn sich zehn Eisverkäufer nebeneinander aufstellen und neun verschenken ihr Eis, wird es der Zehnte mit seiner Paywall für Eis etwas schwer haben.

Ich glaube das Problem stellt sich anders da, wenn man nicht vom Verschenken spricht und auch die möglichen Lösungen sehen dann anders aus. Gleiches gilt übrigens für das (von Christian ebenfalls angesprochene) Problem des Überangebots an Informationen. Was wäre, wenn das so gar nicht stimmt? Vielleicht hat ja Michael O’Malley recht, der in seinem lesenswerten Text Attention and Information sagt:

Peo­ple often argue that we have too much infor­ma­tion and too lit­tle atten­tion; that this is a con­di­tion of being “mod­ern.” But the oppo­site may be true: that atten­tion is a human con­stant and that it con­stantly seeks new forms.

Ich glaube, dass wir um den digitalen Raum zu verstehen, auch unsere Sprache und Bilder überprüfen müssen. Wir dürfen – wie das Beispiel des Diebstahl-Dilemmas zeigt – nicht den naheliegenden Metaphern vertrauen, wir müssen akzeptieren, dass in einem Raum, in dem die Kosten für den Vertrieb auf Frost-Temperatur fallen andere Bedingungen herrschen als in einem, in dem diese Kosten sommerliche Grad-Zahlen erreichen. Peter Glaser hat seinen großartigen Text Der ganze Planet eine Technosphäre in LeMonde diplomatique unlängst mit der Feststellung begonnen:

Wer online ist, nimmt teil an dem größten kulturellen, ökonomischen und sozialen Experiment des 21. Jahrhunderts.

Ich glaube, dass diese Diagnose stimmt – sogar für diejenigen, die nicht online sind (bzw. glauben, dass sie das nicht sind) Dieses Experiment stellt viele gelernte Dinge in Frage, es fordert uns heraus und neue Ideen. Diese werden wir nur formulieren können, wenn wir die Sprache dafür finden. Das klingt so banal, dass man „geschenkt“ sagen möchte. Ist es aber nicht.

Im Fluss: Alkohol für den Journalismus

Im Rahmen des World Editors Forum erklärte Giovanni di Lorenzo:

„Die Zeitung der Zukunft zeigt nicht den Informationsfluss, sondern die Ufer.“

Er hat dort wohl auch über „Ideologie des Internet“ gesprochen, aber mich interessiert hier die Metaphorik des Flusses sehr viel mehr. Denn die Berkman- und Microsoft-Wissenschaftlerin Danah Boyd hat ebenfalls in dieser Woche einen erstaunlichen Text zur gleichen Metaphorik unter dem Titel Flow of Information through Social Media veröffentlicht. Darin geht sie genau auf das Fluss-Bild ein:

The metaphor implied by „streams“ is powerful. The idea is that we are living inside the stream: adding to it, consuming it, redirecting it. The stream metaphor is about being in flow. It’s also about restructuring the ways in which information flows in modern society. Those who are most enamored with social media services like Twitter talk passionately about feeling as though they are living and breathing with the world around them, peripherally aware and in tune, adding content to the stream and grabbing content when appropriate. But this state is delicate, plagued by information overload and weighed down by frustrating tools.

Sie erläutert, worin die grundlegende Unterscheidung zwischen Broadcast-Medien auf der einen Seite und vernetzten Medien auf der anderen Seite besteht und beschreibt, wie mittels der Techniken des sozialen Web Information von einer Destination zu einem sich verflüssigende Gegenstand wurde. Das alles, schreibt sie weiter, scheint nicht neu, gelangt nun aber in den Mainstream:

But now that Web 2.0 is going mainstream, we’re seeing all sorts of folks get into the game. (…) If people are going to try to get in flow with information, we must understand how information flows differently today.

Darauf aufbauend entwickelt sie anhand von vier Schlagworten Thesen darüber, wie sich das vom „model of distribution to a model of attention“ verschiebende Nachrichtengeschäft verändern wird (ja, sie geht später auch aufs Geschäftsmodell ein, bitte weiterlesen!). Die Thesen lauten …

democratization; stimulation; homophily and power.

… und gehen indirekt sogar auf die unlängst hier besprochene Auseinandersetzung zwischen Malcolm Gladwell und Clay Shirky um die gesellschaftsverändernde Kraft von Twitter ein. Mit Hilfe der Thesen leitet Boyd Anforderungen an sozial versierte Journalisten ab (die die Techniken des Dialog-Web zu nutzen verstehen) und stellt Fragen an das Geschäftsmodell, das sich ebenfalls ändern muss:

Finally, we need to rethink our business plans. Frankly, I doubt the cultural shift we’re witnessing will be paid for by better advertising models. Advertising is based on capturing attention, typically by interrupting the broadcast message or by being inserted into the content itself. Being in flow with information is not about being interrupted. Advertising does work when it’s part of the flow itself.

Doch anders als Giovanni di Lorenzo spricht Boyd dann nicht von Paid Content, sie wählt stattdessen eine neue Metapher um herzuleiten, wo die Herausforderung für vernetzes Publizieren liegt. Sie vergleicht Medien hier mit den Betreiber von Bars und Restaurants, die ebenfalls soziale Räume zur Verfügung stellen ohne direkt für deren Nutzung bezahlt zu werden:

Think about how we monetize sociality in physical spaces. The most common model involves second-order consumption of calories. Venues provide a space for social interaction to occur, and we are expected to consume to pay rent. Restaurants, bars, cafes—they all survive on this model. But we have yet to find the digital equivalent of alcohol.

Eine spannende Aufgabe, diesen Alkohol für den Journalismus von morgen heute zu finden. Und wenn man sie mittels dieser Metapher beschreibt, wird sie vielleicht sogar sehr attraktiv – auch für jene, die dem Netz noch skeptisch gegenüber stehen.