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Trove harnesses smart, flexible technology that learns from the choices you make. Some have called it “Pandora for news,” and the serendipity in its suggestions, pulled from around 10,000 sources, makes Trove a powerful tool for information discovery.

Mit diesen Worten stellt Don Graham den Lesern der Washington Post in seinem Welcome Letter den Nachrichten-Aggregator Trove vor, der heute – passend dazu – gestartet wurde. Dazu gibt es dieses Video, das das Prinzip des neuen Angebot erklären soll:

Nehmen wir die Mensch-Maschine Sascha Lobo. Der schreibt in seiner Provokations-Kolumne auf spiegel.de über die Zukunft und über das Lösen von Problemen (die er allerdings nicht benennt, weshalb man nicht beurteilen kann, ob er recht hat). Dabei verweist er auf das schon etwas ältere, aber fraglos tolle Video dieser zweijährigen iPad-Versteherin

Es dient ihm als Einstieg in einen Seitenaspekt der andauernden (eher grundsätzlichen) Debatte um die Zukunft und die Digitalisierung. Dazu liefert AllThingsD ebenfalls heute einen Hinweis auf das angekündigte Aggregations-Angebot News.me, das vielen (bis auf Meedia) als Zukunft der Nachricht im Netz gilt.

Ob News.me das wirklich ist, kann ich nicht beurteilen. Ich würde aber eine Einschätzung versuchen, in dem ich es mit einer weiteren Meldung dieser Woche zusammenbringe, die Richard Gutjahr aufgebracht hat (und die wir auf jetzt.de fortgeführt haben): Es geht um die Twitter-Aktivitäten beim ZDF. Die basieren auf einer Undercover-Aktion von Marco Bereth und Michael Umlandt, die sich unautorisiert zwei ZDF-Accounts aufbauten und anschließend auf den Mainzer Lerchenberg einbestellt wurden:

Doch zur Überraschung der beiden jungen Männer verläuft das Gespräch anders als erwartet. Anstatt ihnen die Twitter-Konten abzunehmen, oder gar mit einer Klage zu kommen, bietet man den beiden etwas anderes an: einen Arbeitsvertrag.

Dafür hat das ZDF – zurecht wie ich finde – viel Lob bekommen in den vergangenen Tagen, seit Richard dies publik machte. Und es ist in der Tat ein kluger Schachzug der ZDF-Verantwortlichen. Gleichzeitig steckt in der Einschätzung der zuständigen Redakteurin ein kleiner Schönheitsfehler, der uns zurück zum obigen iPad-Video führt. Tina Kutscher wird mit folgenden Worten zitiert:

“So professionell wie die Zwei twittern, könnten wir das gar nicht.”

Abgesehen davon, dass in dem Begriff “professionell” ein schöner Seitenaspekt der ebenfalls andauernden Debatte über Amateure im Journalismus angesprochen wird (warum sollten eigentlich Amateure professioneller kommunzieren als ZDF-Redakteure!?), steckt in dem Satz der Hinweis darauf, dass das, was von Vielen als Zukunft der Medien debattiert wird, offenbar deren Gegenwart ist. Wenn im ZDF niemand in der Lage ist so professionell zu twittern wie die beiden in der Tat sehr guten Marco und Michael könnte ich empörte GEZ-Zahler durchaus verstehen, die jetzt ihr Geld zurück wollen. Anders formuliert: Es geht bei Angeboten wie News.me vielleicht gar nicht darum, ein in ferner Zukunft liegendes Problem zu lösen, sondern die sehr gegenwärtige Herausforderung zu bewältigen, die Informationsflut an Facebook-Einträgen und Tweets zu sortieren.

Ob News.me dies gelingt, kann ich nicht beurteilen (ich kann es ja noch nicht nutzen), ich kann aber sagen, dass dieses Problem eines ist, das diejenigen, die heute Twitter und Facebook als Nachrichtenkanäle nutzen (“wenn eine Nachricht wichtig ist, wird sie mich finden”), lösen möchten. Vermutlich wird jemand in naher Zukunft ein Angebot liefern, über das die Medienverantwortlichen dann sagen: “So professionell wie die könnten wir das gar nicht lösen.”

Wirklich?

Der Kollege Richard Gutjahr ist gerade in Kairo. Er berichtet darüber in seinem Blog und über zahlreiche Echtzeit-Medien – wie Twitter und Ustream, über die er Bilder aus der Stadt liefert, die derzeit die Hauptmeldungen der Nachrichten beherrscht.

http://twitpic.com/3v3ska

Richard ist Journalist und er folgt mit seiner Kairo-Reise einem urjournalistischen Reflex: Er will dort sein, wo gerade etwas passiert. Und in Zeiten digitaler Kommunikation ist das Dortsein auch verbunden mit dem Berichten darüber. Dass man dies als Selbstdarstellung kritisiert, speist sich aus der gleichen Haltung heraus, die das Anlegen eines Facebook-Accounts für Selbstdarstellung hält. Wer so denkt, hinkt der Art, in der Richard das Netz nutzt, mit großem Abstand hinterher. Richard setzt das Netz als journalistisches Medium ein, er fährt dorthin, wo etwas passiert und er berichtet darüber – auf allen Kanälen, die ihm zur Verfügung stehen. Ich halte das zu für einen sehr spannenden, sehr zeitgemäßgen Umgang mit dem Medium und hoffe, dass Richard die Kairo-Reise unbeschadet übersteht!

Wer das auch so sieht, kann ihn zum Beispiel auf Flattr unterstützen.

Disclosure: Seit einem Interview Ende vergangenen Jahres bin ich mit Richard persönlich bekannt. Wir schreiben beide an Christian Jakubetz’ Journalistenbuch mit.

Die Konsumenten verbringen mehr und mehr Zeit damit, Nachrichten zu lesen, zu teilen und interagieren mit Informationen auf mobilen Geräten. Sie wollen weiterhin mit den Nachrichten, den Informationen und Unterhaltungsmarken, die sie kennen und lieben, verbunden sein.

Wer immer nach Parallelen zwischen Musik- und Medienindustrie im Rahmen der Digitalisierung sucht: Im sehr lesenswerten Interview mit Jeremy Caplan beim Standard wird man fündig. Nicht nur weil der Journalismus-Prof interessante Dinge über Paid Content sagt …

generell werden Journalismus-Organisationen zunehmend auf Kombinationen von Einnahmen schauen müssen, als auf eine einzelne dominierende Quelle. Weil Werbeeinnahmen bislang digitale Cents anstatt analoger Dollar einbringen, haben sich Herausgeber an die Generierung der Werbung in der Vor-Tablet-Ära gewöhnt.

… er reiht sich auch ein in die Liste derjenigen, die vom gegenwärtigen Journalismus fordern, die Kommunikationsinstrumente des Netzes (sogenannte Social-Media-Tools) zu verwenden:

Jeder Journalist sollte Twitter oder eine andere Art der RSS Lese-Applikation (wie etwa Google Reader) verwenden, um sich über das breite Angebot an Quellen, ob große oder kleine, am Laufenden zu halten.Eine Webseite nach der anderen anzusehen ist ineffizient, und die wertvollen Stimmen auf Twitter findet man nur schwer woanders.

via

In diesem Frühjahr bekommt sueddeutsche.de einen neuen Chefredakteur. In der in diesen Tagen erscheinenden Netzwerk-Recherche Veröffentlichung Online-Journalismus hat Stefan Plöchinger Thomas Leif ein paar Fragen beantwortet – zum Beispiel die nach Trends für die nächsten fünf Jahre:

Fünf Jahre sind im Netz kaum zu überblicken. Für die kommenden zwei Jahren wäre meine Prognose: Die journalistischen Formen werden vielfältiger, das Layout hoffentlich kreativer und übersichtlicher, und wir müssen uns mit alternativen Plattformen auseinandersetzen. Redaktionen müssen in Social Networks präsenter werden. Wir brauchen attraktive Sites für Smartphones, Tablets, vielleicht sogar Fernseher, denn die Leute lesen uns längst nicht mehr nur am Rechner. Das ist mehr als eine technische Frage, sondern auch eine blattmacherische: Was ändert es, wenn Menschen unsere Site unterwegs oder im Wohnzimmer abrufen?

Nicht nur das Interview ist sehr interessant, die gesamte Publikation ist empfehlenswert. Sie kann hier als PDF herunter geladen werden. Den “gedruckten Band können Sie gegen Einsendung eines mit 1,45 Euro frankierten und adressierten DIN C5-Umschlags” bestellen, schreibt mir der Kollege Thomas Mrazek, der für den Band auch mir ein paar Fragen stellte.

An diesem Samstag ist es 15 Jahre her, dass Peter H. Lewis den Beitrag The New York Times Introduces a Web Site in Netz stellte. Damit kündigte die Gray Lady an, im Web präsent sein zu wollen. Es lohnt sich, den Beitrag heute nochmal zu lesen, denn zum einen schauen alle Zeitungsmacher auf die große Tageszeitung aus New York (zumal dieser Tage erste Meldungen über das für das Frühjahr 2011 angekündigte Bezahlmodell bekannt wurden). Zum anderen zeigt der Tonfall des Textes, dass fünfzehn Jahre auf eine Art eine verdammt kurze Zeit sind. So endet der Text zum Beispiel mit den Worten:

With its entry on the Web, The Times is hoping to become a primary information provider in the computer age and to cut costs for newsprint, delivery and labor. Companies that have established Web-based information sites include television networks, computer companies, on-line information services, magazines and even individuals creating electronic newspapers of their own.

und ein Branchen-Experte wird mit der Prognose zitiert:

“The market is booming for newspapers on the World Wide Web”

Stimmt das? Käme man heute zu dem gleichen Urteil?

Die Antwort darauf liefert die New York Times vermutlich selber in den nächsten Monaten, in dem sie zeigt, ob ihr neues Modell funktioniert oder nicht. Aber allein die Tatsache, dass die Webwelt so interessiert nach New York schaut, zeigt: Das sehr junge Medium Internet ist noch immer im Wandel.

Deshalb notiere ich hier (mehr für mich selbst) 15 Fragen zum 15. Webgeburtstag der New York Times, die man sich aufzuheben sollte, um sich in 15 Jahren zu wundern, worüber man 2011 nachdachte:

1. Was ist das Alleinstellungsmerkmal einer Zeitungswebsite?
2. Nachrichten?
3. Braucht man eine Redaktion oder zwei?
4. Ist Online-First eine Strategie?
5. Wie ist das Verhältnis zum Leser definiert?
6. Gibt es ein Bezahlmodell für Inhalte?
7. Wie misst man Aufmerksamkeit?
8. Wie ist das Verhältnis zu Google?
9. Und zu Facebook?
10. Sind Apps eine Lösung?
11. Oder doch eher: mobile Version der Site?
12. Warum eigentlich nochmal Multimedia?
13. Wie ist das Verhältnis zum Fernsehen?
14. Braucht man eine Social-Media-Redaktion?
15. Muss jeder alles können?

Unter dem Titel The Hyperlink Grows Up schreibt Alexis Madrigal bei The Atlantic über eine veränderte Link-Politik bei der New York Times.

Ich bin technisch leidlich begab, was Madrigal aber da beschreibt, finde auch ich Technik-Laie spannend: Man kann mit den hinter ein # angehängten Buchstaben p h und s auf einzelne Absätze in Artikeln der New York Times verlinken und diese Sätze sogar farbig markieren. Wie genau das hier funktioniert …

… kann man in dem Text nachlesen. Dort gibt es auch den Verweis auf ein ähnliches WP-Plugin namens WinerLinks, das im Umfeld der Cuny Graduate School of Journalism in New York entwickelt wurde.

Interessant daran finde ich den Aspekt der individuellen Veränderbarkeit von Publikationen. Durch dieses Hervorheben besonderer Textstellen verschiebt sich das Bild des einen Textes, den alle gleich wahrnehmen. Damit löst sich das Pinnwand-Prinzip auf, vor die alle gleich treten und sich dort Informationen abholen. Das Internet verbreitet Inhalte anders. Wir sprechen zwar weiterhin von dem gleichen Text, durch die Hinweise in den Links wird dieser aber anders wahrgenommen, in neue Kontexte gestellt. Dass darin ein sehr spannender Aspekt dessen liegen kann, wie sich die publizistischen Voraussetzungen im öffentlichen Raum Internet verschieben, kann man an thematischen wie personenbezogenen RSS-Feeds sehen, die bereits jetzt die Mischung eines Magazins oder einer Zeitung auseinanderreißen – und zwar nach Vorgaben der Nutzer.

Wie bedeutsam diese für eine Publikation werden, sieht man allein daran, dass die NYT ihnen diese Möglichkeiten überhaupt bietet. Das Weiterverbreiten von Informationen ist so wichtig, dass eine der wichtigsten Zeitungen der Welt besondere Zugänge für die Nutzer öffnet, damit diese zu Distributoren im digitalen Raum werden können. Hat die New York Times das Nötig? Nein, darum geht es nicht. Es geht darum, dass die New York Times ein Bedürfnis ihrer Leser/Nutzer erkannt hat.

Auf diese sich wandelnde Verweiskultur bezieht sich auch das Gawker-Blognetzwerk in seiner aktuellen Relaunch-Ankündigung. Dort heißt es:

Referrals from Facebook have increased sixfold since the start of the year; and audience spikes appear to be larger than ever before. We can turn more of those drive-by visitors into regulars by turning every page into a front page, as shown above.

Man muss der Großspurigkeit der Ankündigung nicht folgen (siehe dazu die gute Einschätzung bei telepolis), muss aber dennoch festhalten, was ich in der vergangenen Woche auch beim SpeedLab Journalism in Berlin bemerkte:

dass die zentrale Veränderung des Netzes der aktiv gewordene Nutzer ist. Er wird in Blogs und auf sozialen Plattformen selbst zum Sender und verbreitet in seinen eigenen Netzwerken klassische Medieninhalte (in Form von Links und Hinweisen). Damit wandelt sich nicht nur die bisherige Suchkultur des Netzes zu einer Verweiskultur, in der Leser/User Inhalte zunehmend durch Empfehlung von Freunden wahrnehmen. Es bewahrheitet sich auf diese Weise auch die Behauptung, die einem amerikanischen Collegestudenten zugeschrieben wird, der sagte: ‘Wenn eine Nachricht wichtig ist, wird sie mich schon erreichen.’ Damit hätte seine Generation die Suchkultur abgeschafft.

Das Zitat stammt aus meinem SZ-Artikel (ePaper-Link), den ich über die Veranstaltung vom vergangenen Mittwoch schrieb.

Wie reagiert man auf diese Veränderungen? Bei Gawker sieht man zwei Ansätze:

First, the creation or recognition of two different classes within the editorial teams: the curator or editor; and the producer or scoopmonger. Second, it means we have to abandon the single blog flow — and separate out the strongest stories in a zone much more substantial than the existing skyline.

Dass es notwendig ist, auf diese Verschiebungen zu reagieren, kann man übrigens feststellen, wenn man die Veröffentlichungen der Twitter-Verantwortlichen der vergangenen Tage liest. Im Gespräch mit On The Media erklärte zum Beispiel Evan Williams:

We really want to make Twitter the source of information that you check several times a day on your mobile phone. I think right now Twitter does that in the best cases, but we have a long way to go to make that really valuable.

Diese Prognose deckt sich durchaus mit dem, was ich September zum Relaunch der Plattform geschrieben habe und findet auch im Netz Unterstützung. Naumi Haque kommt mit Verweis auf die Espresso Book Machine sogar zu dem Fazit: The newspaper’s not dead, it’s just moved to Twitter.

Soweit würde ich nicht gehen, ganz sicher scheint mir aber: Das Lesen von Nachrichten im Netz schließt deren Verbreitung mit ein.

Am Wochenende wurde die Meldung öffentlich, Rupert Murdoch und Steve Jobs (also die beiden Organisationen, denen sie vorstehen) machen gemeinsame Sache. Für die morgige Ausgabe der SZ hat der Kollege Jörg Häntzschel die Pläne der beiden, eine Zeitung fürs iPad zu entwerfen, genauer beschrieben.

Es ist unbestreitbar: In dem “Daily” betitelten Projekt steckt ein besonderer Zauber. Es ist die Hoffnung, dass Jobs und Murdoch zeigen werden, dass das, was viele als Inhaltetransport in Form des klassischen Journalismus bezeichnen würde, doch noch funktioniert. Zwar nicht auf Papier, aber auf dem, was die gleichen Menschen häufig als digitales Äquivalent zu Papier sehen: dem Tablet-Computer. Ich persönlich spüre diesen Zauber nicht, aber ich kann verstehen, woher die Faszination kommt, mit der manch einer über das Projekt spricht. (Mich fasziniert, dass offenbar tatsächlich Sasha Frere-Jones in dem Team mitarbeitet).

Für mich ist daran etwas Anderes bemerkenswert: Indirekt beweist die Freude über diesen Versuch nämlich, wie radikal sich die Medienlandschaft bereits jetzt verändert hat – und was wir daraus lernen können. Ein Technik-Anbieter, dessen Firma sich in manchen Bereichen nah am Monopol bewegt und ein Mann, der das Wort “Medienmogul” erfunden zu haben scheint, tun sich zusammen. Doch die Meldungen dazu äußern nicht Skepsis, sondern eben die Hoffnung, der Versuch möge doch klappen – eben weil es beweisen würde, dass sich soviel doch nicht geändert hat.

Ich habe keine besondere Qualifikation, Prognosen abzugeben. Doch ich bin skeptisch, ob eine solche reine iPad-Zeitung erfolgreich sein wird. Ihr fehlt all das, was Medien in einer vernetzten Welt ausmacht – und vor allem fehlen ihr diese vier Punkte:

1. Öffentlichkeit
2. Aufmerksamkeit
3. Verbindung
4. Gemeinschaft

Wenn ich im Folgenden zu beschreiben versuche, was ich damit meine, geht es mir weniger um das konkrete Projekt (davon weiß ich auch zu wenig), als vielmehr um den Grundentwurf Zeitung auf dem iPad. Denn ganz so heilbringend wie dieser oft beschrieben wird, ist er (zumindest als iPad-Only Variante) nicht.

1. Öffentlichkeit

Einer der wichtigsten Gründe, warum man eine Zeitung liest, ist die Annahme, dass man es nicht alleine tut. Wäre der Leitartikel oder die große Reportage lediglich eine private Botschaft, die mir der Kommentator oder Reporter persönlich geschrieben hat: beide würden ihren Reiz verlieren. Der steckt nämlich darin, dass die Texte öffentlich sind. Dass andere sie auch lesen, haben wir bisher daran erkannt, dass die Zeitungstexte in Pressespiegeln auftauchten, dass anderen Zeitungen darauf reagierten oder dass Radio und Fernsehen drüber berichteten. All das sind Indizien dafür, dass die Texte, die man liest, eine Öffentlichkeit erreichen. Durch das Netz – das auf andere Weisen unseren Begriff von Öffentlichkeit ebenfalls verändert – ist diese Mitlese-Öffentlichkeit sehr viel unmittelbarer zu erkennen. Es gibt Links, Verweise, Kommentare. Aus dem Publizieren ist ein Kommunzieren geworden.

Einer Zeitung, die eingesperrt in einer App veröffentlicht wird, fehlt diese unmittelbare Öffentlichkeit.

2. Aufmerksamkeit

Er zählt zu den Allgemeinplätzen des Digitalen, der Satz von der Aufmerksamkeitsökonomie im Netz. Aber dennoch hat er einen wahren Kern: Die vom Internet veränderte Medienwelt ist ein Marktplatz der Aufmerksamkeit. Wer hier nur eine mittelbare Öffentlichkeit erreicht, wird keine Aufmerksamkeit aus sich heraus generieren können. Was ich damit meine: Natürlich werden Jobs&Murdoch für Aufmerksamkeit für ihr Daily sorgen. Aber diese Aufmerksamkeit wird Reklame bleiben, sie wird nicht auf die Ebene vordringen, die in der aufgeregten Netzsprache so gerne als viral bezeichnet wird, weil sie sich von alleine weiterträgt. Weil Menschen von einer Idee, von einem Text, von einer Zeitung so überzeugt sind, dass sie ihre Freunde auch überzeugen.

Einer Zeitung, die nur eine mittelbare Öffentlichkeit erreicht, wird diese besondere Form der Aufmerksamkeit nicht zuteil.

3. Verbindung

Sie werden ihre Freunde auch deshalb nicht überzeugen, weil sie diese aus der Tablet-Zeitung heraus gar nicht erreichen können. Die Anschlusskommunikation, die das Netz ermöglicht, das Teilen und Mitteilen von Informationen ist in einer reinen iPad-Zeitung nicht möglich. Dadurch verzichtet eine solche Zeitung auf den Motor, der im Netz für Bewegung – also für Öffentlichkeit und Aufmerksamkeit – sorgt und schließt eine aktive Leserschaft gerade zu aus. Zudem raubt sie sich selber den Vorteil, den das Tablet gegenüber dem Papier haben kann: digital und sofort weiterverwendbar zu sein.

Eine Zeitung, die die Möglichkeiten der Verbreitung und Verbindung von Informationen bewusst ausschließt, wird unattraktiv für eine aktive Leserschaft.

4. Gemeinschaft

Ein großes Problem, das eine iPad-Zeitung hat, ist dass sie also solche nicht zu erkennen ist. Wer den Leser von Daily beobachtet, sieht lediglich, dass er in ein iPad schaut. Tyler Brule hat das mal so zusammengefasst:

Wenn ich in eine Flughafen-Lounge gehe und Sie mit Ihrem Laptop sehe, weiß ich nicht, ob Sie sich Pornografie auf einer Website aus Bratislava ansehen oder einen Dokumentarfilm auf dem Sundance-Kanal. Sehe ich Sie aber die ZEIT aufschlagen oder den Economist, dann sagt das etwas über Sie, mindestens genauso viel wie Ihre Schuhe, Ihre Jacke, die Uhr an Ihrem Handgelenk oder der Koffer, mit dem Sie unterwegs sind.

Medien, die wir nutzen, sagen etwas über uns. Wer uns bei der Lektüre einer bestimmten Publikation beobachtet, erkennt uns dadurch als Mitglied einer Gruppe. Das Internet hat uns die Möglichkeiten gegeben, diese Gruppe (die man hier Community nennt), abzubilden. Eine reine iPad-Zeitung, die auf den aktiven Leser verzichtet, wird diese Gruppe nicht abbildbar machen können. Das führt zu dem zentralen Problem, das schon aus Punkt 1. Öffentlichkeit resuliert: ich weiß nicht, wer die Zeitung sonst noch liest.

Eine Zeitung, die ihrer Leserschaft keine Möglichkeit gibt, sich selbst zu vergewissern, wird Schwierigkeiten haben, als Marke zu bestehen.

Da die Marke “Daily” (und sei es nur ein Arbeitstitel) aber eben überhaupt noch nicht existiert, wächst mein Zweifel, warum Leser dieser denn vertrauen sollen. Für mich wäre der einzige Grund, der oben angesprochene Kulturchef Sasha Frere-Jones, also eine Person, die glaubwürdig ist.

Womit wir bei den zwei Dingen sind, die mir sehr positiv auffallen, an dem Daily-Plan: Erstens setzt er auf das Prinzip der Endlichkeit. Daily greift eine Portion aus dem ständigen Fluß der Informationen heraus und bereitet sie (so hoffe ich doch) gut auf. Zweitens geschieht dies am Abend. Ich glaube, dass diese alte Idee einer Abendzeitung sehr gegenwärtig ist.

Das ist gut, aber eine bahnbrechende Innovation ist es meiner Meinung nach nicht.

Update: Mario Garcia zeigt, wie er sich eine Tabloid-Zeitung vorstellen würde.

Update 2: Matthew Ingram beschreibt bei Gigaom, warum man am Daily-Projekt sehen kann, dass Rupert Murdoch noch immer auf Kriegsfuß mit dem Internet steht.

„Wir reden von Medienkrise, und in Wahrheit erreichen alle Traditionstitel von ,Bild’ über ,Spiegel’ bis zum ,Handelsblatt’ doppelt so viele Menschen wie vor Einführung des Internets.“

Der Satz stammt von Gabor Steingart, dem Chef des Handelsblatt. Er plädiert dafür, die Chance des Netzes in den Vordergrund zu stellen, nicht die Risiken. Vor ein paar Monaten hatte Herr Steingart in einem Interview noch die Kostenlos-Kultur des Netzes kritsiert und gemahnt, Inhalte zu nicht zu verschenken.

Im Sommer hatte ich bereits hier notiert, dass ich das Bild des Verschenkens für falsch halte. Denn es ist ein Spezifikum des digitalen Raums, dass Inhalte hier zwar ohne Bezahlung zugänglich gemacht, aber deshalb trotzdem nicht verschenkt werden. Sie werden über Anzeigen finanziert – vielleicht nicht in dem Maße, das sich manch einer wünscht, aber auch nicht so beiläufig, dass man es nicht sehen könnte. In diesen Tagen feiert das Anzeigenmodell Google Adwords zehnten Geburtstag. Diese Idee der Online-Werbung ist nicht gerade unerfolgreich, sie basiert auf dem Prinzip des Verschenkens. Bezahlt wird hier mit Aufmerksamkeit.

Es mag wie eine Detailfrage klingen, ich glaube aber, dass wir so lange Probleme damit haben werden, die Besonderheiten des digitalen Raums zu verstehen und anschließend auch zu gestalten, wie es uns nicht gelingt, diese sprachlich zu fassen. So lange wir das Verschenken kritisieren, werden wir enorme Schwierigkeiten haben, Modelle im Netz zu finden, die helfen, einen hochwertigen Journalismus zu finanzieren. Und die Verschenk-Annahme ist so tief verwurzelt, dass sie selbst ausgewiesene Experten wie unlängst Stephan Weichert und heute auch Christian Jakubetz verwenden. Er schreibt mit Blick auf Murdochs Paywall:

Wenn sich zehn Eisverkäufer nebeneinander aufstellen und neun verschenken ihr Eis, wird es der Zehnte mit seiner Paywall für Eis etwas schwer haben.

Ich glaube das Problem stellt sich anders da, wenn man nicht vom Verschenken spricht und auch die möglichen Lösungen sehen dann anders aus. Gleiches gilt übrigens für das (von Christian ebenfalls angesprochene) Problem des Überangebots an Informationen. Was wäre, wenn das so gar nicht stimmt? Vielleicht hat ja Michael O’Malley recht, der in seinem lesenswerten Text Attention and Information sagt:

Peo­ple often argue that we have too much infor­ma­tion and too lit­tle atten­tion; that this is a con­di­tion of being “mod­ern.” But the oppo­site may be true: that atten­tion is a human con­stant and that it con­stantly seeks new forms.

Ich glaube, dass wir um den digitalen Raum zu verstehen, auch unsere Sprache und Bilder überprüfen müssen. Wir dürfen – wie das Beispiel des Diebstahl-Dilemmas zeigt – nicht den naheliegenden Metaphern vertrauen, wir müssen akzeptieren, dass in einem Raum, in dem die Kosten für den Vertrieb auf Frost-Temperatur fallen andere Bedingungen herrschen als in einem, in dem diese Kosten sommerliche Grad-Zahlen erreichen. Peter Glaser hat seinen großartigen Text Der ganze Planet eine Technosphäre in LeMonde diplomatique unlängst mit der Feststellung begonnen:

Wer online ist, nimmt teil an dem größten kulturellen, ökonomischen und sozialen Experiment des 21. Jahrhunderts.

Ich glaube, dass diese Diagnose stimmt – sogar für diejenigen, die nicht online sind (bzw. glauben, dass sie das nicht sind) Dieses Experiment stellt viele gelernte Dinge in Frage, es fordert uns heraus und neue Ideen. Diese werden wir nur formulieren können, wenn wir die Sprache dafür finden. Das klingt so banal, dass man “geschenkt” sagen möchte. Ist es aber nicht.

Der koreanische Ph.D.student Haewoon Kwak hat unter dem Titel What is Twitter, a Social Network or a News Media? eine interessante Präsentation veröffentlicht, die bei Mashable (via) diskutiert wird:


Die Studie, die der Präsentation zugrunde liegt, belegt vor allem: Twitter wird ein bedeutsamer Nachrichtenkanal, den Journalisten nicht ignorieren sollten. Weniger weil es sich dabei tatsächlich um ein soziales Netzwerk handelt (das stimmt so nur sehr bedingt), sondern vielmehr weil es ein ständig an Bedeutung wachsender Verbreitungsweg für Informationen wird. Über die Folgen dieser Veränderung hatte Danah Boyd unlängst schon sehr lesenswert geschrieben.

Was heißt das für den Journalismus? Er muss anerkennen, dass seine Inhalte auf Reisen gehen. So nennen es die Macher der Pownar-Studie von CNN. Sie haben “the power of news and recommendation” untersucht und sind dabei der Frage nachgegangen, wie bedeutsam die Mitteilbarkeit von Informationen im Netz ist. Die Antwort darauf liefert dieser Spot:

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