Die Reihenfolge von Leser-Kommentaren

Das Verhältnis von Journalisten und Lesern ist – wie hier beispielhaft erwähnt – nicht immer ganz leicht. Die so genannten Leserkommentare wirken oft wie eine von vielen Nachrichten-Angeboten mitgeschleppte, ungeliebte Pflichtaufgabe. Anders als in Blogs werden die Kommentare eher als Problem denn als Bereicherung wahrgenommen.

Man kann dafür viele Gründe finden. Und man kann dafür zahlreiche Lösungsansätze ersinnen (wie hier, hier und hier angedeutet), man kann aber auch mal bei einer ganz einfachen Sache anfangen: bei der Reihenfolge.

In Blogs werden Leser-Kommentare in chronologischer Reihenfolge dargestellt. Wer zuerst kommentiert, wird oben dargestellt. Nachfolgende Kommentare folgen auch nach, so können Bezüge und Entwicklungen im Wortsinn nachgelesen werden. Wer selber mal einen Kommentar verfasst hat, weiß welche Vorzüge diese Reihenfolge gegenüber der umgekehrt chronologischen Sortierung hat.

Und wie wird auf deutschen Nachrichten-Websites kommentiert? Einige zufällig ausgewählte Beispiele:

STERN

Das hier stern.de von heute abend:

http://www.stern.de/olympia2008/wettkampf/weiteresportarten/:Gewichtheber-Matthias-Steiner-Es-Sieg-Susann/635340.html

Klickt man auf einen der Kommentare, landet man auf dieser ausgeklappten Übersicht. Auch hier sind die Kommentare umgekehrt chronologisch sortiert – und zwar je zehn auf einer Seite. Dann muss man klicken.

FOCUS

Es bedarf eines zusätzlichen Klicks, um bei Focus Online herauszufinden: Auch hier steht das Datum über dem Zusammenhang. Klickt man (im Beispiel) auf „Weitere Kommentare“, sieht man: Es gibt einen weiteren Kommentare, der jedoch schon älter ist:

http://www.focus.de/sport/olympia-2008/hintergrund/olympia-ente/witts-olympia-ente-suess-sauer-von-wegen-kein-kommentar_aid_325609.html

MEEDIA

Auch bei Meedia (immerhin frisch gestartet) wird – wie dieses Beispiel zeigt – in umgekehrter Reihenfolge kommentiert:

http://meedia.de/menu/home/details/article/Focus%20Online%20setzt%20auf%20Videos_9144/23/

WELT

Auch Welt Online sortiert nach dem Motto: Datum vor Bezug. Dieses Beispiel liefert aber eine mögliche Begründung:

http://www.welt.de/politik/arti2349102/Die_Nato_zeigt_sich_ratlos_im_Umgang_mit_Russland.html

Man sieht auf den ersten Blick, wenn etwas aus dem Ruder läuft, respektive wenn die Kommentare geschlossen sind. Aber will man das?

FAZ

Auch bei faz.net vertraut man auf dieses System. Sogar so sehr, dass die Lesermeinungen, wie das folgende Bild zeigt, es bis auf die Startseite schaffen. Dort wirken sie umgekehrt chronologisch und ohne bezugnehmenden Artikel jedoch etwas verloren:

http://www.faz.net/s/homepage.html

TAZ

Auch bei der taz.de stellt man die Chronologie über den Zusammenhang. So muss man auch dort Kommentare wie im Beispiel lesen, die mit „zu Markus“ beginnen.

http://www.taz.de/1/debatte/kommentar/artikel/1/georgien-muss-in-die-nato/

Interessanterweise sind die Kommentare im Bereich der Blogs auf taz.de übrigens anders sortiert – wie man am Beispiel dieses Beitrags aus Daniel Erks sehr empfehlenswerten Hitler-Blogs ersehen kann.

Und sonst?
heise.de und Spiegel Online haben ihre Leserdebatte in so genannte Foren ausgelagert. Zeit Online nennt sein Forum Community, in die unter den Texten verlinkt wird. Die dort aufgelisteten Kommentare sind ebenfalls umgekehrt chronologisch sortiert.

Fazit
Vielleicht liege ich falsch und die Mehrzahl der (hier ausgewählten) Nachrichten-Sites liegt richtig. Vielleicht aber wäre in der schwierigen Beziehung von Journalisten und kommentierenden Lesern schon viel gewonnen, würde man deren Beiträge nicht in unverständlicher Reihenfolge, sondern nachvollziehbar sortiert veröffentlichen.

Disclosure: Ich arbeite in der Redaktion von jetzt.de und als Kolumnen-Autor (Die Regeln des Web) für sueddeutsche.de. Die dortigen Leser-Kommentare sind ebenfalls umgekehrt chronologisch sortiert. Bei jetzt.de erfolgt die Sortierung in chronologischer Reihenfolge.

  • Pingback: 6 vor 9 ¬ª medienlese.com()

  • Kleine Ergänzung: Bei RP ONLINE erscheinen die Leserkommentare standardmäßig umgekehrt chronologisch, aber unsere User finden am Kopf der Leserkommentare den Button „Ältester oben“ mit dem sie die Reihenfolge umdrehen können.

  • Eine kleine Anmerkung zu ZEIT ONLINE: In den Threads selbst werden die Kommentare chronologisch dargestellt. Beim Kommentar-Aufmacher und unter den Artikel läuft es umgekehrt, damit die User sehen, ob sich in der Diskussion etwas getan hat.

  • Dirk, wir hätten die Art und Weise der Kommentarfunktion auch gerne konsistent zwischen taz.de und tazblogs, sowie nutzerfreundlicher und vor allem kommentierfreudigigkeitsfördernder; und zwar favorisiere ich dazu chronologische Darstellung wie in Blogs allgemein üblich, aber möglicherweise nicht in einer klassischen (relativ viel Platz benötigenden) Threading-Darstellung, sondern in einer alternativen Darstellung der Kommentarbezüge (auch das machen einige Blogs sehr schön vor).

    Wenn ein paar Leser (und -innen) dieses Kommentars bis Montag noch taz-Genossenschaftsanteile zeichnen oder einige taz-Digiabos abschließen, setzen wir das gleich nächste Woche um ‚Ķ Versprochen!

  • dvg

    Jan Michael, ist das erpresserischer Spam oder ein netter Kommentar?

  • Ha, Dirk, gut, dass ich hier noch mal reinschaue, ich möcht‚Äô den Beitrag nämlich gerade als Quelle für die These, chronologisch ist besser, verwenden ‚Ķ

    Zu deiner Frage: Das war natürlich erpresserisch und nett gemeint, wobei indes keineswegs als Spam einzustufen, weil die taz für dich deine Blogleser sicherlich eindeutig ungemein nutzwertig ist ‚Äì das wirst du doch hoffentlich auch als SZ-Angestellter so sehen, oder? ‚ÄûDie Avantgarde erkennt man an Spott, Verweigerung und finanzieller Not.‚Äú

  • Pingback: Digitale Notizen » Blog Archive » Kommentare auf abendzeitung.de()

  • Pingback: online kommentieren? | nerd it yourself()

  • Thomas N.

    Hallo!

    Ein Kommentar zur Darstellung dieses Artikels:
    Mir fällt auf, dass einige Elemente unübersetzt auf englisch benutzt werden; sei es, dass der Autor selbst englischsprachige Begriffe benutzt, wo deutschsprachige Begriffe ebenso passend (vielleicht sogar passender) wären, oder dass die automatisch generierten Seitenelemente nicht korrekt eingedeutscht sind.

    Beispiele dazu:
    – Die Darstellung seines beruflichen Hintregrundes steht unter dem Stichwort „disclosure“ – in einem Artikel eines deutschsprachigen Autoren für deutschsprachige Leser eines (vorrangig) deutschsprachigen Blogs.
    – Die Datumsangaben in den deutschsprachigen Kommentaren stehen in der angelsächsischen Notation („Oktober 22nd, 2009 at 09:39“).
    – Ähnlich bei den Twitter-Angaben oben rechts: Da steht beispielsweise „3 hrs ago“.

    Für mich bedeutet das: Der Autor hat
    [X] keine Lust
    [X] keine Ideen
    [X] kein angemessenes Sprachgefühl
    , sich passende (deutschsprachige) Begriffe zu überlegen.

    Die Datumsangaben (und andere automatisch generierte Elemente) sind sicherlich das Ergebnis einer unzureichenden Sprachanpassung. Natürlich kann man das nicht dem Autor selbst vorwerfen – aber er muss sich den Vorwurf gefallen lassen, dass er derart zusammengepfriemelte Programme benutzt.