Journalismus, Werbung und PR

“News is what somebody somewhere wants to suppress; everything else is advertising”

Dem britischen Journalisten Harold Evans wird das obige Zitat zugeschrieben und selbst wenn man diese harte Unterscheidung nicht teilt, scheint es angebracht, sich an die dahinter stehende Haltung zu erinnern.

Es geht um das iPad, ein neues technisches Gerät der Firma Apple und es geht um Richard Gutjahr. Der arbeitet in München als Journalist und hat sich ein iPad gekauft. Darüber hat er in seinem Weblog geschrieben. So wurde Richard Gutjahr zum Gegenstand der Berichterstattung in einigen Medien (z.B. SZ, Stern, Abendzeitung, Spiegel ). Außerdem wurde Richard Gutjahr zum Gegenstand einer kleinen Debatte über die Frage, ob das eigentlich Journalismus ist, was er da gemacht hat.

Mit Harold Evans kann man diese Frage sehr einfach beantworten: Es ist Werbung. Werbung für das iPad, Werbung für Richard Gutjahr und Werbung für sein Projekt Appstory.TV. Ob das gut oder schlecht ist, darüber kann man streiten. Die Medienjournalistin Ulrike Lange urteilt jedenfalls in Medial Digital

Gutjahrs Aktion mag ungewöhnlich erscheinen (und für einige angesichts des distanzfreien Kults um ein Goldenes iKalb auch befremdlich), doch ich bin überzeugt: Freie Journalisten, die es schaffen, sich als Eigenmarke zu inszenieren, haben bessere Zukunftschancen als jene, die auf Gedeih und Verderb auf (wenige) Auftraggeber angewiesen sind, um wahrgenommen zu werden.

Vom Selbstmarketing im Netz war hier schon einige Male die Rede. Ob diese Aktion ein besonders geglücktes Beispiel dafür ist, will ich nicht beurteilen. Erstaunlich finde ich jedoch, dass sie im Netz erstaunlich wohlwollend begleitet wird. Mehr noch: Michael Praetorius kommt seinem Blog sogar zu folgendem Schluß über diese iPad-Werbung Berichterstattung:

Gutjahr hat eine journalistische Glanzleistung hingelegt. Er hat verstanden, dass das Web fragmentiert ist, auf sozialen Beziehungen beruht und er sich auf sein Netzwerk verlassen kann. Sein Bericht ist nicht das große Ganze, sondern das winzig klein Verstreute. Spätestens jetzt wird klar, dass Gutjahr nicht versagt hat, sondern von Beginn an auf die Kraft des Webs gesetzt hat. Seine Berichterstattung ist ein hervorragendes Beispiel, wie Online-Journalismus im Zeitalter des Social Webs funktionieren kann.

Grund für diese Begeisterung ist die Vernetzung, auf die der zum Entertainer gewordene Journalist zurückgreift. Dies allein sei neu und gut, urteilt Praetorius:

Seine Form der Berichterstattung lässt sich ein kein einziges Raster mehr packen, das auf Journalistenschulen gelehrt wird. Das muss es auch nicht, den im Web wird klarer denn je, dass Journalismus kein Beruf, sondern eine Tätigkeitsbeschreibung ist. Journalisten sind nicht mehr die Gatekeeper der Berichterstattung und Informationen.

Dem würde ich nicht nur inhaltlich, sondern auch logisch widersprechen: Wenn jeder ein Sender sein kann, kann auch jeder Gatekeeper sein. Der Verweis auf bedeutsame Inhalte wird im too much information age zur herausragenden Leistung. Die Debatte um das soziale Wissen zeigt genau das: Meine – selber zu Sendern und damit zu Journalisten gewordenen Freunde – werden zu Filtern für Informationen. Aber werden sie auch zu glaubwürdigen Filtern?

Genau hier spielt der traditionelle Journalismus eine nicht neue, aber doch immens wichtige Rolle: Als glaubwürdige Instanz, die hilft zwischen wichtig und unwichtig zu unterscheiden, als Filter, der mir sagt, welche Informationen ich eben nicht lesen muss. Um dies leisten zu können, gilt – auf allen Kanälen – der keineswegs antiquierte Rat von Hanns-Joachim Friedrichs an einen guten Journalisten:

Distanz halten, sich nicht gemein machen mit einer Sache, auch nicht mit einer guten, nicht in öffentliche Betroffenheit versinken.

Mehr zum Thema gibt es im Blog Martin Giesler.

4 Kommentare

  1. Doch, der Spruch ist antiquiert. Und wie.

    Allerdings ist er sogar richtig.

    Und das ist kein Widerspruch.

    Verzeihung, aber es ist einfach nur nervend, immer wieder diesen Friedrichs-Spruch zu hören, an den sich Friedrichs selbst nicht gehalten hat, wie verschiedentlich angemerkt wurde. An den sich, so weit ich das überblicke, ohnehin niemand hält.

    Kurzum: Ich finde, Sie machen es sich zu einfach. Ulrike Langer und Michael Praetorius haben sich gewiss nicht vom Journalismus verabschiedet und bewerten die Arbeit von iGutjahr dennoch positiv. Ich sehe da auch einige hoch interessante Aspekte und würde dennoch behaupten, ich verabschiede mich nicht vom Journalismus.

    Die iGutjahr-Aktion war ein Spagat, ja. Aber dieser Spagat scheint mir nach allem, was ich wahrgenommen, gehört und gelesen habe, nicht misslungen. Derlei akrobatische Übungen hatten Friedrichs & Co. in den guten alten Zeiten vielleicht nicht nötig. Das ist heute anders.

    Ich bin mir nicht sicher, ob ich Ihnen zustimme in Ihrer Beschreibung des „traditionellen Journalismus“ …

    … als glaubwürdige Instanz, die hilft zwischen wichtig und unwichtig zu unterscheiden, als Filter, der mir sagt, welche Informationen ich eben nicht lesen muss.

    Ich will mir von niemandem sagen lassen, was ich nicht lesen muss. Um es zuzuspitzen: Dieses „das musst Du nicht lesen, das behandeln wir deshalb auch gar nicht in unseren göttergleichen Medien“ hat auch zum Bedeutungsverlust von Journalismus beigetragen.

    Diese Glaubwürdigkeit, von der Sie schreiben, haben weite Teile des Journalismus leider verloren. Wer die behalten hat und wem es gelingt, sich Glaubwürdigkeit (neu) in einem kommunikativen Prozess zu erarbeiten – ich sage auch gern: Vertrauen -, der kann vielleicht auch künftig noch Journalist sein oder sich so nennen.

  2. dvg

    Ja, die Formen, die Richard Gutjahr für seine Berichterstattung ausprobiert hat, waren beeindruckend. Nein, in den Jubel darüber stimme ich nicht ein. Weil für mich ein wichtiges Kriterium bei der Beurteilung von Veröffentlichungen (um den Begriff Journalismus zu vermeiden) auch immer die Frage ist: Wem nützt dies?

    In dem diskutierten Fall sind die Nutznießer Apple, Gutjahr und dessen Projekt. Daran habe ich absolut nichts auszusetzen, aber ich muss es nicht gut finden (oder gar öffentlich loben).

    Wenn Sie, was ich persönlich stets mit großem Interesse verfolge, zum Beispiel über das IOC berichten, ist der primäre Nutzen der Veröffentlichung ein öffentliches Interesse. Veröffentlichungen (oder eben Journalismus), die nicht zunächst einer Marke (oder der eigenen Person dienen), nötigen mir einfach größeren Respekt ab. Es handelt sich dabei zumeist um etwas „what somebody somewhere wants to suppress“ wie Harold Evans es genannt hat.

    Deshalb: Wie großartig wäre es, würden Gutjahrs Darstellungsformen für genau solche Inhalte eingesetzt? Stellen Sie sich eine gut vernetzte investigative Recherche vor, die auf die lobenswerten Möglichkeiten des Web setzt. Da wäre ich entsprechend begeistert und würde in die Rede vom Zukunft des Journalismus einsteigen.

    Wenn aber ein Fan (zugegeben gut und technisch beschlagen) über das Objekt seines Fantums berichtet, sehe ich darin nicht die Zukunft des Journalismus, bzw. wenn dies die Zukunft des Journalismus sein soll: schwarz.

    Zur Erläuterung meiner Forderung nach der Gewichtung von Inhalten: Dies bezieht sich keineswegs auf die von Ihnen zurecht kritisierte „göttergleiche“ Haltung, sondern auf den Informations-Überfluss im Netz. Ich glaube, dass eine journalistische (gatekeeper-)Leistung darin bestehen kann, mir einen glaubwürdigen Filter anzubieten, der soziale Kriterien mit solchen allgemeiner Relevanz verbindet.

    Dabei stimme ich gerne mit Ihnen überein, dass man auch von Vertrauen sprechen kann. Damit schließt sich dann wieder der Kreis: Es fällt mir schwer, Fans zu vertrauen. Bei Journalisten, die sich bemühen, dem richtigen Teil des vermeintlich nervigen Friedrichs-Zitat nachzukommen, ist das etwas anderes …

  3. Nichts gegen einzuwenden, überhaupt nichts. Ich fand ja auch nicht, dass es eine „journalistische Glanzleistung“ war, wie Praetorius schrieb. es war nur: interessant.

    Auf meinem Gebiet habe ich bei einigen Anlässen auch so eine Dauer-Berichterstattung inklusive der Berichterstattung über den eigenen Schaffensprozess versucht, erstmals 2008 bei Olympia in Peking. Meist ohne Videos zwar, aber mit ehrlicher Beschreibung und Betrachtung der Arbeitsbedingungen, der Umstände, unter denen Berichterstattung/Journalismus abläuft. Ich denke, das muss man heute schon bieten, künftig wird es bis auf wenige Ausnahmen fast nur noch so gehen.

    Nach meiner Wahrnehmung liefern das die meisten herkömmlichen Medien aber kaum. Oder sie liefern es quasi als Spielerei nebenbei. So nach dem Motto: Das sind unsere Beiträge – und das ist das Bunte. Beides geht aber zusammen, nicht immer, aber oft auch bei so genannten harten Themen. Es hat für Recherchethemen sogar viele Vorteile: schafft Transparenz, um nur einen Punkt zu nennen.

    Ich kenne iGutjahr nicht. Las nur, dass er als Berater oder im Team der CR des BR wirkt, oder habe ich mich da verlesen? Ich habe es so aufgefasst, dass er das als Experiment klar von seiner BR-Tätigkeit abgekoppelt hat. Was für mich viel interessanter gewesen wäre: Wie lässt sich bei diesem Thema (ob iPhone oder iPad, weite Teile der so genannten Qualitätsmedien haben da doch extrem viele PR-Nummern abgezogen!) das eine mit dem anderen verbinden in Gestalt eines offiziellen BR-Berichterstatters?

    Kleinigkeit am Rande: Er hat ja auch für sueddeutsche.de produziert. sueddeutsche.de (oder war es das Blatt?) hat dann über ihn berichtet, ohne den Hinweis darauf, dass er für sie gearbeitet hat.

  4. dvg

    Vielleicht sind wir dann gar nicht soweit auseinander. Ihrer Einschätzung über die Experimentierfreude herkömmlicher Medien würde ich jedenfalls nicht widersprechen …

    Ich kenne iGutjahr auch nicht persönlich, weiß auch nichts über seine Tätigkeit beim BR. Mir ging es aber auch nie um ihn oder um seine Berichte. Ich wollte darin lediglich nicht die Zukunft des Journalismus sehen.

    P.S.: Zu der Berichterstattung von sz/sueddeutsche.de kann ich nichts sagen.

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