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Das Phänomen Tiktok: ein Gespräch mit Philipp Meier – als Chat

Philipp Meier kenne ich schon aus seiner Zeit am Cabaret Voltaire in Zürich. Nach seiner Arbeit am Geburtsort des Dadaismus war er bei Watson und Swissinfo tätig, unlängst widmete der Tagesanzeiger ihm ein großes Porträt, weil Philipp einen beruflichen Neustart wagt.

Für mich ist metamythos, wie er auf Twitter heißt, einer der besten Tiktok-Kuratoren im deutschsprachigen Raum, in den Stories auf seinem Instagram-Account zeigt er immer wieder erstaunliche Clips – und schreibt auch darüber.

Deshalb habe ich ihn für ein Chat-Interview angefragt, das wir über ein paar Tage im Boomer-Messenger von Facebook geführt haben.

du bist ziemlich aktiv in social-media und zumindest für mich ein großartiger tiktok-kurator. kannst du dich noch erinnern, was dein erstes tiktok war?
an den ersten tiktok-clip kann ich mich leider nicht mehr erinnern. aber ich kann mich an den ersten clip auf musical.ly erinnern (das ist die vorläufer-app von tiktok), bei dem ich mitwirken durfte. meine tochter hatte da einen account und war sehr aktiv (obwohl sie mit knapp 10 theoretisch zu jung war, wie so viele damals;). dank boomer-fb konnte ich den clip für die nachwelt sichern. hier ist er

dann muss ich direkt auf das generationen-thema kommen: ist tiktok was für die ganz-jungen? bzw. was genau an tiktok ist jung und neu?
meine tochter hat denselbe jahrgang wie das iphone, 2007. sie zählt demnach zur ersten generation, die gänzlich mit dem smartphone sozialisiert wurde. es war faszinierend mitzuerleben, wie sie bereits als zweijährige das iphone bedienen konnte (diese intuitive ’simple‘ bedienung ist wohl der grundstein des erfolgs des iphones).

snapchat war dann die erste app, die auf menschen ausgerichtet war, die mit dem smartphone sozialisiert wurden. obwohl ich bei ’social apps‘ enorm neugierig bin, fiel mir der einstieg bei snapchat relativ schwer. für die generation meiner tochter war es jedoch scheinbar ein leichtes, sich darin zurechtzufinden. dasselbe dann bei musically; wobei da – wie auch später bei tiktok – zumindest der zugang zum ‚consumer feed‘ einfacher ist, als bei snapchat (wobei ich da nach wie vor genial finde, dass die kamera der startbildschirm ist).
es fällt mir jedoch schwer zu beschreiben, was nun genau die details sind, die hier quasi die generationen trennt (ausser, dass all die apps im hochformat genutzt werden und der inhalt fast gänzlich und relativ einfach in der app produziert werden kann).
eine unbelegte persönliche these meinerseits: einen generationenbruch stelle ich entlang von schrift vs. bild fest; wobei ich hier zwischen fb/twitter und insta/SC/TT unterscheiden würde (SC für snapchat und TT für tiktok;); denn instagram würde ich quasi ‚brückenapp‘ zwischen den social media plattformen der generation ‚digital immigrant‘ (fb/twitter) und der generation ‚digital native‘ (SC/TT) bezeichnen. interessanterweise schaffte youtube diesen shift zwischen den generation scheinbar extrem leichtfüssig (denn mein sohn mit dem jahrgang 2003 ist neben der game-konsole v.a. dort ‚zuhause‘). der erfolg von insta, SC und TT scheint aufzuzeigen, dass die vernetzung, die awareness und das empowernment bei den jüngeren generation viel stärker über bilder denn über text funktioniert (wobei ich grad realisiere, dass das früher mit den pop- und jugendmagazinen und den musikfernsehen ähnlich war; einfach ohne vernetzung und nur beschränktem austausch).

kannst du beschreiben was dich an tiktok fasziniert?
wieder ne kurze frage, die in mir mehrere gedankengänge auslöst. zum glück habe ich dazu schon das eine oder andere festgehalten. in diesem blogeintrag habe ich vor knapp zwei jahren beschrieben, wie TT zur globalen völkerverständigung beiträgt
und vor ein paar tagen habe ich auf twitter in einem kurzen thread ausgeführt, was mich aktuell interessiert (was meines wissens auch der auslöser für dieses interview war) weil TT monat für monat tiefer in die gesellschaft eindringt wird der inhalt immer diverser und bestärkt immer mehr menschen und deren situationen und milieus, respektive sorgt für deren relevanz und sichtbarkeit. im prinzip wird hier kompensiert, was viele massenmedien total verschlafen haben: die diversität der gesellschaft zur darstellung zu bringen; resp. demontiert sogar durch massenmedien zementierte klischees (z.b., dass sich in hijab oder chador gekleidete frauen für die queere community stark machen).

wie findest du dich auf tiktok zurecht? und wie findest du neue inspirierende clips, die sich von dem schrott (den es ja auch gibt) unterscheiden?
dass es diesen ’schrott‘ gibt – übrigens eine schrecklich abschätzige haltung gegenüber user generated content (kommt im journalismus leider immer noch zu oft vor;) – habe ich erst gemerkt, als ich mal für swissinfo vor gut einem jahr eine recherche zu schweizer inhalten auf TT machte. diese recherche entlang von schweiz-spezifischen hashtags liess mich etwas konsterniert zurück. ich bedauerte sehr, wie viele TT-clips es gibt (wohl milliarden), die kaum bis keine aufmerksamkeit erhalten. das machte mich in gewissem sinne auch traurig. so gesehen ist der TT-algorithmus in seiner genialität brutal. dank dem offenen ‚for-you-feed‘ kann zwar jede’r ohne follower einen clip produzieren, der viral geht. aber umgekehrt gibt es auch ungezählt viele accounts, deren inhalte so gut wie niemand sieht.
umgekehrt ist es jedoch auch genial, dass ich mit likes, verweildauer und sharings relativ genau steuern, welchen content ich sehen möchte. sprich: wenn mich ‚genderfluide‘ oder ‚migrantische‘ inhalte interessieren, dann werden mir auch solche angezeigt. um also gute TT-inhalte für meinen instagram-account zu kuratieren, muss ich oft nur kurz auf TT gehen. der algo ist wirklich genial perfekt und reagiert auch umgehen, wenn sich meine interessen ändern; und lässt sich auch easy steuern, indem in die audio- oder hashtag-feeds eingetaucht wird.

es ist also nicht nur traurig, dass du es ’schrott‘ nennst, sondern auch, dass er selten sichtbar wird (ab und an zeigt TT im for-you-feed auch clips mit weniger views/likes; und dann oft auch von leuten, denen ich eigentlich folgen würde).

die inhalte aus der schweiz sind übrigens im vergangenen jahr explodiert. das ist auch insofern spannend, weil die app mit den vielen schweizer-deutschen inhalten plötzlich sehr lokal ‚gelesen‘ wird (tauschte mich gerade gestern mit jemandem aus, der ne lokale app im TT-design launchen möchte, worauf ich realisierte, dass im prinzip TT als ’schweizer app‘ gelesen werden könnte)

dann kurz zum thema “schrott”: ich meinte damit nicht user-generated-content, sondern nazi-generated-content oder diese nervigen marketing-aktionen, bei denen nutzer:innen nach dem schneeball-prinzip abgezockt werden.
auch solche inhalte kriege ich kaum zu gesicht. die werbung finde ich jedoch aus drei gründen spannend, zu beobachten:

1. wie kann ich möglichst rasch erkennen, dass es werbung ist, um sie zu skipen? 😉
ist werbung nicht umgehend als solche erkennbar, ist es schon mal keine schlechte werbung. trotzdem nervt es mich, wenn ich mich verführen lasse (und z.b. zu schnell ein like hinterlasse;). deshalb schweift mein blick umgehend zur tonspur, wo jeweils der begriff ‚promo‘ sichtbar ist.

2. wie entwickelt sich werbung lokal? vor einem jahr gab es noch keine möglichkeit, schweizer werbung anzuzeigen. das hat sich im vergangenen jahr rasant verändert. ich finde es interessant mitzuverfolgen, welche firmen auf tiktok in welcher form aktiv werden.

3. welche qualitative unterschiede gibt es?
sprich: ich finde es spannend zu beobachten, welche firmen das konzept verstehen und dadurch einen glaubwürdigen auftritt haben (in der schweiz haben u.a. die accounts von coop und postfinance einen sehr authentischen auftritt)

und bezüglich ’nazi-content‘: hatte diesbezüglich im letzten herbst ein längeres telefonat mit einem deutschen vertreter des jüdischen weltkongresses. er hat mich wegen meinem TT-artikel bei swissinfo kontaktiert. zuerst war er sehr begeistert, weil ich im deutschsprachigen der erste medienmensch sei, der TT verstehe. obwohl ich seine sorge verstehe und in gewissem sinne auch teile, liess ich mich nicht zur aussage bewegen, dass TT eine gigantische nazi-verführungsmaschine sei. im gegenteil: dieser fokus auf alles böse eines neuen medien-angebotes verschüttet viel zu oft die positiven oder einfach mal verblüffendsten auswirkungen, die sie auf die menschen und deren (medialen) verhaltens auch noch haben. ich vermittelte ihm dann schweizer journalist’innen, die möglicherweise eher an seiner sorge interessiert sein könnten. in diesem twitter-thread habe ich unser gespräch kurz zusammengefasst.

was ich jedenfalls bis jetzt bestätigen kann: wer an ‚genderfluidem‘ oder lgbt+-content interessiert ist, wird nie antisemitismus-inhalte zu sehen kriegen (was nun als blind machende filterbubble verschrien oder als zentralen mechanismus des empowernments gefeiert werden kann;)

ich nehme den ball gerne auf: ich möchte den blick auch lieber auf das neue und kreative richten als gefahren herbeizuschreiben. als ich vor zwei jahren einen kleinen selbstversuch unternahm, war ich vor allem von der magnetischen wirkung des dienstes fasziniert. jeder swipe verspricht was neues, lustiges. so dass ich echt dazu neige, dort viel zeit zu verbringen. geht es dir auch so?
ich mochte deine ausführungen und beobachtungen sehr. kenne in ‚den medien‘ relativ wenig leute, die sich derart neugierig auf neue ‚phänomene‘ stürzen. finde das sehr erfrischend und würde auch einer journalistischen berichterstattung gut anstehen (siehe zb. ‚konstruktiven journalismus‘).

weil ich online oft sehr intuitiv unterwegs bin, kann das bei mir sehr schwanken. zum beispiel ärgert es mich ein wenig, dass ich kurz nach meinem kürzlichen twitter-thread zu TT im insta-story-feed (und auf twitter) in die kritische reflektion meines kürzlichen medien-features abgedriftet bin. sprich: ich erhielt (auch dank deinem RT) einige neue insta-follower und sie könnten nun enttäuscht sein, weil es aktuell neben den TT-clips noch viel andere storys hat, die sie womöglich nicht interessieren könnten.

zum einen mag ich es sehr, dass ich mich v.a. zwischen facebook, insta, twitter und TT verzettle, zum anderen beneide ich jedoch auch menschen, die sich ganz bewusst auf eine plattform beschränken können.

aber zurück zu deiner frage: ja, TT kann süchtig machen und ich kenne einige, die ihren account deswegen wieder gelöscht haben und froh sind, dass sie auf instag ne kuratierte auswahl von mir kriegen, ohne selber weiterswipen zu können.

was ich übrigens besonders schön finde: ich bastle mir nen soundtrack für bestimmte situationen oder momente. das geht so: wenn ich unterwegs bin (wegen corona trotz kälte oft auf einer parkbank) und einen TT-clip entdecke, den ich sehr mag, dann tauche ich in den sound-feed ein (ist übrigens sensationell, dass hier ne tonspur quasi zum hashtag wird). und von diesen unterschiedlichen clips zur selben tonspur teile ich dann ein paar in meinem insta-feed, damit die leute wissen, welche variationen möglich sind. du merkst, (auch) ich bin ziemlich angefixt 😉

diesen musik-aspekt kenn ich auch. mich fasziniert dieser moment, wenn man songs hinter den schnipseln erkennt. das ist wie eine kleine erleuchtung, wie das verstehen eines witzes. dank TT bin ich wieder viel tiefer in dieses pop-ding eingetaucht. was glaubst du wie TT langfristig musik verändern wird?
interessanterweise ist musik für mich bei tiktok insofern nur zweitrangig, weil ich sie nicht sehr zentral wahrnahme (obwohl sie natürlich teilweise sehr zentral ist). es gibt ja auch viele tonspuren mit stimmen von TT-nutzenden, die dann von anderen lautlos nachgesprochen werden oder quasi als duett benutzt werden (z.b. ‚mach einen finger runter, wenn du das und das schon mal erlebt hast‘ oder in textform sachen einblenden, die jemand in der via tonspur abfragt).

natürlich ist es spannend, wenn zu aktuellen hits umgehend challenges entstehen und wie diese teils mehr, teils weniger den inhalt thematisieren. oder auch, wenn kurze ausschnitte von älteren, teils gänzlich unbekannten, stücken auftauchen und quasi viral gehen. mich persönlich interessiert auch hier die globale komponente; wenn ich zb. auf einen rumänischen pophit stosse und mir dann alle die adaptionen anschaue. so entdeckte ich z.b. den letzten sommerhit ‚jerusalema‘ oder die somalische volksmusik dhaanto.
aber abschätzen, wie sich dadurch die musik verändern wird, fällt mir schwer. ich denke, dass TT die k-pop-welle ‚im westen‘ massgeblich verstärkt hat. vielleicht ist TT der anfang vom ende der angelsächsischen dominanz in der europäischen musik. ganz grundsätzlich sehe ich bezüglich popkultur zwei sehr gegensätzliche megatrends: grosse hits, die quasi die welt eint, und eine enorme verästelung in kleinstszenen (womöglich in der musik, wei bei den memes: es gibt memes, die alle verstehen, und es gibt memes, die nur ganz wenige verstehen). ich kenne jemand, die oft nur engl. memes ins schweizerdeutsche übersetzt und finde faszinierend, wie es dadurch in gewissem sinne ’stärker‘ wird. nun bin ich aber etwas abgeschweift…

überhaupt nicht. gerade die verästelung finde ich sehr spannend: im vergangenen Jahr bin ich u.a. über TT auf den slogan: „Ich chille mit der Crew Digga“ gestoßen, der aus einem song namens „mafia“ stammt. das für mich erstaunliche daran war: ich fand fast nichts über diesen song in den teilen des web, die ich normalerweise nutze bzw. durchsuchen kann. gleichzeitig schien der song auf den schulhöfen und auf tiktok äußerst populär zu sein. ich lese darin nicht nur eine bestätigung für „Das Ende des Durchschnitts“, sondern vor allem einen erstaunlichen neuen aspekt von popkultur, die sich völlig abseits von googlebaren orten abspielt. auch die geschichte von TT-nutzenden, die trump im vergangene sommer trollten, kann man so lesen. meine kurze frage nach langer herleitung: teilst du diese einschätzung?

es ist hoffentlich oke, wenn ich nochmals kurz auf meine these eingehe, dass TT die ‚völkerverständigung‘ fördert; auch innerhalb eines landes, resp. eines sprachraums. wer nämlich auf TT durch den soundfeed von ‚ich chille mit der crew, digga‘ scrollt, erhält den eindruck, dass sich hier eine sehr bunte deutschsprachige community vereint und sich teilweise in den kommentaren gegenseitig abfeiert. aufgfallen ist mir das im clip dieser ‚kleinbürgerlichen‘ familie, die sich in einem deutschen einfamilienhausquartier vor ihrem auto filmte (und eine längere sequenz des stückes benutzt). ich mag auch sehr die ironie, die in dieser tonspur steckt.

aber zurück zu deiner frage: als ich im laufe der letzten jahre realisierte, dass das allumfassend offene, demokratisierende, allwissende, grosse, weite web scheinbar eine utopie bleibt, stimmte mich das sehr traurig. inzwischen freunde ich mich mit dem gedanken an, dass sich das web dadurch insofern unserem ‚real live‘ anpasst, als dass es völlig normal ist, dass es privatere und öffentlichere zonen gibt. mit informellen ‚klassen-chats‘ gibt es ja längst quasi nen ‚digitalen schulhof‘, den nur die involvierten mitschneiden können. in meiner (zürcher) bubble wird z.b. telegram immer grösser und wichtiger. bin da in diversen chats zur critical mass und velofahren/-politik oder auch zu einem lokalen, unkommerziellen marktplatz. diese beispiele zeigen: telegram und und anderen gruppenchats sind überhaupt nicht nur so ‚böse‘, wie sie aktuell von den massenmedien gerne dargestellt werden. womöglich sind sie die vorläufer dazu, dass sich zum globalen ausbreiten des webs nun eine lokale verästelung entstehen. dazu ein kleines beispiel: vor ein paar tagen zeigte mir jemand eine (‚zürcher‘) app, die quasi ein TT-klon wird und extrem geolokalisiert auf städte oder grössere orte funktionieren soll (geplanter fokus: flohmarkt, tauschen, services). im prinzip können wir nun betrauern, dass sich das offene, grosse, weite web derart zersplittert. umgekehrt sind es jedoch auch in gewissem sinne gegenöffentlichkeiten zu den grossen, kommerziell kolonialisierten bereiche des webs, die wir aktuell massgeblich nutzen. wieder auf eine stadt oder grössere gemeinde runtergebrochen: wir realisieren langsam aber sicher, dass die grossen einkaufszentren auf der grünen wiese ausserhalb der stadt, die innenstädte aussterben lässt. nun sind wir daran, die balance zu finden, zum einen die milieus-verbindenen grossplattformen zu nutzen und uns kleinteilig(er) zu vernetzen und auszutauschen. wobei ich gerade bei TT faszinierend finde, wie schnell eine solch gigantischen plattform ‚lokal gefühlt‘ werden kann (mit den inzwischen extrem vielen schweizerdeutschen inhalten und mit werbung von hiesigen firmen). auch das hat TT mit seinem algo (brutal) gut hingekriegt.


sehr spannender gedanke. ich hab mich sofort gefragt, ob diese verästelung nicht früher in foren stattfand und sich jetzt halt in messenger-gruppen zeigt. ein faszinosum an TT ist für mich mit seiner foryouPage eine Art hauptbühne auf diesem sehr verästelten festivalgelände gebaut hat. wenn dieses schiefe bild gestattet ist. denn natürlich ist diese Page “foryou”, aber es gibt trends, die schnittmengen bilden. deshalb sprechen wir ja überhaupt über TT als phänomen. siehst du das auch so? und gibt es noch einen gedanken zu TT, den wir vergessen haben?

stimmt, mit den foren und blogs gabs diese (teil)privaten bereiche im web schon immer. das vergessen wir sowieso viel zu oft. auch twitter ist nur ne teilöffentlichkeit; sogar facebook (meines wissens ist die hälfte der in der schweiz lebenden menschen nicht auf fb).

ansonsten bin ich ein grosser fan von metaphern und (auch assoziativen oder gar verqueren) vergleichen. es hilft mir sehr, etwas einzuordnen oder auch, um etwas zu erklären.

vielleicht können wir unseren TT-chat mit folgendem vergleich schliessen, der möglicherweise deine und meine thesen zusammenführt (das einende sollte eigentlich viel öfters wieder unser aller fokus sein, statt uns aufs trennende zu konzentrieren): im prinzip ist TT für die heutige ‚jugend‘ was ähnliches, wie für uns damals die bravo und das musikfernsehen; jedoch mit dem massgeblichen unterschied, dass es im ‚mitmach-web‘ viel ausufernder und umfassender ist (so, wie z.b. auch wikipedia viel umfassender und aktueller ist als jede enzyklopädie davor je war). und statt eine’n dr. sommer gibt es heute für jedes ‚problem‘ irgendwo einen menschen, der das sogar aus eigener warte viel glaubwürdiger thematisieren kann. dazu fällt mir eine asiatisch aussehende deutsche ein, die sehr selbstbewusst und selbstironisch ihre (sehr) kleinen brüste thematisiert (und in einem halben nebensatz auch die klimakrise anspricht). verkörpert sie nicht auf verschiedenen ebenen das ende des durchschnitts?

Philipp kuratiert Clips in den Storys in seinem Instagram-Account @metakoenig

„Gute Geschichten entdecken, die wirklich wertvoll sind“ – Interview mit Michaël Jarjour von Blendle

Sollte ich mich auf die Suche nach den Journalisten des Jahres 2015 machen, ich müsste auch mal im Team von Michaël Jarjour nachfragen. Der Redaktionsleiter von Blendle-Deutschland verschickt seit vergangenem Jahr einen täglichen Newsletter, der Werbung für den Bezahldienst Blendle (itunes für Journalismus) ist, aber auch eine gut kuratierte Presseschau derjenigen Medien, die man über Blendle lesen kann. Eine besondere journalistische Stilform, die meiner Einschätzung nach an Bedeutung gewinnen wird, als Arbeitsgebiet für Journalisten aber manchmal vergessen wird.

Nicht nur weil ich diese Auswahl mit Freude lese (hier mein Blendle-Account), habe ich mich mit Michaël in den vergangenen Monaten immer wieder ausgetauscht und ihm ein paar Fragen zu seinem Job gemailt. Hier sind seine Antworten zum Kuratieren im Journalismus

Ein Gespräch übers Fischen und Finden: Kuratieren als journalistische Tätigkeit, Foto: Brian Erickson (Unsplash)

Seit Blendle in Deutschland gestartet ist, liest Du mit deinem Team täglich was in Deutschland publiziert wird und wählst gute Geschichten aus. Wie lang braucht ihr um jeden Tag alles zu lesen?
Wir sind ein Team von fünf Leuten und wir arbeiten an sieben Tagen der Woche. Lesen ist natürlich nicht das einzige, was wir tun, aber der Großteil unserer Arbeit.

Und: ist das mehr Spaß oder mehr Qual?
Ach das ist großartig! Es ist ein richtig gutes Gefühl, für unsere Nutzer ein Problem zu lösen. Nämlich ihnen zu helfen, in der Informationsflut gute Geschichten zu entdecken, die wirklich wertvoll sind. Es gibt kein besseres Gefühl, als über ein Stück zu stolpern, das so richtig gut ist. So eins, das du nicht mehr vergisst. Weil du nach dem Lesen etwas verstanden hast, das du schon immer wissen wolltest, oder eines, das etwas in Worte fasst, die du nie gefunden hast. Oder halt eines, das richtig Spaß macht. Es gibt nichts Schöneres!

Ich persönlich mag Eure täglich Auswahl sehr, sie hilft mir, mehr Texte zu lesen als vorher. Aber es gibt auch Leute, die das reine Auswählen nicht als Journalismus verstehen. Seht Ihr Euch als Journalisten?
Das freut mich echt sehr, dass wir von dir und von sehr vielen unserer anderen, weniger prominenten Nutzer*innen, geschätzt werden. Mein Team und ich sehen uns absolut als Journalisten. Wie jeder andere unserer Kollegen, sortieren wir Informationen — in unserem Fall Artikel — gewichten sie und geben sie an unsere Leser*innen weiter, so dass diese sie nutzen können. Die Flughöhe ist anders als am Newsdesk oder auf Reportage, aber der Vorgang ist ähnlich. Ich sehe uns aber auch als Dienstleister. Journalisten haben es in den vergangenen Jahren sträflich vernachlässigt, nützlich zu sein oder den Nutzen ihrer Arbeit zu erklären. Das tun wir jeden Tag und lernen dabei selbst sehr viel über guten Journalismus.

Und vermisst du das selber Schreiben manchmal?
Ja. Vor allem das Radio machen. Aber dafür gibt’s bei Blendle manchmal Ferien.

blendle_twitter

Wo lernt man Kuratieren/Auswählen?
Wir lernen sehr viel von den Zahlen. Die zeigen uns genau, was wie oft gelesen wird. Aber die spannendste Zahl ist für mich die Rückgaberate. Auf Blendle kann man Artikel zurück geben, wenn sie nicht gefallen und erhält dann sein Geld zurück. Diese Zahl schaue ich so genau an wie keine andere. Wenn also ein Artikel stark geklickt und kaum zurückgegeben wird, haben wir unsere Arbeit gut gemacht. Wenn sie stark geklickt wird, aber oft zurückgegeben, haben wir das richtige Thema gewählt. Aber vielleicht den falschen Artikel. Oder wir haben den richtigen Artikel nicht gut genug angeteasert, zu unklar formuliert. In dieser Zahl steckt die ganze Enttäuschung, die in den vergangenen Jahren im “Online-Journalismus” entstanden ist. Dass man genötigt wird, zu klicken, weil Informationen zurückgehalten werden. Wir arbeiten genau am Gegenteil. Unsere Leser*innen sollen ganz genau wissen, was sie kriegen. Denn sie bezahlen Geld dafür. Und sie haben die volle Kontrolle, es wieder zurück zu verlangen. Das, glaube ich, macht unsere Arbeit besser, aber künftig hoffentlich auch die Arbeit von schreibenden Journalisten und Journalistinnen.

Worauf muss man achten?
Wir wollen unseren Leser*innen die Möglichkeit geben, nicht nur mitreden zu können, sondern zu den aktuellen Themen auch wirklich etwas zu sagen zu haben. Das Wichtigste ist für uns, für unsere Leser*innen nützlich zu sein. Ich liebe kuratierte Produkte wie Techmeme oder Mediagazer. Auf die kann ich mich verlassen, sie sind effizient und sie sind ehrlich.

Euer Chef hat unlängst angekündigt, dass Blendle im Bereich Discovery einiges im neuen Jahr plant. Werdet Ihr als auswählende Journalisten dann überflüssig?
Natürlich nicht. Ich liebe dieses Projekt, an dem ich selbst mitarbeite. Wir haben bei Blendle einzigartige Einblicke dazu, welchen Journalismus Leser*innen mögen und für welchen sie bereit sind, Geld auszugeben. Ein Beispiel ist die Rückgaberate, von der ich vorher erzählt habe. Es wäre irrwitzig diese wertvolle Information nicht strukturiert zu nutzen. Das Redaktionsteam wird aber weiterhin für die Auswahl der Artikel zuständig sein. Wir werden dann nur dafür sorgen, dass unser Algorithmus die Artikel den richtigen Menschen zeigt. So bekommen wir die Möglichkeit, auch Nischenthemen zu behandeln und nicht nur massentaugliches. Das ist ein riesiger Vorteil und das können nur wir. Diese Angst davor, unnütz zu sein ist viel zu verbreitet im Journalismus. Davon müssen wir wegkommen und die Technologien so mitgestalten, dass sie unsere Arbeit als Journalisten besser machen.

Welches war deine Lieblings-Geschichte, die du 2015 empfohlen hast?
Ach, es gab so viele gute Geschichten. Zwei, die mich besonders beeindruckt haben: Eine aus dem Cicero, ein Magazin, das ich vorher nie gelesen habe, weil es einfach zu schwer war, ran zu kommen. Ich war da noch im Ausland. Die Geschichte heißt “War ich zu hart, Edmund?” und rekonstruiert die Tage vor und nach der Rede von Putin an der Münchner Sicherheitskonferenz 2007. Sehr informativ, so gut recherchiert und geschrieben. Wenn er da schreibt, dass der ganze Saal erstarrte, und John McCain säuerlich grinst, und Putin mehr oder weniger seine ganzen Pläne offenlegte — super stark. Gibt’s hier auf Blendle. Eine andere, die mich sehr beeindruckt hat, und die ich so schnell nicht vergessen werde, war aus der Zeit: “Die Hölle, das ist der andere” hieß die. Da geht es um zwei Al-Kaida-Geiseln, die in der gleichen Zelle eingesperrt waren, und sich dort zu hassen lernten. Geschrieben hat die Bastian Berbner. Er lässt die beiden einfach erzählen. Die hatten vorher noch nie zusammen ein Interview gegeben. Er hat mit beiden einzeln gesprochen, und ihre Erzählungen dann hochdramatisch zusammengestellt. So! unglaublich! gut! (Gibt’s hier mittlerweile kostenlos.)

Mehr zum Thema Kuratieren als Journalismus: ein Interview mit Ronnie Grob, der jahrelang die Rubrik „6 vor 9“ beim Bildblog betreut – und für den gerade dieser Tage ein Nach-Nachfolger gesucht wird.

Ausgewählter Journalismus: piqd

beta_piqd„Wir wollen zu einer informierten Öffentlichkeit im Netz beitragen“, schreiben die Macher von piqd im (geschlossenen) Beta-Bereich ihres Angebot. „piqd ist der Gegenentwurf zu den reichweitenoptimierten Algorithmen sozialer Netzwerke. Was relevant ist, bestimmen bei uns ausschließlich unsere Experten und Mitglieder.“

Im Laufe dieser Woche geht die Seite online, die von Medien-Investor Konrad Schwingenstein (torial.com, writethatdown.de und logos.vision) ins Leben gerufen wurde und von den Gründern Marcus von Jordan und Frederik Fischer betrieben wird*. Ein spannender Versuch, auf die Medienfülle im Web zu reagieren. Menschen kuratieren Inhalte und streiten über ihre Auswahl. Ein Versuch, an dem sich zahlreiche tolle Leute beteiligen. Allein deshalb lohnt es sich, einen Account bei piqd anzulegen. Marcus hat mir dazu einige Invites zur Verfügung gestellt – wer eine Einladung haben möchte: bitte kurz in den Kommentaren zu Wort melden!**

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Die Macher beschreiben piqd als „Programmzeitung für das gute Netz“. Sie bitten Experten, Ordnung und Übersicht zu schaffen. Dafür zahlen Unterstützer drei Euro pro Monat – und bekommen die Möglichkeit, exklusiv zu kommentieren, zu bewerten und selber in den Community-Kanälen zu piqen, also Inhalte zu filtern.

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Besonderen Wert legen Marcus und Frederik dabei auf den Respekt für die Quelle: „Wir wollen, dass die bei uns verwendeten Autoren und Publikationen nicht über Leistungschutzrecht nachdenken, sondern sich freuen, dass wir ihnen qualifizierten Traffic schicken, dass wir ihre Inhalte in den richtigen Kontext stellen und dass wir ihre Beiträge mit unseren Mitteln bewerben und inszenieren.“

Mehr zu piqd auf Facebook und Twitter.

*Ich bin mit den Herren persönlich bekannt
** Es gibt keine Codes mehr

Mode meinen, Kleidung treffen

Unter dem Titel Schreibst du noch oder kuratierst du schon? hat Daniel Weber einen wütenden Text verfasst. Rant würde man im Web wohl sagen. Weber, Chef des NZZ-Folio, würde den Begriff wohl eher vermeiden. Denn mit Mode-Worten hat er es nicht so. Das Kuratieren ist für ihn ein solcher Mode-Begriff, den er schon in Museen ungern hört, in den Medien aber gar nicht mag:

Dass Ausstellungen zunehmend kuratiert statt gemacht wurden, kam mir dann schon etwas affig vor, aber der Kunstbetrieb macht sich rhetorisch ja gern ein bisschen wichtig. Und weil das Sich-wichtig-Machen nicht ein Privileg des Kunstbetriebs ist, treibt das Wort jetzt auch in unserer Branche sein Unwesen.

Er hat ein anderes Bild als das des kuratierenden Journalisten. Für ihn wichtig: Schreiben!

Da wüsste ich ein paar noch wichtigere Aufgaben, zum Beispiel recherchieren, reflektieren und formulieren. (…) Journalisten sollen schreiben, und zwar so, dass mich ihre Geschichten packen. Denn das Problem ist ja nicht, dass zu wenig geschrieben, sondern dass zu wenig gelesen wird.

Man ahnt, woher die Wut auf den Begriff des kuratierenden Journalisten kommen mag. Was ich jedoch nicht verstehe: Wie man darüber den Blick derart verengen und einzig schreiben (mit den Zusatzkategorien recherchieren, reflektieren und formulieren) als journalistische Tätigkeit ansehen kann. Ist es also kein Journalismus, was in Fernsehen und im Hörfunk gesendet wird?

Es geht hier vermutlich um etwas anderes. Hier will sich jemand nicht länger sagen lassen, dass sein Beruf sich ändert. Hier will jemand gegen Mode-Worte aufbegehren. Doch dabei verrutschen die Begriffe. Er zielt auf die Mode, trifft aber die Kleidung. Denn selbstverständlich ist das Auswählen und Gewichten eine journalistische Tätigkeit. Aus nichts anderem leitet sich das Bild des Gatekeepers her – nicht aus dem Schreiben. Es geht ums Filtern und Gewichten – und wer es gerne künstlerisch mag, kann auch sagen: ums Kuratieren.

Man kann darüber streiten, ob diese gewichtende Funktion im Zeitalter der Digitalisierung bedeutsamer geworden ist. Ich denke aber, dass die Argumente dafür offensichtlich sind. In dem merkwürdigen Dreh mit dem nicht zu wenigen Schreiben und zu wenigem Lesen, steckt es in Wahrheit ja drin: Im Netz gibt es ein Zuviel an Informationen und ein Zuwenig an Orientierung. Da ist journalistisches Gewichten bedeutsamer denn je. Deshalb sollte man nicht auf das Prinzip des Beinkleides schimpfen, nur weil einem eine spezielle Hose nicht gefällt – sonst steht man ganz schnell nackt da.