Wissen, Meinen und Status im Netz

Ins Internet und gleich gemerkt, dass das ein Fehler war. Abschätzige Twitterer, gemeine Blogger, die schmerzen seltsam mehr als die Jury. Wer sich in Gefahr begibt kommt darin um, denke ich immer.

Der Kollege Max Scharnigg hat am Wochenende in Klagenfurt beim Bachmannpreis gelesen. In seinem kleinen Tagebuch beschreibt er, wie er mit den Reaktionen der Jury und denen aus dem Netz umgeht. Ich erwähne das hier, weil heute früh der Bundespräsidentenkandidat neue Bundespräsident Christian Wulff im Deutschlandradio (MP3) das hier gesagt hat:

Früher war es so, da erfuhren sie nachmittags, dass morgen irgendwas in der Zeitung steht. Da konnten Sie schon richtig stellen, da konnten Sie schon gegenarbeiten. Heute erfahren Sie, dass etwas im Internet steht und Millionen anderer haben gleichen Zugriff auf die gleiche Information. Man hat damit keinen Vorlauf mehr, um Dinge richtigzustellen.

In dieser Zustandsbeschreibung aus der Mitte des politischen Betriebs steckt viel von dem, was man (siehe auch Max Bachmanntagebuch) wohl als Kommunikationskultur im Netz nennt. Darin steckt aber vor allem ein Indiz für die umwälzenden Veränderungen, die durch das Internet ausgelöst hat. Denn Wulff belässt es nicht bei dieser Beschreibung. Er fährt fort mit den Worten:

Da dann gelassen zu bleiben, das fällt gelegentlich dann auch mal mir schwer.

Nicht nur im Stil sagt dieser Satz einiges über den neuen Präsidenten, auch inhaltlich ist diese Aussage bemerkenswert. Wulff findet es also schwer, gelassen zu bleiben, wenn eine Information ihm nicht vorab zugespielt wird. Er beklagt, wie Philipp Banse (via) es schreibt, „dass er wegen des Internets keinen Wissensvorsprung mehr hat vor dem Rest der Welt“.

Um zu verstehen, woher eine solche Haltung kommt, muss man gar nicht auf den Politikbetrieb schimpfen. Sie ist in einem analogen Bürgertum festverwurzelt und begründet damit eine Abneigung gegens Netz – wie Burkhard Müller-Ulrich im Herbst 2008 sehr anschaulich dargelegt hat, als er im Deutschlandradio kommentierte:

Wir wissen noch nicht, wie es sein wird, wenn in einer vernetzten Datenwelt jeder Dödel alles weiß. Denn bis jetzt war Wissen immer etwas Exklusives. Gewiss, es war und ist auch einfach nützlich – besonders wenn es sich um sogenanntes Sachwissen handelt, aber es wirkte nicht zuletzt als Statussymbol, als Zeichen der Zugehörigkeit zur Klasse der Gebildeten.

8 Kommentare

  1. Jens Best

    Ein bißchen mehr Substanz (oder zumindest eine steile These) hätte die Überschrift schon verdient.

    „Analoges Bürgertum“ – da kann man doch dran arbeiten, da liegt eine wunderbare Figur versteckt, die man rausarbeiten könnte.

    Summa summarum steht da oben: Informationen sind ohne ihre Kontextualisierung, durch ihre soziale Einordnung, durch das Abfedern der Information durch die emotionale Ausgewogenheit des Rezipienten im Moment des Empfangens oft nicht weiter als „Affentheater“

    Ein schöne Wort-Kombi, die ich in diesem Zusammenhang die Tage überfliegen durfte war: „Schreiben unter Schnappatmung“ – Ergo geht es also um mehr als „Information zu erfassen“, selbst wenn es im besten Sinne wohl geordnet mit RSS-Feeds, kongenial zusammengefügten Twitterstreams u.v.m. geschieht.

    Nicht das Gewinnen der Weltmeisterschaft im Multitasking bringt also den ERKENNTNIS-moment, sondern das Einordnen der empfangenen Information in den sozialen Kontext ist die eigentliche Aufgabe.

    Und solange der heranwachsende „Digitale Bürger“ dies nicht versteht, darf er zwar gerne voll die Twitterwelle machen zur Bundesversammlung und auch mal den ein oder anderen kleinen wichtigen oder belanglosen Fakt realtime den Verantwortlichen ins Gesicht werfen, aber Macht, Umsetzungmacht, nachhaltig umgesetzten Willen – da gewinnt bis jetzt immer noch zu häufig der „analoge Bürger“ und sein guter Kumpel „der Deutsche Michel“

    sorry, wollte garnicht sooo lange kommentieren, mehr einfach unter http://www.theeuropean.de/jens-best/3605-mehr-oeffentlichkeit-wagen

    J

  2. marco

    „Da kann man dann nicht mehr gegenarbeiten.“ Dieser Satz sagt so viel über das Demokratieverständnis dieses Mannes aus, dass ich es gar nicht so genau wissen wollte. Da sieht man eben, wie es sich auf das Bewusstsein auswirkt, wenn man von Klein auf nichts anderes als innerparteiliche Rankings im Auge hat. Das kann ja was werden …

  3. Pingback: Verlust von Privilegien: Bremst Klassendenken die Digitalisierung? » netzwertig.com

  4. Bernard Rieux

    Ein höchst spannender Punkt, gerade jetzt, wo wir uns ja (auch ohne das Internet) auf dem Weg in die Wissengesellschaft (von der ich in den letzten Jahren überigens erstaunlich wenig gelesen haben in der Presse, nachdem sie ja die ganzen späten 90er eigentlich in keinem Artikel fehlen durfte) machen, droht dem Wissen eine gesellschaftliche Entwertung … spannend.

  5. Pingback: Journalismus für Anfänger | The Aftermath

  6. Pingback: Die Arroganz des Wissens : Burks' Blog

  7. jnt

    Das unkontrollierbare Verbreiten von Informationen ist eine nie dagewesene Bedrohungslage für sämtliche Machtstrukturen, deren Einfluss letztlich nur durch einen Wissensvorsprung vor der Mehrheit gesichert ist. Im Lebensalltag zeigt sich die künstliche Verknappung von Wissen, das Zurückhalten wesentlicher Informationen, der sogenannte intellektuelle Materialismus, in der ausgeübten Kontrolle auf Bildungssysteme und Massenmedien. Die organisierte Einflussnahme von Politik und Industrie auf den durch sie sehr gut regulierten ‚Wissensmarkt‘ ist der entscheidende Faktor für systemische Geldkreisläufe und den Erhalt von Ausbeutungsmechanismen, die durch Eliten über Jahrhunderte (!) perfektioniert wurden.
    Ein neues Medium wie das Netz macht – ohne ein reales 1984 Szenario – den Wissensschutz unmöglich, der seit Generation Grundlage aller mächtigen Institutionen war. Der Vorsprung an Information schwindet täglich, das Wissen fliesst unmittelbar durch digitale Leitungen und trägt die Macht über Bits und Bytes dorthin, wo sie hingehört: Zu allen Menschen.

  8. Pingback: Präsidiales Gegenarbeiten | Digitale Notizen

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