Streitkultur gegen Endsätze

Im vergangenen Sommer diskutierte Mediendeutschland ausgiebig über Diskussionen – über Leserdiskussionen. Die Frage, wieso der Dialog mit Lesern im Netz so schwierig sei, beschäftigte die Medien, weil mehrere Großmeinungslagen (Ukraine, Gaza) etwas zu Tage fördern, was man eine Unfähigkeit zur Debatte nennen kann. Ich schrieb damals einen Text für die Medienseite der SZ, in dem ich versuchte den Blick auf den gesellschaftlichen Rahmen des Themas zu lenken:

Vielleicht ist der Abgrund, in den das Land dieser Tage schaut, in Wahrheit ein Spiegel, in dem man erkennen kann, welche Brandstifter in den vergangenen Jahren außerhalb des Netzes so viel Feuer gelegt haben, dass es jetzt auch innerhalb brennt. Wenn man sich beispielsweise das Verhältnis des ehemaligen Bundesbankers Thilo Sarrazin zu der stets auf ihre demokratische Tradition bedachten SPD betrachtet, fällt es schwer, nicht an einen Querulanten in einer Online-Diskussion zu denken: Hier nutzt jemand die Reputation einer bekannten Marke, um seine eigenen Thesen in die Welt zu jagen. Die Provokationsbestseller der vergangenen Jahre und die dazu geführten „Lassen Sie jetzt mal mich ausreden“-Debatten im deutschen Fernsehen tragen nun Früchte. Wer solche Vorbilder der Streitkultur hat, lernt schnell, was im medialen Wettstreit der Ideen bedeutsamer ist als die Suche nach Verständigung: lautstarke Provokation und gegenseitige Angriffe.

Spätestens seit diesem Wochenende schlägt die Diskussions-Debatte in aller Härte zurück. Sascha Lobo hat das – mit Blick auf den Brandanschlag von Tröglitz – in seiner Spiegel-Online Kolumne lesenswert analysiert. Er führt dazu den Begriff der „Endsätze“ ein, mit dem er jene „kurzen Bemerkungen“ beschreibt, „die einen Bruch für immer bedeuten, das verräterische Aufblitzen der Unmenschlichkeit“. Als Gegenmittel gegen diese Endsatz-Kultur fordert er ein Aufbäumen der demokratischen Zivilgesellschaft im Netz:

Nicht aufgeben, sich die sozialen Segnungen des Netzes nicht verseuchen lassen. Nicht angesichts der Hassmassen passen, sondern weitermachen, Endsätzen widersprechen, Grenzen setzen, kämpfen gegen den beschämenden Hass.

Oder um es ein höher zu hängen: Wir brauchen eine – wie gesagt – bessere Streitkultur:

Es fehlt online wie offline an einer Diskussionskultur, die dem Wettstreit der Ideen gerecht wird, der Politik ausmachen soll. Dieses Land muss streiten lernen! Es fehlen Vorbilder, die zeigen, dass man in der Sache hart, aber dennoch nie persönlich ringen kann

Wie das gelingen kann? Ich bin ratlos, denke aber, dass Sascha Lobo in einer Einschätzung falsch liegt. Er schreibt:

Wir Internet-People haben jahrelang gefordert, dass endlich alle ins Netz kommen sollen. Aber jetzt sind sie da.

Denn diejenigen, die z.B. gegen Fremdenhass auf die Straße gehen, sind noch nicht da oder haben noch keine Ausdrucks-Formen gefunden, um sich gegen die Endsätze zu stellen. Ben schreibt dazu:

Es reicht nicht mehr, seine eigene Überzeugung nur zu leben und zu denken, das würde schon etwas verbessern. Wir müssen unsere Überzeugungen zuspitzen und deutlicher Äußern und für sie eintreten. (…) Eintreten für Menschlichkeit, für Humanismus, für Gerechtigkeit geht nur, nur, nur wenn wir uns selber menschlich und gerecht und ohne jede Spur von Hass verhalten, auch wenn die Positionen der anderen noch so menschenverachtend sind …

Vielleicht brauchen wir dafür und für eine bessere Streitkultur zunächst etwas ganz Banales: Ein friedliches Zeichen, das man gegen die Endsätze und gegen den Hass stellen und dem Hassende damit sagen kann: du gehst zu weit. Das klingt vielleicht naiv, aber wie wäre es, wenn man einen Hashtag oder ein Emoticon erfindet, das als Entsprechung zur Lichterkette verstanden werden kann als Ausdruck für eine offenen Streitkultur und gegen Hass und digitale Gewalt?

  • Oh. Danke für die Erwähnung. Ich erlaube mir trotzdem etwas einzuwerfen: Ich bin mir nicht sicher, ob uns eine Streitkultur da weiter bringt. Ich weiß nicht, ob man mit Menschen, die Brandanschläge befüworten streiten kann und sollte. Also und damit meine ich auch, dass es Menschen gibt, die Streits mit solchen Barbaren nicht führen können und nie führen können werden. Da ist Dein Vorschlag mit dem Lichterketten-Hashtag schon sehr gut. Eine Lichterkette ist ja keine Streitkultur, sondern ein einfachste, öfffentliche Äußerung einer Position der Menschlichkeit.

    Ich glaube, dass es uns schon viel weiterbringen würde, wenn wir, die wir solche Barbareien nicht dulden wollen, unsere Positionen und Ansprüche weiter zuspitzen, formulieren und öffentlich äußern. Wir müssen Fortschritt in diesen Dingen einfordern, von uns selbst ebenso, wie von der Gesellschaft.

  • Die Frage ist halt, wie man die Punkte definiert, ab denen man sich mit bestimmten Menschen nicht mehr auseinandersetzt.

  • Ich finde, das ist gar nicht so schwierig. Dafür gibt es das Grundgesetz, die Menschenrechte, die Dinge, die unsere Eltern uns beigebracht haben, die Ideale, an die wir als junge Menschen geglaubt haben und als Ultima Ratio immer noch John Rawls „Schleier des Nichtwissens„: Wenn ich nicht wüßte, ob ich Mann, oder Frau, Reich oder Arm, klug oder dumm, Nordeuropäer oder Asiate, Hetero oder Homo, Atheist oder Moslem wäre – was würde ich dann für richtig und gerecht halten?

    Das führt einen sehr schnell auf die richtig Bahn, ist meine Erfahrung.

  • Es bleibt im Alltag ein weites Feld. War ja immer gut zu beobachten beim schwierigen Umgang mit der NPD nach Wahlerfolgen. Zumal es oft das Bequemste ist, Leute außerhalb des als akzeptierbar definierten Rahmens zu stellen, weil man sich dann mit ihnen inhaltlich nicht so intensiv auseinandersetzen muss, was ja nicht nur schwierig ist oft, sondern auch echt weh tut ob der Standpunkte.

  • Es ist ja kein Makel, wenn das Richtige und das Bequeme zusammen fallen. Die NPD ist eine Partei der Barbaren, deren Meta-Erzählung die aller Barbaren seit jeher ist: Wenn „wir“ nur stark genug werden, dann werden wir unsere Gegner schon aus dem Weg räumen. Zwischen „Patrioten zur Rettung des Abendlandes“, „Deutschland den Deutschen, Auslänger raus“ und „Deutschland nur den guten, arischen Deutschen“ gibt es praktisch keine Unterschiede. Das sind politische Grundhaltungen, die auf Stärke, Verdrängung und Ungerechtigkeit basieren. Von Unmenschlichkeit mal ganz zu schweigen.

    Nein, nein, nein … ich hab das vor ein paar Monaten schon mal gebloggt: Wir denken immer, die Barbareien der Vergangenheit wären leicht zu erkennen gewesen, und deswegen denken wir, dass wir nicht barbarisch sind: Sklaverei, Kinderarbeit, kein Frauenwahlrecht, Sonderrechte für Klerus und Adel. Wie einfach ist es dies als Barbarei zu erkennen. Und weil es so einfach ist, können wir selber keine Barbaren in unserer Mitte habe, denn dann hätten wir sie ja erkannt. Verblüffenderweise aber sind auch unsere Barbareien klar und gut zu erkennen, wir sind nur damit groß geworden, dass sie „normal“ sind und sehen sie deshalb nicht:

    * Die NPD und alle Parteien, deren Grundprinzip auf gesellschaftlicher Ungleichheit und Verdrängung beruht, sind barbarisch.
    * Dass wir Tiere in unfassbarer Zahl und Ausmaß quälen und ihren Qualen gegenüber rücksichtslos sind, ist barbarisch.
    * Dass wir Frauen immernoch in fast jeder Hinsicht außer den zentralsten Formalismen als minderwertig behandeln ist barbarisch.
    * Dass wir mehr Rohstoffe und Energie verbrauchen, als die Erde hergibt ist barbarisch.
    * Dass wir Folter, Vergewaltigung, Sklaverei und Unterdrückung dulden und sogar fördern, wenn es unseren Zielen entspricht, ist barbarisch.
    * Dass wir Kriegsgerät und Waffen produzieren, in Krisengebiete verkaufen und selber Kriege führen ist barbarisch.
    * Dass wir ganze Tierarten unwiederbringlich ausrotten ist barbarisch.
    * Dass Menschen selbst in den reichsten Ländern verhungern und erfrieren ist barbarisch.
    * Dass wir persönliches Glück fast ausschließlich als Wohlstand, Prominenz, und Privilegien definieren ist barbarisch.
    * Dass wir Lügen für ein legitimes Mittel der Politik, des Unternehmertums und ganz allgemein für das Vorankommen Einzelner oder von Institutionen halten, ist barbarisch.

    Ich habe nicht den geringsten Zweifel daran, dass wir von nachfolgenden Generationen für mindestens genau diese Dinge als Barbaren abgestempelt werden und sie haben Recht. Und unsere Aufgabe hier und heute ist es – und sei es nur mit Lichterketten-Hashtags – auf diese Barbareien aufmerksam zu machen.

    Und damit wir uns nicht falsch verstehen: Ich hasse oder verachte die NPD nicht. Ich esse selber Fleisch, lüge des wirtschaftlichen Erfolges wegen, streben nach Materiellem und setze mich praktisch nicht aktiv gegen Krieg und Folter ein, außer ein wenig zu bloggen. Ich sage nicht, dass es einfach ist, der Barbarei ein Ende zu setzen. Ich sage nur, dass es leicht ist sie zu erkennen und es ist ebenso leicht zu erkennen, was eigentlich das Richtige zu tun wäre.