Freiheit ist immer die Freiheit des Andersschmeckenden

wagner

25.000 Menschen haben in diesen Minuten eine Petition gegen eine Kolumne in der Bild-Zeitung unterschrieben. In der change.org-Aktion „Absetzung der Kolumne Post von Wagner“ wird Bild-Chef Kai Diekmann aufgefordert, den Chefkolumnisten des Springer-Verlags nicht mehr schreiben zu lassen. In der Begründung heißt es mit Blick auf Wagners Kolumne nach dem Flugzeugabsturz am 24. März:

Diese Form der Berichterstattung hat nichts mehr mit Journalismus, sondern nur noch mit Zynismus zu tun. (…) Seine Zeilen sind pietätlos und dumm und haben mit seriösem Journalismus nichts mehr zu tun.

Es ist zweieinhalb Monate her als nach dem Terroranschlag von Paris eine kleine Debatte über den Wert der Pressefreiheit geführt wurde. Hier im Blog zitierte ich damals Rosa Luxemburg, die den Ausspruch prägte: “Freiheit ist immer die Freiheit des Andersdenkenden”.

Vor dem Hintergrund der öffentlichen Reaktionen auf die Meldung aus den französischen Alpen muss man Luxemburgs Satz vermutlich anders formulieren: „Freiheit ist immer die Freiheit des Andersschmeckenden.“ Denn ob man Wagners Worte für pietätlos oder seriösen Journalismus hält, ist natürlich genau das: eine Geschmacksfrage. Wenn 25.000 Menschen wegen dieser Geschmacksfrage von seinem Chefredakteur fordern, dass er nicht mehr schreiben soll, empfinde ich das als Angriff auf die Pressefreiheit. Eine Welt, in der Geschmack über das Recht entscheidet, „seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten“, ist eine schlechtere Welt – das sollte man alljenen sagen, die nun aus vermutlich guten Motiven diese Petition unterzeichnen und auf Facebook und Twitter darum werben, es ihnen gleichzutun.

Im Januar schrieb ich, „dass es bei Pressefreiheit eben nicht darum geht, den moralisch richtigen, den angemessenen oder stilvollen Meinungen Raum zu geben. Pressefreiheit heißt vor allem: Meinungen auszuhalten – und im Wettstreit der Ideen zu bekämpfen – die man für moralisch falsch, unangemessen und stillos hält. Das ist so viel schwieriger als es klingt.“ Und Franz-Josef Wagner fordert genau diese Fähigkeit heraus!

  • Nö, das darf man fordern. Ebenso darf sich der Chefredakteur einen Kehricht um die Forderung scheren. Beides ist Teil der Meinungsfreiheit, denn niemand hat das Recht,seine Meinung ohne Kritik und Gegenmeinung in die Welt zu posaunen.

    Es darf nur nicht sein, dass die Petition von der Regierung und vom Bundestag benutzt wird, um dem Chefredakteur zu verbieten, FJWs Ergüsse zu drucken. Obwohl es selbst dafür Paragrafen gäbe.

  • Dirk Hansen HB

    Wir dürfen uns an den Meinungen – und am Geschmack – anderer öffentlich stören. Manchmal müssen wir sogar. Aber, richtig, das begründet keinen Anspruch, diese auch zu zerstören. Also: Widersprüche aushalten, nicht eliminieren. Was wohl so schwer ist, dass dieser Unterschied immer wieder verwischt wird, auch durch die Petitionitis.

    Allerdings bleibt eine Paradoxie: Selbst die Meinungsfreiheit wird erst durch einen Rahmen (gegen Hemmungslosigkeit) gesichert. Weder dürfen Individuen einander öffentlich rücksichtslos beleidigen (altmodisch: Schmähkritik) noch ist es erlaubt, ganze Gruppen einfach so zu diskriminieren (altmodisch: Volksverhetzung).

    Deshalb habe ich die antisemitischen Karikaturen kritisch gesehen, die Greenwald so sexy fand. In Deutschland wären sie m. E. justiziabel gewesen. Wagners Brief dagegen ist nicht mal satisfaktionsfähig.

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  • Wolfgang Ruck

    Die hier geforderte ideale „Pressefreiheit“ wäre, wenn Wagner und ich in BILD frei schreiben dürften. Dann würde ich das voll unterstützen! Wagner besitzt aber Pressefreiheit, ich aber nicht! … und Eigentum (hier an Pressefreiheit) verpflichtet! Es gibt kein Recht auf Dummheit, auf Gewalt oder auf alles! Wenn Wagner das Privileg der Pressefreitheit unverantwortlich einsetzt, dann kann man ihm dieses (verliehene) Recht auch wieder entziehen. Milliarden von Menschen müssen ohne Pressefreiheit auskommen, weil sie zu arm sind um über ein entsprechendes Medium zu verfügen!

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