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Das Blogbox-Experiment

Heute startet Blogbox – eine iPad-App aus München. Gemeinsam mit 51 anderen Blogs taucht auch mein Blog in der Übersichtsliste der Seiten auf, die zum Start in der Blogbox zu lesen sind.

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Dazu zählt auch Netzwertig, wo Martin Weigert das Konzept von Blogbox vorstellt:

Was Blogbox von tabletbasierten Newsreadern wie Flipboard, Pulse und Newsrepublic abhebt, ist unter anderem die automatische Paketierung der Inhalte und der ausschließliche Fokus auf deutschsprachige Blogs. (…) Das Ziel der drei Blogbox-Macher Moritz Orendt, Bernhard Hering und Marco Eisenack ist es, Blogs aus der Nische zu holen und ihnen gleichzeitig eine attraktive Einnahmequelle zu erschließen. Aus diesem Grund beinhaltet Blogbox ein integriertes, freiwilliges Bezahlsystem, nicht unähnlich dem von Flattr. Nutzer der App können sich mit der internen Währung “Bonbons” bei den einzelnen Blogs für Artikel bedanken. Bonbons werden per In-App-Kauf erworben, zehn Bonbons – die sogenannte “Studentenpackung” – kosten 0,89 Cent. Wer ein größeres Budget hat, kann für 7,99 Euro die 100 Bonbons beinhaltende Förderpackung erwerben. Das Startup betont, dass es nach Abzug von Apples 30-prozentiger Provision sämtliche Einnahmen an die jeweiligen Blogs ausschüttet.

Als ich gefragt wurde, ob ich mit den Digitalen Notizen dabei sein will, habe ich nicht wegen der Bonbons zugesagt, sondern weil ich das Experiment mag. Kann man andere Zugänge zu Inhalten bauen? Blogbox versucht das, ich bin gespannt, mit welchem Ergebnis.

Feedback und eigenes Blogbox-Erleben gerne in den Kommentaren!

Der gläserne Gatekeeper

Andrew Culf ist „a deputy news editor for the Guardian„. So steht es auf seiner Profilseite der britischen Zeitung. @andrewculf „hat noch nichts getwittert“. So steht es auf seiner Profilseite bei Twitter. Von Bedeutung ist das wegen dieser Seite hier.

http://www.guardian.co.uk/help/insideguardian/2011/oct/10/guardian-newslist?CMP=twt_gu

Sie trägt den Titel „An experiment in opening up the Guardian’s news coverage“ und ist nach allem, was ich bisher über Nachrichtenjournalismus und Zeitungsmachen weiß eine mindestens kleine Revolution. Im Bereich „UK News“ trägt Andrew Culf heute die Verantwortung für die Nachrichtenlage beim Guardian. Das vermerkt diese Übersicht, die der Guardian künftig ebenso öffentlich macht wie die internationale und die Wirtschafts-Nachrichtenlage.

Abgeschaut haben sich die Guardian-Macher dieses Konzept des gläsernen Gatekeepers bei der schwedischen Zeitung Norran, die den Gedanken der Transparenz im digitalen Raum auf die nächste Ebene hebt. Dadurch dass man jetzt auch beim Guardian, den Versuch unternimmt (ja, es ist ein Quasi-Beta-Experiment), bekommt die Idee des offenen Blattmacherns einen neuen Schub: Journalisten in ganze Europa sind plötzlich mit dem Gedanken konfrontiert, ihre Arbeit offener und transparenter zu gestalten.

Was heißt das konkret? Andrew Culf muss künftig nicht nur die aktuellen Meldungen seines News-Tickers im Auge behalten. Er muss auch einen Blick auf das werfen, was die Guardian-Leser unter dem Hashtag #opennews auf Twitter schreiben. Zudem ist jetzt auch der Guardian-Newsroom auf Twitter vertreten. Denn Öffnung heißt für die neuen Nachrichtenmacher auch Dialog. Sie sind ansprechbar und unter dem genannten Hashtag offen für Kritik – aber eben auch für neue Themenvorschläge. Sie schaffen so für die passiven Leser eine große Nähe zu ihrem Lieblingsprodukt und für die aktiven Rezipienten einen direkten Weg an den Newsdesk der Redaktion.

Nebenbei verändert der Guardian damit den Blick auf die Blackbox Nachrichtenredaktion. Diese kulturelle Veränderung könnte zu mehr werden als zu einer kleinen Revolution. Denn wenn das Guardian-Experiment gelingt, wird dies Folgen auch für andere Journalisten haben. Transparenz könnte auf Mainstream-Ebene zu einer Grundanforderung an glaubwürdigen Journalismus werden (was sie heute in bestimmten Märkten sicher schon ist). Nicht mehr ausschließlich das finale Produkt würde dadurch zum Beurteilungsgegenstand journalistischer Arbeit, sondern auch der Weg dorthin (siehe dazu die Metaphorik des Nachrichtenfluß). Soweit ich das absehen kann, ist das grundlegend neu (in Deutschland). Es würde Produktionsbedingungen, Ausbildungswege und das Selbstverständnis journalistischer Arbeit in einer Art und Weise verändern, die wir heute nur in Ansätzen absehen können.

Allein deshalb sollten wir sehr genau beobachten, wie Andrew Culf in den kommenden Woche so arbeitet.

P.S.: Wo wir schon über den Guardian sprechen, hier das Werbe-Video für die iPad-Version der Zeitung, die in den kommenden Tagen veröffentlich werden soll.

P.P.S.: Weil es mich gerade im Rahmen meiner eigenen journalistischen Arbeit betrifft: Der SZ-Kollege Alex Rühle unternimmt gerade für eine Reportage ein kleines (transparentes) Twitter-Experiment. Unter Alex Rühle kann man ihm auf Twitter folgen – mehr zum Hintergrund steht hier.

Die Zukunft der Zeitung im Netz?

Wie sieht die Zukunft der Zeitung im Netz aus? Wir wissen es nicht, aber wir können mithelfen, diese zu gestalten. Die New York Times hat auf der Suche nach Lösungen fürs digitale Publizieren jetzt einen interessanten Weg eingeschlagen:

Unter dem Titel beta620 werden „Experimental Projects From The New York Times“ ausprobiert und getestet. In der Beschreibung heißt es:

The New York Times is committed to constant development and innovation. beta620 is the latest example of that commitment.

Dazu passt die Meldung von vergangener Woche: die Times will ihre Community auffrischen. Wie man das in New York macht, zeigt beta360 und das kann man auch bei Nick Bilton nachlesen.

Eine Nummer größer denkt man offenbar in Chicago. Laut dieser CNN-Meldung will The Tribune Co. Apple und dem iPad Konkurrenz machen:

The Tribune Co., one of the largest U.S. news enterprises, is working on a touchscreen tablet that it plans to offer to newspaper subscribers, according to people briefed on the plans.

via

„The switch to digital has occurred“

Ich kann mich daran erinnern, dass nicht gerade wenige Menschen in meinem Umfeld die These vertreten haben „Lange Texte liest man nicht am Bildschirm“. An diesen Satz musste ich jetzt denken als ich den Guardian-Text What digital readers mean for business – natürlich am Bildschirm – las. Er fasst eine Umfrage mit erstaunlichen Ergebnissen zusammen. Denn offenbar scheint nicht nur die obige Annahme überholt, offenbar stimmt auch die These nicht mehr, dass Menschen mehr in Zeitungen/Magazine (auf Papier) schauen als in Bildschirme.

Nun sollte man dafür zunächst klären, was als Bildschirm zu gelten hat. Es ist dies nämlich nicht nur der Monitor des Computers oder Laptops, es sind Tablet-Bildschirme genauso wie jene der Smartphones. Auf all die schauen die Befragten jedenfalls im täglichen Durchschnitt fünfzehn Minuten länger als auf Papier-Medien. Allerdings sehen sie auf den Schirmen dann nicht nur klassischen Nachrichten, sondern vor allem Mails, Netzinhalte und Videos. Auf Platz vier erst kommen „branded media“.

Daraus (und aus einigen anderen Zahlen) schließt der Guardian:

1 There is still a long way to go for applications to match browser adoption; it is mostly a question of interface quality.
2 People expect real-time news, including in applications, or the added value needs to be outstanding.
3 Digital editions carry more of the brand attributes; but as long as they are not supported by better applications, and able to provide real time news updates, they will remain a relatively small market.
4 The advertising model needs a bigger dose of creativity: a large chunk of readers would agree to more ads as long as their publication remains free – which paves the way to reinventing the sponsoring model for digital editions or for encapsulated contents.

Die Zukunft!

Nehmen wir die Mensch-Maschine Sascha Lobo. Der schreibt in seiner Provokations-Kolumne auf spiegel.de über die Zukunft und über das Lösen von Problemen (die er allerdings nicht benennt, weshalb man nicht beurteilen kann, ob er recht hat). Dabei verweist er auf das schon etwas ältere, aber fraglos tolle Video dieser zweijährigen iPad-Versteherin

Es dient ihm als Einstieg in einen Seitenaspekt der andauernden (eher grundsätzlichen) Debatte um die Zukunft und die Digitalisierung. Dazu liefert AllThingsD ebenfalls heute einen Hinweis auf das angekündigte Aggregations-Angebot News.me, das vielen (bis auf Meedia) als Zukunft der Nachricht im Netz gilt.

Ob News.me das wirklich ist, kann ich nicht beurteilen. Ich würde aber eine Einschätzung versuchen, in dem ich es mit einer weiteren Meldung dieser Woche zusammenbringe, die Richard Gutjahr aufgebracht hat (und die wir auf jetzt.de fortgeführt haben): Es geht um die Twitter-Aktivitäten beim ZDF. Die basieren auf einer Undercover-Aktion von Marco Bereth und Michael Umlandt, die sich unautorisiert zwei ZDF-Accounts aufbauten und anschließend auf den Mainzer Lerchenberg einbestellt wurden:

Doch zur Überraschung der beiden jungen Männer verläuft das Gespräch anders als erwartet. Anstatt ihnen die Twitter-Konten abzunehmen, oder gar mit einer Klage zu kommen, bietet man den beiden etwas anderes an: einen Arbeitsvertrag.

Dafür hat das ZDF – zurecht wie ich finde – viel Lob bekommen in den vergangenen Tagen, seit Richard dies publik machte. Und es ist in der Tat ein kluger Schachzug der ZDF-Verantwortlichen. Gleichzeitig steckt in der Einschätzung der zuständigen Redakteurin ein kleiner Schönheitsfehler, der uns zurück zum obigen iPad-Video führt. Tina Kutscher wird mit folgenden Worten zitiert:

“So professionell wie die Zwei twittern, könnten wir das gar nicht.”

Abgesehen davon, dass in dem Begriff „professionell“ ein schöner Seitenaspekt der ebenfalls andauernden Debatte über Amateure im Journalismus angesprochen wird (warum sollten eigentlich Amateure professioneller kommunzieren als ZDF-Redakteure!?), steckt in dem Satz der Hinweis darauf, dass das, was von Vielen als Zukunft der Medien debattiert wird, offenbar deren Gegenwart ist. Wenn im ZDF niemand in der Lage ist so professionell zu twittern wie die beiden in der Tat sehr guten Marco und Michael könnte ich empörte GEZ-Zahler durchaus verstehen, die jetzt ihr Geld zurück wollen. Anders formuliert: Es geht bei Angeboten wie News.me vielleicht gar nicht darum, ein in ferner Zukunft liegendes Problem zu lösen, sondern die sehr gegenwärtige Herausforderung zu bewältigen, die Informationsflut an Facebook-Einträgen und Tweets zu sortieren.

Ob News.me dies gelingt, kann ich nicht beurteilen (ich kann es ja noch nicht nutzen), ich kann aber sagen, dass dieses Problem eines ist, das diejenigen, die heute Twitter und Facebook als Nachrichtenkanäle nutzen („wenn eine Nachricht wichtig ist, wird sie mich finden“), lösen möchten. Vermutlich wird jemand in naher Zukunft ein Angebot liefern, über das die Medienverantwortlichen dann sagen: „So professionell wie die könnten wir das gar nicht lösen.“

Wirklich?

Daily: Meine vier Zweifel an der iPad-Zeitung

Am Wochenende wurde die Meldung öffentlich, Rupert Murdoch und Steve Jobs (also die beiden Organisationen, denen sie vorstehen) machen gemeinsame Sache. Für die morgige Ausgabe der SZ hat der Kollege Jörg Häntzschel die Pläne der beiden, eine Zeitung fürs iPad zu entwerfen, genauer beschrieben.

Es ist unbestreitbar: In dem „Daily“ betitelten Projekt steckt ein besonderer Zauber. Es ist die Hoffnung, dass Jobs und Murdoch zeigen werden, dass das, was viele als Inhaltetransport in Form des klassischen Journalismus bezeichnen würde, doch noch funktioniert. Zwar nicht auf Papier, aber auf dem, was die gleichen Menschen häufig als digitales Äquivalent zu Papier sehen: dem Tablet-Computer. Ich persönlich spüre diesen Zauber nicht, aber ich kann verstehen, woher die Faszination kommt, mit der manch einer über das Projekt spricht. (Mich fasziniert, dass offenbar tatsächlich Sasha Frere-Jones in dem Team mitarbeitet).

Für mich ist daran etwas Anderes bemerkenswert: Indirekt beweist die Freude über diesen Versuch nämlich, wie radikal sich die Medienlandschaft bereits jetzt verändert hat – und was wir daraus lernen können. Ein Technik-Anbieter, dessen Firma sich in manchen Bereichen nah am Monopol bewegt und ein Mann, der das Wort „Medienmogul“ erfunden zu haben scheint, tun sich zusammen. Doch die Meldungen dazu äußern nicht Skepsis, sondern eben die Hoffnung, der Versuch möge doch klappen – eben weil es beweisen würde, dass sich soviel doch nicht geändert hat.

Ich habe keine besondere Qualifikation, Prognosen abzugeben. Doch ich bin skeptisch, ob eine solche reine iPad-Zeitung erfolgreich sein wird. Ihr fehlt all das, was Medien in einer vernetzten Welt ausmacht – und vor allem fehlen ihr diese vier Punkte:

1. Öffentlichkeit
2. Aufmerksamkeit
3. Verbindung
4. Gemeinschaft

Wenn ich im Folgenden zu beschreiben versuche, was ich damit meine, geht es mir weniger um das konkrete Projekt (davon weiß ich auch zu wenig), als vielmehr um den Grundentwurf Zeitung auf dem iPad. Denn ganz so heilbringend wie dieser oft beschrieben wird, ist er (zumindest als iPad-Only Variante) nicht.

1. Öffentlichkeit

Einer der wichtigsten Gründe, warum man eine Zeitung liest, ist die Annahme, dass man es nicht alleine tut. Wäre der Leitartikel oder die große Reportage lediglich eine private Botschaft, die mir der Kommentator oder Reporter persönlich geschrieben hat: beide würden ihren Reiz verlieren. Der steckt nämlich darin, dass die Texte öffentlich sind. Dass andere sie auch lesen, haben wir bisher daran erkannt, dass die Zeitungstexte in Pressespiegeln auftauchten, dass anderen Zeitungen darauf reagierten oder dass Radio und Fernsehen drüber berichteten. All das sind Indizien dafür, dass die Texte, die man liest, eine Öffentlichkeit erreichen. Durch das Netz – das auf andere Weisen unseren Begriff von Öffentlichkeit ebenfalls verändert – ist diese Mitlese-Öffentlichkeit sehr viel unmittelbarer zu erkennen. Es gibt Links, Verweise, Kommentare. Aus dem Publizieren ist ein Kommunzieren geworden.

Einer Zeitung, die eingesperrt in einer App veröffentlicht wird, fehlt diese unmittelbare Öffentlichkeit.

2. Aufmerksamkeit

Er zählt zu den Allgemeinplätzen des Digitalen, der Satz von der Aufmerksamkeitsökonomie im Netz. Aber dennoch hat er einen wahren Kern: Die vom Internet veränderte Medienwelt ist ein Marktplatz der Aufmerksamkeit. Wer hier nur eine mittelbare Öffentlichkeit erreicht, wird keine Aufmerksamkeit aus sich heraus generieren können. Was ich damit meine: Natürlich werden Jobs&Murdoch für Aufmerksamkeit für ihr Daily sorgen. Aber diese Aufmerksamkeit wird Reklame bleiben, sie wird nicht auf die Ebene vordringen, die in der aufgeregten Netzsprache so gerne als viral bezeichnet wird, weil sie sich von alleine weiterträgt. Weil Menschen von einer Idee, von einem Text, von einer Zeitung so überzeugt sind, dass sie ihre Freunde auch überzeugen.

Einer Zeitung, die nur eine mittelbare Öffentlichkeit erreicht, wird diese besondere Form der Aufmerksamkeit nicht zuteil.

3. Verbindung

Sie werden ihre Freunde auch deshalb nicht überzeugen, weil sie diese aus der Tablet-Zeitung heraus gar nicht erreichen können. Die Anschlusskommunikation, die das Netz ermöglicht, das Teilen und Mitteilen von Informationen ist in einer reinen iPad-Zeitung nicht möglich. Dadurch verzichtet eine solche Zeitung auf den Motor, der im Netz für Bewegung – also für Öffentlichkeit und Aufmerksamkeit – sorgt und schließt eine aktive Leserschaft gerade zu aus. Zudem raubt sie sich selber den Vorteil, den das Tablet gegenüber dem Papier haben kann: digital und sofort weiterverwendbar zu sein.

Eine Zeitung, die die Möglichkeiten der Verbreitung und Verbindung von Informationen bewusst ausschließt, wird unattraktiv für eine aktive Leserschaft.

4. Gemeinschaft

Ein großes Problem, das eine iPad-Zeitung hat, ist dass sie also solche nicht zu erkennen ist. Wer den Leser von Daily beobachtet, sieht lediglich, dass er in ein iPad schaut. Tyler Brule hat das mal so zusammengefasst:

Wenn ich in eine Flughafen-Lounge gehe und Sie mit Ihrem Laptop sehe, weiß ich nicht, ob Sie sich Pornografie auf einer Website aus Bratislava ansehen oder einen Dokumentarfilm auf dem Sundance-Kanal. Sehe ich Sie aber die ZEIT aufschlagen oder den Economist, dann sagt das etwas über Sie, mindestens genauso viel wie Ihre Schuhe, Ihre Jacke, die Uhr an Ihrem Handgelenk oder der Koffer, mit dem Sie unterwegs sind.

Medien, die wir nutzen, sagen etwas über uns. Wer uns bei der Lektüre einer bestimmten Publikation beobachtet, erkennt uns dadurch als Mitglied einer Gruppe. Das Internet hat uns die Möglichkeiten gegeben, diese Gruppe (die man hier Community nennt), abzubilden. Eine reine iPad-Zeitung, die auf den aktiven Leser verzichtet, wird diese Gruppe nicht abbildbar machen können. Das führt zu dem zentralen Problem, das schon aus Punkt 1. Öffentlichkeit resuliert: ich weiß nicht, wer die Zeitung sonst noch liest.

Eine Zeitung, die ihrer Leserschaft keine Möglichkeit gibt, sich selbst zu vergewissern, wird Schwierigkeiten haben, als Marke zu bestehen.

Da die Marke „Daily“ (und sei es nur ein Arbeitstitel) aber eben überhaupt noch nicht existiert, wächst mein Zweifel, warum Leser dieser denn vertrauen sollen. Für mich wäre der einzige Grund, der oben angesprochene Kulturchef Sasha Frere-Jones, also eine Person, die glaubwürdig ist.

Womit wir bei den zwei Dingen sind, die mir sehr positiv auffallen, an dem Daily-Plan: Erstens setzt er auf das Prinzip der Endlichkeit. Daily greift eine Portion aus dem ständigen Fluß der Informationen heraus und bereitet sie (so hoffe ich doch) gut auf. Zweitens geschieht dies am Abend. Ich glaube, dass diese alte Idee einer Abendzeitung sehr gegenwärtig ist.

Das ist gut, aber eine bahnbrechende Innovation ist es meiner Meinung nach nicht.

Update: Mario Garcia zeigt, wie er sich eine Tabloid-Zeitung vorstellen würde.

Update 2: Matthew Ingram beschreibt bei Gigaom, warum man am Daily-Projekt sehen kann, dass Rupert Murdoch noch immer auf Kriegsfuß mit dem Internet steht.

Alles hat ein Ende

Hier gibt es offenkundig ein Bedürfnis eines Teils der Mediennutzer nach Endlichkeit und Überschaubarkeit – im Gegensatz zum unendlichen, unüberschaubaren Internet. Es ist eine Sehnsucht nach dem Gefühl, eine Zeitschrift komplett „durchgeblättert“ zu haben, oder die Illusion, informiert zu sein, wenn man die ganze 20-Uhr-“Tagesschau“ gesehen hat.

In dem Was willst du mit dem iPad, sprich! betitelten Texte der gestrigen FAS über die iPad-Pläne von Zeitungsverlagen schreibt Stefan Niggemeier die oben genannte Sehnsucht vor allem der älteren Generation zu. Ich glaube jedoch, dass in dieser Endlichkeit sehr viel mehr steckt – auch unabhängig vom iPad.

Das Beste: ist der Inhalt

Jason Schwartzman macht Werbung für die iPadApp vom New Yorker. Das ist lustig:




Das Beste an der App ist aber: Sie liefert den Inhalt des New Yorkers. Zum Beispiel dieser famose (aber inhaltlich falsche Text) namens Twitter, Facebook, and social activism von Malcolm Gladwell. Darin versucht er – in Abgrenzung zu Clay Shirky – zu belegen, dass die neuen Ausdrucksformen des sozialen Netz‘ keinen wirklichen Protestformen hervorgebracht haben. Bestätigt aber indirekt, was hier schon an unterschiedlicher Stelle Thema war: Wie Twitter und Facebook zu Informations-Hinweis-Quellen werden:

Our acquaintances—not our friends—are our greatest source of new ideas and information. The Internet lets us exploit the power of these kinds of distant connections with marvellous efficiency. It’s terrific at the diffusion of innovation, interdisciplinary collaboration, seamlessly matching up buyers and sellers, and the logistical functions of the dating world.

Das Problem mit dem Text bringt Nancy Scola bei techPresident übrigens sehr gut auf den Punkt:

And Gladwell’s unfortunate north star, as it is for so many doubters in this arena, is that effective, strategic, engaged political activism in the year 2010 onward is going to look the same as effective, strategic, engaged political activism has looked before. But why would we assume that the complex problems facing the modern United States, at least, are best met by the march-in-the-streets activism that greeted the abuses of the 1960s?

Übrigens: am morgigen Mittwoch stellt sich Gladwell den Fragen seiner Leser!